PDF  Brief  /  Band
156
Königsberg, 9. August 1759  ZH I, 391
Johann Georg Hamann  →  Gottlob Immanuel Lindner
ZH I, 391
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Königsberg den 9 Aug. 1759.

Geliebtester Freund,

Ich habe Ihre gütige Zuschrift vom 13 Junii erst vor 14 Tagen ohngefehr
erhalten, da ich mich in Trutenau aufhielt. Wie selbige über einen Monath
alt geworden, weiß nicht. Weil ich aber lange darauf gewartet, ist sie mir
desto angenehmer geworden. Ich habe um Sie zu entschuldigen nichts mehr
nöthig als meinen leiblichen Bruder zu denken.
Sie haben mir geschrieben laut dem Anfange Ihres Briefes um mich aus
meiner Unruhe zu ziehen, die ich über einige zweydeutige Briefe Worte
Ihres vorigen Schreibens bezeigt. Wenn ich darüber unruhig gewesen, ist
es nicht eine kleine Grausamkeit, einen guten Freund so lange darinn zu
laßen?
Ich mache mich aus den Urtheilen über meine Briefe nichts, und sehe das
darüber entstandene Misverständnis der Eltern als eine wohlverdiente
Züchtigung an. Die sind zu alt um durch Vorstellungen gebeßert zu werden; und
ihre Kinder zu jung um meine Moral zu verstehen. Meine ganze Absicht war
meinen lieben Freund, und Nachfolger, ihren Hofmeister, ein wenig aus der
Schlafsucht aufzumuntern; und die Eltern haben ein ganz verdienstlich Werk
gethan sich Ihrer Ehre gegen meinen Unfug anzunehmen und mich dafür ein
wenig zu strafen.
So lieb es mir unterdeßen gewesen das Wort zu wißen, was man für ein
gemeines Schimpfwort gelesen, dergl. ich nicht brauche, so lange ich witzige
Umschreibungen davon machen kann: so gleichgiltig bin ich darüber, daß
Sie es vergeßen. Ich wünschte unterdeßen, wenn Sie im stande gewesen
wären diesen Lesefehler zu rectificiren – Daß Sie sich aber zu weit meiner
Unschuld angenommen; dafür bin ich Ihnen Dank schuldig, doch nur in so
weit, daß ich dabey die Erinnerung anhängen darf, Ihre Nächstenliebe nicht
weiter zu treiben, als Sie sich Selbst zu lieben schuldig sind.
Ueber Ihren Entschluß so lange in Grünhof auszuhalten, als es Gott
gefällt, bin sehr zufrieden. Wenn wir um Gottes willen leben und arbeiten, ist
beydes am gesegnetesten.
Ich habe meinen Nachbar von Luthers kleinen Schriften gesagt; er
zweifelte, daß sie noch da wären. Sind sie es gewesen, so erhalten Sie selbige mit
dem ersten Fuhrmann, der diese Woche abgegangen. Kommen sie nicht mit,
so fehlen sie; und mein Bruder würde Ihnen mit seinem Exemplar auf einige
Zeit lang dienen. Lilienthals Gesangbuch habe bestellt – Spruchkästchen
vergeßen; Spener mit Fleiß nicht mitschicken wollen, weil er neu zu viel kosten
wird. Herr Rector erhält einige Sachen von Forstmann, die ich Ihnen
empfehle. Dieser evangelische Prediger soll diesen May gestorben seyn.
Ich habe dem HE. Rector Lyrische, Elegische und epische Poesien beygelegt,
die Ihre Aufmerksamkeit verdienen, weil sie Meisterstücke an Gedichten und
neue Aussichten in die Theorie der Dichtkunst darinn finden werden. Da die
schönen Wißenschaften mit zu Ihrem jetzigen Beruf gehören; so glaube ich
nicht, daß Sie selbige ganz bey Seite setzen werden. Ihr Genie, ihre Kenntnis
darinn, und ein Rest der Neigung werden selbige Ihnen noch werther halten.
Die hinterlaßene Schriften der Margarethe Klopstock gehören gleichfalls
für Sie, Geliebtester Freund. Sie ist als eine Heldin im Kindbette oder vor
demselben an den Wehen und Operations Schmerzen gestorben. Sollte es
unserm Heldendichter auch so gehen, daß Seine Muse an der Meßiade
unterläge? Dieses kleine Werk, das aus Fragmenten von Briefen zum Theil besteht,
ist aus mehr als einem Gesichtspunct merkwürdig.
Was machen Sie im Grünhöfschen Pastorath? Sind Sie schon
Gevatter, oder wartet man auf meine Zurückkunft. Ist das neue Haus schon
meubliert?
Ich lebe hier so ruhig und zufrieden, als möglich. Es fehlt mir hier an
Prüfungen nicht. Die Welt mag die beste seyn oder nicht – wenn nur Gott darinn
regiert, oder in unserm Herzen vielmehr; so werden seine Wege unsern Augen
allemal wohlgefallen. Dieses Wohlgefallen an den Wegen der mütterlichen
Vorsehung sey auch Ihr Trost und Trotz! und Sein Heiliger Name Ihre
Sonne und Schild!
Sie haben mir nicht ein Wort an meinen Freund Baßa gedacht? Er hat
mir selbst geschrieben; und ich empfehle Sie Einlage zu eigenhändiger
Bestellung.
Weil ich hier keine Amtsgeschäfte habe, fiel es mir ein das Griechische
vorzunehmen. Ich bin mit dem Neuen Testament einmal zum Ende gekommen,
und wiederhole es jetzt. Sind Sie auch schon so weit? Unstreitig weiter?
Wenn Gott hilft, kommt die Reyhe vielleicht an das hebräische.
Ich habe noch zu wenig Kenntnis von der griechischen Sprache; den Mangel
ihrer Grammatiken möchte bald aber beurtheilen können. Ihre Abweichungen
kommen von der Ungeschicklichkeit der angenommenen Regeln her. Je
weniger Regeln, desto weniger Ausnahmen. Eine Sprache, welche die gröste
Anomalien hat, sollte die nicht die allgemeinste Principia zu ihrer Bildung
angenommen haben? Weil man nicht auf die letztere gekommen, hat man
mehr ihre Analogie mit andern Sprachen als ihre innere Natur zum
Fundament der Grammatic gemacht. Dialecten und Figuren muß man kennen
um griechisch zu verstehen; hierinn besteht ihre Schönheit und Schwierigkeit.
Dialecten gründen sich auf eine philosophische oder experimentalische
Kenntnis der Laute; Figuren auf eine logische Syntax Etymologie.
Wenn Sie diese kurze Beobachtung nicht für ein Galimathias halten wollen,
so denken Sie in Ihren griechischen Stunden daran, die Ihnen behülflich
seyn werden das zu erklären, was ich sagen will. In der Sprache jedes Volkes
finden wir die Geschichte deßelben. Da das Geschenk zu reden unter die
unterscheidende Vorzüge des Menschen gehört; so wundert mich, daß man noch
nicht die Geschichte unsers Geschlechts und unserer Seele von dieser Seite
näher zu untersuchen einen Versuch gemacht.
Das unsichtbare Wesen unserer Seele offenbart sich durch Worte – wie die
Schöpfung eine Rede ist, deren Schnur von einem Ende des Himmels biß
zum andern sich erstreckt. Der Geist Gottes allein hat so tiefsinnig und
begreiflich uns das Wunder der sechs Tage erzählen können. Zwischen einer
Idée unserer Seele und einem Schall, der durch den Mund hervorgebracht
wird ist eben die Entfernung als zwischen Geist und Leib, Himmel und Erde.
Was für ein unbegreiflich Land verknüpft gleichwol diese so von einander
entfernte Dinge? Ist es nicht eine Erniedrigung für unsere Gedanken, daß sie
nicht anders sichtbar gleichsam werden können, als in der groben Einkleidung
willkürlicher Zeichen und was für ein Beweiß Göttlicher Allmacht – und
Demuth – daß er die Tiefen seiner Geheimniße, die Schätze seiner Weisheit
in so kauderwelsche, verworrene und Knechtsgestalt an sich habende Zungen
der Menschlichen Begriffe einzuhauchen vermocht und gewollt. So wie also
ein Mensch den Thron des Himmels und die Herrschaft deßelben einnimmt:
so ist die Menschensprache die Hofsprache – im gelobten – im Vaterlande des
Christen. Heil Uns! Freylich schuf er uns nach Seinem Bilde – weil wir dies
verloren, nahm er unser eigen Bild an – Fleisch und Blut, wie die Kinder haben,
lernte weinen – lallen – reden – lesen – dichten wie ein wahrer
Menschensohn; ahmte uns nach, um uns zu Seiner Nachahmung aufzumuntern.
Auch die Heyden hatten ein Wörtchen von diesen Geheimnißen, in ihre
Mythologie einzuflechten, vernommen. Jupiter verwandelte sich um die
Gunstbezeigungen seiner rechtmäßigen Gemalinn zu genüßen, in einen
elenden, mit von Regen träufenden, zitternden und halbtodten Guckuck – Der
Jude, der Christ verwirft daher seinen König, weil er wie eine Henne um
seine Keuchlein girrt, und in sanftmüthiger, elender Gestalt um die Rechte
seiner Liebe wirbt. Der Heyde, der Philosoph erkennt die Allmacht, die Hoheit,
die Heiligkeit, die Güte Gottes; aber von der Demuth seiner Menschenliebe
weiß er nichts. Als ein schöner Stier, als ein Adler, Schwan und güldener
Regen theilte sich Jupiter seinen Bulerinnen mit.
Wenn ich in meiner Einbildungskraft ausgeschweift; so ist die Aussicht
meines verwilderten Gärtchens schuld daran, in dem ich schreibe. Daß er auch
der Heyden Gott ist; dafür haben wir Gelegenheit ihm auch zu danken, wenn
wir mit Thoma ihn ganz allein uns zu eigen machen, und ihm nachsagen:
Mein Herr und Mein Gott.
Ueberlaßen Sie sich der Führung des Guten Hirten, der Sein Leben läßt
für Seine Schaafe, und aus deßen Hand uns kein Feind rauben kann.
Meinen Gruß vermelden Sie an Ihre jungen Herren – Ich bin mit aufrichtiger
Hochachtung Ihr ergebener Freund.
Hamann.


Herr Lauson und der kleinen Profeßorin Sohn HE Becker, der in
Pohlnischen Diensten Auditeur geworden, und sich seiner hypochondrischen
Gesundheitumstände hier aufhält, haben mich besucht und gebeten Sie zu grüßen.
Mein lieber Vater befindet sich Gott Lob! leidlich und wünscht Ihnen alles
Gute für Ihre freundschaftl. Erinnerung Seiner.
Im Nordischen Zuschauer Aufseher habe einige schöne Stücke von
Klopstock gelesen. Critische Abhandlungen, desgl. wir wenige haben über den
poetischen Ausdruck und Period. Eine Ode über die Allgegenwart.
Als Der mit dem Tode gerungen
Mit dem Tode!
Heftiger gebetet hast!
Als Dein Schweiß und Dein Blut
Auf die Erde geronnen war;
In der ernsten Stunde
Thatest Du jene große Wahrheit kund
Die Wahrheit seyn wird
So lange die Hütte der ewigen Seele
Staub ist!
Du standest und sprachst
Zu den Schlafenden:
Willig ist eure Seele
Allein das Fleisch ist schwach.
Golgatha sein Musenberg; und der am Creutz der Schlüßel aller göttl.
Eigenschaften, besonders der Allgegenwart. Mit Flügeln der Morgenröthe
wagt er sich in dies Meer; und fällt in eben den Ton, aus dem er seinen
Gesang angefangen:
Der für mich mit dem Tode rang
Den Gott für mich verließ
Der nicht erlag,
Als ihn der Ewige verließ
Der ist in mir!
Gedanke meines tiefsten Erstaunens
Ich bete vor dir!
Da die Winde gewaltiger wehten
Die höhere Wog’auf ihn ströhmte
Sank Kephas!
Ich sinke!
Hilf mir, mein Herr und mein Gott!
Ich habe diese Blume abgebrochen – mit heiligem Schauer, wie der
Dichter sagt:
Mit heiligem Schauer
Brech ich die Blum’ ab!
Gott machte sie!
Gott ist, wo die Blume ist. Er nahm es der Maria nicht übel daß sie Ihn
für den Gärtner ansahe – Leben Sie wohl.


Zuschrift nicht überliefert; vgl. Brief Nr. 152 (ZH I 365/29)











Misverständnis der Elternv. Witten, vgl. Brief Nr. 152 (ZH I 365/31)







Wort »Canaille«, Brief Nr. 152 (ZH I 365/32)
















welches Werk von
Philipp Jakob Spener
, nicht ermittelt












Klopstock, Messias
, 2 Bde. waren bis dahin erschienen













geschrieben Brief nicht überliefert, vgl. Brief Nr. 152 (ZH I 365/30)
Einlage nicht überliefert















vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Kleeblatt Hellenistischer Briefe, N II S. 181f., ED S. 130–134

Etymologie In Grammatiken des 18. Jhds. wird darunter überwiegend noch das verstanden, was heute als Morphologie bezeichnet wird.

Galimathias unverständliches, verworrenes Gerede, vgl. Brief Nr. 154 (ZH I 383/2)





Geschichte vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 200, ED S. 171 und Versuch über eine akademische Frage, N II S. 122, ED S. 8



vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 198, ED S. 166
SchnurPs 19,4
vgl.
Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen
, LS S. 145 (einleitend zum Ruth-Kommentar) mit Bezug auf die Schöpfungsgeschichte.





unbegreiflich Land Lies: Band. Vmtl. Lesefehler in ZH, s. unten: Textkritische Anmerkungen. Vgl.
Young, The complaint
, Bd. 3 (Night VI), S. 151: »Mark well, as foreign as theses subjects seem, / what close connection ties them to my theme«.



willkürlicher Zeichen vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 203/3, ED S. 179


vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Kleeblatt Hellenistischer Briefe, N II S. 171, ED S. 104



vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Kleeblatt Hellenistischer Briefe, N II S. 171, ED S. 105f.













Jupiters’ Verwandlungen: Stier Entführung der Europa (
Ov. met.
2, 833–875); Adler Raub des Ganymed (
Ov. met.
10, 155ff.); Schwan Verführung der Leda (
Ov. met.
6, 103–114); güldener Regen um Danaë zu erreichen, die Tochter Akrisios’, König von Argos, der sie in einem Verlies versteckt hielt (
Ov. met.
4, 611ff.). Vgl. Gründliches mythologisches Lexikon von Benjamin Hederich, s.v. IVPPĬTER, Sp. 1401





mit ThomaJoh 20,28f.








Becker nicht ermittelt








Klopstock, Dem Allgegenwärtigen
, S. 389: »Als du mit dem Tode gerungen,« (im ganzen Gedicht wählt Hamann, anders als im Original, für die Du-Anrede Großschreibung)


»Heftiger gebetet hattest!«













Flügeln der MorgenröthePs 139,9




»Den Gott für mich verließ!«










»Hilf mir, mein HErr! und mein Gott!«








Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (9).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 445–451.
ZH I 391–395, Nr. 156.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
393/34 unbegreiflich Land
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies unbegreiflich Band  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Band
395/1 Als Der
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Als Du  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Als Du
395/25 bete
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies bebe  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): bebe
395/9 die Hütte
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Hülle  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): die Hülle