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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Königsberg, 22. Dezember 1759
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Königsberg. den 22 Dec: am Geburtstage unsers Vaters 759.

Mein lieber Bruder,

Dein letzter Brief hat mich recht sehr erfreut, weil ich so lange keine Zeile
von Dir erhalten habe. Gott sey Dir gnädig und seegne Dich in allen Deinen
Vornehmen, Ausgang und Eingang. Er gebe Dir was Dein Herz wünschet,
und laße daßelbe richtig seyn und Gottes Leiten folgen. Der die ganze Welt
regiert, wenn Der der Gott und Herr und Meister unserer Seele ist, wie seelig
ist sie! Unsere Wünsche für unsern Vater mögen über unser Wißen und
Verlangen erfüllt werden. Er hat heute sein Geburtsfest mit vieler Munterkeit
angetreten. Wir sind diese Woche zum heil. Abendmal gewesen und ich habe
Dienstags bey unsern lieben Beichtvater gespeist. Er vereinige uns alle in
seiner Liebe, nach dem Reichthum seiner Gnade! Amen!
Es freut mich herzlich, daß Du das N. T. gleichfalls vorgenommen. Jeden
Tag 3 Kapitel ist mein pensum, und Du kannst nicht glauben, wie ein
langsamer anhaltender Fleiß fördert. Fahre nur fort, Du wirst den Nutzen selbst
davon erkennen. Ich bin auch mit meiner Odyssee zu Ende, und habe gestern
den Froschmäusekrieg nebst einigen Hymnen mit der Uebersetzung vergliechen,
die in den lyrischen epischen v elegischen Gedichten steht. Die Hymnen scheinen
des Homers nicht unwürdig zu seyn, und haben wenigstens das Gepräg eines
alten Dichters. Mit Elsners Anmerkungen bin auch gestern Abend fertig
geworden, daß ich also mit dem alten Jahr frohen Feyerabend machen kann;
meine übrigen Nebenarbeiten sind von eben dem guten Zuschnitt gerathen.
Giebt Gott Gnade zum Neuen, so denke mein griechisches Studiren
fortzusetzen und die vornehmsten alten Autores nach der Reyhe durchzugehen, doch
so, daß mit dem Frühling das Griechische auf den Nachmittag verlegt werden
dürfte und ein anderer Hauptzweck meine Morgenstunden füllte. Kommt Zeit,
kommt Rath. Sollte ich das Glück haben Euch wiederzusehen; so freue ich
mich einen Vorrath neuer Kenntniße erworben zu haben, und denselben mit
Euch theilen zu können, brüderl. v. freundschaftlich. Ich bin der Letzte
auferwacht, las ich gestern im Syrach, wie einer der im Herbst nachlieset, und Gott
hat mir den Seegen dazu gegeben, daß ich meine Kelter auch voll gemacht
habe wie im vollen Herbst. Schauet, wie ich nicht für mich gearbeitet habe,
sondern für alle, die gern lernen wollten.
Was Gerundia v Supina heißen soll, kann ich Dir nicht sagen. Ich habe
Goclenii Problemata Grammatica, unter meinen alten Büchern
nachgeschlagen, da eine weitläuftige Auflösung der wichtigen Frage steht, ob diese
beyde Redetheile zu den Zeit- oder Nennwörtern zu rechnen, worüber
Frischl. v. Crusius einen bittern Krieg geführt, nichts aber über die Benennung
darinn gefunden. Ist Dir mehr daran gelegen als mir, so pflegen in Hederichs
latein. Wörterbuch die Etymologien zu stehen oder bitte Deinen Wirth um
Sanctii Mineruam. Gerundiuus heist das erste eigentl. vielleicht wird
Infinitiuus darunter verstanden; und das andere könnte ein Participium oder
verbum supinum anzeigen. Finde ich etwas, was Dir mehr Genüge thun
kann, so werde ich Dir künftig mittheilen.
Ich habe mir Bengels kleine Ausgabe des N. T. und Hederichs griechisches
Wörterbuch nach Ernesti Ausgabe zugedacht zum Weynachtsgeschenk. Ob
sich mein Vater das wird gefallen laßen, weiß ich nicht. Das letzte gehört zu
unsern Hederichschen Lexicis und kostet nach seiner Dicke nicht viel, nur 9 fl.
Schevel hat mir bisher Genüge gethan. Ich wünschte in des HE. Rectors
Bibliothek gleichfalls ein griechisches Wörterbuch. Das Meinige ist zugl. für
Dich zum künftigen Gebrauch.
Für Dich ist gleichfalls gesorgt, und so bald Deine Hemde fertig werden,
wird man Dein Marcepan einpacken. Hänschen möchte gern mit einer
Grammaire des Dames erfreuen, muß erst sehen. Erinnere Dich, daß Du aus
keiner andern Absicht, als mir zu Liebe, diese Information unternommen,
und daß Du mir, wie ich Dir, zu dienen schuldig bist.
Der jüngere Tr. hat schon einige Wochen nicht bei uns gespeist, weil er
unpäßlich gewesen. Er besuchte mich gestern, weil ich ihn öfters zugesprochen
und will auch nach Hause reisen um dort gesund zu werden. Er ist in eben den
Labyrinth worinn sein Bruder, und von gleichen Schlage. Ich habe auch
Gelegenheit gehabt ihn auf die Probe zu stellen, sie hat ihm aber wenig Ehre und
mir noch weniger Zufriedenheit gemacht. Es fehlt hier auch an allem. Er
both sich an mir etwas abzuschreiben, weil er nichts zu thun hätte und gern
schreiben, auch mir gern gefällig seyn möchte. Er hat mich aufgehalten und
was er gethan, ist nichts nütze. Wenn man bey den Leuten ein wenig nach dem
Grund sucht, so findt man Sand, Triebsand, worauf nichts zu bauen ist.
Wer kann sich an gemahltem Feuer wärmen, oder ein Licht anstecken; gestern
kam er zu mir und hatte seine Abschrift vergeßen. Nichts als Nachläßigkeit,
Untreue und Betrug ist der sich selbst gelaßene Mensch bey den besten
Naturgaben und Neigungen. Lesen, denken und handeln sind nichts als lebhafte
Träume eines wachenden. Der Seelenschlaf und das Fegefeuer ist ein
Zustand, der in diesem Leben für die Menschen wahr genung ist! Herr! wecke uns
auf, daß wir bereit sind, wenn Dein lieber Sohn kommt, ihn mit Freuden zu
umfangen, und Dir mit reinem Herzen zu dienen!
Ich lese jetzt des Abends, wenn keine Zeitungstage sind, Forstmanns Reden
wie sichs ziemet mit vieler Sympathie. Herr Rector hat selbige, wo ich nicht
irre, Du wirst die Weynachtsreden gleichfalls zu Deiner Erbauung an diesem
Feste wählen können. Bucholz hat mir dies Buch geliehen. Der Mann sagt
wohl mit Recht in der Vorrede: Was von Herzen kommt, geht wieder zum
Herzen. Ich kenne keinen beßern Kabinetsprediger für mich als Forstmann.
Schlage doch mein lieber Bruder in Johnsons oder dem alten kleinen engl.
Wörterbuch das Wort Savana nach; ich habe Prof. Kypke davon eine
Nachricht versprochen, der es in Locks Schrift, die er übersetzt gefunden, und es mir
sehr häufig auf einer Landcharte einer engl. Kolonie gewiesen, er hat es der
Connexion nach durch Wüste gegeben; ich halte es eher für eine neu
angelegte Cultur oder Stück Feldes, v ein americanisches Provincialwort.
HE. Putz hat uns diese Woche besucht und erwartet seinen Schlafpeltz.
Ich erinnere Dich also nochmals daran und fordere jetzt einen von Dir als
Gegengeschenk für das französische Buch, das ich Dir geschickt. Er braucht nicht
zu lang, aber vollkommen im Umfange zu seyn und ein reich Fell. Du kannst
die Fracht veraccordiren und sogl. nach Trutenau addressiren, wo sie bezahlt
werden kann. Ich bin desto freyer Dir dieses zuzumuthen, weil ich mich
erinnere, daß Du um diese Zeit im Jahr am freygebigsten bist. Ist der kleine
Kalmuck noch bey euch? und hat euer Haus einen neuen Zuwachs bekommen?
Lauson wird eine Tragedie aufführen laßen, die er gemacht, eine
corsikanische Geschichte, die vor einigen Jahren vorgefallen, da ich die Gelegenheit
auch vielleicht mitnehmen will die Schuchsche Gesellschaft zu sehen.
Ich bin heute so trocken, daß ich nichts mehr aufzubringen weiß; will also
schlüßen mit dem wiederholten Wunsch geseegneter Feyertage, eines
glücklichen Eintritt ins Neue Jahr. Gott gebe Dir alles Gute im Geistl. und Leibl.
den Sinn Christi und den heiligen Geist. Ich umarme Dich und ersterbe Dein
treuer Bruder.


Brief nicht überliefert


Ausgang und Eingang Ps 121,8
Er gebe Dir ... Ps 37,4f.


Meister Jes 33,22




Er vereinige ... seiner Gnade Eph 1,7ff.






Froschmäusekrieg
, Batrachomyomachía

Schröder, Poesien
, darin die Übers. des Froschmäusekriegs auf S. 481ff., die Übers. von fünf homer. Hymnen S. 523ff.

























verbum supinum infinite Verbform, Lagewort, bspw. im Lateinischen





fl. Groschen, hier vll. 18-Groschen-Stück (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch).


















Sand ... Mt 7,26











Weyhnachtsreden ebenfalls bei Forstmann






Kypke, Johann Lockens Anleitung des menschlichen Verstandes
; Johnsons Wörterbuch gibt als einzigen Beleg wiederum »Locke« an, und als Worterklärung: »An open meadow without wood.«


der Connexion nach im Kontext






veraccordiren vmtl. Versandkosten auf den Empfänger übertragen



Kalmuck nicht ermittelt



Schauspielergesellschaft von Franz Schuch, der ein Theaterprivileg für ganz Preußen hatte, jedoch auch während des Siebenjährigen Krieges gelegentlich in Königsberg, also russisch besetztem Gebiet, spielen konnte.






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (63).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 516–518.
ZH I 456–458, Nr. 173.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Eintritt[s]  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Eintritt[s]