PDF  Brief  /  Band
139
Königsberg, 21. März 1759  ZH I, 302
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
ZH I, 302


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Herzlich geliebtester Freund,

Ich bin gestern bey HE. Hofrath von Baumann gewesen, zweymal, es war
aber unmöglich anzukommen, weil Ihre Excell. des HE. Feldmarschalls zu
Schloße speisten; heute frühe wieder vergebens. Es wird schwer seyn
anzukommen während des letzteren Aufenthalts. Ich habe mir Mühe genung
gegeben den jungen B. zu sprechen, er hat Charmois versprechen laßen mich
sogl. zu besuchen, auch im Schloßkeller sein Wort gegeben. Bey dem ersteren
kommt er nicht mehr, und bin bisher nicht im stande gewesen ihn aufzufinden.
So viel können Sie glauben, daß mir unendl. viel gelegen ihn selbst zu sehen
– und mich nach seinen Umständen zu erkundigen. Ich habe gehört, daß er vor
einigen Wochen auf der Wache geseßen und alle seine Zeit an öffentl. Oertern
zubringen soll. Man hat ihn mir allenthalben als einen gewaltigen
Windbeutel beschrieben. Relata refero. Er hat durch einen Irrthum seinen Bruder
Christoph gewaltig beweinet, weil er die Nachricht von des jungen Schwartzen
Tode auf den ersteren misverstanden. Dieser Umstand von seiner Zärtlichkeit
macht mir noch einige Hofnung, da ich weiß daß dieser Bruder ihn gleichfalls
vorzügl. geliebt. Mdme Weßel erzählte mir, daß ihr Sohn wo ich nicht irre,
ihm die Nacht durch Gesellschaft leisten müßen, wo er nicht zu trösten
gewesen. Diese Frau, die sich noch bey HE. von Charmois aufhält, hat mir
gleichfalls auf das dringendste eine Commission aufgetragen, worinn ich ihr
versprochen mich an Sie zu wenden, ob es nicht möglich eine Stelle für ihren
Sohn in einem dortigen Laden zu finden oder in Petersb. ihn zu einem
Kaufmann zu recommendiren. Ich ersuche Sie, Geliebtester Freund, daher sich alle
Mühe zu geben und HE. Berens mit zu Hülfe zu nehmen – an Goth. mag
nicht denken in dieser Angelegenheit – ob dies mögl. ist dort oder in Petersb.
auszuwirken. Laßen Sie sich doch diese Sache empfolen seyn; weil man mir
die Ohren darüber so voll gewinselt und gepinselt. Der ehrl. Mann liegt mit
der Schwiegermutter im argen Proceß, weil sie kein Geld herausgeben will –
er hat seinen guten Freunden sagt D. Funk auf Leib und Seele zugeschworen,
daß er wie ein vernünftiger Mann heyrathete. Man ist ein Narr solche Leute
zu beklagen und ein Unmensch sie nicht zu beklagen. à Dieu hierüber.
Sie sehen, liebster Freund, warum ich heute noch nicht an die HErren Berens
schreiben kann; weil ich noch nichts in Ansehung Ihres Bruders Ihnen
melden kann, deßen Schicksal mir sehr zu Herzen geht. Ich werde nicht eher
schreiben, als biß ich Ihnen einige Genugthuung über seine Umstände geben
kann. Für Ihre Einleitung in seinem Briefe bin Ihnen sehr verbunden. Was
Sie Heftigkeit in unsers Freundes Zuschriften nennen, kenne ich nicht. Ich
sehe alles als eine Wirkung seiner Freundschaft an, und diese als ein
Geschenk so wohl als Prüfung Gottes. Er droht oder verspricht mir, mich nicht
aus dem Gesichte zu verlieren; ich ihn und sein Haus auch gewiß nicht. Er soll
sich aber um mich so wenig bekümmern, als ich um ihn. Ich gönne ihm seine
Geschäfte; und Er soll mir meine Muße gönnen. Laß ihn Gott danken, daß er
arbeiten kann; und ich bin ihm für die Ruhe, die er mir giebt eben so viel
schuldig. Prahlen und triumphiren muß er nicht. Doch diesen Spruch versteht
er eben so wenig mitten im Gewühl seiner Arbeiten, als Croesus unter seinen
Reichthümern, was ein wahnsinniger Grieche zu ihm sagte.
Alle seine Briefe, die er mir geschrieben hat, und noch schreiben kann,
selbst diejenigen, die er nicht imstande ist zu Papier zu bringen, habe ich schon
gelesen und auswendig gewußt, ehe ich einen Schritt aus Engl. gesetzt. Also
bedaure ich recht sehr die Nächte, die er darüber zugebracht; sie sind für mich
verloren – für ihn selbst aber nicht. Sie werden ihm vergolten werden und er
wird den Nutzen selbst davon einmal genüßen können, den er mir jetzt
zugedacht hat. Sein eigener Gewinn aber wird immer der meinige seyn.
Unser Freund ist ein guter Botanist, er versteht sich auf Blumen und
Pflantzen. Seine Augen und Nase sind für das Feld gemacht – seine Decocte und
Säfte sind herrlich in ihrer Art. Im mineralischen Reich aber ist er ein
Fremdling und ein Chymist wird er niemals werden. Wozu man Stofe und Pfunde
von den ersteren nöthig hat, das kann der letzte mit Granen und Qventchen
von Mercur und Antimonium ausrichten. Wahrheiten sind Metalle die unter
der Erde wachsen. Graben mag er nicht – das allein heist arbeiten, man mag
es mit einem Pfluge oder Spaten thun, ohngeachtet diese Arbeit in nichts
besteht als Wegräumen der Erde und Schwitzen des Antlitzes – daß ich mich
nicht zu betteln schäme, kann ihm sein Herr Bruder sagen, weil ich aus
politischen Gründen weiß daß 100 Bettler einem Staat mehr so viel Nutzen
bringen, als 1 Pächter ihm Schaden verursacht. Warum die Marktschreyer
und Springmeister und Opernsänger so unverschämte Bettler, wie ich und
meines gleichen, das liegt an der Unwißenheit und Geschmack. Mächtige
Sultane haben Veziere nöthig, die noch mächtiger sind.
Ich schleudere meine Gedanken weg. Von Gebirg zu Gebirg sollte der
Odenschreiber gehen, aber nicht der Briefsteller.
Unser Freund verlangt, ich soll alle seine Briefe nach dem Buchstaben
nehmen. Was er mir vom Loch vorsagt, wo nicht Sonne nicht Mond scheint,
und wohin er mich zu meiner Beßerung will setzen laßen – – wenn ich das auch
nach dem Buchstaben nehmen soll: so wäre das alberner und kindischer von
ihm gedacht und geschrieben, als mir je etwas in meinem ganzen Lebenslauf
entfahren seyn mag. Lieber Herr Magister, wie heist folgende Figur in der
Rhetoric: Um nicht Hunger zu sterben, hatten Sie die Bibel nöthig, um sich
zu überwinden herzukommen. Soll das nicht ein hysteron proteron von einer
Methathesis seyn. Hat er nicht schreiben wollen: Um nicht Hungers zu
sterben, hätte ich nöthig gehabt wieder zurückzukommen, um mich zu überwinden
aber die Bibel. Dies hat er in Gedanken gehabt – das ist auch wahr. Was er in
der Figur redet, aber noch wahrer, und ich laße es bey den Worten, so falsch
des Autors Sinn gewesen seyn mag: daß meinen Hunger nichts anderes als
dies Buch gestillt, daß ich es wie Johannes geschluckt, und die Süßigkeit und
Bitterkeit deßelben geschmeckt habe – und daß ich mehr Ueberwindung zu
meinem Entschluß nöthig gehabt, als ihm mein Lebenslauf sagt, ich ihm selbst
jemals sagen kann und sagen werde. Das weiß derjenige beßer, der nicht nur
Herzen sondern auch Nieren prüft – diese Absonderungsgefäße unserer natürl.
Unreinigkeiten pp – beßer sage ich, als ich selbst und Er.
Ob meine Gedanken mit den Seinigen nicht beßer hätten einschlagen
können ohne Verletzung meines Gewißens? Wenn das eine Aufgabe ist, so laß
ihn einen Preiß darauf setzen, daß ich weiß, wie viel ich mit meiner Arbeit
verdiene. Ich soll mich rechtfertigen – – das werde ich nicht, wenn ich es auch
noch so gut könnte. Mit seinen Anklagen kommt er auch zu spät, und wird
nichts damit für sich Selbst noch wieder mich ausrichten. Ein Geist zum
Niederreißen, nicht zum Bauen; darin besteht der Ruhm eines Hume. Unser
Niederreißen und Bauen – Alles hat seine Zeit, so eitel wie es ist.
Ein frommer Mensch ist also ein unbrauchbarer und undankbarer – weil
ich es bin. Undankbarkeit wurde nur in Egypten wie ein Verbrechen bestraft;
große Leute laßen ihre undankbare Clienten mit einem gedruckten Briefe
jetzt laufen und bekümmern sich nicht um sie. Unbrauchbar; schrien die Glieder
über den Magen. Wenn ich zu Journalen, Praenumerationswerken – und
Handlungsbüchern unbrauchbar bin – wenn mich die Welt wie ihren
Auskehricht ansieht; desto beßer für mich. Ohne die Mühe einer Martha das beste
Theil!
Ich kann und will arbeiten – und habe gearbeitet – aber wie ein unnützer
Knecht: am liebsten für meine Freunde und Wohlthäter – nicht wie ein Heyde
und Zöllner – die haben ihren Lohn dahin: Ehre und Undank.
Wie lange ist Rom Babel gescholten worden und besteht noch – die starke
Stadt! Sie hieß zu alten Zeiten Valentia und die Trojaner nannten sie in
ihrer Sprache Roma. Publicum, Commercium, Familie! Willst du Hercules,
Apollo oder Mercur heißen; sagte jener Bildhauer zu seinem Klotz.
Ich danke Ihnen für ihren Unterscheid zwischen Wollen, Geitzig wollen,
und eine Sache mit den gehörigen Mitteln wollen. Unser Wille ist verderbt
und unser Gewißen witzig, vernünftig, gelehrt, katholisch, lutherisch – Was
geht mir also mein und anderer Gewißen an. Es heißt nicht: was nach dem
Gewißen nicht ist; sondern was nicht aus dem Glauben kommt ist Sünde;
und der Glaube ist nicht jedermanns Ding, sondern Gottes Werk.
Weil man das Vertrauen zu Ihnen hat mich auszuholen oder deutlicher
zu verstehen, so will ich noch einige Erinnerungen bitten unserm Freunde zu
Gemüth zu führen. Er bleibt immer bey seinem Gesichtspunkt und fürchtet
sich so bald er denselben verliert, daß alles dabey mit verschwindet, weil er
Sich selbst darinn nicht mehr zurückgeworfen findet. Ich kenne seine Lage so
genau, weil ich selbst darinn gewesen bin, ich kenne die Befremdungen, die
Wüste, worinn wir gerathen, wenn wir aus der Sclaverey uns. Leidenschafften
ausgehen, und durch wie viel Fratzengesichter wir eingeschreckt werden – –
Laß ihn doch nur bey allen den gründl. Entdeckungen die er über mein Herz
gemacht, in seinem eigenen Busen fühlen und sich so gut für einen
Mischmasch von großen Geiste und elenden Tropfe erkennen, als er mich mit viel
Schmeicheley und Treuherzigkeit erklärt. Ist er nicht ein Mensch so gut wie ich
– und dazu mein Freund, der Nächste – Sollten ihn diese einfältigen
Vorstellungen nicht zurück führen – Wenn ich ihm zu schlecht zu dieser parallel bin,
hat er nicht Brüder, deren Bruder er ist, und die er lobt und schilt – Sein
Lob und Tadel ist aber partheyisch, er liebt Geschenke so gern als er sie giebt.
Laß ihn aufhören so ein groß Lärm mit meinem Beten, Händefalten,
Beichten pp zu machen. Arbeite, was hast du mit der moralität meiner Handlungen
zu stehen? So reden nicht Freunde unter einander, sondern der Herr mit seinem
Sclaven. Wahrheiten kommen uns grob vor, wie die Zeichnungen der Natur
ohne es zu seyn; Lügen hingegen sind gedrechselt und polirt für das Auge wie
die Werke der Kunst, und sind ungehobelt.
Behalten Sie nur so viel Religion zur Noth – – dies ist ein weiser Rath, wie
Hiobs Weib seiner ihrer, die nicht Gott wollte geflucht, sondern geseegnet
haben. Cartes konnte die Kunst, er vergaß und leugnete alles und hielt nichts
für Wahrheit – – außer den schlauen Kunstgriff einen Catechismum und Sein
eigen Selbst als 2 wichtige Wahrheiten zum Grunde zu legen. Cartes hat die
Wahrheit nicht gefunden, niemals geliebt, auch niemals erkennen können.
Diese Methode, wie er sie nennt, ist gut zu einem Projekt und Würbelsystem.
Arbeiten zu suchen – die Mühe darf man sich nicht geben. Aus Gefälligkeit
habe ich sie gesucht, oder mich suchend gestellt. Arbeit suchen ist ein eben so
ängstlich Ding als die Luft erst suchen wollen, die man schöpfen soll.
Laß unsern Freund doch zurück denken auf die Begriffe die er ehmals von
Handelssachen gehabt – Wenn es uns in irdischen Dingen so geht, wie wird
es in geistlichen Dingen gehen. Der irdische Mensch, der natürliche vernimmt
nichts vom Geist Gottes, es ist ihm eine Thorheit – eine Aergernis. Die
Gottseeligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung auch des
gegenwärtigen Lebens, gesetzt, daß uns jenes nur alsdann angienge, wenn wir
keinen andern Rath mehr in diesem wüsten. Ich kenne Gichtel und Böhme so
wenig wie unser Freund; sie sind Menschen gewesen, das ist genung für mich.
Gottes Wort und Gottes Werk ist alles, worauf ich mich gründe, dem ich
glaube – Lukretz singt: die Götter sind Schlafmützen und Spinoza:
Mechanismus, was ihr Gott zuschreibt. Anstatt daß Moses schreibt: Am Anfang schuff
Gott; beweist Büffon: Am Anfang fiel ein Comet auf die Sonne, daß die
Stücke davon flogen.
Wenn unser Freund meine jetzige Gemüthsverfassung für sehr
bedaurenswürdig ansieht, so laß er meine Schwärmerey nicht als ein alienum quid
ansehen, das ihn nicht befallen könne. Unruhig darf er für mich s nicht seyn,
ist ihm mit meiner Zufriedenheit gedient, so genüße ich sie jetzt, und werde sie
in jeder Veränderung meines Schicksals haben, das ich Gott empfolen seyn
laße; und in deßen Schoos alle meine Sorgen liegen – Ein Pardel bin ich,
m seine Seife wird meine Flecken nicht anders machen. Ein Hofmann, wie
er, erniedrigt sich sehr biß auf meine Geschwüre, seine Hunde werden mir
selbige nicht heil lecken. Wenn man nichts anders als Sonden zu brauchen
weiß, es gehören auch Pflaster und Balsam dazu. Alle Schmeicheleyen, die
er mir macht, thun mir weher, als seine beißende Einfälle. Das sind Sonden,
mit denen er fühlen will, ob ich noch bey gesunder Vernunft bin und Ehrgeitz
besitze. Wenn ein Enthusiast ein Thor ist; so fragen Sie ihn bey guter Laune,
ob er nicht bisweilen sich selbst in seinen Absichten und besten Werken dafür
erkennen muß. Ob ich die neuste Sekte – oder Er das gröste Haus aufrichtete:
sottise de deux parts. Die Menschen lieben – das heist für sie leiden,
ihrentwillen gekreutzigt werden. Die beste Parthey also, die man ergreifen kann,
ist um Gotteswillen arbeiten; leben, weil er es so haben will, arbeiten, weil er
es so haben will, ruhen – Wenn er ja wißen will, was ich jetzt thue; so sagen
Sie ihm, daß ich lutherisire; es muß doch was gethan seyn. Dieser
ebentheuerl. Mönch sagte, zu Augspurg: Hie bin ich – ich kann nicht anders. Gott
helf mir Amen.
Mein alter Vater erholt sich Gott Lob! von Tage zu Tage. Ungeachtet ich
ihm zu nichts nütze bin, kann er meiner nicht entbehren. Ich kann und werde
ihn daher nicht verlaßen. Dies ist jetzt mein Beruf ihn zu warten und ein
wenig durch meine Gesellschaft zu pflegen. Ist es Gottes Wille; so werde ich
eben so geschwind zu meinen Freunden zurücklaufen, als ich ihnen entwischt
bin – sie mögen mich gerne sehen oder nicht – daran ist mir nichts gelegen.
Wollen Sie mich einlaßen – gut – wollen Sie nicht – geh ich weiter. Ist es
nicht Gottes Wille: so werden alle Stricke nichts helfen. Nicht mein Bogen,
der reicht nicht biß zu Gottes Thron, wenn ich auch Gebet auf Gebeth
abdrücken könnte, nicht mein Arm – nicht seine Briefe, nicht seine
Executionsbefehle – werden mir hier ein Stück Land Erde erwerben, geschweige jenes
Land der Verheißung. Sein Gebet und das meinige, seine Arbeitsamkeit und
Freygebigkeit, und meine Unbrauchbarkeit und Undankbarkeit, Seine
Gerechtigkeit und meine Beichten sind nicht die Schlüßel weder zu Hölle noch zu
Himmel. Die sind in Davids Hand. Bitten Sie ihn, daß er davon künftig
nicht ein Wort redt. Hat er Recht: so laß ihn den Lohn davon erwarten? Hab
ich Unrecht: so verlaße ich mich auf Gnade. Gnade geht bey großen Herren
vor Recht – er lobt die den ungerechten Haushalter, weil er klug war; und
er allein macht die albernen klug – und lehrt die elenden recht.
Daß ich an keine Träume glaube, kann ihm meine ganze Aufführung
zeigen. Wenn er sich darum erkundigen will, und unpartheyisch davon urtheilen;
so würde er leicht urtheilen können, daß ich ganz entgegengesetzt gehandelt
haben würde, wenn ich mich auf Dinge gründete, die über meine Sinnen und
Begreiflichkeit sind. Ich bin ein myops – das mus mir nahe kommen, was ich
sehen soll – alles was ich noch sehe, geschieht aber Gott Lob! noch durch
natürl. Augen. Mein Gesicht Auge ist kurzsichtiger, aber aushaltender – –
es könnte beßer seyn. Ich will es lieber schonen und kein Autor werden, als
mich auf die Künste eines Hillmers und Taylors verlaßen, mich dazu
vorzubereiten, oder den Schaden zu ersetzen.
Mein Lebenslauf läßt sich nicht durchblättern – und mit Eckel lesen. Einem
Freunde zu gefallen muß man nicht so eckelhaft seyn. Er kann von meinem
Vertrauen schlüßen, daß ich selbigen dem Zufall ihn in die Hände zu gerathen
überlaßen. Herr Berens wird noch Zeit nöthig haben und ganz andere
Erfahrungen, als er bisher gehabt oder kennt, ehe er vieles darinn, so wie in meinen
Briefen, verstehen kann. Fleisch und Blut sind hypothesen – der Geist ist
Wahrheit.
Ihre Gedult wird ausreißen, Geliebtester Freund! Ich werde Sie künftig
mit dergl. Briefen verschonen. Kurz und rund. Der Bescheid ist der. Ich bin
Ihnen bisher unbrauchbar gewesen und bin es noch; daher ist es mir lieb,
daß ich wenigstens nicht im Wege bin – und dies würde gewiß seyn, wenn
mich Gott nicht herausgerißen hätte. Jetzt gehe ich meinem alten Vater zur
Seite, und frage nicht darnach, wie viel Abbruch oder Vortheil ich ihm schaffe.
Gott erhalte ihn, und so lange er in den jetzigen Umständen ist, fehlt ihm ein
Sohn, ein solcher Müßiggänger und durchfahrender Kopf wie ich bin. In
dieser Verfaßung kann ich nichts ordentl. anfangen, und werde es auch nicht.
Was mir Gott jeden Tag zuschneidet will ich thun, wie es mir in die Hand fällt.
Ich bete und arbeite, wie ein Christ, wie ein Pilgrimm, wie ein Soldat zu
Friedenszeiten. Meine Bestimmung ist weder zu einem Kauf- Staats- noch
Weltmann. Ich bin nichts, und kann zur Noth Allerley seyn. Bibellesen und
Beten ist die Arbeit eines Christen, wie Romanen und der Putztisch eines
Stutzers. Jedes Buch ist mir eine Bibel und jedes Geschäfte ein Gebeth. Das
sind keine Einfälle – Das Pfund ist von Gott, der Gebrauch deßelben von
Gott, der Gewinn gehört ihm. Meine Seele in seiner Hand mit allen
moralischen Mängeln und Grundkrümmen derselben. Ihre Richtigkeit ist das Werk
eines Geistes, eines Schöpfers, eines Erlösers; und sie gerade und gesund zu
machen, gehört weder für mich noch für meinen Freund; gehört auch nicht
für diesen Leib und für dies Leben. Staub, Erde und Asche werden wir drey
werden und sind es schon. Ich sterbe täglich.
Ihre liebe Mama habe gestern besucht und eine Frau Hartin bey ihr
gefunden. Sie ist gesund. Sie meldete mir, daß der jüngere HE. Bruder aus
Grünhof fort wäre – nach Grottendorfs Bericht. Ich zweifele daran. Melden Sie
mir doch. An Baßa habe aus Mitau und von hier aus geschrieben und an
seine engagements erinnert – er sollte schon an HE. Arend geschrieben haben
nach meinem Rath. Das ist alles, was ich thun kann. Biß Johannis hieß es.
HE Doctor grüßen Sie herzlch. Bitten Sie beyde Kurländer mich zu schreiben.
Ich umarme Sie herzlich in Gesellschaft meines lieben Alten, der Ihren Brief
mit Vergnügen selbst gelesen. Drey Mäulchen für Jgfr. Marianchen. Leben
Sie wohl. Ich ersterbe Ihr aufrichtig ergebenster Freund.
Königsberg. den 21. März. 1759.
Hamann.


Feldmarschalls vll. Fermov, der mit seinen russ. Truppen Königsberg besetzt hielt.














Weßel nicht ermittelt







Goth. evtl.
Paulus de Gothan













Zuschriften nicht überliefert, wohl von
Johann Christoph Berens








Herodot 1,32










Decocte Absud für Infusionen




Mercur Quecksilber

unter der ErdePs 139,15; vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 66/12, ED S. 28f. u. Brief Nr. 142 (ZH I 314/12)


















hysteron proteron Umstellung (von Buchstaben)

Metathesis Umkehrung der zeitlichen oder logischen Reihenfolge einer Aussage







Lebenslauf unklar, ob damit
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
gemeint ist, vgl. Brief Nr. 139 (ZH I 308/27).















Glieder ...Livius, Ab urbe condita 2,32, eine Fabel von Menenius Agrippa

Journalen vll. Anspielung auf eine von
Johann Christoph Berens
geplante Publikation, Brief Nr. 55 (ZH I 134/30).

Handlungsbüchern vll.
Hamann, Beylage zu Dangeuil
, für die es eine Praenumeration zur Subskription hätte geben sollen, die aber der Verleger
Johann Friedrich Petersen
unterließ, vgl. Brief Nr. 63 (ZH I 158/11).

MarthaLk 10,40


unnützerLk 17,10



so etwa in
Johann Albrecht Bengel
Sechzig erbauliche Reden über die Offenbarung Johannis oder vielmehr Jesu Christi (für dessen Schriften sich H. derzeit interessierte, Brief Nr. 137 (ZH I 298/16)) zu lesen (37. Rede, S. 758), worin die babelsche Verwirrung mit den Konfessionen in Verbindung gebracht wird.



BildhauerPraxiteles






jedermanns Ding2 Thess 3,2
























Hiobs WeibHi 2,9

Biblische Betrachtungen, LS S. 284/26; Über Descartes, N IV S. 221/22f. und in Hamanns Übers. Rapins Betrachtungen über die Naturlehre, N IV S. 111/20ff.










irdische Mensch ...1 Kor 2,14







vom sorglosen Dasein der Götter:
Lucr. de rerum natura
5,82 u. 6,58









Pardel Leopard, Jer 13,23










sottise de deux parts doppelte Torheit, nach dem Titel einer Schrift Voltaires (1728), Brief Nr. 103 (ZH I 225/9).





Augspurg Üblicherweise wird der Ausspruch Luthers als Ende seiner Rede auf dem Wormser Reichstag 1521 überliefert.
















DavidsJes 22,22









myops Kurzsichtiger















Ihnen den Berens









Bestimmung vgl. im Gegensatz dazu Brief 81











Hartin nicht ermittelt


Grünhof vom Gut der v. Wittens; heute Zaļā muiža in Lettland [56° 31' N, 23° 30' O])
Grottendorfs nicht ermittelt


engagements wohl Geschäfte

Johannis 21. Juni






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (33).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 352–364.
Paul Konschel: Der junge Hamann. Königsberg 1915, 102–109.
ZH I 302–309, Nr. 139.