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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter), Johann Christoph Hamann (Bruder)
Grünhof, 28. und 29. Dezember 1755
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ZH I, 129



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Grünhof den 28 Christm. 755.

Herzlich Geliebteste Eltern

Eben bin mit meinen Neujahrs Wünschen fertig; für Freuden weiß meine
Zeit nicht beßer anzuwenden als Dero liebreichen Brief, den über Riga diese
Woche erhalten, jetzt zu beantworten. Aus den wenigen Zeilen die ich neulich
in der grösten Eil aufgesetzt, werden Sie schon meinen Tausch wißen. Ich bin
wieder hier v finde viel Zufriedenheit darinn, daß Ihre Wahl meine
Entschlüßung billiget. Das übrige werde von dem entschieden, unter deßen Vorsehung
unser Schicksal steht. Wie angenehm sollte es mir seyn die Freude zu erfüllen,
die Sie sich schon zum voraus auf meine Rechnung machen. Ich habe die
Höflichkeit bey Ihro Excell. angebracht, die Sie so gütig gewesen in Ihrem
Briefe anzubringen. Man war für diese Aufmerksamkeit erkenntlich, man
gedachte zugleich, daß man sich schon vorgenommen hätte an Sie nach
Königsb. zu schreiben um mich wieder zu haben. Es ist mir lieb, daß man diese
Mühe nicht nöthig gehabt. Ein paar Tage nach meiner Ankunfft bin hier zu
meinem Verdruß unpäßlich worden und muß leyder! noch die Stube hüten.
Verkältung vermuthlich ist schuld daran. Eine geschwollene Hälfte vom
Gesicht nebst einem Flußfieber, verdorbener Magen, verhärteter Leib jetzt wieder
seit 4 Tagen. Gott Lob daß ich nicht völlig das Bett hüten darf. An Pflege
fehlt es mir nicht, wie Sie leicht denken. Es läge an mir noch mehr zu haben.
Man hat mir einen Artzt aus Mietau anbieten laßen, den ich zu einer solchen
Kleinigkeit nicht für nöthig halte. Ich will heute Abends ein abführend
Pulver das man hier hat v Morgen früh wieder einnehmen. Mein Zahngeschwür
scheint zeitig zu seyn, und ich wünschte den Aufbruch deßelben befördern zu
können. Man erwartet den jüngsten HE. Grafen von Lacy morgen, der das
Neue Jahr hier zubringen wird; ein Liebling seiner Schwester. Meine
Krankheit wird mich schwerlich vor dem NeujahrsTage verlaßen. Wenn nur mein
Magen beßer wäre – – ein großer Appetit der von Schärfe herkommen muß,
eine enge Kehle von Blähungen v Schlappigkeit des Magens; nebst einer
Spannung im Zwergfell oder in der Brust. Ich hoffe nicht daß dies viel auf
sich haben wird, mein harter Leib ist gleichwol eine Seltenheit. Das hiesige
Bier hat mich mit Blähungen zugesetzt, weil es nicht gut gegohren; ich trinke
daher Waßer mit geröstetem Hausbrodt und meine Portion Wein
mehrentheils dabey. Sollte es an Getränke liegen? Der Winter ist abgegangen, die
Gelegenheiten nach der Stadt sind seltner. Ich weiß nicht, wenn dieser Brief
abgehen wird. Bey beßerem Wege hätten Sie ihm am ersten NeujahrsTage,
Geliebteste Eltern erhalten sollen. Nun glaube ich daß ihn erst die Post dann
wird mitnehmen können. Wenn meine Wünsche verspäten, so verlieren Sie
gleichwol nichts von Ihrer Kraft. Ohne eine Liste von allen den Gütern zu
machen, die der Menschen Glück befördern nehmen Sie die Aufwallungen
meines kindlichen gehorsamen dankbaren Herzens an statt großer Reden an.
Gott kennt unser aller Nothdurft am besten, seine Weisheit und Güte, die er
auf einen größeren Schauplatz für uns als das kurze und elende Leben ist
uns in ihrer Größe zu zeigen aufbehalten, wird uns auch in diesem
Raupenstande nicht vergeßen. Er mache unsere Seelen gegen Satan, Welt und uns
selbst stark, und führe uns zu seiner Ehre und unserm ewigen Glück heraus.
Wenn unsere Schwachheiten einmal aufhören werden, wenn ein neuer Leib
uns umgeben wird, deßen Last unser Geist nicht fühlen wird; dann laß er uns
mit jenen Kranken, die sein Wort gesund machte, mit einander ausruffen:
Der Herr hat Alles wohl gemacht. Biß auf diesen schönen Augenblick, der uns
absondern unterscheiden und belohnen wird, gönne er uns das Gute seiner
Geschöpfe und unsers jetzigen Auffenthalts in ihm zu genießen, auch hier in
Glück und Unglück zu sehen und zu schmecken, wie freundlich Er der Herr ist:
So lange uns Gott auf seinem Grund und Boden hier erhält, Liebste Eltern,
laßen Sie uns unsere gegenseitige Verhältnis zum Trost und Aufmunterung
dienen. Meine Entfernung ist vielleicht selbst eine unerkannte Wohltat der
Vorsehung, und giebt Ihnen Vortheile vielleicht, denen Sie meine
Gegenwart berauben würde. Ein Brief, eine gute Nachricht von mir, die
Hofnung mich wieder zu sehen … sind dies nicht Arten von Vergnügen, die
Ihrem väterl. Herzen wenigstens zum Zeitvertreib gereichen können.
Feinde und Verfolger, lieber Papa, verschonen Ihr frommes Alter nicht. Sie
vertrauen mir Ihren Gram darüber, den ich kindlich mit Ihnen theile.
Wie oft und wie muthig haben Sie sich auf selbige beruffen, das tägliche
Brodt, das Ihnen der liebe Gott zuschneidt, wird niemand als Sie zu
genüßen bekommen. Es gedeye Ihnen desto beßer und der Fluch ihres
armen Nächsten wird sich in einen zu lauter Seegen in ihren Körben
verwandeln. Denken Sie an uns weniger als Sie vielleicht thun, laßen Sie es
sich aus Liebe zu uns an einem zufriednem Herzen mit einem bescheidnem
Theil nicht fehlen. Der Himmel wird uns Jungen auch wohl versorgen,
wenn wir ihn anruffen. Meine eigene Erfahrung sagt mir, daß er noch
nicht aufgehört hat Wunder zu thun. Ist derjenige König arm oder geitzig
geworden, der nicht jedes Jahr den Tag seiner Huldigung als den ersten
durch Schaumünzen und allgemeine Freygebigkeit seiner Schätze feyret?
Sein Reichthum flüst nützlicher ohne öffentl. Aufruhr in die Häuser seiner
Unterthanen.
Es ist Zeit hier meine Betrachtungen abzubrechen. Sie sind meine liebste
Gesellschafft. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen bloß zu Gefallen ernsthafft ja
auch als ein Christ denke. Mein eigner Wunsch stellt mir letzteren als das letzte
Ziel unserer Menschlichkeit für. Ich fürchte mich, daß ich mich künfftig an
meiner Schoosneigung zu Büchern wie die Kinder Israel am Manna vereckeln
werde. Wenn meine Leidenschaft zu den Wißenschaften aufhören sollte, so
weiß ich keine in mir so stark, die diese ersetzen könnte. Wie theuer soll mir der
Wink seyn zu einem Göttlichen Geschäffte. Das Beyspiel eines guten
Freundes, den ich hier unvermuthet gefunden, und deßen Schicksal mir nahe geht,
hat einen wehmüthigen Eindruck bey mir gemacht. Der Höchste lacht unserer
Keckheit, unsers leichtsinnigen Muths, wie unsers Verstandes. Ihre
Erinnerung in Ansehung des letzteren möge bey mir nicht fruchtlos seyn.
Weil heute noch eine Gelegenheit nach Mietau abgeht, so muß schließen.
Ich habe noch fast nichts von meiner hiesigen Einrichtung sagen können. Daß
meine Aufnahme hier sehr feyerlich gewesen, läst sich gleich vorstellen. Ich
habe mich weder zu einer gewißen Zeit noch unter der Bedingung des Reisens
verbindlich gemacht. Wer kann mir für den Ausschlag meiner Bemühungen
gut sagen? Dies muß die Zeit lehren. Wenn ich zum Nutzen der jungen Herren
hier seyn und was gutes bey Ihnen ausrichten kann; so soll mir kein Ort und
keine Gelegenheit die Welt zu sehen lieber als gegenwärtige seyn. Wenn das
erstere nicht eintrift; so fällt das letztere von selbst um. Seyn Sie mit dieser
Gleichgiltigkeit, Liebste Eltern, zufrieden; sie ist wenigstens sehr ehrlich und
unschuldig. Die kurze Zeit verbietet mir jetzt noch eine weitere Aussicht, da ich
ohnedem kaum mich wegen meiner Unpäßlichkeit recht habe in Falten legen
können. Mit dem ersten Fuhrmann erwarte die Sachen. Ich hätte wohl noch
gern etwas um meine Dienstfertigkeit hier zu bezeigen. Die Fr. Gräfin hat
gewünscht einige Insecten Stücke von Börnstein Ihrem HE. Bruder dem
HE. Grafen zum Andenken zu geben. Wenn ich unvermuthet damit
zuvorkommen könnte; so würde dies sehr gut aufgenommen werden. Es müßen
aber ausgesuchte Stücke seyn, die mit dem ersten Fuhrmann überkämen; weil
ich ohnedem mit Schmerzen auf die andern warte. Ernesti habe hier im
Buchladen angetroffen; seine Rhetoric nicht. Der junge HE. hat sie also schon,
wenn ich ihn unterdeßen auch bekäme, könnte es nicht schaden. Seine
Philosophie könnte vor der Hand wenigstens entbehren. Auf die andern Sachen
warte aber mit Schmerzen.
Gott sey mit Ihnen, herzlich Geliebteste Eltern. Er seegne Sie Beyderseits
und unser ganzes Haus im geistl. und leibl. Alle gute Freunde nebst Jgfr.
Degnerinn grüße herzlich. Ich küße Ihnen tausendmal die Hände mit der
kindlichsten Ehrfurcht und ersterbe
Ihr gehorsamster Sohn.


An meinen Bruder.

Frölich Neu Jahr. Ein frölich Herz, ein gesunder Leib, ein gut Gewißen.
Auf wie lange ich Dich, mein lieber Bruder Christel, praenumeriren soll, weiß
ich nicht; du auch nicht. Der Himmel zieh also unser Loos. ponderentur, non
numerentur,
laß uns unsere Jahre als Zeugen ansehen, auf deren Gewicht
mehr ankommt als auf Ihre Menge. Ich habe nicht Zeit aufzuschlagen. Wenn
diese Stelle fehlt: so muß sie so heißen: eine willkührl. Kopfsteuer (Was
Poll seyn soll weiß nicht besinne mich auch gar nicht in einem Exemplar
gefunden zu haben; mein engl. Dictionair ist noch nicht hier) die zwar
mittelmäßig aber in ihren Folgen gefährlich ist, weil es leichter fällt eine
schon eingeführte Abgabe zu vermehren als eine ganz neue
einzuführen
.
Ich weiß noch nicht ob HE. Lindner angekommen. Er hat seinem Bruder
ein gewißes Gedicht pucelle wo ich nicht irre mitbringen wollen wovon ich
auch ein Exemplar wohl gehabt hätte. Ob es geschehen weiß ich nicht. Besorge
doch meine Sachen mit dem ersten Fuhrmann v lege mir Lilienthals neueste
Auflage von seinem Gesangbuche bey. Ich halte dies für die beste v nützlichste
Arbeit meines Wohlthäters v habe schon lange es zu haben gewünscht. Du
würdest mich betrüben wenn Du es vergeßen möchtest. Schreibe ohne Rand
v leeren Raum an mir, mein lieber Bruder. Gott mache mich nur gesund, daß
ich so wohl meinen Beruf als Nebenarbeiten abwarten kann. Mein Nachbar
der HE. Pastor ist Bräutigam. Wirst Du nicht bald Pastor adjunctus seyn.
Grüße alle Freunde. Künftig mehr. Du wirst in Bestellung meiner Briefe
saumseelig gewesen seyn. Doch St.. zum Neuen Jahr will ich mich nicht mit
Dir zanken. Lieb mich und vergiß Deinen Freund nicht; der es dem Blut und
dem Herzen nach ist und bleiben wird.
Johann George Hamann.


Den 29. Decembr. Schreib an unsre liebe Freunde in Riga.



Brief nicht überliefert

wenigen Zeilen Brief 51













Flußfieber »Febris catarrhalis, ein nachlaßendes Fieber, welches sich mit Flüssen auf der Brust vereinigt. Man macht einen Unterschied unter ein gutartigen [Catarrh] und bösartigem Flußfieber.« Oeconomische Encyclopädie oder Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- u. Landwirthschaft, 14. Tl. (Berlin 1778), S. 420



Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)
























Raupenstande vll. entlehnt aus A. v. Hallers Versen in »Antwort an Herrn Bodmer«: »Mach deinen Raupenstand und einen Tropfen Zeit, / den, nicht zu deinem Zweck, die, nicht zur Ewigkeit.« Gedichte des Herrn von Haller (Zürich 1750), S. 174





[...] wohl gemacht Mk 7,37






























Manna Joh 6,58





lacht Ps 2,4 u. 37,13














in Falten legen ordnen



Börnstein Bernstein, vgl. Brief Nr. 56 (ZH I 137/18)




Ernesti Ein Exemplar von
Ernesti, Initia Rhetorica
, Brief Nr. 51 (ZH I 125/8); welchen Titel von Ernesti Hamann gefunden hat, ist unklar.














ponderentur [...] gewogen, nicht gezählt



willkührl. Kopfsteuer [...] Zitat nicht ermittelt

engl. poll tax = Kopfsteuer






















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (33).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 78–80.
ZH I 129–132, Nr. 53.