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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 4. Mai 1754
25 ◀ ZH I ▶ 27
ZH I, 69



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Grünhof den 4 May 1754.

Herzlich geliebteste Eltern,

Wenn werden Sie mich aus der Unruhe reißen, in der mich die lange
Abwesenheit und der ungewohnte Mangel einiger Nachrichten von Hause setzet?
Mein erster Brief ist von Ihnen ohne Zweifel schon erhalten worden; der
zweite gleichfalls, und ich weiß selbst kaum mehr was ich denken und meinen
betrübten Muthmaßungen zu meiner Beruhigung entgegensetzen soll. Gott
gebe, daß die morgende Post was für mich mitbringt, und bitte noch mehr,
daß es nichts als Gutes sey. Ich habe meinen Brief mit so viel Verwirrung
und Eilfertigkeit neulich geschrieben, daß ich deshalb um Verzeihung bitte,
wenn auch gegenwärtiger nicht beßer gerathen sollte.
Ich wünsche, daß sich meine GeEhrteste Eltern wenigstens so gesund als ich
befinden möchten; und daß eine angenehme Verwirrung, oder die ich mir so
leidlich als möglich vorstelle, an den Aufschub Ihrer mir so unentbehrlichen
Zuschriften allein schuld sey. Bald ersinne ich mir Besuch vom Lande, bald
behelf ich mich mit der wahrscheinlichen Erdichtung, daß Sie zu eben der Zeit,
wenn ich an meine liebste Eltern und Freunde denke, an mich schreiben und
ich nichts als die Post abwarten darf. Dieser Gedanke hat mich aber schon
etliche mal betrogen, daß ich selbigem nicht mehr trauen kann. Unter allen
grausamen Ahndungen, die mich qvälen, ist dies die leidlichste, daß sich alle
biß auf meinen Bruder fest vorgenommen hätten mich zu vergeßen. Wenn ich
mich von dieser Zusammenschwörung überzeugen könnte; so würde ich jede
Woche zweymal Sie wieder Willen nöthigen an mich zu denken.
Die Bewegung, ohngeacht die jetzigen Tage noch nicht alle dem ersten May
ähnlich sind, scheint meiner Gesundheit ziemlich gute Dienste und meiner
Hypochondrie Abbruch zu thun. Das Clima scheint das ganze Land mit einer
Art von dieser Krankheit zu drucken. Ich habe in einem gewißen Buch, welches
gesellschaftliche Erzählungen heist und mir von der Frau Gräf: mitgetheilt
worden eine ziemliche Nachricht von diesem Übel gelesen, gegen welches eine
unbarmherzige Diät als die beste Cur vorgeschrieben wird. Ein kleiner Anfang
dazu ist schon von mir gemacht worden, den mir aber beynahe
unwiederstehliche Versuchungen ziemlich schwer machen, und den ich auch im strengen
Verstande nicht ausführen kann ohne für einen Sonderling angesehen zu werden.
Die Reise nach Riga soll uns nahe seyn und vielleicht werden auf selbige noch
mehrere nach den übrigen Gütern folgen, die an den polnischen Gränzen
liegen. Jetzt ist ein neues in der Nachbarschafft von Mietau dazu gekauft, welches
auch groß seyn muß. Ich habe zu diesem Handel meine Feder ziemlich glücklich
gebraucht, wofür man mir eine thätliche Erkenntlichkeit versprochen. Man ist
übrigens so zufrieden mit mir Gott Lob! als ich es wünschen kann. Ich suche
nichts als das Meinige zu thun v werde michr die Gunst der vornehmen
niemals durch Niederträchtigkeit zu erwerben suchen, weil ich selbige für so
eigennützig als die Neigung unserer Bedienten halte. Die Ausnahme ist sehr
selten und jeder Stand hat leyder! seine Vorurtheile, die ihre Nicken nicht
ablegen. „Wen ich brauchen kann, sagt der Löwe, wenn er mit dem Esel auf
die Jagd geht, dem kann ich ja wohl meine Seite gönnen. So denken die
Vornehmen wenn sie einen Niedrigern Ihrer Freundschaft würdigen.“
Heute reisen Ihre Excell. nach Mietau ihre Andacht zu halten, wohin Sie
der älteste begleiten wird. Ich habe mir gleichfalls dieses Werk auf künftige
Woche gewiß ausgesetzt; und bin nochur ungewiß ob ich einen Werktag oder
den Sonntag dazu erwähle, weil ich die Einrichtung dieser Kirche hierinn noch
nicht weiß und ohne Noth bloß meinethalben den alten Pastor nicht
beschweren will. Gott mache mein Vorhaben gewiß und bereite mein Herz dazu.
Meine Buße und mein Glaube werde mit seiner Gnade und Vergebung
belohnt. Sie werden mir GeEhrteste Eltern nach Ihrer Liebe auch die
Vergeßenheit alles desjenigen zu gestatten nicht ermangeln, womit ich Sie auch
abwesend betrübt haben möchte. Gott der uns durch Fleisch und Blut verbunden,
wolle uns auch im Geiste vereinigen und an derjenigen Gemeinschafft mit ihm
Theil nehmen laßen, die uns einmal nach diesem Leben glücklich machen soll.
Meine liebe Mutter hat mir aufgetragen Ihr von meiner Wirthschaft
bisweilen Rechenschaft zu geben. Ich will ihr also auch hierinn meinen
Gehorsam bezeigen.
Sie werden sich erinnern, GeEhrteste Mama, daß die Frau Gräfin mir ein
halb Stück feine Leinwand zu Weynachten gegeben; daß ich jetzt zu
Halbhemden brauchen will, weil meine Manschetten besonders viel gelitten haben;
und nur noch einige Paar ganz sind. Ich glaube daß ich das Hintertheil
derselben zu Halsbinden werde gebrauchen können. Ich weiß aber nicht, ob aus
meinen Kragen oder viertelhemden nicht ganze Halbhemde gemacht werden
können. Was meynen Sie? Um ein paar Schnupftücher bin ich in Liefland
gekommen. Es fehlt mir aber noch nicht daran; außer daß ich mir bey
Gelegenheit seidene oder halbseidene oder baumwollene ich weiß selbst nicht welche
anzuschaffen gedenke. Mit Stiefeln und Schuhen bin ich noch ausgekommen
und ich habe mir nur ein paar Pantoffeln hier machen laßen müßen, die auch
schon entzwey sind; weil ich selbige am meisten brauche und sie überdem
rußische Arbeit waren, die wohlfeil aber an Güte der Nürnberger bey uns
gleichkomt. Sie wißen daß ich einen leichten Sommerrock von Hause
mitgebracht; zu den mir eine Weste fehlt, die ich mir auch diesen Sommer wo mögl.
anzuschaffen gedenke. Was ich dazu wählen werde, weiß ich noch nicht. Eine
Perücke habe ich auch mir machen laßen, die ich aber noch nicht aufgesetzt v
nur aus Erkenntlichkeit bestellt hatte; weil der Meister derselben ein Nachbar
von HE. Belger war, in deßen Hause ich vielen Coffée getrunken v. allerhand
Höflichkeiten genoßen habe. Sie ist ein Meisterstück im Zuschnitt, die alle
übrigen die ich bisher getragen, verdunkelt, auch nur zum Sommerstaat dient.
Zu den Königsberg. werden sich schwerlich in Liefl. v Curl. Liebhaber finden.
Sie werden diesen Scherz niemanden lesen laßen. Er ist nichts als eine
höfliche Entschuldigunge, daß es mir nicht mögl. ist welche verschreiben zu laßen,
wie ich bey meinem Abschiede versprochen habe. Mit meinem Schlafrocke werde
ich auch noch diesen Sommer auskommen; auf den Winter wird ihn ein
Schlafpeltz oder Talup ersetzen. In Riga will ganz gewiß meine Schuld Ihnen
abtragen. Es hat mir mehr als einen wiedrigen Gedanken gekostet, daß ich die
Commission von meiner lieben Mutter, die einzige noch von Hause, noch nicht
habe ausrichten können. Ich habe mich schon entschuldigt, und werde daran
nicht mehr denken, biß der Wolf selbst kommt. Der beste den ich finden und
bezwingen kann. Künftiges Jahr hoffe ich etwas zurückzulegen, wovon ich
lebe, v denn will ich auch Buch halten. Dieses Jahr will auskommen und
etwas zum Ausgeben für kleine und zufällige Ausgaben behalten. Ich bin
jung und lebe niemanden als mir. Ich will weder so alt noch so reich als der
Gelehrte Mann in Copenhagen sterben, von dem Sie in den Zeitungen werden
lesen gehört haben. Ich liebe weder Staat noch Ausschweifungen; von
ehrlichen und angenehmen Ausgaben kan ich kein Feind seyn und werde es auch
nicht werden. Ich bin lecker aber niemals für mich noch auf meine Unkosten.
Den Wein kann ich entbehren und das hiesige Waßer schmeckt mir recht gut;
auch öfters schwarz brodt beßer als weißes. Ich müste schon recht viel im
Voraus haben ehe ich mir mit guten Gewißen entschlüßen könnte ein blankes kleid
zu tragen. Ein Buch, einem Freund zu dienen, mir einen Menschen gut zu
machen, der mir einen kleinen Dienst thut, eine ℔ Schnupftoback, ein
Pfeifchen, zum letzteren habe ich neulich 4 Cartausen umsonst bekommen v für das
erstere werde ich auch einige Wochen nichts ausgeben dürfen. Die Fr. Gräf.
selbst hat mir ein paar mal mit ihrem Haupttoback versorgt, der aus Cubeben
besteht, v mir nicht uneben thut. Baumwollene v zwirnene Strümpfe werde
ich noch brauchen; und damit holla! Ich erinnere mich übrigens der Erfahrung
die ich in Riga gehabt habe, noch öfters mit Vergnügen. Ich war dem Mangel
nahe genung, ohne daß er mich unruhig gemacht haben sollte, v ohne ich wuste
demselben abzuhelfen. Ich hatte mir aller Hülfe in diesem Stück von meinen
Eltern begeben v. eben so wenig Herz gehabt weder einen halben noch einen ganzen
Freund darum anzusprechen. Demohngeachtet gab ich mit dem Vertrauen
Kleinigkeiten aus, als wenn ich mich auf Offenbarungen verlaßen könnte.
Der Gedanke der Vorsehung, ihre Aufmerksamkeit auf die Zeit, wenn sie den
Menschen helfen [kann] sind keine bloße Einbildungen. Ja sie verzeiht es
denjenigen v nimt sich deren an, die auch ein wenig dummdreist sich auf sie
verlaßen.
Ich erwarte meine Schüler und muß daher zum Schluß eilen. Werde ich
bald, GeEhrteste Eltern, mir eine Antwort von Ihnen versprechen können?
Ich bitte darum. Gott erhalte Sie und stärke Sie an Leibs und
Gemüthskräfften. Er mache mich Ihrer Zärtlichkeit würdig. Schlüßen Sie mich in Ihr
Gebet ein und vergeßen Sie nicht Ihren Sohn, der Ihnen mit der kindlichsten
Ehrfurcht die Hände küst und sich Ihrem theuren Andenken Zeit Lebens
empfiehlt.
Johann George Hamann.

Alle gute Freunde bitte ergebenst v. herzlich zu grüßen, besonders unsere
Hausgenoßen und unter denselben die Jgfr. Degnerinn. Das Zoepfelsche
Haus, meinen lieben Zuckerbecker, Liborius Nuppenau, süßen Andenkens.
Meine Gönner, HE. Diac. Buchholz, HE D. Lilienthal pp. Mein seel. Rappolt
fällt mir ein. Wird mir mein Bruder seinen Catalogum v seinen Lebenslauf
schicken, der im Intelligent Blatt steht. Wie viel hat er an den Mann verloren
v seinen Tod nicht einmal berichtet, daß ich ihn auch hätte beweinen können.
Wie mag es seiner Wittwe v Waysen gehen. HE Karstens bitte ich gleichfalls
freundschaftl. zu grüßen; v mich noch diesen Posttag zu entschuldigen. Leben
Sie wohl Geliebteste Eltern; ich bin zeitlebens Ihr
gehorsamster Sohn.


































übrigen Gütern nicht ermittelt

Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)
neues vll. Meyhof/Apollonienthal








Frei zitiert nach Lessings Version der Fabel »Der Löwe mit dem Esel« aus
Lessing, Schrifften I
, S. 164: »Als des Aesopus Löwe mit dem Esel, der ihm durch seine fürchterliche Stimme die Thiere sollte jagen helfen, nach dem Walde ging, rief ihm eine nasenweise Krähe von dem Baume zu: ein schöner Gesellschafter! Schämst du dich nicht, mit einem Esel zu gehen? Wen ich brauchen kann, sagte der Löwe, dem kann ich ja wohl meine Seite gönnen. / So denken die Grossen, wenn sie einen Niedrigen ihrer Freundschaft würdigen.«












































Talup Fellschlafrock

















Pfund

Cartausen Papierhülse, von franz. cartouche


Cubeben ein Pfeffergewächs

























Catalogum Auktionskatalog von Rappolts Bibliothek, Brief Nr. 32 (ZH I 85/17), Brief Nr. 43 (ZH I 108/33)







Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (18).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 262–263.
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 55–56.
ZH I 69–72, Nr. 26.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
72/2 ohne ich wuste
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies ohne [daß] ich wuste