PDF  Brief  /  Band
170
Ende Dezember 1759  ZH I, 448
Johann Georg Hamann  →  Immanuel Kant
ZH I, 448


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GeEhrter Freund,

Dieser Name ist nicht ein leeres Wort für mich; sondern eine Qvelle von
Pflichten und Entzückungen, die sich auf einander beziehen. Aus diesem
Gesichtspunct werden Sie Beylage beurtheilen. Es gehört nicht immer ein
Scheffel Saltz zu dem Bündniße, das man Freundschaft nennt. Ich
schmäuchele mir also, daß ich mit dem Handvoll abkommen werde, womit ich
gegenwärtigen Brief habe würzen müßen.
Ihr Stillschweigen über gewiße Dinge, wo die Redlichkeit einem Stummen
die Zunge lösen würde, ist eine Beleidigung für mich, die ich eben so wenig
erklären kann, oder so schlecht erklären muß, als Sie meine auffahrende Hitze.
Ich habe Lust an dem Werke zu arbeiten, davon die Rede unter uns ist.
Für einen einzigen ist es zu schwer, und zwey sind beßer als drey. Wir
möchten auch vielleicht von einigem Geschicke dazu seyn, und von einem Zuschnitte,
der zusammen paßete. Wir müßen aber unsere Schwächen und Blößen so
genau kennen lernen, daß keine Eyfersucht noch Misverständnis unter uns
möglich ist. Auf Schwächen und Blößen gründet sich die Liebe, und auf diese
die Fruchtbarkeit. Sie müßen mich daher mit eben dem Nachdruck
zurückstoßen, womit ich Sie angreife; und mit eben dieer Gewalt sich meinen
Vorurtheilen wiedersetzen, womit ich die Ihrigen angreife: oder Ihre Liebe
zur Wahrheit und Tugend werden in meinen Augen so verächtlich als
Bulerkünste aussehen.
Einigkeit gehört also zu unserm Entwurf. Die darf nicht in Ideen seyn,
und kann darinn nicht gesucht noch erhalten werden, sondern in der Kraft
und dem Geist, dem selbst Ideen unterworfen sind; wie die Bilder des rechten
und linken Auges durch die Einheit des Gesichtsnerven zusammenflüßen.
Ich wünschte daher, daß Sie mich über meine 2 Briefe von dieser Materie
zur Rede gesetzt hätten. Es ist Ihnen aber nichts daran gelegen, mich zu
verstehen, oder nicht zu verstehen; wenn Sie mich nur so ungefehr erklären
können, daß Sie dabey nicht zu Schanden werden, noch ich nicht alle gute
Meynung verliere. Das heist nicht philosophisch, nicht aufrichtig, nicht
freundschaftlich gehandelt.
Meine Anerbietung war die Stelle des Kindes zu vertreten. Sie sollten
mich daher ausfragen: wie weit ich gekommen? wie und was ich wüste? und
Ihr Gebäude darnach einrichten? Sie setzen aber schon zum voraus, daß das
Kindereyen sind, was ich gelernt. Dies ist gegen alle Menschenliebe eines
Lehrers, der sich auch den schlechtesten Grund bey seinem Schüler gefallen läßt,
und ihn durch das, was er schon weiß, und wodurch er ihn überführt, daß er
es schon weiß, aufmuntert mehr und weiter und beßer zu lernen. Sapienti sat.
Wißen Sie jetzt, warum die Jesuiten so gute Schulmeister und feine
Staatsleute sind?

Beylage


Soll ich nicht brennen, wenn jemand an mir geärgert wird? und worann
denn? An meinen Stoltz. Ich sage Ihnen, Sie müßen diesen Stoltz fühlen,
oder wenigstens nachahmen, ja übertreffen können; oder auch meine Demuth
zum Muster wählen, und die Lust der Autorschaft verleugnen. Oder
beweisen Sie mir, daß Ihre Eitelkeit beßer ist als der Stoltz, der Sie ärgert, und
die Demuth, die Sie verachten.
Es ist ein Zug des Stoltzes an Cäsar, meines Wißens, daß er sich nicht
eher zufrieden gab, biß er alles gethan hatte, und nichts übrig blieb. Wo
andere zu schwach sind, Hinderniße zu machen, wirft er sich selbst Alpen im
Wege, um seine Gedult, seinen Muth, seine Größe zu zeigen. Ehre ist ihm
lieber als Leben. Ein kluger Geist denkt nicht so, und handelt ganz anders;
viel weniger ein weiser Mann.
Wenn Sie sich schämen, oder vielleicht unvermögend sind stoltz zu seyn:
so laßen Sie Ihre Feder schlafen, wenigstens zu dem Werk, woran ich Antheil
nehmen soll. In diesem Fall ist es über Ihren Gesichtskreys, und Ihren
Schultern überlegen.
Fürchten Sie sich nicht für Ihren Stoltz. Er wird genung gedemüthigt
werden in der Ausführung des Werkes. Wie würden Sie aber ohne diese
Leidenschaft die Mühe und Gefahr Ihres Weges überstehen können?
Es gehört Stoltz zum beten; es gehört Stoltz zum arbeiten. Ein eitler
Mensch kann weder eins noch das andere; oder sein Beten und Arbeiten ist
Betrug und Gaukeley. Er schämt sich zu graben und zu betteln; oder er wird
ein betender Battologist und polypragmatischer Faulenzer. Alembert und
Diderot haben dem Nahmen ihrer Nation zur Ehre eine Encyclopedie
aufführen wollen; sie haben nichts gethan. Warum ist es ihnen mislungen?
und warum ist es ins Stecken gerathen? Beyde Fragen hängen zusammen,
und haben eine gemeinschaftl. Auflösung. Die Fehler ihres Plans können uns
mehr unterrichten, als die guten Seiten deßelben.
Wenn wir an einem Joche ziehen wollen; so müßen wir gleich gesinnt seyn.
Es ist also die Frage; ob Sie zu meinem Stoltz sich erheben wollen, oder ob
ich mich zu Ihrer Eitelkeit herunterlaßen soll? Ich habe Ihnen schon im
Vorbeygehen bewiesen, daß wir Hinderniße finden werden, denen die Eitelkeit
zu schwach ist ins Gesicht zu sehen, geschweige zu überwinden.
Mein Stoltz kommt Ihnen unerträglich vor; ich urtheile von Ihrer
Eitelkeit weit gelinder. Ein Axiom ist einer Hypothese vorzuziehen; die letztere
aber ist nicht zu versetzen verwerfen; man muß sie aber nicht wie einen
Grundstein, sondern wie ein Gerüste gebrauchen.
Der Geist unsers Buchs soll moralisch seyn. Wenn wir es selbst nicht sind,
wie sollen wir denselben unserm Werke und unsern Lesern mittheilen können.
Wir werden, als Blinde, Leiter von Blinden zu werden uns aufdringen, ich
sage uns aufdringen, ohne Beruf und Noth.
Die Natur ist ein Buch, ein Brief, eine Fabel (im philosophischen Verstande)
oder wie Sie sie nennen wollen. Gesetzt wir kennen alle Buchstaben darinn so
gut wie möglich, wir können alle Wörter syllabiren und aussprechen, wir wißen
so gar die Sprache in der es geschrieben ist – – Ist das alles schon genung ein
Buch zu verstehen, darüber zu urtheilen, einen Charakter davon oder einen
Auszug zu machen. Es gehört also mehr dazu als Physik um die Natur
auszulegen. Physik ist nichts als das Abc. Die Natur ist eine Aequation einer
unbekanten Größe; ein hebräisch Wort, das mit bloßen Mitlautern
geschrieben wird, zu dem der Verstand die Puncte setzen muß.
Wir schreiben für eine Nation, wie die französischen Encyclopedisten; aber
für ein Volk, das Maler und Dichter fordert.

Mediocribus esse poetis
Non homines, non di, non concessere columnae;

Dies ist kein Einfall des Horatz, sondern ein Gesetz der Natur und des guten
Geschmacks. Alle Ideen aber stehen in Ihrem Verstande wie die Bilder in
Ihrem Auge umgekehrt; Einfälle sehen Sie für Wahrheiten, und diese für
jene an. Mit dieser umgekehrten Denkungsart werden wir unmöglich
zusammen fortkommen können.
Sie sind stoltz, Ihnen die Wahrheit zu sagen; ich nicht, oder ich muß Ihnen
so vorkommen. Mit W. mögen Sie umgehen, wie Sie wollen; als ein Freund
fordere ich eine andere Begegnung. Ihr Stillschweigen in Ansehung seiner ist
heimtückischer und verächtlicher, als seine tumme Critick über Ihren Versuch.
Sie begegnen mir auf gl. Fuß; ich werde Sie aber dafür nicht ungestraft
laßen.
Seine Einwürfe zu wiederlegen, ist Ihnen zu schlecht. Ein neuer Beweiß,
gegen den alle Einwürfe von selbst wegfallen, macht Ihnen in Ihren Augen
mehr Ehre. Sie haben auf meine Einwürfe nichts geantwortet, und denken
vielleicht auch auf einen neuen Plan. Der Plan, auf den ich gehe, gehört mir
nicht, sondern ist das Eigenthum jedes Kindes, und hat Mose zum Urheber;
deßen Ansehen ich beßer im Nothfall vertheidigen will, als mein eigenes.
Wenn Sie ein Lehrer für Kinder seyn wollen; so müßen Sie ein väterl.
Herz gegen Sie haben, und dann werden Sie ohne roth zu werden auf das
höltzerne Pferd der Mosaischen Mähre sich zu setzen wißen. Was Ihnen ein
holtzern Pferd vorkommt, ist vielleicht ein geflügeltes – – Ich sehe leider, daß
Philosophen nicht beßer als Kinder sind, und daß man sie eben so in ein
Feenland führen muß, um sie klüger zu machen; oder vielmehr aufmerksam
zu erhalten.
Ich sage es Ihnen mit Verdruß, daß Sie meinen ersten Brief nicht
verstanden haben; und es muß doch wahr seyn, daß ich schwerer schreibe, als ich
es selbst weiß, und Sie mir zugeben wollen. Es geht meinen Briefen nicht
allein so, sondern mit dem platonischen Gespräch über die Menschl. Natur
kommen Sie auch nicht fort. Sie saugen an Mücken und schlucken Kameele.
Steht nicht drinn geschrieben und ist es nicht gründlich genung bewiesen,
daß keine Unwißenheit uns schadet; sondern bloß diejenige, die wir für
Eitelkeit halten. Ich setze noch hinzu, daß keine Unwißenheit uns verdammen
kann, als wenn wir Wahrheiten für Irrthümer verwerfen und verabscheuen.
Ist es Dir nicht gesagt; wird es dann heißen; ja es ist mir gesagt, ich wollte
es aber nicht glauben, oder es kam mir abgeschmackt vor, oder ich hatte meine
Lügen lieber.
Sehen Sie immer meine Parrhesie für den Frevel eines Homeromastix
oder für eine cynische Unverschämtheit an. Sie sind Herr, Dingen Nahmen zu
geben, wie Sie wollen – – Nicht Ihre Sprache, nicht meine, nicht Ihre
Vernunft, nicht meine: hier ist Uhr gegen Uhr. Die Sonne aber geht allein recht;
und wenn sie auch nicht recht geht, so ist es doch ihr Mittagsschatten allein,
der die Zeit über allen Streit eintheilt.
Wenn Sie ein Gelehrter Eroberer wie Bacchus seyn wollen; so ist es gut,
daß Sie einen Silen zu Ihrem Begleiter wählen. Ich liebe nicht den Wein des
Weins wegen, sondern weil er mir eine Zunge giebt Ihnen in meinem
Taumel auf meinem Esel die Wahrheit zu sagen.
Weil ich Sie hochschätze und liebe, bin ich Ihr Zoilus; und Diogen gefiel
einem Mann, der gleiche Neigungen mit ihm hatte; so ungl. die Rollen waren,
die jeder spielte.
Wer eine beste Welt vorgiebt, wie Rousseau, und eine individuelle,
atomistische und momentanen Vorsehung leugnet; der wiederspricht sich selbst.
Giebt es ein Zufall in Kleinigkeiten; so kann die Welt nicht mehr gut seyn,
noch bestehen. Flüßen Kleinigkeiten aus ewigen Gesetzen; und wie ein Saecul.
aus unendl. Tagen von selbst besteht; so ist es eigentl. die Vorsehung in den
kleinsten Theilen, die das ganze gut macht.
Ein stoltzes Wesen ist der Urheber und Regierer der Welt. Er gefällt sich
selbst in seinem Plan; und ist für unsere Urtheile unbesorgt. Wenn ihm der
Pöbel über die Güte der Welt mit klatschenden Händen und scharrenden Füßen
Höflichkeiten sagt und Beyfall zujauchzt, wird er wie Phocion beschämt, und
frägt den Kreys seiner wenigen Freunde, die um seinen Thron mit bedeckten
Augen und Füßen stehen; ob er eine Thorheit gesagt, da er gesprochen: Es
werde Licht! weil er sich vom gemeinen Haufen über seine Werke bewundert
sieht.
Nicht der Beyfall des gegenwärtigen Jahrhunderts, das wir sehen, sondern
des künftigen, das uns unsichtbar ist, soll uns begeistern. Wir wollen nicht nur
unsere Vorgänger beschämen, sondern ein Muster für die Nachwelt werden.
Wie unser Buch für alle Klaßen der Jugend geschrieben seyn soll; so wollen
wir solche Autors zu werden suchen, daß uns unsere Urenkel nicht für
kindische Schriftsteller aus den Händen werfen sollen.
Ein eitles Wesen schafft deswegen, weil es gefallen will; ein stoltzer Gott
denkt daran nicht. Wenn es gut ist, mag aussehen wie es will; je weniger es
gefällt, desto beßer ist es. Die Schöpfung ist also kein Werk der Eitelkeit;
sondern der Demuth, der herunterlaßung. Sechs Worte werden einem großen
Genie so sauer, daß er 6 Tage dazu braucht, und den siebenten sich ausruht.
Ex noto fictum carmen sequar; vt sibi quiuis
Speret idem; sudet multum, frustraque laboret
Ausus idem.

Ex noto fictum carmen sequar; Wenn Du einen Heidelbergschen
Catechismum schreiben willst; so fange nicht mit einem Philosophen vom Herrn
Christo an, denn er kennt den Mann nicht. Und wenn Du deinen Zuhörern
einen Beweiß geben willst, daß die Welt gut ist; so weise sie nicht auf das
gantze, denn das übersieht keiner, noch auf Gott, denn das ist ein Wesen, das
nur ein Blinder mit starren Augen ansehen kann, und deßen Denkungsart und
moralischen Charakter sich nur ein eitler Mensch zu erkennen zutraut. Ein
aufrichtiger Sophist sagt, je länger ich dran denke, desto weniger kann ich aus
ihm klug werden.
Ich will meinen Beweiß noch mit einem Dilemma schlüßen, und Sie
dadurch zur Freymüthigkeit und Offenherzigkeit gegen mich aufmuntern?
Warum sind Sie so zurückhaltend und blöde mit mir? und warum kann ich so
dreist mit Ihnen reden? Ich habe entweder mehr Freundschaft für Sie als Sie
für mich? oder ich habe mehr Einsicht in unsere Arbeit wie Sie? Sie fürchten
sich selbst zu verrathen, und mir die Unlauterkeit Ihrer Absichten, oder den
Mangel Ihrer Kräfte zu entblößen? Denken Sie an den Bach, der seinen
Schlamm auf dem Grunde jeden zeigt, der in denselben sieht. Ich glaube;
darum rede ich. Ueberzeugen können Sie mich nicht; denn ich bin keiner von
Ihren Zuhörern, sondern ein Ankläger und Wiedersprecher. Glauben wollen
Sie auch nicht. Wenn Sie nur meine Einfälle erklären können; so argwohnen
Sie nicht einmal, daß Ihre Erklärungen närrischer und wunderlicher als meine
Einfälle sind. Ich will gern Gedult mit Ihnen haben, so lange ich Hofnung
haben kann Sie zu gewinnen, und schwach seyn, weil Sie schwach sind. Sie
müßen mich fragen und nicht Sich, wenn Sie mich verstehen wollen.
Freund ... Name vgl. Brief Nr. 163 (ZH I 427/16)



s.u. 449/7

im Unterschied zum Sprichwort: »Man muss zuvor viele Scheffel Salz miteinander essen, ehe die Aufgabe der Freundschaft erfüllt ist.« (bspw. Cicero, Laelius XIX,67)


































Jesuiten vll. hat H. dabei
René Rapin
im Sinn.


























schämt sichLk 16,3

Battologist abgeleitet vom griech. Wort für Schwätzer (bzw. dem entspr. Verb); vgl. Mt 6,7 (von
Johann David Michaelis
gibt es eine commentatio de battologia ad Matth. VI, 7, Göttingen 1753); in Luthers Auslegung des 1. Buchs Mose wird das Wort in Bezug auf Ps 5 verwendet und mit »unnütze Wescher« übersetzt.
polypragmatischer vielbeschäftigter; vll. anspielend auf
Schlegel, Der geschäfftige Müßiggänger

Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers
vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 80/19, ED S. 61; 1758 konnte der 8. Band nicht erscheinen, da die Druckerlaubnis nicht erteilt wurde; im März 1759 wurde die Encyclopédie gar von Papst Clemens XIII. auf den Index gesetzt; erst 1765 konnte die Publikation fortgesetzt werden. Über den Kampf der Enzyklopädisten war Hamann u.a. durch
Prades, Apologie
(bzgl. der ersten Kontroverse nach Erscheinen des 2. Bds.) unterrichtet.


















Natur ist ein Buch
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 65/11, ED S. 26






Aequation Gleichung

Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 207/18, ED S. 194





Hor. ars
372: »Mittelmäßigkeit haben den Dichtern nicht die Menschen und nicht die Götter noch die Ausstellungspfeiler erlaubt.« (Brief Nr. 40 (ZH I 102/18))





















Mähre Wortspiel mit Mähre=Pferd / Märe=erfundene Geschichte; zu den Pferden, hier das trojanische und Pegasus vgl. Brief Nr. 157 (ZH I 398/20).









Mt 23,24 (›seihen‹ hier durch »saugen« ersetzt); ein auch an
Johann Gotthelf Lindner
geschriebener Vorwurf, Brief Nr. 163 (ZH I 429/16)


Platos lehrreiches Gespräch von der menschlichen Natur
, S. 51: »Sokrates. Du bist also niemals wankend und ungewiß über solche Dinge, die du nicht weißt, wofern es dir nur bewußt ist, daß du sie nicht weißt. // Alcibiades. Das halte ich dafür. // Sokrates. Du begreiffst also hieraus vollkommen, daß alle Fehler, die man begeht, aus dieser Art von Unwissenheit herkommen, welche machet, daß man etwas, so man nicht weiß, dennoch zu wissen glaubet. // Alcibiades. Was willst du hiermit sagen? // Sokrates. Ich sage, daß dasjenige, was uns eine Sache zu unternehmen antreibt, der Gedanke ist, daß wir es zu thun verstehen; denn wenn man überzeugt ist, daß man es nicht weiß, so überläßt man es andern. // Alcibiades. Das ist gewiß. // Sokrates. Diejenigen also, welche in dieser letzten Art der Unwissenheit stehen, begehen niemals einen Fehler, weil sie die Sorge für solche Dinge, die sie zu thun nicht verstehen, andern überlassen.«






Parrhesie griech. παρρησία, Offenbarkeit, Wahrsprechen, Freimütigkeit, vgl. Brief Nr. 157 (ZH I 397/1), Brief Nr. 162 (ZH I 422/25)
Homeromastix Homergeißel: Spitzname für den kynischen Redner Zoilos von Amphipolis (ca. 400–ca. 320 v.Chr.) wegen seiner Schmähschriften gegen Homer (aber auch gegen Platon u. Isokrates).



vll. anspielend auf die Schlussverse der 3. Str. von Albrecht v. Hallers »Unvollkommenes Gedicht über die Ewigkeit«, das in
Kant, Allgemeine Naturgeschichte
, S. 115 paraphrasiert und teilweise zitiert ist: »Wie eine Uhr, beseelt durch ein Gewicht, / Eilt eine Sonn, aus GOttes Kraft bewegt: / Jhr Trieb läuft ab, und eine andre schlägt, / Du aber bleibst, und zählst sie nicht.«



vll. anspielend auf
Ov. fast.
6,319ff., das Fest, zu dem Kybele die Götter, Nymphen und Satyrn lädt, außer Silenos, der mit seinem Esel dennoch auftaucht. Als alle betrunken sind, ist es der Schrei des Esels, der verhindert, dass Priapos sich an Vesta vergreift. In
Plat. symp.
215a–217a vergleicht Alkibiades Sokrates mit einem Satyr, dabei geht es um den Zusammenhang von äußerlicher Hässlichkeit und innerer Schönheit (als Wahrhaftigkeit). Zum Esel vgl. auch
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 197/12, ED S. 161, mit Ri 5,10.




Zoilus s. oben Z. 25

einem Mann vll. Alexander d. Gr., gemäß
Diogenes Laertius
6,32: »Es geht auch die Rede, Alexander habe die Äußerung getan, wenn er nicht Alexander wäre, möchte er Diogenes sein«





ewigen Gesetzen so etwa auch von Kant vertreten,
Kant, Allgemeine Naturgeschichte
, S. 216.



gefällt sich1 Mo 1,10, 12 u.ö.; das Gefallen des Schöpfers wird auch betont in
Rollin, Traité de la manière d’enseigner
(S. XLIIII in der dt. Übers. von Albert Fabricius, 1730).



Phocion
Plut. vit.
, Phok. 8 (Phokion/Cato Minor)

bedeckten Augen und FüßenJes 6,2















Hor. ars
240ff.: »Auf eine Verssprache werde ich zielen, die ich aus Altbekanntem neu schaffe, so daß jeder, der sich Gleiches erhofft, viel schwitzt und vergeblich sich abmüht, sofern Gleiches er wagt«



Heidelbergschen Catechismum Kurfürst Friedrich III. gab den Katechismus 1562 in Auftrag, um die Streitigkeiten, die es in der Kurpfalz zwischen den verschiedenen Richtungen der Reformation gab, durch eine einheitliche Lehre zu beruhigen. Von den Lutheranern wurde er wegen seiner calvinistischen Tendenz abgelehnt.




gantze
Kant, Betrachtungen über den Optimismus
: »Unermeßliche Räume und Ewigkeiten werden wohl nur vor dem Auge des Allwissenden die Reichthümer der Schöpfung in ihrem ganzen Umfange eröffnen, ich aber aus dem Gesichtspunkte, worin ich mich befinde, bewaffnet durch die Einsicht, die meinem schwachen Verstande verliehen ist, werde um mich schauen, so weit ich kann, und immer mehr einsehen lernen: daß das Ganze das Beste sei, und alles um des Ganzen willen gut sei.« Brief Nr. 163 (ZH I 425/30), Brief Nr. 163 (ZH I 429/13)



aufrichtiger Sophist Simonides von Keos,
Cic. nat.
I,60









Ich glaube ...Ps 116,10






schwach seyn2 Kor 12,10


Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg (ohne Signatur).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 504–514.
Kant, Werke [Akademieausgabe] X 26–31, vgl. XIII 15–16.
Walther Ziesemer: Hamannbriefe. In: Goethe. Viermonatsschrift der Goethe-Gesellschaft 7 (1942), 117–124.
ZH I 448–453, Nr. 170.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
451/10 Philosophen
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: Philisophen  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Philosophen  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Philosophen
452/2 momentanen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies momentane  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): momentane
452/22 mag aussehen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies mag es aussehen  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): mag es aussehen