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180/10
den 21 May
Dom. Rogate
75.
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Lieber Gevatter und Freund,
12
Ihren kleinen
Assmum
habe den 4ten
huj.
zu Mittag erhalten, fieng ihn
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mit dem ersten Bißen an und war mit dem letzten Glase fertig. Während dem
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Lesen, Eßen und Trinken schien sich der hypochondrische
Schmachtriemen
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aufgelöst zu haben, mit dem ich seit dem Abend, wo ich den
heillosen
16
Hephästion
kennen gelernt hatte, gegürtet gewesen bin. – So leicht fällt es mir mich
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krank und gesund zu
lesen
. – Beym Aufstehen vom Tisch und Pult schien ich
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alle Knochen zu fühlen und glaubte in
Freund Hain
verwandelt zu seyn.
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Hinc illae lacrymae –
20
Von dem am
dato
der Beyl. hier eräugneten Schaden werden Sie als
21
Bote
unterrichtet seyn. Wir sind bisher fast tägl. mit
Recidi
ven von Feuer
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Schaden und Schrecken beunruhigt gewesen. – Hiezu kommen noch neuere
23
Gerüchte
, die ich nicht rügen mag, weil sie unsern Freund Hain zu nahe
24
angehen –
25
Sagt mir doch lieber Gevatter! aus welcher alten Legende habt ihr diesen
26
mystischen Namen her – Ich bin von andern auch schon darüber
inquir
irt
27
worden und Ihnen mit einem sokratischen
Non liquet
willkommen gewesen.
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Ihr müst auch an mir euren
Andres
vorstellen
an mir
, der gern alles aus
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dem Grunde wißen will.
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Daß Ihr meine Schriften versteht, will ich Euch zu Gefallen glauben. Daß
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Ihr meine Briefe nicht faßen könnt, hab ich leider! lang gewust und mich
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darüber geärgert. Ob es an meiner Schalkshand oder an eurem Tauben Auge
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liegt,
sub iudice lis est.
Hab Euch
wieder meine
Art und Weise so viel
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Briefe geschrieben, weil Ihr
Mste
von mir verlangt habt.
Folio recto
liegt
S. 181
da, wo sie der seel. Abbt suchte, und
folio verso
ein paar Spannen tiefer, auf
2
des Momus Fensterkopf. Wollt Ihr nicht auch wißen Mystiker! wie ich meine
3
Mste pagini
re, hebräisch oder occidentalisch.
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„Gestichelt!“ – „Verrathen und verkauft!“ –
Vergeben
, was
Dir
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gewißermaaßen lieb war
– Gern wißen, obs
Ernst oder Kurzweil
, Dich zu
6
sehen – Freylich
Ernst
, wenn nichts unmöglich – Lauter
Kurzweil
, nach
7
dem natürlichen Lauf der Dinge.
8
Mire
sagacis
falleret hospites
9
Discrimen obscurum, solutis
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Crinibus ambiguoque voltu.
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Sie haben sehr klug gethan, lieber Gevatter, daß Sie meine Einladung
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nicht verstanden haben – Ohngeachtet Sie hier zu Lande vielleicht nicht
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verrathen und verkaufft hätten seyn sollen u. so sehr mir auch daran gelegen war
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den 45sten Sommer meines Lebens hoch zu feyren: so wird den Leuten immer
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banger hier zu Lande vor Warten der Dinge, die dem ärmsten Philosophen
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noch einfallen können sich unsterblich zu machen. – Weil ich nicht wie
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Jonathan Swift sein Vaterland laut seegnen kann: so spiel ich die Rolle eines
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Jean F‥ qui pleure et qui rit
– in der Wüsten.
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Melden Sie mir doch, ob mein Gevatter K – – r von hier aus an Sie
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geschrieben. Zu mir hat er Nein! und zu andern Ja! gesagt. Wenn er es gethan,
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so wär es mir lieb, daß Sie ihm nach der Lage der Sachen, grob oder fein
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geantwortet hätten.
23
Daß Hartknochs
Commission
Ernst gewesen, hab ich noch bey seiner
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Durchreise erörtert. Ein
mercantili
sches aber von seiner Seite macht mir Ihre
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Bedenklichkeit fast lieb; unterdeßen wünsche ich nur, daß Ihre Gleichgiltigkeit
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oder Sprödigkeit weder Ihnen noch Bode zum Nachtheil gereiche.
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Es sey der Mangel an belesenen und empfindsamen Persohnen – oder die
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gegenwärtige Theurung baarer Thaler – oder die Unschicklichkeit der
29
P
roclamation
– oder ein Vorurtheil gegen Freund Hain – kurz in gantz Ost- und
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West Preußen hat sich bis zum heutigen
dato
kein einziger
numerant
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gefunden:
Vier grl. Thrl
liegen hier für 4
Exempl.
baar und sicher; die ich wohl
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so bald als mögl. mir zu Schiff
expedi
rt zu sehen wünschte. Unser
Virtuose
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Reichard redte mir von 15 und übernahm sich 25 hier unterzubringen. Ein
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Flußfieber hatte ihn bettlägericht gemacht. Er versprach mir so bald er genesen
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wäre zu mir zu kommen. Den andern Tag drauf nach meinem ersten Besuch
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sprach ich bey ihm an aus Besorgnis für seine Gesundheit. Er war bereits zu
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seinem Artzt ausgefahren. Ob er wieder eingefallen oder zu sehr durch die
S. 182
Gegenwart eines
Virtuosen
und sr. Tochter, die sich hier werden hören laßen,
2
zerstreut ist, weiß ich nicht, hab nichts von ihm gehört noch gesehen seit vorigen
3
Montag. Ich liebe diesen jungen Menschen wegen seiner glücklichen oder
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vielleicht unglückl. Anlagen. Er hat sich aber eben so sehr hier in Miscredit gesetzt
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als Ihr Freund Hain. Sein Talent zu dichten – und seit ungefehr 14 Tagen
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hat er auch den Versuch gemacht einen Landsmann vom Dichter, Namens
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Bock zu recensiren. – Sollten sich also die 15 oder 25
Subscribenten
bedacht
8
haben auf den kleinen
Assmum
der
5
/
6
tel mehr kostet als Bock, ihr baar Geld
9
zu wagen: so haben Sie dies niemanden als dem
odio publico
Ihres
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Schutzheiligen zu verdanken; wornach Sie sich zu achten und vor künftigen Schaden
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zu hüten haben.
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Weil Sie mir aus dem gantzen Handel ein Geheimnis gemacht, oder zu
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cavalierement
ihn
tracti
rt haben und ich nicht weiß, wie sich der
Numerus
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der Liebhaber zur Auflage verhält: so weiß ich nicht wie viel Sie zu den
15
4 baaren
Exempl.
auf allen Fall zulegen können und wollen. Ob nicht die
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hiesigen Buchläden etwas erhalten werden? Im Vorschuß kann nicht stehen –
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Das Ihrige, so Sie mir anvertrauen sollen Sie baar oder
in natura
erhalten;
18
aber den
Termin
müßen Sie den Umständen überlaßen. Befriedigen Sie mich
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mit Antwort und
Expedition,
so bald Sie nur können. –
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Bin über ein paar Stunden durch die Erscheinung eines armen aus Lübeck
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kürzl. angekommenen Blutsfreundes unterbrochen worden, und werde die
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Fortsetzung bis morgen aussetzen. Guten Abend! Bey Licht schreibe nicht mehr,
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und lese kaum.
24
Den 22
25
Bin heute den ganzen Tag umher gelaufen um einen Fastbäckergesellen von
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18 Jahren unterzubringen – und wo mögl. bey einem Zuckerbacker in die
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Lehre zu geben – den
Catalogum uniuersalem
auf frischer That zu lesen und
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mir die
Recensionen
Ihrer Amtsbrüder und Nachbarn zu verschaffen
No
68
29
und 75. Was Sie an Freund Hain Fehls finden, bitte mir treuherzig
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anzuzeigen. Der gröste Fehler ist wohl der, daß er seine Absicht rein verfehlt, ihnen
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50
à
100
dito
einzutreiben. Die 4 baar bey mir liegende sind vor der
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Ankündigung und
Recension
eingelaufen. Es ist daher eine große Beruhigung für
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mich, daß auch nicht ein einziger sich gemeldet – Der
Factor
im Kanterschen
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Laden
Wagner
hat mich heute um 3 Stück angesprochen, aber ohne baare
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Münze, die er selbst erwarten muß wo ich nicht irre aus Liebau in Curl. und
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anderswo. Wenn Sie mir einen Ueberschuß anvertrauen: so hab ich ihm den
S. 183
Vorzug versprochen gegen baare Bezahlung. Ich überlaße dies alles Ihrer
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Willkühr. Die 4 Leute sind mein Freund
Kriegsrath Hennings, Hoffrath
3
(von) Ehrenreich
, den ich im Sinn ausgeschloßen hatte, weil er eine
4
außerordentliche Rolle hier und auch für mich gespielt, drung mir den ersten Thaler
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auf, meine Freunde
Criminalrath
Hippel
und
KirchenRath
Lindner
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sind die beyden letzten, welche mir Geld gegeben. Bin fest entschloßen keinem
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ein gutes Wort hier zu geben – weil mir die Shandysche
Collecte
noch zu sehr
8
auf dem Herzen liegt. Habe an Niemanden als
Trescho
seit undenkl. Jahren
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deshalb ein paar Zeilen geschrieben; war willens an unsern
Grecourt,
den
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weiland Kriegsrath Scheffner, der sich den Plan gemacht hatte wie Sie ein
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Dorflieger zu werden zum ersten mal zu schreiben – und an den Grafen
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Anhalt, dem ich für erwiesene Ehre ein Gegencompliment schuldig bin – Hab
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mich aber gantz in Ihre Denkungsart versetzt: „der Lust zum Büchel hat, mag
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der an mich schreiben und ihm solls werden das Büchel“
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Was macht Ihre Rebecca und Ihre kleine Tochter und mein kleiner Pathe
16
in spe
– unsere Lehnchen Käthe denkt schon auf Zähne, spielt gern mit Löffeln
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und ärgert sich bisweilen wie es scheint daß sie noch nicht mitlöffeln kann. –
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Meine seel. Mutter war schwindsüchtig und brauchte öfter Ziegenmilch, auf
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die ich wie ein Kind gern zu Gast kam. Ich möchte eben sogern die einmal
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schmecken, die Gevatter Matthes hält, u im Nothfall selbst zu melken versteht;
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wenn der Scherz wahr ist: so muß ich die Freude erleben, auch auf der That
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zu ertappen. Wenn ich auf meinem Sorg Stuhl im Geist lache, welches
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Gottlob! noch oft gnug geschieht und meine Leute glauben daß ich Engel sehe: so
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ist es wahrlich nichts als der kleine
Assmus in hoc opere operato
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Unser Virtuose und Dichter hat Ihr Liedchen
auf die Mutter bey der
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Wiege
gesetzt und es als eine künftige Beyl. der Zeitung zugedacht – Mir
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auch die
Nachtigall
versprochen, als das erste Stück so ich von Ihrer
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lastbaren Muse gesehen. Wär ich ein Musicus und Componist (da ich keine
Note
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mehr verstehe und Kirchenmusik ausgenommen aller übrigen entwöhnt bin) –
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und es fiel mir einen Abend ein, daß ich
Noch
ein
Dito
, zufolge Ihrem Ideal
31
von der Music in Noten setzen möchte um durch die Neuheit der Melodie das
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Alterthum der Worte zu heben.
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Es ist ein Heidenwerk in meinen Augen vom leidigen Brief
Porto
nicht den
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höchst möglichen Nutzen zu ziehen und ein gantz Quartblatt umsonst zu
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bezahlen. – Aus dem taumelnden Gang meiner Feder werden Sie sich leicht
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meinen gantzen Gemüthszustand vorstellen können.
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Ich habe den
Grenville
meines
Brooke
gelesen – die
voyages
des alten
S. 184
Montaigne
– Pfenningers Vorlesungen, unter denen mir die erste am besten
2
und die letzten am schlechtesten gefallen. Alles scheint mir auf einen
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gesetzlichen Pharisäismum auszulaufen – im Müntz Till u. Kümmel zu gerecht
4
und zu weise, in der Hauptsache desto weniger. In
Bachii Opusculis
habe die
5
ersten Abhandl.
pro Mysteriis Eleusiniis
gelesen. Möchte der Adelgunde die
6
Ausarbeitung dieser Materie überlaßen. Ohngeachtet ich bloß Lust habe sie
à
7
priori
zu behandeln: so wünschte ich doch meine Schlüße und Muthmaßungen
8
a posteriori
berichtigen zu können. Wißen Sie mir darinn was zu empfehlen;
9
so erwarte Ihre Beyhülfe
ex officio mercuridi. Orpheus
und
Eschenbachii
10
Epigenes
liegt mir schon zur Hand und um die
Autores,
welche
Mosheim
in
11
sn
Commentariis
anführt, will ich mich auch bemühen. Was unser liebe
12
Bückeburger über das N. T. sagen will aus dem
Zendavest,
ist auch noch ein
13
Geheimnis für mich.
14
Bescheinigen Sie mir doch den Empfang meiner Blätter so genau, als mein
15
Aviso
davon war. Ob Bode das Geld richtig erhalten und nach meinem
16
Engagement
mit Hartknoch dem ich es baar ausgezahlt. Ob Hinz Ihnen
17
Lettres perdues
geschickt – und vorneml. ob Sie den
Vetium Epagathum
18
haben, von dem ich nichts weiß und den ich so herzlich
heraus
wünschte.
19
Mäcen Quintus Icilius
soll todt seyn und wird das Fragment von Recension
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nicht zu lesen bekommen. Anstatt 2 Zeilen hab ich einen weitläuftigen,
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langweiligen, ehrlich gemeinten aber übel angebrachten Brief auf meine
Billets
22
doux
erhalten.
23
Mit dem ersten Buch des
Tristrams
bin fertig. Die häslichen Druckfehler
24
für den Verstand des Lesers – besonders im
genere
der
relatiuorum
z. E.
25
S. 2. Z. 2.
welcher
an statt
welche
u. d. gl. Ich möchte gern die eigentl.
26
Bedeutung der Redens Art:
hey – go – mad
verstehen, wenn sie Ihnen oder
27
dem Uebersetzer bekannt ist
ad pag.
3.
28
Endlich hab ich 2 Freunde ausgeholt über die Sibylle – Der eine sagt mir
29
im Vertrauen, daß etwas
schmutziges
– Der andere, welcher jenen sehr
30
verdammte mit einem:
Naturalia non sunt turpia,
wollte es verbeßern und
31
wollte etwas
profan
es darinn entdeckt haben. – Ich gestand dem letztern, daß
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mir diese Anklage harter und ärger als die vorige schiene. Erwarte auch Ihre
33
Meinung darüber weil ich gern Anlaß haben wollte mich darüber zu erklären –
34
und die Mysterien des Hymens mir ein bequemes Beyspiel zu seyn scheinen
35
allgemein über die Natur der Mysterien zu matagrabolisiren – Halten Sie
36
Wort und antworten Sie auf 3 die auf Ihrem Kerbholtz stehen u erklären Sie
37
mir einmal Ihr
in petto,
von dem Sie einmal schreiben. Grüßen und küßen
S. 185
Sie Ihr liebes Weib und sämtl. Schlafgesindel.
Promte
Antwort und
2
Expedition
auf meine 4
Praenumerant
en u den Anhang. Ueber ein Viertelhundert
3
kann ich nicht absehen u. s. m. Gott empfohlen.
Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1943. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Sammlung Warda (ohne Signatur).
Bisherige Drucke
Wolfgang Stammler, Matthias Claudius, der Wandbecker Bote. Ein Beitrag zur deutschen Literatur- und Geistesgeschichte. Halle an der Saale 1915, 87 f.
ZH III 180–185, Nr. 447.