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Johann Georg Hamann → Gottlob Immanuel Lindner
Riga, Ende Oktober oder Anfang November 1758
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Geliebtester Freund,

Ich höre daß Posten von Grünhof abgehen werden, bitte mir also mit
selbigen und falls Sie zu lange werden sollten auch mit der Post ein Buch aus,
das ich unumgängl. brauche. Nämlich Vernets kleine Historie, die neben der
Joachimschen Abhandlung von den Münzen beygebunden. Wenn sie letztere
noch nicht durchgelesen, so kann Ihnen an dieser Materie nicht so viel gelegen
seyn um mir das erstere zu versagen, das ich höchst nöthig habe. Mit den
Posten werden Sie so geneigt seyn auch für meine Laute Sorge zu tragen; weil
mir mein Bruder keine mitgebracht und ich ein wenig Zeitvertreib v
Abwechselung mir an der Musick zu geben gedenke.
Sie wißen daß mein Bruder angekommen, falls er heute zu mir kommt,
soll er selbst an Sie schreiben. – – Ich freue mich sehr ihn um mich zu haben.
Gott schenke mir die Freude v den Nutzen von seinem Umgange, den ich mir
verspreche, und laß uns in aufrichtiger Friede und Liebe mit einander leben.
Was machen Sie, Geliebtester Freund? Ich hoffe v wünsche Sie wieder
gesund. Ein neuer Fluß an einer geschwollenen Wange hält mich ein; sonst
bin Gott Lob! munter und zufrieden und glücklich, so lange als Gott will;
bey meinen Umständen mehr Muth und Lust zu leben, als ich jemals gehabt.
Aristoteles amicus, Plato amicus, sed veritas maxime amica – – und das
nach der Melodey: Mag es gleich der Welt verdrüßen. Dies ist eine
Nachahmung von einem Lausonschen Einfalle. An Ihren ältesten Herrn Baron
habe ich mir selbige als ein Ritter vorgestellt. Die Wahrheit heißt es, macht
uns frey. Wir müssen also wie die Römischen Sclaven einige Maulschellen
fürlieb nehmen um den Hut tragen zu dürfen.
Vielleicht wage ich einige, oder habe es schon nach Ihrer Meynung schon
gethan, an Ihnen Selbst. Sie werden mich daher mit gleicher Münze
bezahlen. Ich suche die Furcht für Gesichter und Mienen so viel ich nur kann,
zu unterdrücken und zu verleugnen.
Sie wollen Hobbii Opera lesen, ich habe selbige nicht – – und wenn ich
solche hätte, so würde ich ein Bedenken tragen sie Ihnen mitzutheilen. Wie
wenig wollen Sie sich durch mein Beyspiel warnen laßen? Sie werden den
Schaden davon tiefer als ich empfinden und er wird bey Ihnen vielleicht
schwerer zu ersetzen seyn. Sie haben ein größer Genie, das Sie schonen müßen,
und das weniger fremden Zusatz nöthig hat als ich. Sie haben einen stärkeren
Beruf und gezeichnetere Gaben zu einem Amte und zu einem öffentl. Stande
als ich habe. Hören Sie, wenn es möglich ist Sie aus dem Schlummer Ihrer
Hypochondrie zu ermuntern. Schonen Sie Ihre Gesundheit – – Dies ist eine
Pflicht, zu deren Erkenntnis v. Ausübung Sie keinen Leviathan nöthig haben;
von der die jezige Anwendung Ihrer Selbst und der künfftige Gebrauch Ihres
Lebens und der Wucher ihrer Pfunde abhängt. Ersparen Sie sich die Mühe
des Grabens, und den Aufwand eines Tuches – – nehmen Sie zur Wechsel
Bank Ihre Zuflucht, wo wir all das unserige anbringen und umsetzen können.
Denken Sie an Ihren Beruf; denken Sie daß Sie einen zwiefachen haben.
Hast Du mich lieb? Weide meine Lämmer. Hast du mich lieb? Hast du mich
lieb? Weide meine Schaafe, weide meine Schaafe. Wem viel vergeben ist,
liebt viel. Socrates vergaß mitten unter den Wirkungen des Gifts die ihn zu
lähmen anfiengen des Hahns nicht, welchen er dem Esculap zu opfern
versprochen hatte. Denke an den, deßen Gekrähe Dich an meine Verleugnung
erinnerte, und an den Blick der Liebe, den Dein Herz schmolz. Thun Sie alles
dasjenige, was zu Ihrer Pflicht gehört? Woher entstehen alle die Lüste nach
fremden Gewächsen – – das Murren des Volks – –
Ich komme Ihnen vielleicht allzugerecht und allzuweise vor – – Sitzen
aber die Pharisäer selbst nicht auf Moses Stuhl, und gesetzt, ich straffte
mich jetzt selbst, hört dasjenige, was ich Ihnen sage, auf wahr und recht zu
seyn. Sagen Sie also nicht in Ihrem Herzen zu mir: Artzt hilff Dir selber! –
An dieser Krankheit sterben alle Ärtzte, und der gröste litte diesen Vorwurf
auf seinem Siechbette, dem Creutz. Thue das hier, auf diesem Grund und
Boden, was man in Capernaum von Dir erzählt. Laßt uns arm werden – –
Wittwen werden – – wie Naeman den Rath eines Dienstmädchens nicht für
gering achten um eine Reise zu thun, den Rath unserer Unteren nicht für zu
schlecht um den Jordan zu besuchen. Ist es was großes, was der Prophet von
uns fordert. Ist es eine Lügen, was der Apostel sagt, daß alles Koth – – ja
Schaden ist – hat es Moses jemals gereut die Schmach seines Volkes für die
Weisheit v Ehre in Egypten vertauscht zu haben. – –: So wird eben das in
Ihrem Nazareth geschehen.
Fragen Sie den gelehrten Heumann, was Xantippe für eine Frau war?
Um in dieser Verkleidung einen Freund zu beurtheilen, fühlen Sie sich recht
nach dem Puls – – Verzeyhen Sie mich, ich rede in lauter Brocken an Sie, an
denen Sie wiederkäuen mögen.
Gott hat mir Muße und Ruhe geschenkt. Ich suche die Zeit die ich jetzt habe wie
ein Altflicker anzuwenden. Zwo Stunden sind bisher für mich besetzt gewesen,
davon ich eine wieder verloren. Die erste war gewiedmet ein Kind lesen zu
lernen, die andere einen jungen Menschen, den ich als meinen Freund und Bruder
ansehe, ein wenig französisch. Ich habe den letzten jetzt nur, und habe die
Hofnung das erste wieder zu bekommen, und will so bald ich mit Gottes Hülfe
wieder ausgehen kann, einen Besuch thun darum zu betteln, daß man es mir
höchstens ein paar Stunden des Tages wieder anvertraut. Wollen Sie mir glauben,
daß ich ganze halbe Stunden herumgehen kann um mich zu den Lection, welche
die möglichst leichteste sind, vorzubereiten und nachzubereiten, daß ich so sage.
Sie werden mich verstehen und soviel davon als nöthig anwenden auf das,
was ich sagen will. Als ein Freund von Ihnen erlaube ich mir gegenwärtige
Freyheiten, und suche die Vorwürfe einer Nasenweisheit zu mildern. Als
mein Nachfolger bey denjenigen Kindern, die ich ehmals gehabt, werden Sie
das Spiel, das ich mit Ihnen angefangen, nicht auf die strengste Art wie einen
Vorwitz um ganz fremde Dinge beurtheilen können.
Mein Bruder und Freund Baßa haben Thée mit mir getrunken. Der erste
hatte nicht Zeit zu schreiben. Der Herr Rector, der niemand beleidigen will,
hat ihn rechtschaffen die Runde gehen laßen. Ich bin mit alle dem sehr
zufrieden, was mir auch als überflüßig vorkommen sollte. Er lehrt dadurch
seine Oberen kennen, und kann dadurch vielleicht einen künfftigen Vortheil
ziehen, an den unser bestgesinnter Freund jetzt selbst nicht denken mag. Ich
weiß Gott wird meinem Bruder gnädig seyn und ihm alles zum Besten dienen
laßen. Unsere eigene Fehler und die Fehler anderer sind öfters ein Grund von
unserm Glück; so wie wir bisweilen so sehr durch unsere Selbstliebe als
Freundschafft anderer gezüchtigt und geprüft werden müßen.
Freund Baßa lebt hier mit mehr Verdruß als Vergnügen; weil er seine
Waaren nicht anbringen kann. Gott hat mir Gnade gegeben auch mit ihm
richtig zu machen. Um wieviel Pfund mein Herz dadurch leichter geworden, mögen
Sie Selbst berechnen. Ich sehe von meinen Wünschen einen nach dem andern
in Erfüllung gehen, ohne Selbst das Wunderbare darinn begreifen zu können.
Die Thränensaat einer Nacht verwandelt sich öffters in ein Erndte und
Weinlese Lied des darauf folgenden Morgens.
Ich will mich einmal tumm anstellen, oder ein wenig blödsinnig, und die
Schmeicheleyen, die Sie mir in Ansehung meiner Briefe machen, nach dem
Buchstaben nehmen. Nach dieser Voraussetzung geht es füglich an Sie um
die Prüfung meines letzten Packs ein wenig zu ersuchen. Ich habe Kinder,
Eltern und Hofmeister vor Augen gehabt, und mich selbst nicht vergeßen.
Dies wären 4 Seiten, nach denen ich Sie solche in Augenschein nehmen
müßen, um meinen ganzen Entwurf zu übersehen.
Daß mein Schlag anders wohin getroffen – – Der Verstand dieses
Einfalls ist mir nicht entwüscht, ich kann Ihrem jungen HE. noch nicht die
Stärke zutrauen in wenig Worten soviel zu sagen. Meine Mühe Sie zu
errathen ist mir schlecht vergolten worden. Anstatt diese Einbildung aus dem
Sinn und der Feder Ihres Züglings auszureden, nehmen Sie an selbiger
Antheil und bestärken ihn auf eine feine v witzige Art darinn. Das heist ein
Kind der Schönheit wegen schielen zu lehren. Ich habe mich daher so
weitläuftig dabey aufhalten müßen ihm seinen künstl. Irrthum zu benehmen, der
mir Schande macht, und mit meinen Absichten nicht im geringsten
bestehen kann.
Ich habe nicht den Vorsatz gehabt so viel Philosophie zu verschwenden,
und fast über meine Kräffte v. Neigung den 2ten Brief geschrieben. Ihr Ton
hat mich dazu verführt.
Sentimens bey Kindern herauszubringen, die Hebammen Künste, die
Bildhauer Handgriffe, welche Socrates von seinen 2 Eltern vermuthlich
abgestohlen – – Dies muß immer der Endzweck unseres Amtes seyn, und wir müßen
dies mit eben so viel Demuth v Selbstverleugnung treiben, als er die
Weltweisheit – –
Daß alle Kinder Sprünge nichts helfen um Kinder zu lehren, wißen Sie aus
der Erfahrung. Daß Sie unsere Lehrer sind, und wir von ihnen lernen müßen,
werden Sie je länger je mehr finden. Wenn Sie solche nichts von uns lernen
wollen noch können; so liegt allemal die Schuld an uns, weil wir so
ungelehrig oder so stumpf sind sie nicht in der rechten Lage anzugreifen. Je
mehr ich mich selbst in Ansehung des jüngsten HErrn untersuche, je mehr
finde ich, daß die Schuld an mir gelegen. Ich möchte Ihnen anrathen
dasjenige auszuführen, was ich Ihnen hier vorschlage. Sie werden auf manche
Entdeckungen kommen. – –
Gewöhnen Sie Ihren jungen HErrn so viel Sie können an eine bescheidene
Sprache. Der entscheidende zuversichtl. Ton gehört nur vo für Sophisten.
Meine Meynung ist: Ein Beruff ist pp. Er muß weder römische Gesetze noch
italienische Concetti schreiben lernen. Fast nicht ein einziger Period der nicht
das harte der ersteren und das gedrehte und gewundene der andern an sich hat.
Der junge Herr kann ohnmögl. Lust zu dieser Arbeit haben, falls Sie ihm
solche Muster und Stoff zu seinen Briefen geben. Er muß in seinem Herzen
sich über uns beyde aufhalten, wenn er in dem Laut fortfahren soll, worinn
er angefangen.
Ihre Aufnahme v der Gebrauch dieser Anmerkungen wird mich so oder so
bestimmen; ich werde mich dabey winden so gut ich kann. Sie müßen eben
so aufrichtig seyn als ich, und mir sichere data geben – – nach denen ich mich
gern beqvemen will.
Ich habe bey meinen Urtheilen das Consilium des lieben HE Bruders zu
Hülfe genommen, weil meinen eigenen Geschmack für zu eigensinnig halte.
Er schien mehrentheils gleicher Meynung mit mir zu seyn. Erfahrungen,
deren Eindrücke bey mir tief seyn müßen v deren Beyspiele mir noch
immer gegenwärtig sind, sollten mich vielleicht behutsamer machen. Ich halte
s Sie für gesetzter und gründlicher, als daß Sie gegen mich zurückhalten
sollten. Falls Ihnen meine ganze Arbeit als eine Frucht des Eigendünkels
vorkommt, falls Sie an der Wendung derselben zu viel Antheil nehmen
sollten, so sagen Sie mir es. Ich werde für diese Probe Ihrer Freundschafft
Ihnen verbindlich seyn und auf eine Art abbrechen die Ihnen alle
Genugthuung schaffen soll.
Ich bitte nochmals um Vernets Historie v mein lateinisch Wörterbuch, weil
Ihr Faber hier nebst Virgil mitgekommen, die Sie mit ehsten erhalten werden.
Meinen Empfehl an Ihre Excell. Excell. Grüßen Sie Ihre junge HErren
und die Pastorathe. – – Leben Sie wohl und erkennen mich für Dero
ergebenen Freund und Diener.
Hamann.





















Die Wahrheit Joh 8,32


Hut zur Freilassung eines röm. Sklaven zus. mit den Maulschellen – das könnte H. etwa in
Baumgarten, Uebersetzung der Algemeinen Welthistorie
(Bd. 10, S. 131) gelesen haben.






















Plat. Phaid.
118 A,5–10












arm werden 2 Kor 8,9

Naeman 2 Kön 5,4


Jordan 2 Kön 5,13 (evtl. Phil 3,8)





Heumann
Heumann, Acta Philosophorum
, dort, im 1. St., das Kap. »Ehren-Rettung der Xanthippe«, S. 103ff.
Xantippe Frau von
Sokrates
















Vorwürfe von G. I. Lindner bzgl. Hs. Briefwechsel mit den Söhnen v. Witten, Brief Nr. 119 (ZH I 257/29)






Runde J. Chr. Hamanns Antrittsbesuche










durch ein Geldgeschenk seines Vaters konnte H. Schulden bei
George Bassa
tilgen, vgl.
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 433/25





































































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (3).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 310–313, 319–323.
Paul Konschel: Der junge Hamann. Königsberg 1915, 90–93.
ZH I 274–278, Nr. 128.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
275/21 den Dein Herz
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies der Dein Herz
276/36 ein Erndte
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: eine Erndte  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies ein Erndte
278/5 Laut
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Lauf