198
52/30
Königsb: den
30. Christm. 1760.

31
Geliebtester
Feyertage
Freund,

32
Geseegnete Feyertage, denen es an keinem Guten fehlen möge; einen glückl.

33
Ausgang und Eingang des Jahres zum voraus. Heyl und Friede ruhe auf Sie

34
und Ihr Haus. Für mich ist dieser heil. Stillstand recht abgemeßen gewesen,

S. 53
und die Ruhe der vorigen Woche nebst der jetzigen hat mich zugleich fühlen

2
laßen, daß ich müde geworden, und nicht länger hätte aushalten können. Mein

3
Gemüth hat dem Leibe gewaltige Erschütterungen gegeben, die Gott Lob!

4
erwünscht überstanden, deren Folgen ich gedultig abwarte und neue Kräfte zu

5
neuen Arbeiten hoffe.

6
Sie sind noch der einzige meiner Freunde, der an mich denkt. Ich danke

7
Ihnen herzl. dafür. Für mitgetheilten Auszug des Pop. gleichfalls, den noch

8
nicht lesen können, weil mir die Bleiche der Dinte pp Mühe macht. Sie haben

9
die Ihrige weiter ausgedehnt, als es meine Absicht gewesen. Von dem kritischen

10
Wust bin ich kein Liebhaber. Komm ich mit meiner Erinnerung nicht zu spät,

11
so bitte mit schwarzer Dinte nur diejenige Anmerkungen, die Sie im Lesen

12
frappi
ren, aufzusetzen: Ob es der Mühe lohnen möchte Sie selbst inskünftige

13
zu beschweren mir dies Buch zu
verschreiben
, werde nach Uebersetzung des

14
Auszuges beurtheilen und in allem Fall Sie um diesen Freundschaftsdienst

15
bey Gelegenheit ersuchen.

16
Ich habe mich gestern in Gesellschaft meines Vaters zur Ader gelaßen.

17
Mein Blut sieht gut, aber zu nahrhaft aus und hat diesmal zu wenig Waßer

18
gesetzt. Ich habe nur vor wenig Wochen dies Hülfsmittel gebraucht.

19
Ausgabe von Hippocrates
Hippokrates,
Opera
Meine Ausgabe von
Hippocrat
es ist von
Anutio Foesio
ein starker
Foliant

20
mit einem
Lexicon
hinten, das den Titel hat:
Oeconomia Hipp. Alphabeti

21
serie distincta. Geneu.
1657. Ich bin mit diesem Autor frühe genung vor dem

22
Aristoteles
Aristoteles,
Opera
Fest fertig geworden und
Aristoteles
soll wills Gott an der Reyhen, deßen

23
gl.
Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)
Opera
nach
Casaub.
Ausgabe wiewohl ohne Titelblatt kürzl. für 31 gl.

24
Erotianus
Erotianus
bekommen. Das
Medicini
sche habe so flüchtig als mögl. überlaufen.
Erotianus

25
8 Abschnitte
aufgelistet in
Hippokrates,
Opera
, am Ende der Einleitung.
hat die Werke
Hip.
in 8 Abschnitte eingetheilt. Der erste enthält einige

26
Einleitungsschriften:
Iusiurandum, legem, de arte, de prisca Medicina, de

27
σεμειωτικα
Semiotik, Diagnostik
Medico, de Decoro Medici, Praeceptiones. Sectio II.
τα
σεμειωτικα
III.
τα

28
φυσικα και αιτιολογικα
Ätiologie, Ursachenforschung
διαιτικα
Diätetik, Lehre von der Lebensweise
θεραπευτικα
Therapeutik
φυσικα και αιτιολογικα
IV.
τα διαιτικα
V.
τα θεραπευτικα.
VI.
τα

29
χειρουργουμενα
Chirurgie
ιητρειον
die Operationen (und ihre Instrumente) betreffend
χειρουργουμενα.
In diesem Abschnitt ist die erste Abhandlung
κατ’ιητρειον

30
Fossardier
N.N. Foussardier
de officina Medici
ein vorzügl. Stück und würde Ihrem jungen
Fossardier
sehr

31
zu empfehlen seyn. Die Sprache darinn ist sehr stark und von philosophischen

32
Diderots Artickel über das Stricken
Diderots
Artikel zu „tricoter“ erschien erst 1765 in Bd. 16 der
Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers
. Unklar worauf sich Hamanns wohl ironische Anspielung hier bezieht.
Tiefsinn, ohngefehr wie
Diderots
Artickel über das Stricken pp. So weit geht

33
επιμικτα
Vermischtes
der erste Theil. Im 2 sind der 7 Abschnitt
τα επιμικτα,
wohin seine Bücher

34
von
epidemi
schen Krankheiten und se.
Aphorismi
gerechnet werden.
Sectio

35
εξωτικα
Exotisches
VIII.
hält
εξωτικα
in sich, die in einigen Briefen pp bestehen. Der in

36
Roman des Democritus
Demokrit von Abdera
;
Hippokrates,
Opera
, S. 1273–1289. Vgl.
Hamann,
Wolken
, W S. 84, N II S. 104f., ED S. 59 und in den
Chimärischen Einfällen
, N II S. 165/5–13, ED S. 95
denselben befindliche
Roman
des
Democritus
wird ihnen bekannt seyn und hat

37
mir sehr gefallen, verdiente einen geschickten Uebersetzer. Der Verfaßer mag

S. 54
seyn wer er will, so ist er ein
St. Mard
seiner Zeit und ein feiner Sophist

2
gewesen. Das erste Muster zugl. eines
Romans
in Briefen. Zuerst ist
ein
das

3
Schreiben des Gemeinen Wesens zu Abdera, wodurch Hippocrates eingeladen

4
wird zur Kur des
Democritus.
Eine Antwort des Artztes. Ein Brief an

5
Philopoemen,
bey dem er sein Qvartier bestellt, und seine Meynung im

6
Vertrauen über die Krankheit ss Mitbürgers entdeckt. Hierauf ein Brief an

7
Dionysius,
den er einladet seine Stelle zu Hause zu vertreten und ihm zugl. die

8
Aufsicht über die Lebensart sr Frau empfiehlt; an
Damaget
ein anderer, den

9
er um ein Schiff zu seiner Reise bittet. Ein sehr allerliebster Brief an

10
Philopoem
en, wo er einen Traum erzählt, aus dem er eine gute Deutung von seiner

11
Cur an
Democr.
ziehet; ein anderer an
Kraten,
einen großen Botanicker, wo

12
er einige Kräuter und Wurzeln bestellt, falls er selbige nöthig haben sollte an

13
se. Patienten. Ein weitläuftiger Bericht endl. an
Damaget,
wie er seinen

14
Patienten angetroffen, von den Abderiten aufgenommen, und der sehr

15
moralischen Unterredung die er mit ihm gehalten; voller starken Züge, die eines

16
van Effen
Justus van Effen
Addisons
Joseph Addison
van
Effen
und
Addisons
nicht unwerth sind. Der kleine Briefwechsel

17
zwischen
Dem.
v.
Hippoc.
ist nichtswürdig. Ein klein Stück des

18
Democritus de Natura humana
hat einige feine Stellen, und ist der kleinen

19
Stelle bei
Marcus Tullius Cicero
nicht ermittelt.
Anatomie
die
Cicero
in sm. Werk vom Menschen macht, an die Seite zu

20
setzen.

21
Melden Sie mir doch, wenn Sie einige Nachrichten davon einziehen

22
können, ob diese Briefe irgend im französischen oder deutschen übersetzt sind. Sie

23
Aristänet im Spect.
vgl. die freie Übersetzung von
Aristainetos
in
Addison (Hg.),
The Spectator
, Nr. 238, 3. Dezember 1711
wären es werth, es müste aber eine freye seyn wie Aristänet im
Spect.

24
erschienen.

25
Diese Ausgabe ist sehr vollständig, was Text und Lesarten anbetrift, aber

26
für Liebhaber des Handwerks und Freunde eines ächten Alterthums schlecht

27
Strund
wertloses Zeug
gerathen; indem offenbar viel untergeschobene Stücke und Strund unter

28
Hippocrat
es Namen wie unter Aristoteles der Welt empfohlen worden. Man

29
sollte wenigstens alles ungerathene für untergeschoben halten, wiewohl

30
Hippocrat
es Schreibart ihr Gepräge hat, das sie zieml. kenntlich macht. Ein

31
bloßer Philolog würde mit dieser Arbeit nicht fortkommen und Triller hätte sich

32
damit eher die Zeit vertreiben können als mit seinen Fabeln.

33
Voltairens Verse
vll.
Voltaire,
Précis de l’ecclésiaste
, s.u.
Doch vielleicht zu viel hievon.
Voltai
rens Verse denke selbst bald genung zu

34
erhalten, ich will sie also mit einem Auszug davon verschonen. Seine

35
Hunsens Coffeehaus
Voltaire,
Le Caffé ou l’Écossaise
. Dass der Edinburger Pastor „Hume“, ein Bruder David Humes, eine englische Vorlage verfasst habe, ist vmtl. nur eine Inszenierung Voltaires gewesen.
Uebersetzung von
Hunsens Coffee
haus hat mir eine angenehme halbe Stunde

36
gemacht. Ich wünschte das Engl. lieber.

37
Beyliegende Kleinigkeiten
Exemplare der Nummern 49–51 von
Wochentliche Königsbergische Frag- und Anzeigungsnachrichten
, worin Hamanns
Vermischte Anmerkungen
erschienen waren.
Beyliegende Kleinigkeiten mögen Ihnen willkommen seyn. Sie können

S. 55
selbige sicher verschenken, weil Ihnen ein ander Exemplar zugedacht habe mit

2
erster Gelegenheit da Ihnen etwas übermacht werden soll. Wegen der Note

3
K.
der für die Zensur zuständige Kanzler der Universität Königsberg:
Cölestin Kowalewski
, vgl.
HKB 194 ( II 45/19 )
.
mußte selbst zum
K.
gehen, der sich Ihrer erinnerte, und mir wieder Hoffen

4
das
Imprimatur
gütigst ertheilte.

5
Des
Athenaeus
wegen leben Sie unbekümmert. Es hat noch Zeit, eh ich ihn

6
erreiche, und ob mir die Zeit wird gegeben werden, weiß Gott. Sie wißen,

7
freyen Scherz
vgl.
HKB 197 ( II 52/23 )
daß ich Muth habe einen
freyen
Scherz zu wagen, und bisweilen auch das

8
Glück einen
feinen
zu
verlieren
.

9
Schultens Hiob
Schultens,
Liber Jobi
Endlich in
Schultens Hiob,
wo ich das 10 Kap. vor die Feyertage zu Ende

10
gebracht. Meine Gemüthsverfassung ist vielleicht ein beßerer Schlüssel und

11
Arabische
Im Anschluss zählt Hamann seine Lektüre dazu auf.
Commentator
als das Arabische; das ich künftige Woche mit neuen Eyfer so

12
Gott will anzufangen und fortzusetzen gedenke. Ein ehrl. Mönch
Guadagnoli

13
arabischer Grammatikus
Elmacinus,
Historia Arabica
und ein arabischer Grammatikus, der
Erpen
übersetzt und herausgegeben

14
versprechen mir viel; den ersten kenne schon halb. Alles übrige was ich

15
gelesen, der neueste Koppenhager
Kalle, Clodius, Reime cet.
sind bloße

16
Nachbeter des
Erpen
– Daß
Schultens
demselben gefolgt, wundert mich; zu seiner

17
Absicht wäre es beßer gewesen eine andere Grammatik zum Grunde gelegt zu

18
Reveries
franz. rêverie: Träumerei, Hirngespinst
haben. Doch dies sind noch
Reveries philologiques,
von denen ich rede. Zeit

19
δοξην in επιστημην
Meinung in Wissen verwandeln, vgl.
Hippokr.
lex
4.
und Glück werden mehr lehren, und Glauben in Schauen verwandeln,
δοξην

20
in
επιστημην
wie
Hippocrates distingui
rt.

21
HE Lauson läst Sie herzl.
bitten
grüßen, hat heute etwas für Sie

22
Rigischen Almanach
nicht ermittelt
hergebracht und bittet um einen kleinen Rigischen Almanach
de anno 1761. par

23
occasion favorable.
Er ist noch mein treuer
Socius,
der mich zuweilen sehen

24
und aufmuntern kommt.

25
Bey Lesung der
Schulten
schen Werke habe
Simonis Lexicon
immer

26
verglichen, und den Werth dieses Buchs dadurch mehr schätzen gelernt. Falls Sie

27
selbiges, Liebster Freund nicht haben, so erlauben Sie mir, daß ich es Ihnen

28
nochmals als das nützlichste brauchbarste Handbuch in Ihre Bibliothek

29
empfehlen kann. Wollen Sie, so werde es hier im Buchladen für Sie auslegen

30
laßen.

31
committiren
anvertrauen
Was Sie meinem Bruder
committi
ren, davon weiß nichts, werde mich auch

32
nicht darum bekümmern. Bitte Sie aber sehr, falls er seiner Pflicht vergißt

33
ihn so viel mögl. dazu anzuhalten und die Ermangel. deßelben mir nicht zur

34
Sapienti sat
lat. sprichwörtlich: für den Verständigen genug
Last zu legen.
Sapienti sat.

35
Ich arbeite
alleine
– – Keiner der mir mit seinen Einsichten, Urtheil oder

36
wenigstens Geschmak zu Hülfe kommt. Sie können leicht denken, wie

37
verlegen mich dies öfters macht. Aber auch von der andern Seite desto mehr

S. 56
Vortheile; und der Lohn meiner Mühe wird desto reicher seyn am Ziel

2
meiner Laufbahn.

3
Wochenschrift Karoline
Karoline. Eine Wochenschrift
Hier wird eine Wochenschrift Karoline herauskommen, deren Verfaßer

4
schon zum voraus bekannt ist, nichts aber verspricht. Vielleicht brauche ich

5
diesen Kanal, oder diesen Rinnstein vielmehr, um etwas durchschlüpfen zu

6
ohe iam satis est
Hor.
sat.
1,5,12f.: „Halt da, genug jetzt!“
laßen; denn für das
Intelligentz
Werk
hier schlüße ich mit dem:
Ohe iam

7
satis est.

8
Heute habe die Nachricht erhalten, daß die Kgl.
alumni
oder
Stipendiaten,

9
actum
akademische Prüfung
die nicht im stande sind einen
actum
zu bestreiten mit einer Abhandl. darinn

10
milden Stiftung
Vgl.
Hamann,
Klaggedicht
, N II S. 145/17, ED S. 52.
davonkommen sollen. Denn würde es den Namen einer
milden Stiftung
im

11
eigentl. Verstande verdienen, den ich ihm vor einigen Wochen im Geist schon

12
gegeben habe.

13
Ich schlüße, womit ich angefangen habe, unter Anwünschung alles

14
liebe Hälfte
Marianne Lindner
ersprießl. Wohlergehens, grüße herzl. Ihre liebe Hälfte, umarme Sie

15
beyderseits und ersterbe Ihr aufrichtig ergebener Freund.

16
Hamann.


17
Mein Vater empfiehlt sich gleichfalls Ihrem freundschaftl. Andenken mit

18
dem Wunsch.


19
den 31
Dec.
1760.

20
Ich habe gestern noch für die lange Weile den
Precis de l’Eccl. et du

21
Cantique
gelesen, und nichts darinn gefunden, ohngeachtet mir mit ein paar

22
guten Zeilen zum Motto wenigstens wären gedient gewesen. Haben Sie schon

23
Lardners vier Reden von den Beseßenen, die Caßel übersetzt. Dieser Caßel

24
wählt selten ein gut Buch und ist noch unter Windheim. An Jortins

25
Anmerkungen über die Kirchengeschichte hat er ein eben so entbehrl. Werk

26
propter fugam vacui
wegen der Flucht des Leeren
Verschen
aus
P. Gerhardts
Kirchenlied „Nun laßt uns gehn und treten“, Strophe 8 u. 9; Strophe 14.
geliefert. Lardner möchte wohl für Sie seyn. Ich schlüße
propter fugam vacui

27
mit einem Verschen:


28
Laß ferner Dich erbitten o Vater! und bleib mitten

29
in unserm Kreutz und Leiden ein
Brunnen
unsrer
Freuden
.

30
Gib mir und allen denen, die sich von Herzen sehnen,

31
Nach Dir und Deiner Hulde, ein Herz, das sich gedulde. – –

32
Und endl. was das Meiste,

33
Füll uns mit Deinem Geiste pp.


34
Meinen Kußhand an die Frau Gemalin. Eine Neujahrshöflichkeit an alle

35
gute Freunde, die es nicht der Mühe werth halten sich meiner zu erinnern,

36
Baßa
George Bassa
worunter Herr George Baßa ggl. obenan steht.

Provenienz

Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (61).

Bisherige Drucke

Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 42–46.

ZH II 52–56, Nr. 198.

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
53/27
σεμειωτικα
]
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988):
σημειωτικα