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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 25. April 1756
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ZH I, 187




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Herzlich Geliebtester Freund,

Jetzt kommt Büffon zurück. Den Augenblick höre von einer Gelegenheit,
die morgen früh abgehen wird. Ich bin schon dafür besorgt gewesen. Ist die
Zeit zu lange gewesen. Ich habe ihn dafür jetzt zum 2ten mal geschloßen.
Werd ich auf den 2ten Theil mit dieser Gelegenheit hoffen können? Wie geht
es mit Ihrer Auction. Hab ich noch Hofnung etwas daraus zu bekommen.
Wie unruhig muß es bey Ihnen seyn. Haben Sie noch Zeit zu leben? Ich sehe
mich gegen die Last Ihrer Geschäfte wie einen Müßiggänger an, v es fehlt mir
daran. Gestern habe von Königsberg Sachen erhalten, wo auch Einlagen an
Sie sind. Beykommende Briefe. Voltaire Pucelle d’Orleans, die ich gestern
Abend zu Ende gebracht, ohne sie aus der Hand zu legen um meiner unnützen
Neugierde nur loß zu werden. Ich glaube nicht, daß es Maubert Ausgabe ist,
wenn dem Baumelle zu glauben; sondern vielmehr die Frankfurter, die er
selbst veranstaltet. Nichts auf den Salomon de Nord cet. finden können;
wovon jener redt. Zu den Gelehrten Beylagen zum Hamb. Correspond. habe
schon zum voraus aus den Schles. Zeitungen eine lange Recension gelesen,
worinn einige Anecdotes zu finden sind, die aber nicht deutlich genug erklärt
werden. An Greßet ist daselbst auch gedacht. Dies ist vermuthlich das Stück,
welches Menoza anführt unter dem Titel Pucelle auf die Mutter Maria
warum er aus Frankr. vertrieben worden. Es bleibt ein scandalös Gedicht voller
frechen Bilder v schändl. allegorien oder Parodien. Was urtheilen Sie von
dem Briefe dieses alten Zahnbrechers v dem unglückl. v in seinem Unglück
großmüthigen Baumelle. 2 Theile gratis; gratis; das lohnt zu subscribiren.
Wie aufgebracht die armen Schriftsteller durch das Geschmeiß von
Buchführern werden können, davon hab ich Ihnen auch eine kleine Probe neul.
gegeben. Mein Bruder hat mir die Uebersetzung geschickt; so weit sie fertig ist.
Ich will noch heute darüber hergehen. Das äußerl. könnte zur Noth ein wenig
beßer seyn. Vom 5. April ist nichts als der erste Bogen vom Spanier fertig
gewesen. In einer neuen Verlegenheit. Ich weiß nicht, warum ich keine
Antwort mit der Post aus Königsb. erhalte. Ich zweifle liebster Freund, daß P.
das Mst. hingeschickt. Entdecken Sie mir doch, was er Ihnen darüber gesagt;
vielleicht hat er es Ihnen gar zur Durchsicht erst gebracht. Meinem Bruder
habe einige mal über ein paar Stellen auf der Post geschrieben; v ihn dringend
um Antwort gebeten, die ich schon wenigstens vor 10 Tage hätte erhalten
können. Das Mst muß noch nicht abgegangen. Ein paar wichtige
Veränderungen dazu, weil ich die Rigische Schriften über den Handel für öffentl. hielte,
v ich wollte sie in meine Handschrift niemanden gern in dem Zustand worinn
sie ist, lesen laßen. Sehen Sie mein letztes Schreiben als keine Wirkung eines
aufgebrachten Affects an. Der Autor Herr Doctor hat mir Nachrichten
gegeben, die mir vielleicht die Gesinnungen des HE. P. etwas näher entdecken in
Ansehung meiner Beylage; welche mir sehr gleichgiltig sind und seyn
werden. Ich bekümmere mich nicht einmal um sein Urtheil, geschweige daß es
mich rühren könnte. Wenn ich mich fürchte; so erstreckt sich meine Furcht nur
auf Kenner v Richter; es ist mir niemalen im Scherz eingefallen ihm nur den
Schatten davon einzuräumen. Von dieser Seite bin also ganz ruhig. Hätte er
nicht wenigstens das Recht offenherzig gegen mich zu seyn; wie ich es gegen
ihn gewesen bin. Nur dies verdrüst mich am meisten daß er mich allenthalben
schon mit sm. Verlag v künfftigen ausgeschrien; da doch meine Arbeit
vielleicht durch die Dunkelheit des Verfaßers hätte gewinnen können, wenigstens
darnach eingerichtet ist besonders an denjenigen Orten, wo sie am ersten
vielleicht gelesen werden könnte, v wo sie noch am verständlichsten seyn könnte.
Melden Sie mir wenigstens, Liebster Freund, alles was Sie wenigstens in
Ansehung derselben von ihm haben ausbringen können; an dem Glück seiner
Freyerey ist mir wenig gelegen. Ich würde mich am meisten freuen, wenn ich
mich in meinen Gedanken über ihn betrogen hätte v mich gern ihm zu
Gefallen zum Lügner wünschen um ihm mein Unrecht mit einer wahren
Freundschaft ersetzen zu können. Ja ich würde mir aus meiner Freymüthigkeit einen
Vorwurf machen, wenn ich die Möglichkeit zur Beßerung bey einem
Menschen zu hoffen wäre, der so geneigt ist sich selbst als andere zu betrügen.
Nun ich komme auf ein ander Muster. Lesen Sie doch die kleine Misgeburth
von Watson. Um sich zum Krüpel zu m lachen, was uns dieser große Mann
vom Fabricius erzählt v wie ästhätisch er seinen Canitz v Haller anzubringen
auch den Boileau v Juvenal. Que diable a-t-il mangé? sagt der Franzose.
Dieser Junge, der die Ruthe vor den H… haben sollte, wird den steifen Bock
einmal succediren; v ist schon Prof. Poes. extraord.
Wolson hat mir fünftehalb Zeilen geschrieben v verlangt mich in seinem
Leben nicht in Königsb. zu sehen. Der ehrliche Kerl sieht sich mit viel
Gelaßenheit als das Sühneopfer aller seiner verlornen Freunde in seinem Vaterlande
an. Er seegnet uns alle wie ein sterbender älterer Bruder seine jüngern, die
er für glücklicher glaubt, ohne Neid v Misgunst.
Warum halten Sie die abeille du Parnasse nicht. Ich verdenke es Ihnen
sehr. Der König Stanislaus ist der Verfaßer des entretiens d’un Europeen,
die das Geschrey verdienen, was man von ihnen gemacht. Wenige Bogen, die
vielleicht so schwer als der Machiavell v Antimachiavell zusammengenommen
sind. Noch kann ich sie nicht mißen. Erst heute den Anfang gemacht. Und
Zachariä Tageszeiten.. mich an ihren Kupfern erfreut. Verzeyhen Sie es mir.
Ich wollte Sie am liebsten in Ihrer Gesellschaft lesen. Was macht HE.
Berens? Umarmen Sie ihn für mich. Schreiben Sie mir mit erster Post, wenn es
Ihnen mögl. wenigstens mit dieser Gelegenheit. Jetzt gehe mit vieler
Besorgnis an die Durchsicht meiner Uebersetzung; ich zittere für das Misvergnügen,
was mit Druckfehler oder die zweite v eine zu späte Correctur machen werden.
Ist P. noch da. Im Fall fragen Sie ihn im Ernst aus, ob meine Beylage…
Courage. Den Augenblick erhalte Briefe von meinem Bruder v Berens.
Leben Sie wohl. Ich laße diesen zumachen um in Ruhe das Vergnügen zu
genüßen. Das Mst ist da; so viel ersehe aus der ersten Zeile. Ich küße Sie v
Ihre liebe Frau v Bruder mit der aufrichtigsten Freundschafft. Leben Sie wohl,
leben Sie wohl.
Noch eine Nachschrift. Einen herzlichen Gruß von Hause. Meine Mutter
befindet sich schlecht leider! Gott helf Ihr. Meines unruhigen lieben Vaters
Brief hat mich sehr gerührt. Wer tröstet mich, mich einsamen, mich traurigen,
der mit seinem Leben sich selbst so wenig als andern zu dienen bisher beruffen
zu seyn scheint. Mit wenig Hofnung angewandt; mit desto mehr Hofnung
aufgegeben. Leben Sie beßer.

Längs am linken Rand der ersten Seite:
Zuzu nächstens. Beylage nebst dem Mst. bitte an HE Berens zu bestellen.
Meinen ergebensten Gruß an die HE. P. P. Gericke.











Jean Henri Maubert de Gouvest
, der vmtl. eine entstellte, Voltaire diskreditierende Ausgabe besorgte (Frankfurt 1755).

Laurent Angliviel de la Beaumelle
, der vmtl. ebenfalls eine entstellte, Voltaire diskreditierende Ausgabe besorgte (Louvain [fingiert] 1755). Wie stark die Ausgaben von Maubert und/oder Beaumelle von Voltaires Manuskript abwichen, ist nicht abschließend zu klären.

Salomon de Nord cet.
Friedrich II. v. Preußen
; die Pucelle enthielt eine starke Polemik gegen den preußischen König, bishin zu diskreditierenden Andeutungen auf dessen vermeintl. Homosexualität.

Gelehrten Beylagen zum Hamb. Correspond. meint vmtl. Allgemeine gelehrte Nachrichten aus dem Reiche der Wissenschaften (unter diesem Titel 1751–1758 erschienen) zu
Staats- und gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten
.

Schles. Zeitungen vmtl. Schlesische Privilegirte Staats- Kriegs- u. Friedens-Zeitungen



Menoza
Pontoppidan, Menoza
, worin der XXIII. Brief in Bd. 1 von Voltaire handelt, dort S. 385 wird Pucelle erwähnt, jedoch kann nur das als Manuskript kursierende Gedicht gemeint sein.

er aus Frankr. vertrieben Voltaire beaumelle-voltaire
















Rigische Schriften ein Manuskript, das von dem Handelsethos der Familie Berens in Riga berichtet, wovon H. Teile in
Hamann, Beylage zu Dangeuil
zitiert, N IV S. 239/21ff., ED S. 393ff., vgl. Brief Nr. 74 (ZH I 190/16).


















Freyerey Hochzeit








Friedrich Rudolf Ludwig Frh. v. Canitz

Que diable... Was zum Teufel hat er gegessen?
Nicolas Boileau-Despréaux



Johann Christoph Wolson
; Zeilen nicht überliefert

















Briefe nicht überliefert;
Johann Christoph Hamann







Brief nicht überliefert






Mst. vll. die »Rigische Schriften«, Brief Nr. 74 (ZH I 188/31)


Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (24).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 31.
ZH I 187–190, Nr. 74.