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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Königsberg, 28. September 1759
ZH I, 411




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Königsberg den 28. Sept: 1759.

Mein wahrer alter Freund,

Für Ihre Critick über die petites lettres sur de grands Philosophes bin
verbunden. Ich habe vorige Woche meinen Jesaias vom Buchbinder
bekommen, und habe selbigen jetzt durchlesen können. Da ich aus dem bloßen
Anfange von der Güte dieses Werkes urtheilte; so bin ich jetzt desto mehr
zufrieden, daß ich es Ihnen überschickt und empfehle es Ihrem Gebrauch. Es ist
mir eine große Zufriedenheit meine eigene Empfindungen und Gedanken in
anderer Schriften zurückgeworfen zu sehen. Wenn ich diese Werke und
Männer, welche ich jetzt kennen gelernt vor meiner Reise in England, gelesen, so
würde ich immer die Furcht haben, meine Erkenntnis als eine bloße Frucht
einer menschlichen Belesenheit oder Umganges in ungleich mehr Zweifel zu
ziehen. Jetzt sind alle meine Betrachtungen vor Sie gewesen, ohne daß ich es
gewust, daß Sie meine Vorgänger gewesen sind. Ich habe besonders in dem
Commentario dieses Dieners des Evangelii viele Wahrheiten in starkem
Lichte gefunden, die ich mir vor einige Wochen Mühe gegeben zu schattiren;
weil ich mir die Kühnheit dieses gesalbten Mannes nicht erlauben konnte noch
wollte. Wenn ich wenige Wochen dies Buch eher gekannt hätte; so würde ich
vielleicht dreister gewesen und weiter gegangen seyn.
Jesaias lebte zu Zeiten, welche die Staatsleute und das öffentliche Wesen
sehr nahe angiengen; und wo die Noth, nicht dem Kützel, Gelegenheit zu
vielen Anschlägen geben muste. Sein Amt war zu strafen, seine Mitbürger auf
Gott zu weisen, und Ihnen in seinem Namen die tröstlichsten Erlösungen zu
versprechen. Er warnte sie zugleich, daß Gott seine Ehre mit Egypten nicht
theilen würde; man müste ihm ganz allein trauen. Man kann sich die
Wirkungen seiner Reden bey einem verderbten Volke, das blind und taub mit
sehenden Augen und hörenden Ohren war, leicht vorstellen. Wer giebt Dir
Recht uns zu strafen, hieß es? Bist Du beßer als wir? Die frechsten
Bösewichter und die frömmsten Leute unter ihnen machten gemeinschaftliche
Sache; von den ersten verlacht, von den letzten gehaßet, verläumdet und
verfolgt. Wir glauben so gut einen Gott als Du, wir hoffen auch auf die
Erscheinung eines Weibessaamens – – aber das sind Dinge, die nicht hieher gehören.
Hier ist von Staatssachen, von Bündnißen, von Mitteln die Rede den Aßyrern
zu wiederstehen. Du forderst, daß Gott Wunder thun soll; wir glauben an ihn
wie Ahas ohne Wunder von ihm zu fordern; wir wollen ihn nicht versuchen.
Er rief daher nach dem 41. Capitel
Immer her mit euerer Controvers, spricht der Herr; bringt eure stärksten
Waffen her, spricht der König in Jakob. Sie mögen es vorbringen und uns
erzählen, wie es ablaufen wird; entweder erzählt uns, was der Ursprung
davon ist, so wollen wirs verständig überlegen und erkennen, was es für einen
Ausgang nehmen möchte; oder laßt uns einmal hören, wies künftig seyn
wird. Zeiget an, was nachher erfolgen wird, damit wir erkennen, daß Ihr
Göttlich seyd: O Ja! ihr werdet euch wohl halten, und einen solchen Schaden
anrichten, daß wir erstaunen und es alle mit ansehen werden. Siehe, Ihr seyd
weniger denn nichts, und Eure Thaten heißen vollends garnichts. Abscheulich
ist, wer sich zu eurer Parthey schlägt. Derjenige, den ich aus Norden ruffe,
daß er wieder kam, wird vom Aufgang der Sonnen an, meinen Namen
predigen und wird über die babylonischen Fürsten dahin gehen wie über Leimen,
und wie ein Töpfer den Thon unter sich tritt.
Was du redst, soll immer als des Herren Wort von uns angenommen
werden. Was thut denn der heilige in Israel selbst, daß wir ihm so blindlings
glauben sollen. Wenn Du in Gottes Namen redetest, würdest Du mit so viel
Affekt, Ironie und Verachtung gegen hohe Häupter reden. Wir sind keine
frommen Leute wie du, wir wißen aber sanftmüthiger und mit mehr
Mäßigkeit und Bescheidenheit das Zeugnis des Herrn abzulegen. So viel vom
Jesaias.
Was unsere Controvers, alter wahrer Freund! betrift; so sehe ich selbige
nicht als einen Anhang meiner Briefe an. Glauben wir einen Gott im
Himmel, und am Creutz, eine unsterbl. Seele, und ein ewig Gericht; so hat diese
Controvers mit allen den Dingen den genausten Zusammenhang. Da ich
heute sterben, und Sie morgen mir nachfolgen können: so will ich nicht mehr
durch Gleichniße mit Ihnen reden. Paulus ermahnte seine lieben Brüder bey
den Barmherzigkeiten Gottes, sich nicht dieser Welt gleich zu stellen, und zu
prüfen, welches da sey der gute, der wohlgefällige und der vollkommene
Wille Gottes
.
Meine Angelegenheiten mit jenen gehen Sie im strengen Verstande nichts
an, oder höchstens nur so weit, als es Ihnen wie einem alten wahren Freund
beliebt sich selbiger anzunehmen. Und dies wie weit? dürfen Sie sich weder
von mir noch der Gegenparthey vorschreiben laßen. Es bleibt also immer von
beyden Theilen ein Misbrauch der Freundschaft, wenn wir Ihnen den
geringsten Nothzwang darinn anthun; und wenn ich in Ihrer Stelle wäre,
so hätte ich mir von keinem zu nahe darinn kommen laßen, oder beyden gleich
nahe treten müßen, wobey ich mich aber immer auf Leiden getrost gefaßt
gemacht hätte. Ungeachtet aller dieser Grundsätze, die ich mir so viel möglich
bestrebt nicht aus dem Gesichte zu verlieren, bin ich doch derjenige, welcher
selbige am meisten übertreten hat; oder zu haben scheint. Meine
Verdammung würde daher, im Gericht der Vernunft, größer als jener ihre seyn, die
sich nicht diese Gesetze der Vernunft und Billigkeit vorgeschrieben. Hier muß
ich Ihnen aber ein Rad in dem andern entdecken. Ich bin Ihnen deswegen
wieder mein Gewißen und Gefühl so überlästig in unserer Privatsache
gewesen, weil ich gehofft und gewünscht, daß Sie mehr Anwendung davon
auf Sich
Selbst machen würden, und nicht bey mir und meinen Antipoden
stehen bleiben. Wie oft bin ich aber an das Leyden unsers Erlösers erinnert
worden, da seine Nächsten, seine Tischfreunde, der keines vernahmen, und
nicht wusten, was er redete, noch ihnen zu verstehen geben wollte.
Man hat mich hart beschuldigt, daß ich Mittel verachtete und von Gott auf
eine ich weiß nicht was für eine unmittelbare Art geholfen zu werden
suchte. Verachtete ich Mittel, so wäre ich ein Verächter Göttl. Ordnung und
ich würde meinem Gerichte ohne einen Fürsprecher nicht entgehen. Ob ich dies
thue, weiß Gott am Besten, und sey Richter zwischen mir und Ihnen. Wenn
ich Mittel verachtete, so würde ich keine Briefe schreiben, und nicht ein Wort
mehr verlieren. Ich will ruhig, aber nicht unthätig seyn; ich will wuchern,
aber nicht in die Erde graben. Wer ist aber ein Verächter der Mittel? Braucht
Gott keine Mittel uns zu bekehren, und was für ein beßer Mittel als ein
gläubig Weib für einen ungläubigen Mann oder Umgekehrt wie St. Paulus
sagt. Was für ein beßer Mittel hätten sich meine Freunde von Gott selbst
erbitten können, als mich, den man für einen alten wahren Freund ansieht, und
immer angesehen hat, wenn er in seinem eigenen Namen kommt. Weil man
aber den nicht kennt, der mich gesandt hat, so bin ich auch verworfen, so bald
ich in seinem Namen komme. Wer ist also ein Verächter der Mittel? Ich setze
etwas an den Mitteln aus, die Sie zu ihren irrdischen Absichten wählen; und
Sie verwerfen den, den Gott dazu versiegelt hat, zum Dienst Ihrer Seelen
und nicht Ihres Bauches; der ihr Gott ist, den ich versöhnen soll.
Man mag mir also immer so viel Frevel und heimliche Sünden
beschuldigen, als Hiob von seinen Freunden wurde: so freue ich mich das Ende des
Herren zu sehen, und will nicht aufhören Seinen Tod zu verkündigen, biß
daß er kommt. Das sey ferne von mir, daß ich Euch Recht gäbe. Biß daß
mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Frömmigkeit ppp. Iob:
XXVII.

Mein erster Brief, den ich aus Engl. schrieb, war mit der fröhlichen
Bothschaft angefüllt: Ich habe den funden, von welchem Moses im Gesetz, und
die Propheten geschrieben haben – Des Menschensohn ist der Schöpfer,
Regierer und Wiederbringer aller Dinge, der Erlöser und Richter des
Menschlichen Geschlechts. Ich bin also nicht wie ein Mörder und Dieb sondern durch
die rechte Thür eingegangen.
Ich bin meinem Freunde mit meinen Religionsgrillen lange nicht so
beschwerlich geworden in meinem Umgange als ich von seinen Handlungs und
Staatsideen aushalten, wie ich noch keinen Begrif von diesen
Schwarzkünsteleyen hatte, biß ich auch diese Geheimniße und ihre Eitelkeit ihm zu
Gefallen kennen lernte, und vielleicht eben so weit in der Theorie davon als er
hatte kommen können, wenn ich Lust und Liebe zur Practick gehabt hätte.
Ich weiß, daß meinen Freunden eckelt für der losen Speise, die Sie in
meinen Briefen finden. Was lese ich aber in Ihren, nichts als die Schlüße
meines eigenen Fleisches und Blutes
, das verderbter ist wie ihr eigenes,
nichts als das Murren und die Heucheley meines eigenen alten Adams, den
ich mit meinen eigenen Satyren geißele, und die Striemen davon eher als Sie
selbst fühle, länger als Sie selbst behalte, und mehr darunter brumme und
girre wie Sie, weil ich mehr Leben, mehr Affekt, mehr Leidenschaft als Sie
besitze nach Ihrem eigenen Geständnis. Und doch hält man sich über die
Tropfen meines eigenen Blutes auf, mit dem ich mein Gewand im Keltern
befleckt habe und noch beflecken muß.
Das ist also Ihre Sünde, daß Sie nicht glauben an mich. Ich hätte mehr
Gründe wie Sie; ich brauche Sie nicht, und sage lieber Einfälle, damit Sie
nicht meinen Gründen glauben mögen. Wenn ich von mir selbst redete; wenn
ich meine eigene Ehre suchte – – Daher ist Ihre Vernunft und Ihr Gewißen
blind, so sehr Sie sich auf beyde immer steiffen, weil Sie nicht glauben
können, daß Sie blind sind, sondern sich für sehend halten; und das Blut der
Versöhnung umsonst ruffen laßen: Vater vergieb Ihnen, denn Sie wißen
nicht, was Sie thun. Sie glauben nicht, daß Gott die unerkannte Sünde
vor sein Angesicht stellt, sondern wißen es beßer als Gott und sein Geist, was
Sünde ist und nicht ist. Sie verfolgen den Du geschlagen hast, und rühmen,
daß Du die Deinen übel plagest. Laß Sie in eine Sünde über die andere fallen,
daß sie nicht kommen zu Deiner Gerechtigkeit. Dieser Fluch muß alle Feinde
Gottes treffen; er steht im Buche geschrieben, davon nicht ein Iota vergehen
wird, wenn Himmel und Erde vergehen, dieser Fluch läuft aus ihrem eigenen
Munde und Herzen ohne daß sie wißen, was sie reden.
Ich will nicht von himmlischen Dingen reden; sondern bloß von irrdischen,
und wie Sie, auf das Sichtbare sehen. Sind Sie nicht der Verheißung dieses
Lebens schon beraubt. Sind Sie nicht alle Holtzhauer und Waßerträger,
Gibeoniten, die sich selbst durch ihre Lüste und Gesetzliche Gerechtigkeit, durch
Sünden, aber noch mehr durch ihre Tugenden und guten Werke ihre
zeitl. Glückseeligkeit
vereiteln. Was kommt denn aus ihren Arbeiten heraus?
Nichts, alles halb gethan, Verräther ihres beßeren Geschmackes,
Verstümmeler ihrer Gaben. Nicht Kälte der gesunden Vernunft, nicht Feuer Wärme
eines gesunden Herzens. Sie fürchten sich im Licht der Critick zu erscheinen,
weil ihre Werke böse sind. Sie sind Pasqvillanten der Schulfüchse, und leiden
keine Satyre auf die Schulfüchserey ihres Christenthums; und die jüngste
Schrift ist ein Brandmark ihrer nächsten Schwester. Eine Mutter, die eine
Scharfrichterinn ihres eigenen Kindes wäre, hätte wenig Recht sich über die
Ruthenschläge eines Vaters zu beschweren, der seinen Sohn ziehen wollte.
Ich sehe allenthalben Zeichen um mich herum, die meine Furcht für Gott
und Sein heilig Wort vermehren. Was B. durch Sie umsonst an mir
versucht, hat ihn nicht klüger gemacht; er hat nur das Instrument geändert.
Diesem neuen Werkzeuge ist es nicht beßer gegangen. Ich habe ihn auch zu
meinem Feind gemacht. Ein jeglicher in das Seine, und man läßt mich alleine.
Aber ich bin es nicht, sondern mein Vater ist mit mir.
Wenn wir uns alle nur entschlüßen wollten als vernünftige Menschen zu
leben; so würde jeder dem andern kein Bedenken tragen die Gefahr des
Irrweges und den Ausgang deßelben vorzustellen. Als bloß natürlich mitleidige
Bürger oder gutherzige Freunde müßen wir uns einander nicht auslachen,
sondern bedauren. Ich glaube, sagte David, darum rede ich; wenn ich aber
rede, so fangen Sie Krieg an. Was würde aber in diesem Kriege Ihnen mit
einem Waffenstillstande gedient seyn, um den Sie in Ihrem letzten Briefe
bitten. Warum nicht lieber Friede. Siehe drein und schilt, daß des Reißens
und Brennens ein Ende werde. Ψ. 80. Sie sagen nichts mehr als 1.) aus
Deinen Worten wirst Du gerichtet werden – Ja, das wünsche ich, weil ich
zugleich durch selbige gerechtfertigt zu werden glaube. Da Ihre Sprache aber so
verkehrt wie meine ist; so bleibt es bey dem Grundwort auf das ich gebaut
habe und noch baue. Denn kann mich weder Ihre Zunge noch meine eigene
verdammen, weder ihr Herz noch mein eigenes. Er ist größer als unser Herz und
treu – – Wißen Sie aber auch was das heist: Der geistliche richtet alles und
wird von niemanden gerichtet, und daß dies mit eine Wahrheit ist, die kein
fleischlicher oder sinnlicher versteht noch vernehmen kann. Wißen Sie was es
heist wenn Paulus sagt: Mir ist es ein geringes, daß ich von Euch gerichtet
werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich Selbst
nicht
. Ich bin wol nichts mir bewust, aber darum bin ich nicht
gerechtfertigt;
der Herr ists, der mich richtet. 2. Freundschaft fordert
Gleichheit, die der Unterricht nicht zuläßt. Distinguo hiebey können auch
Empfindungen der Liebe seyn bey einem und des Gewißens beym andern.
Gesichterschneiden und Geberden machen ist zweydeutig, und warum das, wenn man
reden kann.
Ich verstehe diese Stelle nicht deutlich genung und will ihr keinen Verstand
aufdringen, der willkührlich wäre. Distinctionen Affecten entgegen zu setzen,
heist den Wellen des Meers den Sand zur Gränze setzen. Wenn
Gesichterschneiden zweydeutig ist; so geht es den Distinctionen nicht beßer. Es ist also
recht sehr gut, daß man die Wahrheit von Herzen redet weder durch Geberden
noch durch Distinctionen sie verfälschet.
Ob das Gesicht zweydeutiger ist wie der Mund, ist eine kürzliche
Untersuchung; weil man aus Minen mehr und sicherer öfters schlüst und dem Auge
mehr Wahrheit zuzuschreiben gewohnt ist als der Zunge. Da ich aber an
Temperamenten und physiognomie theils unwißend, theils ungläubig
bin: so freue ich mich, daß das Gesichterschneiden und Geberden machen nicht
schlechterdings von Gott als Sünde angesehen ist, weil er durch den Mund
des Propheten sagt:
Verachtet hat sie Dich, verspottet hat sie Dich, die Jungfrau, die Tochter
Zions, den Kopf hat sie dir drein geschüttelt, die Tochter Jerusalems.
3.) Ich wiederrathe nicht Stand zu halten, wenn man gesucht wird,
sondern geschieden zu bleiben, wenn man nicht Lust zum Ersteren hat, oder nach
seinen Einsichten den, der uns sucht fliehen muß.
Sie denken mir zu fein, liebster Freund, und ich Ihnen vielleicht zu stark.
Ich glaube, daß wir beyderseits uns Mühe machen einander zu verstehen, oder
unsere eigene und des andern Worte so auslegen, wie wir am ersten mit fertig
werden können. Ich verstehe keine Casuistic weder in der Moral noch in der
Theologie und werde Sie auch nicht zu meinen Gewißensrath noch jemanden
anders nöthig haben, als den, der mir, Augen, Ohren, die Sinnen und die
Vernunft, und die 10 Gebote gegeben hat, daß ich die ersteren alle nach den
2 Tafeln brauchen soll. Man kann Lust haben gesucht zu werden, und
denn flieht ein bulerisch Mädchen auch. Wenn es aber darauf ankomt:
Wiedersteht dem Teufel, so muß man nicht die Gloße machen, wenn Du Lust hast;
sondern da muß man eben gegen sein eigen Fleisch und Blut mitkämpfen.
4.) Welt sind überhaupt Menschen und es ist immer schlimm mit ihnen
umzugehen. Ich bin versichert, nichts böses Ihnen gewünscht zu haben.
Die Worte Ihres vorigen Briefes sind diese: Bitten Sie Gott, daß man
nie nöthig habe sich in die Welt einzulaßen, und streiten sie immer mit
Freunden; so bleiben sie noch erträglich.
Ich soll mich also nicht mit Menschen überhaupt einlaßen, sonst würde ich
ihnen unerträglich seyn. Ich soll immer mit Freunden streiten; in der
Situation und Verhalten gegen sie bliebe ich erträglich. In dem Zusammenhange
dieser Begriffe mag immerhin ein sensus hermeneuticus oder mysticus liegen,
ich finde aber keinen sensum communem darinn. Die natürlichste Frage, die
einem einfällt, ist die: Sind denn Deine Freunde keine Menschen überhaupt,
haben Sie die Unart des menschlichen Geschlechts nicht an sich, daß Du sie
mehr beleidigen kannst als einen jeden andern Nebenmenschen. Das müßen
fürtrefliche Menschen sind, die zu Freunden hast, ein Ausbund der Menschen
überhaupt. Und Du must boshafter als das ganze menschliche Geschlecht seyn,
daß Du mit ihnen streiten kannst. Diese Empfindungen liegen in ihrem Schluß,
es sind also keine Consequentzen, die ich daraus ziehe, sondern die Principia,
aus denen ihre Begriffe entstanden. Ein Mensch der so aussieht hat freylich
nöthig zu beten; aber was für ein Verdienst, das gegen sich gegen ihn seine
Freunde machen können. Wie können Sie Gott danken, daß sie nicht solche
Juden sind wie dieser harte Zöllner, der der Vernunft mit Grausamkeit
eintreibt, was der Vernunft gehört.
Wie mein Bruder aber ein Plagiarius dieser geheimen Gedanken geworden,
begreife ich nicht. Er hat eben die Idee zum Grunde gelegt in seiner Antwort.
Du hast gut, ein Pasquillant zu seyn, meldt er mir heute. Wenn mir Gott
Deinen Witz und Deine Gaben gegeben hätte, sie wären beßer angebracht. Mit
dem Glück, was er Dir durch Menschen hat zuflüßen laßen, bist Du eben so
verschwenderisch umgegangen. Danke Gott, daß ich ein Christ bin und
christliche Brüderliebe gegen Dich fühle, die dir alles bittere, alles anzügliche und
hämische von Herzen vergiebt. Deine Absichten sind nicht zu tadeln; aber von
Mitteln hast Du keinen Verstand, keinen Witz, und sie zu brauchen keine
Klugheit. Du lebst auf Unkosten anderer Leute, und weist nicht wie einem
Menschen zu muthe ist, der sein Brodt verdienen muß im Schweiß seines
Angesichtes. Sey mein Nachfolger und lerne von mir Sanftmuth und herzliche
Demuth: so wirst Du so ruhig wie ich leben können, und über das Allgemeine
Wohl, Dein eigen Glück nicht aus dem Gesichte verlieren. – –
5. hämische und erinnernde Minen sind zweyerley. – Dies sey gesagt sine
applicatione.

Wenn ich es nicht anwenden soll; so müßen Sie mir wenigstens als von
einem unnützen Worte Rechenschaft geben. Ich sage ja, daß ich zu hämischen
Minen berechtigt bin. Niemand kann zween Herrn dienen; er muß den einen
haßen und den andern lieben. Mein Glaube ist mir näher als die Freundschaft
der Welt und ihrer Kinder. Ich haße die da halten auf lose Lehre. Ich haße ja
Herr! die Dich haßen und verdreust mich auf sie, daß Sie sich wieder Dich
setzen. Ich haße sie in rechtem Ernst, darum sind sie mir feind.
Ob wir beßer oder schlechter geworden; aus diesem Einfall, mein alter
wahrer Freund, wollen wir beyde eine ernsthafte Aufgabe machen, die einer
reifen Untersuchung werth ist. Ich bin ohnedem zu einer Prüfung meiner
Selbst desto mehr aufgemuntert, da ich künftige Woche zum Tisch des Herrn
zu gehen willens bin, und mein Bündnis mit ihm, meine Gemeinschaft
erneuren und bevestigen will. Jonathan gab David seinen Rock, seinen Mantel,
sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel. Er wird mich auch mit neuen
Kräften zu Seinem Dienste ausrüsten und mir Gnade geben mich klüglich
zu halten, wozuhin ich geschickt werde; Vater, Mutter, Bruder ja mein
Leben zu haßen um seines Namen willen, nicht nur meinen Stoltz, sondern
auch meine Demuth zu verleugnen, nicht nur das Böse zu meiden, sondern
mich auch von allem Guten, das durch ihn geschieht, selbst auszuleeren,
und ihm allein die Ehre zu geben. Ich will ihm nicht nur meine Thorheit
bekennen; sondern auch die Blindheit und Tücke meines guten Herzens, und
nicht an Bathseba noch an Urias denken; sondern sagen: Dir, Dir allein habe
ich gesündigt, und Unrecht vor Dir gethan auf daß Du Recht behaltest in
Deinen Worten und rein bleibest, wenn Du gerichtet wirst – von meinen
Unterthanen und Feinden. Seht da den Mann nach dem Herzen Gottes, ein
Ehebrecher und witziger Mörder! Was soll man von den Psalmen denken, die
er dichtet, oder von dem Gott, deßen Gnade er sich rühmt!
Noch einen Punct aus Ihrem letzten Briefe. „Ich habe ihrem Bruder Nein!
gesagt, wie Sie wollen und es gut ist.„
Das Nein! ist eine Antwort auf eine Frage die Sie mir nicht gemeldet
haben. Ich wünschte, wenn Sie sich ein wenig näher über den Eindruck
erklärt hatten, den ihm mein Brief gemacht, und insbesondere von dem
Gebrauch, den Sie selbst davon in Ansehung seiner zu Ihren eigenen Absichten,
meiner Entschuldigung und Seinem Vortheil angestellt, da ich auf Ihre
Veranlaßung gewißermaaßen einen Hirtenbrief geschrieben. Jetzt ziehen Sie
gleichsam den Kopf aus der Schlinge und sagen Nein! ohne daß ich weiß
worauf? und das liebe Flickwort: wie Sie wollen und endlich: wie es gut ist,
als das letzte, was man in Betrachtung ziehen und wieder seinen Willen
gestehen muß. Wißen Sie nicht mehr, daß Sie mich dazu aufgemuntert? Ist dies
der erste Versuch, den Sie von mir haben, daß ich heißen Brey vorher in das
Maul nehmen würde, ehe ich ihm meine Meynung sagen würde.
Glauben Sie nicht, liebster Freund, daß ich allein unerkannte Sünden
begehe. Ist mein übertriebener Ernst, Eyfer eine? Was denkt Gott von Ihrem
Leichtsinn, Lauigkeit, Furchtsamkeit; und zurückhaltenden Sinn, wenn man
mit Posaunen reden muß. Der Schade, den ich mir durch meine Heftigkeit
zuziehe ist ein bloß sinnlicher Betrug; ich gewinne dabey. Die Vortheile, die
Sie durch Ihre Menschenfurcht und Leutseeligkeit zu ziehen glauben, sind
eben solche Scheingüter, die aber für Sie Schaden und Nachtheil zu Folgen
haben.
Ueberlegen Sie selbst, ob es mir nicht gleichgiltig, daß ich menschlich rede,
seyn kann, man mag mein Zeugnis von Christo, oder mein Christenthum, für
Schwärmerey, einen Deckmantel des Stoltzes und ich weiß nicht wofür
halten. Richten die aber nicht, und lästern, die so davon urtheilen und auf diesem
gefährlichen Urtheil trauen. Bin ich nicht bey meinen Strafpredigten gegen
mich selbst mehr grausam, als gegen andere. Ist denn die Bibel ein
Pasqvill, die das menschl. Herz für unergründlich böse beschreibt, und ist diese
Wahrheit eine Satyre auf das menschliche Geschlecht. Ein Mensch kann nichts
nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel.
Wer sie ängstet, der ängstet ihn auch. Wer euch antastet, der tastet Seinen
Augapfel an. Dies sind Worte der Schrift, und es mag Ihnen so fremde
vorkommen als es will, daß ich ein Geschrey darüber mache, als wenn Gott
selbst Leid wiederführe; so sehe ich daraus, daß Sie Christum wol als den
Weg und die Wahrheit, aber nicht als das Leben kennen. Wer meine Worte
hält, wird die Erfahrung davon haben, und das Leben ist das Licht der
Menschen
.
Ich schütte mein Herz gegen Sie aus, so viel ich kann. Sie werden dies als
keine Schule sondern als ein Bekenntnis meines Glaubens ansehen, von dem
ich auch meinem Nächsten schuldig bin Red und Antwort abzulegen. Habe ich
irrige Grundsätze, so will ich aus der Schrift belehrt seyn, und sehr gern von
Ihnen. Daß man aber ins Gelach hereinschreyt: Er geht in allem zu weit,
ist für mich nichts geredt. Soll ich den Krebsgang gehen? Dafür wird mich Gott
behüten. Was nennt ihr denn zu weit: Soll mir eure Vernunft die Gränzen
meiner Pflichten setzen das leyde ich nicht von meiner eigenen, und die ist mir
doch immer die nächste. Wenn ich der nicht glaube, wie könnt ich einer
fremden glauben. Fehlt es mir denn an Licht auf meinem Wege. Es brennt wie die
Sonne und es liegt an euch, daß ihr die Augen nicht muthwillig verschlüßt,
oder Gott so lange anrufft biß er euch sehend macht. Einem Sehenden wird es
aber nicht so leicht einfallen Gott um erleuchtete Augen zu bitten; und die
Gesunden brauchen keinen Artzt nicht. Christen, denen die schwerste Pflicht,
Feinden zu vergeben eine Kleinigkeit ist, ist die Beichte eine Staats Formel
und ein Wort der Lippen.
In dem Streit über den Leichnam Moses, erzählt uns eine petite lettre sur
de grands philosophes,
behielt Michael den Sieg. So geht es in allen
Kriegen über die gesetzliche Gerechtigkeit, die auf Satzungen der Väter, und gute
Werke beruht.
Trescho hat mir geschrieben. Ich stöhne noch immer, aber ich sterbe nicht.
Mein Leben und ist zähe und hart. Diese Nachricht giebt er mir von seiner
Gesundheit.
Die unprophetischen Seelen schwimmen in Freuden
Ihnen schwant nichts von der Hand des nahen Verderbens
Die verräthrisch über dem Haupt der Schlafenden lauret.
Ein beßerer Prophet bittet Gott ihn zu lehren, zu bedenken, daß er sterben
müße, auf daß er klug werde. Ich umarme Sie als Ihr aufrichtiger Diener
und Freund.
Hamann.












Sie die Werke und Männer s.o.








Kützel Übermut










































































1 Kor 7,14; Anspielung auf die verweigerte Ehe mit
Catharina Berens
.







versiegelt 2 Kor 1,22

Bauches Phil 3,19







Brief nicht überliefert




















Gewand im Keltern Jes 63,2f.




Wenn ich von mir ... Joh 7,18




Vater ... Lk 23,34

unerkannte Sünde ... Ps 90,8


Sie verfolgen ... Ps 69,26

Laß Sie ... Ps 69,27


Buche ... Mt 5,18

Fluch ... Röm 3,14



Verheißung 1 Tim 4,8

Holtzhauer ... Jos 9,27






Licht ... böse Joh 3,19

Pasqvillanten Schmäher, Spötter










ich bin es nicht Lk 22,58, Joh 1,21, Joh 18,25, Apg 13,25





Ich glaube ... Ps 116,10




Sie sagen wohl Bezug auf Lindners Brief (nicht überliefert), auf den H. antwortet (siehe auch J.G. Lindners Anm., in »Zusätze ZH« zu Brief Nr. 159, dort zu 405/9)


gerechtfertigt Mt 12,37










2. Bezug auf Lindners Thesen (siehe J.G. Lindners Anm., in »Zusätze ZH« zu Brief Nr. 159, dort zu 405/22)







Wellen Hi 38,11













3.) Bezug auf Lindners Thesen (siehe J.G. Lindners Anm., in »Zusätze ZH« zu Brief Nr. 159, dort zu 406/19)












Wiedersteht Jak 4,7


4.) Bezug auf Lindners Thesen (siehe J.G. Lindners Anm., in »Zusätze ZH« zu Brief Nr. 159, dort zu 407/2)























Antwort nicht überliefert; auf die H. wiederum mit Brief Nr. 162 antwortet.

bis. Z. 28 Paraphrase eines Briefes des Bruders (nicht überliefert)




Brüderliebe vgl. Brief Nr. 162 (ZH I 422/22)








erinnernde mahnende
5. Bezug auf Lindners Thesen (siehe J.G. Lindners Anm., in »Zusätze ZH« zu Brief Nr. 159, dort zu 407/20)























Bathseba ... Urias 2 Sam 12,9ff.










Brief Nr. 154 oder 158










unerkannte Sünden Ps 90,8



Posaunen Offb 4,1











1 Mo 6,5 u.ö.



















Hi 22,28 u.ö.




Artzt Mt 9,12







Ich stöhne ... 2 Kor 4,8f.



Zitat aus
Bodmer, Noah
, V. 38ff.







Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (45).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 482–488.
ZH I 411–421, Nr. 161.

Zusätze ZH:
ZH I 418/37: Lindner dazu:
Sie misbrauchen die Bibel, sie sollen nicht richten? vorher richtet alles. Ihre Rechthaberey und ihr Naturstolz ist gleich stark.
Denken sie mit Paulo von ihrem Bruder nicht daß ichs ergriffen habe, sondern pp.
ZH I 420/21: Lindner dazu:
Man tadelt das Menschl. an Ihnen, nicht ihr Christenth. Und ihr alter Adam schreit eben so gut … Selbstgerecht.
ZH I 421/4: Lindner:
Alle blind außer Sie. Sie selbst blind. 2 Blinde fallen in die Grube.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
412/15 nicht dem Kützel
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl nicht der Kützel  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): der Kützel
415/1 aushalten
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): aushalten [mußte]
418/6 Menschen sind
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies seyn statt sind  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Menschen seyn