PDF  Brief  /  Band
167
Königsberg, 20. November 1759  ZH I, 441
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Bruder)
ZH I, 441



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Königsb: den 20. Nov. 1759.

Βη δε κατ’ ουλυμποιο καρηνων αϊξασα

Die blauaugichte Minerua stieg von den Scheiteln des Olympus – – αϊξασα
– stracks war sie da – geschwinder wie die Räder des Sturms rollen, und die
Gemsen klettern. Mit eben so einem αϊξασα! melde ich Dir, heute das dritte
Buch der Odyssee angefangen zu haben. Homer ist also mein erster Autor,
und es thut mir nicht leyd ihn gewählt zu haben. Ich könnte Dir schon einen
ganzen Brief von den 2 Büchern schreiben; ich will aber so lange warten, biß
Du die dreybogichte griechische Grammatick erhalten wirst, die mit den übrigen
Büchern erst abgehen soll.
Dem HE. Rector melde vor der Hand, daß ich den Posttag darauf einen
Imperial von HErrn Kade ins Haus geschickt bekommen, daß ich 2
Qvittungen darüber unterschrieben, und so gleich eine Nachricht davon an die Frau
Consistorial R. nach Steinbeck; daß heute Mag. Siebert durch einen Gesellen
des HE. von Acken auf seine Handschrift den Imperial erhalten, und alles
jetzt seine Richtigkeit habe. Ich habe es für überflüßig geachtet bloß wegen
dieser Kleinigkeit zu schreiben, da ich gedacht, daß er die Nachricht davon durch
HE. Ältest. Johanningk am besten erhalten könnte, dem meine Qvittung
vermuthlich wird überschickt seyn.
Ich war darüber aufgebracht, weil ich den klugen Kaufmann und seine
Leute in dem Irrthum sah, als wenn mir der Imperial als ein Gratial
überschickt würde. Sie hätten also keine Complimente zu machen, und ein
litteratus nähme das erste das beste Geld für lieb. Ihre Einbildungen mögen
gewesen seyn wie sie wollen, so hätte es sich für ordentl. Leute geschickt mir zu
sagen: Wir haben kein solch Geld, wollt ihr den Werth davon annehmen, aber
nicht das letztere mir aufdringen wollen, als wenn Rubel und Imperial
einerley wären. Ich habe mit zu wenig Aufmerksamkeit die Qvittung angesehen
und hatte doch gleich wol die Neugierde zu wißen wie hoch der Imperial
angerechnet. HE Kade hat zu meinem Vater von 10 Rubel gesagt; ob HE Kade
sich verredet oder der letztere unrecht verstanden, weiß nicht. Lauson hat mir
von Schwink Comptoir zu 10 Rthrl. für ganz gewiß angeboten. Hat HE
Mag. Gelegenheit oder Lust unter der Hand darnach zu fragen: so möchte wol
den rechten Grund wißen.
Die lateinischen Grammaticken sind ausgegangen werden aber in 8 Tagen
aus der Preße kommen; in welcher Zeit das verlangte erfolgt. Destouches ist
gewiß da; von Andrews weiß nicht. HE Rector kann sich verlaßen daß alles
richtig bestellt werden soll.
Popowitsch ist nicht hier; ich wünschte, wenn er sich seine Grammatick so wohl
als insbesondere sein Buch vom Meer aus Hamburg verschriebe. An dem
letzten wäre mir viel gelegen, daß er es hätte. Johann Ehrenfried Wagner
bezieht sich auf seine lateinische Grammatick, die auch nicht hergekommen. Sie muß
nach der griechischen Sprachlehre zu urtheilen ein sehr nützlich Büchlein seyn.
Ich weiß, daß er mit Keyser in Corresp. steht. Du könntest zugl. den letzten Theil
von Pluche Schaupl. der Natur mitkommen laßen, der hier gleichfalls nicht zu
haben, und wer weiß wenn? einkommen möchte. In Popowitsch vom Meer
sollen viel Philologica vorkommen. Aichinger lese ein wenig ehe er abgeht. Der
Anfang hat mir gefallen. – Auf das Reisegeld wird hier gewartet. – Ich hoffe
nicht daß HE Rector Vechneri Hellenolexicon hat; es kommt mit, weil ich es
für ein sehr brauchbar Buch zur lateinischen Sprache und für einen
Schulmann ansehe. Hat ers, so muß es mit erster Post abgeschrieben werden. NB.
Des sonderbaren Innhalts wegen habe noch Luthers merkwürdigen Brief
vom Dollmetschen, den Peucer mit nicht zu verwerfenden Anmerkungen
herausgegeben, für den HE. Mag. beygelegt. Es ist eine kleine Schrift und
kostet einige gl. Mit was für Recht ein alter Gottesgelehrter dieses
Sendschreiben Göttlich genennt, und jedes Wort davon erhoben, möchte manchem
ein Räthsel seyn. Luther hat darinn seiner Heftigkeit und seinem Feuer recht
den Zügel gelaßen. So wenig ich von des Helvetius Schrift de l’Esprit mache,
so sind doch einige Kapitel über die Leidenschaften nicht zu verachten. Der
Franzos hat eine Geschichte seines eigenen uns beschrieben, der im Gedächtnis
und einer physischen Empfindlichkeit besteht, die den herrschenden Ton der
Modeschriftsteller in Frankr. ausmacht. Er weiß angenehm zu erzählen, und
überhebt seine Leser der Mühe nachzudenken, weil diese Mühe mit seiner
physischen Empfindlichkeit vermuthlich streiten muß.
Was das für eine ungezogene Moral ist, die die Leidenschaften verwerfen
will, und ihrer Tochter die Herrschaft über sie einräumt. Die Leidenschaften
müßen schon die Schule ausgelernt haben, wenn sie der zarte Arm der
Vernunft regieren soll. Doch diese Moral wird eben so bewundert als die Politick,
welche das Eigenthum der Güter aufzuheben sucht – von Papageyen, die ihr
χαιρε und sonst nichts dem Kayser zu sagen wißen. Brauch Deine
Leidenschaften, wie Du Deine Gliedmaßen brauchst, und wenn Dich die Natur zum
Longimanus oder Vielfinger gemacht, so wird sie und nicht Du verlacht; und
Deine Spötter sind lächerlicher und mehr zu verdammen als Du mit Deiner
längeren Hand oder mit deinen sechs Fingern.
Trescho hat mir wieder geschrieben; nichts als witzige Wendungen. Noch
keine Antwort auf das was ich schreibe, bisher von ihm gesehen. Er trägt mir
immer eine Liste von Titeln auf, über deren Innhalt er mein Urtheil wißen
will, so wenig ich Lust habe selbige selbst zu lesen. Ich werde mir Zeit laßen
an ihn zu schreiben; weil ich einem solchen Briefwechsel wol das Beywort
ατρυγετον geben möchte, was Homer dem Meer anhängt, wo weder Erndte
noch Weinlese statt findet, nichts für die Tenne, nichts für die Kelter, nichts
für den bon-sens, nichts für den Geschmack oder das Herz; nichts fürs
Gedächtnis, nichts für die sinnl. Empfindsamkeit.
Lauson läßt HE. Mag. herzl. grüßen und ist zu faul ihm noch zu antworten.
Von Gundling weiß er vor der Hand nichts. Weil meine Augen vom
Griechischen zieml. mitgenommen werden, so habe das Nöthige für ihn an Dich
addressirt. So bald ich an HE. B. schreibe, werde auch an Ihn schreiben.
Nicht ehe, meines Erachtens. Vermelde beyden meine freundschaftlichsten
Grüße, und wünsche Deinem HE Wirth gute Beßerung seines Fußes.
M. Weimanns Disput. werde ihm nächstens beylegen; ich habe sie nicht
gelesen, und halte es nicht der Mühe werth, weil die Materie außer meinem
Bezirck liegt. Ich habe mein Organon verlernt; und es thut nichts zur Sache.
Sic volo sic iubeo; das konnte Doctor Luther sagen, ohne daß er einen
Schuldienst nöthig hatte es zu lernen. Lies seinen despotischen Brief vom
Dollmetschen; er ist recht lustig theologisch geschrieben. Luther wäre eher ein
Abraham von St. Clara geworden, aber kein Melanchton ein Luther, weil Philipp
ein gelehrter feiner Mann war aber ohne Leidenschaften; oder von sehr
mannigfaltigen, die sich untereinander selbst vernichteten, oder von kälterer Vernunft
und gesetzteren Wesen als sein ehrlicher A große Lust habe diese Epoche
für – einen Staatsmann.
Ich habe an Pr. dazu geborgt; noch sich gegen meine weiter zu trei
ich selbst dem trauen kann. Immanuel Chry Europäischen Für nicht
fortkam, blie Verfall der Phil verächtlich gema Wiedervergeltung
besonders eines muß, so fin theils erleichter nöthig; s und für uns
ses nicht ge
Ich habe sch besucht, au thek und Beyhn ben, daß die Wunder von
hoffen wede fällt eben s werden. I schen Regier also fast nich ebenso
we und formar der Aoristen.
Wo so e Oeconomie Sprachen ei nicht genau Neuigkeiten. Eine
Plan, Collin, Com re gefallen von Prof. Kyp iechisch lernen solltest,
den. Ich müste jedes kranz herbeten; kindische oder ge- mpf werden. Jetzt
Kinder von ihren hat werden lernen,
zu legen als Tele stieg voran in setzte da den
losen West,
1752. Zu Halle änzen des ganzen Seiten davon ausgegeben.
lich mittheilen pfen folgst, hschießen laßen. Deinen Brief an
gesagt, daß ewesen; jetzt
Wenn dem schlecht er Was sagt so bleibe ich hmen zu laßen, weil
er meine Sprache versteht. –
äßest und das it er nicht fort beiten mir bersetzen, et- Abhandlung
nicht zur Haupt- euer Bruder.

Vor das Datum:
Grüße meinen lieben General Baß in Berenshof.

Hom. Od.
1,102: »Eilend fuhr sie hinab von den Gipfeln des hohen Olympos«

βῆ ἀίξασα: sie eilte fort









Imperial russische Goldmünze, zuerst unter Zarin Elisabeth 1755 geprägt (Vorderseite: Büste der Herrscherin; Rückseite: aus fünf Schilden gebildetes Kreuz mit Jahreszahl in den Winkeln), Wert: 10 Rubel. Brief Nr. 167 (ZH I 441/12)



Acken vmtl. Kaufmann in Königsberg



Johanningk wohl ebenfalls Kaufmann



Gratial Dankgeschenk oder Entgelt





Rubel Das russische Besatzungsheer handelte und bezahlte Löhne in Rubel. Da Königsberg mit allerlei minderwertigen Münzen vor allem preußischer Provinienz überschwemmt war, wurde seit 1759 in mehreren Schritten die Umrechnungskurse neu zu bestimmen versucht.





vll. der Kaufmann Georg Gotthilf Schwinck
Rthrl. Reichstaler, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze, entspricht 24 Groschen (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)



Grammaticken von
Johann Ehrenfried Wagner
; nicht nachgewiesen

Philippe-Néricault Destouches
; vll. Des Herrn Nericault Destouches, sämmtliche theatralische Wercke aus dem Französischen übersetzt (2 Tle., Leipzig u. Göttingen 1756), vgl. Brief Nr. 166 (ZH I 440/13).








Keyser nicht ermittelt











Gottesgelehrter [...] Göttlich Wolfgang Franz (1564–1628); in der Sendbrief-Ausgabe von Peucer, Vorrede, S.2.
gl. Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)




Ebd., die Kapitel des 3. Discurses







Tochter die Vernunft: Helvétius plädiert für eine Erziehung, die den Eigennutz (Kern des Esprit) fördert.


Politick vll. bez. auf Helvétius’ Rechtfertigung der Prachtkultur der franz. herrschenden Klasse (bspw. S. 157f. in der dt. Übers.).


χαιρε sei gegrüßt, vll. mit Anspielung auf Mt 27,29/Joh 19,3


Longimanus Beiname des persischen Königs Artaxerxes I. (Makrocheir, altgriech. μακρόχειρ, Langhand)
Vielfinger Zu Beginn des ersten Discurses (
Helvétius, De l’esprit
, S. 4f. in der dt. Übers.) behauptet Helvétius die Abhängigkeit der menschlichen geistigen Fähigkeiten vom Gliederbau, insbesondere der zum Greifen gemachten Hand.








ατρυγετον unfruchtbar, ruhelos;
Hom. Od.
II,370: »Lieber, was zwingt dich, / Auf der wütenden See in Not und Kummer zu irren?«












Organon ὄργανον, Werkzeug; der wissenschaftl. methodologische Bezug ist vmtl.
Francis Bacon
.

Luther, Sendbrief vom Dollmetschen
: »Und daß ich wieder zur Sache komme: Wenn euer Papist sich viel Beschwer machen will mit dem Wort ›sola-allein‹, so sagt ihm flugs also: Doktor Martinus Luther will’s so haben, und spricht: Papist und Esel sei ein Ding. Sic volo, sic iubeo, sit pro ratione voluntas. Denn wir wollen nicht der Papisten Schüler noch Jünger, sondern ihre Meister und Richter sein ...«; dort Variation von
Iuv. saturae
6,223: »Hoc volo, sic iubeo; sit pro ratione voluntas«.








Pr. nicht ermittelt

Immanuel Chry nicht ermittelt






Aoristen grammatische Vergangenheitsform, die individuelle einmalig abgeschlossene Handlungen bezeichnet.





Tele -machos, griech. Τηλέμαχος, ›Kämpfer in der Ferne‹, Sohn des Odysseus und der Penelope,
Hom. Od.
I–IV











Berenshof bei Riga, Landgut von
Carl Berens
und Co.

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (62).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 514–516.
ZH I 441–444, Nr. 167.