PDF  Brief  /  Band
151
Trutenau, 12. Juli 1759  ZH I, 361
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Bruder)
ZH I, 361



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Königsberg Trutenau. den 12. Jul: 1759.

Herzlich Geliebter Bruder,

Ich bin heute früh in Gesellschaft Zöpfels und Nuppenau hieher gegangen
um des Sommers zu genüßen. Frau Belgerin wird heute auch vermuthlich
segelfertig geworden seyn. Mein Vater hat mir Hofnung gemacht hier
abzuholen. Gott Lob! leidlich gesund aber von häusl. Verdruß so umringt, daß
er kaum Luft schöpfen kann. Was machst Du denn? heute wird hoffentlich ein
Brief von Dir ankommen, auf den Du uns schon lange hast warten laßen.
Bete und arbeite! Die Menge Deiner Geschäfte und Stunden siehe Dir durch
Ordnung und Mäßigkeit zu erleichtern. Ordnung ist die innere Oekonomie,
Mäßigkeit die äußere. Die erste ist der Kunst gleich dasjenige zu zerlegen, was
in der Schüßel ist, die letzte ist der Art gleich das zu zerschneiden, was auf
dem Teller für uns liegt; jene muß regelmäßig, diese sittlich seyn.
Ehe ich vergeße, mein lieber Bruder, besorge doch den Schlafpeltz für Herrn
Putz; ich habe Dich schon daran erinnert. Geht es mit den Lauten Sachen an;
so wäre es gut. Ich will die Hälfte der Kosten gern tragen. Die Fracht
könntest Du auf das genaueste accordiren mit dem Fuhrmann und hier bezahlen
laßen. Suche aber was gutes aus, und siehe auf die Breite, weil Du weist
daß er nicht lang seyn darf. Wenn meine Lautenstücke noch nicht abgegangen,
möchte wohl Johnsons Dictionaire beygelegt haben. Sind sie schon fort, so
denke nicht einmal daran; falls nicht, so wird es das einzige Buch seyn, das
ich hier brauchen könnte um das engl. nicht ganz zu vergeßen.
Ich bin am Anfange dieser Woche in Gesellschaft des Herrn B. und
Mag. Kant in der Windmühle gewesen, wo wir zusammen ein bäurisch
Abendbrodt im dortigen Kruge gehalten; seitdem uns nicht wieder gesehen. Unter
uns – unser Umgang hat noch nicht die vorige Vertraulichkeit, und wir legen
uns beyde dadurch den grösten Zwang an, daß wir allen Schein deßelben
vermeiden wollen. Die Entwickelung dieses Spieles sey Gott empfolen, deßen
Regierung ich mich überlaße und von ihm Weisheit und Gedult dazu bitte
und hoffe.
Ich habe schon vorige Woche der Frau Consistor. Rath L. versprochen zu
schreiben, ich weiß nicht, wie es mir unter unsern häusl. Verwirrungen, die
durch Besuch p veranlaßt worden entfallen; daher sehe mich genöthigt jetzt
zu schreiben um Einlage zu befördern. Ich bin hier nicht gesammelt noch
muthig dazu. Müdigkeit vom heutigen Gange, die warme Witterung, das
faselnde Vergnügen zerstreut mich zu sehr. Wie lang ich hier bleiben möchte,
weiß noch selbst nicht. Gott wolle mir auch diese Landluft in Seiner Furcht
genüßen laßen. Hat Herr Magister schon die lyrische, elegische und epische
Gedichte, die zu Halle diese Meße ausgekommen? Ich hätte sie gern hier gelesen,
aber der Buchbinder ist nicht fertig geworden sie zu hefften. Melde mir doch,
ob ihr sie dorten durch Kayser erhalten habt.
Schreibe uns doch bald, laß Baßa und Lindner dort bey Gelegenheit an
mich erinnern. Grüße Deinen liebreichen Wirth und Wirthin –
Ich empfehle Dich Göttlicher Obhut und ersterbe Dein treuer Bruder.
Joh. George Hamann

Königsb. den 13 Julii 1759

Hertzvielgeliebter Sohn!

Deinen Brief habe gestern mit viel Freude und Vergnügen erhalten ob er gleich
nicht an mich sondern an Deinen Bruder war, die attresse aber an mich. Ich freue
mich Deines Wohlbefindens, Gott erhalte Dich dabey und gebe Dir was Dein Hertze
wünscht Dein Bruder ist gestern frühe nach Trutnau gereiset, und zwar zu Fuß u.
hat HE. Zöpel u HE. Liborius mit genommen, die aber gestern Abend wieder
gekommen. Er will den Sommer gernen genissen und gerne Erdberen essen. Gott bringe
Ihn bald gesund zu rücke. Gestern ist auch die Fr. Adv. Belgern von uns mit Lohrgen
abgereiset. Gott begleite Sie. Heute 14 Tage fanden wir Sie als wir aus
Catharinenhefen kamen, alda ich den HE. Kade zur Ader ließ. Die Fr. Hartungen hat am
Dienstag Hochzeit gehabt und zwar am Ruschischen Feste, mit HE. Woltersdorff.
Ich habe heute noch einen Brieff aus Riga erhalten an Deinen Bruder, ich weiß
aber nicht von wem, ich werde Sie nebst Deiner inlage behalten biß er wieder kompt.
Gott sey Dir doch genedig und gebe Dir Seinen Seegen in Zeit u ewigkeit.
Den 14 Julii. Gleich ietzo bekomme einen Packetgen von dem Herrn Mag. Lindner
von 3 Studirenden die von Riga kommen sindt welches auch an den Bruder soll,
und nun habe 3 Brieffe die auf Ihn warden, Gott Seegne Dich und Sey Dir Gnädig
in Zeit und ewigkeit und laß es Dir wohl gehen.
Gedenke auch an mich und Schreibe mir wen Du Zeit hast. ich ersterbe Dein
treuer Vater
Joh Christoph Hamann.


Grüße alle gute Freunde absonderlich den HE Mag. Lindner u. seine Gemahlin
adieu.
Veränderte Einsortierung:
Die Einsortierung wurde gegenüber ZH verändert (dort: „Königsberg den 16/5 Julius 1759“), sie erfolgt chronologisch zwischen Brief Nr. 151 und 152.

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (57).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 408–409.
ZH I 361–362, Nr. 151.

Zusätze fremder Hand:
363/1–24 Johann Christoph Hamann (Vater)