PDF  Brief  /  Band
76
Grünhof, Mai 1756  ZH I, 196
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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ZH I, 196
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Geliebtester Freund,

Endlich einmal ein Schreiben von Ihnen bekommen. Die Dissert. v
Kleinigkeiten der stillen Gesellschaft gehören Ihnen. La pucelle auch.
Behalten Sie also ja selbige. Ich weiß nicht wo mir der Kopf gestanden, daß ich
Ihnen dies zu melden vergeßen habe. Mein Bruder hat mir ausdrückl.
gemeldet daß diese Sachen Ihnen gehört v mit nächsten mehr theils zu schicken
theils selbst zu schreiben versprochen. Ich bin sehr unzufrieden mit ihm v sehr
unruhig. Im Vertrauen v wenn es mögl. für sich ganz allein v HE. B. ich
werde nach Hause reisen, wenn weiß nicht so geschwind als mögl. Meine
Eltern flehen mich darum an v ich habe neul. einen Brief von meinem alten
Vater bekommen, der mich trauriger als jemals gemacht. Vor Johannis
wird es nicht angehen. Man fleht bittet mich so liebreich an, daß ich diesen
unumgängl. Aufschub fast für eine Sünde ansehe. Man nimmt alle mögl.
Bewegungsgründe zu Hülfe, da ich derselben zu meinen Pflichten entbehren
kann. Sie können von meiner Verlegenheit übrigens selbst urtheilen. Sie
erstreckt sich auf alles; ich reise aber desto gewißer; weil hierinn ist das einzige
Verdienst bey meinem Entschluß beruht. Für den Bodinus danke recht sehr
mit ihm ist mir eben so gedient als mit dem Athenäus besonders der Ausgabe
des Casaubonus gewesen wäre. Auf alle übrigen thue aber beynahe einen
Rückruf; die wenigsten die brauchbarsten v wohlfeilsten ausgenommen. De
causis magnitudinis vrbium
besehen Sie doch ob was daran ist. Laß die
autores classicos biß auf beßere Zeiten v mehr Bequemlichkeit ruhen. Ich
werde mehr als Sparsamkeit nöthig haben um die Reisekosten pp bestreiten
zu können. Kleiden will ich mich nicht; ich finde eine Verleugnung theils
v Achtsamkeit drinnen in meinem alten Rock desto eher kenntlich den Meinigen
zu seyn. Es ist schon der 2te Monath über das erste Qvartal; ich habe
noch nichts bekommen und schäme mich mehr das was ich verdient
einzufordern, als zum voraus bezahlt zu nehmen. Wie lächerlich ich bins Gottlob
gesund – – zufrieden mit mir selbst – – andere mit mir – – im übrigen sorglos
genung, und wenig müßig. Güter genung, die alle Nullen verschlucken. In
Ansehung Ihrer noch nicht rein. An meinem Willen hat es nicht gelegen. Ein
Theil meiner ersten Einkünfte ist dazu bestimmt gewesen. Wären sie gefallen,
so würde ich vielleicht nichts mehr übrig haben. Wollen Sie wohl, daß uns der
Wille erkenntlich zu seyn gereuen soll. Denken Sie mich lieber undankbar. Die
Freundschaft ist ein Capital, von dem die Zinsen niemals verloren gehen.
Meine alte Mutter sieht I ihr Ende und wünscht mich – Mein Vater
jammert über I ihren Verlust v sie dieses Trostes beraubt zu sehen; mein Bruder
scheint von allem diesen nichts zu wißen, v ist aus seinen Briefen nichts von
seinem Zustande nichts von uns. Hauses zu errathen. Was soll ich denken.
Kurz ich reise v komme in 3 Wochen wieder. Behalten Sie ja alles für sich.
Ihre Nachricht von Buffons Schicksal ist mir ungeachtet Ihrer
Gleichgiltigkeit dabey so unangenehm als mögl. Es hilft mir nichts mich auf meine
Unschuld zu beruffen und dem alten Weibe dafür eine glücklichere Rückfahrt zu
wünschen. Selbst meine Neugierde wie viel der Schaden auf sich hat haben
Sie verschonen wollen. Der Catalogue raisonnée ist in der Rappuse vergeßen
wollen. Er soll hier gut biß auf nächste Gelegenheit aufgehoben seyn. Zachariä
Tageszeiten haben Sie also selbst ich dachte schon darauf sie Ihnen mit dem
Gespräche des Europäers zuzuschicken, das Sie mit ersten bekommen sollen.
Darf ich mit dieser Gelegenheit die noch bey dem Organisten an Jacobi Kirche
Frau Kettlern, Ausspeiserinn bey der Fr. General. W. da seyn wird.
Dunciade, Terraßon insbesondere v Büffon hätte gern mit; wenn der andere Theil
nicht durch die Gefahr des ersten abgeschreckt worden. Voltairens Gedicht
wünschte ich zu haben. Wo soll ich Grünhöfscher die freyen Urtheile
herbekommen.
Aus dem ersten Theil des Büffons möchte noch gern den Engl. v die Pflanze
wißen (im Abschnitt von den Winden) der von ihren Ausdünstungen selbige
hat herleiten wollen. Mit Kantens Dissertation scheinen Sie nicht so
vergnügt zu seyn als ich dachte. Ich traute ihm zu daß er unterschiedene
Betrügereyen der Einbildungskraft glücklich umgeworfen, daß er reiner als
andere über den Begrif des Raums pp abstrahirt hätte. Ich glaube daß es
natürlicher ist elastische, anziehende und zurückstoßende als vorstellende
Kräfte den Monaden zuzuschreiben; daß man alle phenomena der Körper
nicht aus der Zusammensetzung der ersten Theile, nicht aus derselben
Einfachheit allein, sondern noch mehr Voraussetzungen erklären muß. Epikur v Cartes
hat deren zu wenig, Plato v Leibnitz zu viel angenommen. Jene sind zu
furchtsam gewesen die Oberfläche der Körper zu verlieren, Ausdehnung, Figur,
Bewegung. Diese machten es wie die Stahlianer beynahe; die ihre Einsichten
zum Theil demjenigen einräumten, was sich e nicht erklären sollten laßen
wollte v sich auf den halben Weg theilten die Natur v der Artzt. Ich habe mich
wenigstens sehr oft bey Kantens Einfällen selbst gefragt: warum hat man
nicht eher so gedacht; da es so leicht zu seyn scheint zu seiner Meynung
überzutreten. Vielleicht wird uns die Fortsetzung beßere Materien bringen, die ich
neugierig bin zu lesen.
Von HE. P. weiß noch nichts als daß er in Mitau ist. Ich habe den Anfang
des Werks jetzt bekommen. v zweifle viel Ehre mit meiner Uebersetzung
einzulegen. Viele Druckfehler übrig geblieben, v ein Register davon ist unentbehrl.
Papier ist gespart wieder mein Bitten und unansehnl. Vielleicht bekomme ich
Muth diesen mislungenen Anschlag mit zu ersetzen, noch weiß nicht recht,
womit. Ich habe den Einfall gehabt Briefe eines Hofmeisters anzufangen.
In einigen Stunden Materie genung dazu die Welt über die Erziehung
aufzuwecken, auch vielleicht einige neue Versuche in diesem Handwerk. Vielleicht
würde es mir glücken diesen Entwurf so nützlich als lebhaft auszuführen,
weil er mir am Herzen liegt. Einige Articel der Encyclopedie habe ich auch
zur Uebersetzung bestimmt, deren Abschrift ich durch den HE. Berens zu
erhalten hoffe; ich wünschte sie aber so bald als es angeht zu haben. Meine
Einsamkeit, meine Verlaßenheit auf der Welt scheint mir mehr Fleiß als sonst
zu geben; wie wohl ich kann über anderer Arbeiten länger als meiner eigenen
aushalten. Etwas im franzöischen zu wagen, gehören gar zu viele Versuche
noch v eine geübtere Feder. Mach ich je einen Anfang darinn; so will ich Ihnen
mittheilen. Ich fürchte mich aber für meine eigene Wahl fast. Vielleicht kann
ich etwas Arbeit zur Zerstreuung machen, da es mir an allen andern fehlt.
Wie gern möchte ich Ihre Einladung annehmen um mir an einem Rinder-
oder Sauerbraten recht satt zu essen oder auch mich in Ihrem Ungarschen
Keller zu tränken. Das erste will in Königsberg zu Hause bestellen und von
dem letztern heben Sie mir eine Bouteille auf wenn ich wieder zurück komme.
So lange, ja so lange wird wohl mein Besuch ausgesetzt seyn müßen. Wir
sehen uns desto neuer einander. Werden Sie nicht auf Pfingsten in Mitau
seyn?
Die abeille du parnasse ist eben die welche Sie meynen. Aus In dieser
steht gleichfalls l’entretien d’un Européen nebst einer Lebensbeschreibung
des Verfaßers unter dem Titel: Senestal histoire Dumocalienne. Diese
periodische Schrift verdiente wohl daß man sie nach Riga ziehen möchte. Die
Wahl von Stücken hat mir auch damals sehr gefallen. Ich zweifle daß die
Fortsetzung der Piece des V. sur les mensonges imprimés die ich daselbst
gelesen, in seiner neuen Ausgabe steht; in meiner wenigstens nicht. Vergeßen
Sie doch nicht sein Gedicht auf Lißabon abschreiben zu laßen. Die stille
Gesellschaft in Königsberg verspricht etwas. Sie hat gute Mitglieder. Ob man
einen Versuch ihrer Ausbreitungen mit dieser oder künfftigen Meße zu lesen
bekommen wird.
Den Clairaut auf ein paar Tage zu lesen wäre mir wohl viel gelegen. Ob
dies angienge; ich denke hier auch bald die Geometrie angefangen; ein gut
Stück in der Arithmetic ist schon zurückgelegt. Ihre übrigen Anerbietungen
behalte mir künftig vor. Was macht Ihr Frauchen? Sie hat jetzt 2 Artzte, die
ihr vielleicht jetzt beyde nach dem Puls fühlen. Das arme Geschlecht! wenn
sie die Männer genung mit wiederholen gequält haben, werden sie von den
Doktors mit Aufsagen gedrillt. Wie bequem haben es die, welche keine
Frauensleute geworden sind noch welche nöthig haben. Leben Sie mit Ihrer
Hälfte recht vergnügt und zufrieden. Was machen Ihre Pflegekinder. Man
hat uns hier von einem neuen erzählt. Ist es wenigstens wahr daß der junge
v. C. in ihrer Schule geht. Haben Sie von seinem vorigen Hofmeister das
Gedicht wiederbekommen? Sein Oberster ist hier gewesen, habe ihn aber nicht
gesehen. Ein braver Mann seyn.     Was macht Ihr Herr Bruder?
Wird er nicht einmal Mitau besuchen. Ich wünschte nach allem dem Guten
was ich von ihm gehört, ihn nicht nur selbst wieder zu kennen sondern auch
zum Freunde zu haben. Grüßen Sie Ihn v den HE. P. Gericke aufs ergebenste.
Ich umarme Sie alle v bin der Ihrige Zeitlebens.
Hamann.


Ich dachte Youngs Love of Fame von Hause zu bekommen ist aber
ausgeblieben. Vergeßen Sie nicht Buffon, Terrasson v Dunciade. Der Catalogue
v Dumocalienne komt mit ersten den Sie dem HE. Berens mittheilen v mir
sobald als mögl. zurückbesorgen werden.









Brief nicht überliefert

Johannis 24. Juni, Vertragsende der Hofmeisterstelle
























Capital ... Zinsen vgl. für die Verwendung beider Begriffe als Kontrast
Hamann, Beylage zu Dangeuil
, N IV S. 238/39, ED S. 392: »Je entfernter die Zeiten, desto unverständlicher wurde die Überlieferung von dem Werth, der Natur und den Bedingungen einer Erbschaft, die viele Menschenalter gekostet hatte, und für deren Zinsen uns die Sorge und Wirthschaft aufgetragen seyn sollte. Die Gefahr eines Capitals in solchen Händen, die es nicht selbst erworben, ist groß.« Dabei geht es um die gesellschaftliche Rolle des Adelsstandes.










Rappuse Durcheinander










Engl. John Hill alias Abraham Johnson:
Hill, Lucina sine concubitu












Anhänger von
Georg Ernst Stahl






























Pfingsten 6.6.1756
























Oberster vll. Carl Caspar v. Gaugreben












Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (21).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 31–33.
ZH I 196–199, Nr. 76.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
197/16 I
ZH: I  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies I  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): I
197/25 wollen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies worden statt wollen  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): worden
197/28 Darf ich mit dieser Gelegenheit die noch bey dem Organisten an Jacobi Kirche Frau Kettlern, Ausspeiserinn bey der Fr. General. W. da seyn wird.
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): zwischen Zeile 28 und 29 fehlt ein längerer Satzteil
197/7 ich bins
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies ich bin  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): bin