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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter), Johann Christoph Hamann (Bruder)
Grünhof, 4. Mai 1755
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ZH I, 107
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Grünhof. den 4 May 1755.

Herzlich geliebteste Eltern,

Ich komme meinem neulichen Versprechen nach und hoffe dasjenige mit ein
wenig mehr Zeit zu ersetzen, woran es mir letzthin gefehlt. Weil ich mich nicht
mehr den Innhalt meines letzteren Briefes deutlich besinnen kann; so
entschuldigen Sie nach Ihrer Güte die begangenen Uebereilungsfehler darinnen.
Gott gebe daß Sie sich, Zärtlichst geliebte Eltern, gesund befinden. Ich bitte
denselben darum v wünsche es Ihnen täglich. Ich habe mir eine kleine
FrühlingsCur zu brauchen vorgenommen, die ich aber wieder meinen Willen noch
bisher habe aufschieben müßen. Der Anfang mit einem Laxativ ist schon dazu
gemacht; nichts als das Aderlaßen hält mich auf, dazu ich noch nicht kommen
kann. Ich habe eine Schläfrichkeit v einen Appetit einige zeitlang gefühlt,
davon mir beyde von Vollblütigkeit herzurühren schienen. Bey unsern
Auffenthalt in Mietau auch einige Tropfen durch die Nase verloren. Ohngeachtet ich
jetzt mich ziemlich erleichtert davon fühle; so halte ich es doch als ein Gerüst
zu meiner Cur als auch vor sich selbst für nothwendig. Der HE.
RegimentsFeldscherer Parisius, ein Halbbruder des HE. Gericke, ein sehr
liebenswürdiger v rechtschaffener Mann und mein guter Freund, hat mir versprochen
herauszukommen, weil er ohnedem als der ordentl. Artzt in unserm Hause
gebraucht wird; welches bißher noch nicht geschehen. Auf das späteste denke nach
Himmelfahrt wills Gott! anzufangen, weil ich an diesem Tage mir
vorgenommen meine Andacht zu halten.
Meine Cur selbst soll in einer Art von Molken bestehen oder in mit
Löffelkraut, in Ermangelung deßen Brunnenkreße, aufgekochten Milch. Meine
Zähne an deren Reinigkeit ich es ohne sie eben zu putzen nicht fehlen laßen,
zeigen einen Scorbut an, den mein hiesiger Freund auch zu einem Grunde
meiner Hypochondrie einigermaßen macht. Ich habe schon zu Hause selten
meine Zähne ein wenig reiben können ohne daß sie Blut gegeben hätten. Ich
bitte mich, mein lieber Vater, Ihren Rath v. Meinung darüber aus.
Wenn ich ja etwas krank bin; so ist meine Krankheit nichts als zu wenig
Bewegung des Leibes v vielleicht zu viel des Gemüths. Wie viel würden
meine liebe Eltern zur letzteren beytragen, wenn Sie mir Ihre Furcht, Ihre
Unruhe v Ihre Sorgen mitzutheilen fortfahren werden.
Ein kleiner Aufenthalt in Riga wird mir an statt Pyrmont v. Aachen dienen.
HE. M. hat mir schon zu Arbeiten, die er im Sinn hat, eingeladen. Die Furcht
einen Müßiggänger an Ihren Sohn zu haben, darf Sie also nicht beunruhigen.
Ohngeachtet mein Sinn ehmals in Ernst nach Petersburg zu gehen gewesen;
so werde ich mich doch in nichts einlaßen. Wenn sich aber eine Gelegenheit
fände jemanden dort auf einen Monath Gesellschaft zu machen; so möchte ich
nicht gern eine Beqvemlichkeit fahren laßen einen der vornehmsten Nordischen
Höfe zu sehen oder wenigstens mich einer großen Stadt wieder zu erinnern.
Dies ist eins.
2.) HE. B. hat (im Vertrauen) noch Lust eine kleine Reise zu thun v eben
so viel Freundschaft mich als seinen Begleiter mitzunehmen. Ich habe niemals
geglaubt einen so beflißenen v. mir recht ergebenen Freund an ihn zu behalten.
Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr er sich meiner annimmt, v sich alles
desjenigen angelegen seyn läst, was mich angeht. Wenn dies geschehen sollte,
so würde ich geschwind genung das Verlangen meiner lieben Eltern mich
wiederzusehen erfüllen können; v ich würde mich um so viel weniger Ihren
Wünschen v Befehl entziehen, weil ich mich alsdann freuen könnte die
Absicht, warum ich Selbige verlaßen, einigermaßen erreicht zu haben.
Ich überlaße mich v mein Schicksal der göttl. Vorsehung gänzlich. Sie hat
Triebe in unserer Natur gelegt, die wenn sie nicht lasterhaft sind und mit
unsern Pflichten streiten, nicht selten als unsere Bestimmung als der Ruf zu
ihren Absichten angesehen werden können. Mit wie viele Ruhe und
Zufriedenheit für 100 andern kann derjenige leben, der keinen andern Endzweck hat als
wie ein vernünftiges v. wie ein theuer erlöstes Geschöpf als Mensch v Christ
seinen Verbindlichkeiten ein Genüge zu thun. Mit viel Vergnügen habe ich
mir bey dem Lebenslauf meines Lehrers, den mir mein Bruder zugeschickt,
seine Gemüthsart vorgestellt. In einem kleinen Bezirck der Welt nützlich, zu einem
weit größeren geschickt; ihr unbekannt v verborgen, der sich, die Natur v Ihren
Urheber aber desto beßer kennte, sich selbst verleugnete, der erstern bescheiden
und unermüdet nachgieng v den letzteren in einer kindl. Einfalt verehrte.
An HE. M. habe, lieber Papa, Dero letzten Gruß bestellt. Er erkennt mit
viel Zärtlichkeit das Andenken, welches Sie ihm noch gönnen, v. wünscht sich
das Glück Sie noch einmal zu sprechen. welches vielleicht bey einem Besuch,
den er einem künftig Ihnen v mir geben könnte nicht so unmöglich oder
unwahrscheinlich wäre. Er scheint sehr zufrieden zu leben. Denken Sie an die
Kette von Wiederwärtigkeiten, an die sein Glück endlich geknüpft worden.
Würde er ohne dem unglückl. Sendschreiben jetzt den Unterscheid seines
Schicksals, selbst ohne denjenigen Fehlern, die Lasterhafte zum Grund ihrer
Verfolgung machen v durch die ein rechtschaffener Mann gebeßert, selten in der
Welt bestraft wird, mit so viel Zufriedenheit empfinden können?
Ich hoffe daß sich die Fr. Saturgin beßer befinden wird; und sehe mit
vielem Verlangen allen den Nachrichten entgegen, zu denen einmal ein langer
Brief bestimmt seyn soll.
HE. D. Lilienthal v Diac. Buchholtz werden mir vermuthlich, der letzte
besonders, antworten. Bey Gelegenheit bitte ihn so wohl als erstern meine
Ergebenheit zu versichern.
Was machen das Zöpfelsche Haus, HE. Renzen v seine liebe Familie, die
HE. Arndts, ihr redlicher Vater v HE. Pf. Keber? Kommt letzterer noch nach
Königsberg bisweilen? Ich grüße alle gute Freunde herzlich.
Meine liebe Mutter wird Ihre eigene Augen doch mit meinen Hemden
verschonen. Ich verdiene diese Mühe nicht. Wenn Sie was recht gutes aber was
recht englisches von Meßern für meinen starken Bart haben; so werde ich
Ihnen sehr dafür erkenntlich seyn v bitte selbige künftig beyzulegen. Die alten
haben beynahe ausgedient. Sie werden erlauben noch folgende Seite an
meinen Bruder anzuhängen. Ich empfehle Sie Geliebteste Eltern, der Vorsorge
Gottes und mich Ihrer Liebe und Gebet. Mit einem kindlichen Handkuß nenne
mich Zeit Lebens Ihren gehorsamsten Sohn.
Johann George Hamann.

Die Jgfr. Degnerinn wird sich vermuthlich jetzt schon gesund befinden. Ich
bitte selbige herzlich zu grüßen.

Mein lieber Bruder,

Du hast mich unendl. verpflichtet mit der Mühe die Du Dir gegeben den
Aufsatz abzuschreiben. Ich nehme Deine Güte mir die gedruckten Stücke selbst aus
den Intelligenz Blättern zuzuschicken nebst dem Catalogo zum voraus mit
allem Dank an v bin mir derselben gewiß gewärtig.
Deinen Freund, den ich auch mit seiner Erlaubnis zu meinem mache, hoffe
höchstens in Riga bald zu sprechen. Ob in Mietau kann ich nicht versprechen.
Grüße ihn von mir v verbitte die anerbotene Vorsorge für meine Laute; ich
muß selbige wenigstens auf Deine Rechnung annehmen. Seine Gefälligkeit
einem unbekannten zuvorzukommen ist sehr uneigennützig v ich lege selbige
als ein großes Merkmal der Liebe aus, die er für Dich hat. Auf was für einen
Fuß er herkommt hast Du mich nicht geschrieben; vermuthl. auf ein Comtoir.
Dein Compliment habe bestellt.
Er v Sie haben mir geschrieben. Auf meinen letzten Brief erwarte diese
Woche Antwort. Wenn er sich durch die Bestellung etwas ausbitten sollte; so
melde Dir mit ersten. Ich weiß nichts, mein lieber Bruder. Wenn Du etwas
Neues besonders im franzöischen hast; so wird es mir lieb seyn; wo nicht,
gleichfalls. Es fehlt wohl meiner Bibliothec noch ein zieml. unentbehrl.
Schulbuch. Weil ich aber nächst Gott die Hofnung habe mich vielleicht ein wenig von
diesen Arbeiten ausruhen zu können; v wenn ich ja eine erwünschte Stelle
annehmen müste, noch Zeit genung es zu verschreiben übrig wäre. So ist mir
daran nicht unumgängl. gelegen. Ich habe es jetzt geliehen v habe mit meinem
ältesten HE. einen Anfang damit gemacht um auf einen künfftigen etwanigen
Versuch daraus zu urtheilen; werde es also bald wieder geben können v. nicht
mehr nöthig haben.
Ich freue mich auf die Encyclopedie; welche mir in Riga zum Gebrauch des
Durchlesens versprochen worden. Vielleicht möchte ich die Gelegenheit
ergreifen den HE. D. Lil. um einige Handschriften des seel. Rappolts zu bitten.
Hat er selbige? Ich glaube nicht daß er es mir abschlagen würde. Wie herzlich
wünschte ich die öffentl. Bekanntmachung seiner Schriften, zu welchen er sich
anzuerbieten scheint. Der rechtschaffene Mann! Er hat wichtigere Einsichten
beseßen als diejenigen, welche ich mir am meisten zu Nutz gemacht. Ich meine
seine physischen v oeconomischen, deren Wichtigkeit ich jetzt beßer als sonst
einsehen lerne. Wie geht es den Seinigen? Sie werden wie ich hoffe v gehört,
nicht verlaßen seyn.
Hast Du an HE. Secret. Sahme geschrieben. Ist nichts von HE Hennings
eingelaufen? Was machen unsere Freunde? Wolson v Lauson. Sey sorgfältig
uns die Antworten der beyden ersteren zu bestellen v unsere Briefe
abzufertigen. Was hast Du aus der Rappoltschen Auction erstanden.
Wie geht es mit Deinem Predigen? Thut Dir dein Gedächtnis v Lunge
gute Dienste bey dieser Arbeit. Was machen Deine Schüler v Schülerinnen?
Erfülle die Hofnung unserer Eltern. Du bist geschickter als ich dazu; die Pflicht
dazu liegt Dir auch daher mehr ob. Wirst Du bald bey der Schule, Akademie,
oder Kirche anfangen. Entdecke doch Deine Gesinnungen, wozu Du am
meisten Lust hast v Dich zubereitest. Dein Glück soll mir immer mehr am Herzen
liegen als das meinige. Schicke mir doch Deine Kanzelreden; wenn Du Dich
nicht die Mühe einer Abschrift nehmen willst, sollst Du sie wieder zurück
bekommen. Ich verspreche Dir gewis selbige zurück. Hörst Du mein lieber
Bruder; ich bekomme selbige mit HE. Vernizobre. Schreibe mir bald v viel. Gott
seegne Dich v unser ganzes Haus. Liebe mich wie ich Dir mit dem
aufrichtigsten Herzen ergeben bin als Freund v Bruder. Schreibe mir bald, v lebe wohl,
recht wohl. Ich umarme Dich nochmals.
J. G









Laxativ Abführmittel



Vollblütigkeit Bluthochdruck

Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)







Himmelfahrt 8.5.1755













Pyrmont v. Aachen als Kurorte















































Arndts nicht ermittelt

















Catalogo Auktionskatalog von Rappolts Bibliothek, Brief Nr. 26 (ZH I 73/23)



Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)







Brief nicht überliefert
Er v Sie das Ehepaar Lindner








































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (26).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 262–263.
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 68–69.
ZH I 107–111, Nr. 43.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
109/34 Catalogo
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Catalogo  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): catalogo