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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 15. Juni 1755
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ZH I, 114


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Herzlich geliebtester Freund,

Ich habe Ihren Brief in der Nacht, da ich kurz ins Bett gestiegen war, mit
vielem Vergnügen gestern gelesen. Sie haben mir nichts geschrieben von dem
meinigen, den Sie bey Anwesenheit Ihres HE. Bruders vermuthl. erhalten
haben müßen. Ich habe selbigen in der grösten Eilfertigkeit, weil mein
Nachbar der junge Pastor bey mir war, v Unordnung ablaßen müßen. Er war
theils in vielen Stücken vertraulich in Ansehung der Ihnen aufgetragenen
Commission v des vorgeschlagenen HE. Ruhig theils verdrüßl. geschrieben.
Es ist mir viel daran gelegen zu wißen, ob Sie ihn erhalten haben; v.im
das Gegentheil sehr unangenehm. Sie sollen niedergeschlagen seyn ohne zu
wißen warum? Diese Nachricht hat mich selbst dazu gemacht. Ich hoffe doch
nicht, daß wegen des Anfanges Ihrer Haushaltung meine Ankunfft auch
einige Sorgen machen möchte. Wenn ich Ihren Brief überlese, so scheint es
Sie haben meinen letzten nicht erhalten. Ich hatte Ihnen die Mühe nach
Kgsb. deswegen zu schreiben Ihnen darinn wiederrathen; v Sie scheinen
davon nichts zu wißen. Ich weiß nicht warum HE. L. nicht bey Ihnen gewesen.
Man wartet hier auch mit äußerstem Verlangen auf ihn. Sie können sich
nicht vorstellen wie sehr ich meinen ehrl. Baßa vermiße. Ich würde sonst schon
eingepackt haben v noch einmal so vergnügt v. ruhig jetzt leben. Die Zeit wird
mir unerhört v. unerlaubt lang. Ich weiß sie mir mit keinem andern als mit
ihm zu vertreiben. Man geht heute unvermuthet nach Mietau um einem
angekommnen Großen seine Aufwartung zu machen. Ich habe 2 Ihrer Briefe
nach zu Ihrem HE. B. geschickt. Der eine war an ihn. Auf dem andern soll
er ein and Couv. machen. Ich habe dies für nöthig v. beßer gehalten;
besonders wegen der Versetzungen von ein paar Worte, die man vielleicht unrecht
auslegen könnte. Man schreibt nicht M. G. sondern General-Major aux armées
de S. M. l’Imp. de toutes les Russies, Cheval. de l’Ordre de Ste Anne,
Seigneur de ses terres a Grunhof.
Dies ist ein Arrende Amt v. kein erbl. Gut.
Da haben Sie zugl. den ganzen Titel auf künftigen Fall. Vorige Woche habe
hier auch einen Hofmeister kennen gelernt, der auf Brodt ausgieng. Ich hatt
ihn Lust hier vorzuschlagen, weil ich ihn im Pastorat antraf. Er war den
andern Morgen aber durch priesterl. Barmherzigkeit schon weiter gebracht,
wie er mit daselbst angekommen war, um sich an einem Ort anzubieten
wo er von einer Vacantz gehört. Ein Schlesier, hieß Blasche, s. Bruder ist M.
in Jena. Ein Idiot mit dem Ansehen eines reisenden Handwerksburschen, den
ich gleichwol gern hier praesentirt hätte Ihnen Sie diejenige kennen zu
lernhren, die Ihre ergebenste Dienste aufdringen. HE. Ruhig soll gestört
seyn v seine wunderl. selbst bisweilen blasphemische Grillen nicht an sich
halten können in seinen bösen Stunden. Sonst wäre er gut, wenn dies nicht
wahr wäre. Ein Herrenhuter s mag er seyn, nur kein Mißionair seiner
Brüderschaft. In meinem letzten habe mehr von ihm geschrieben.
Meine Abreise ist auf alt Joh. festgesetzt. Die Gelegenheit ist alsdann gar
zu beqvem für mich. Ich hoffe alsdann ganz gewiß bey Ihnen zu seyn. Tage
v. Stunden werden mir länger als einem Liebhaber oder einer Braut oder
einem jungen Mann, der auf die 6 Wochen sr. lieben Frau rechnet v rechnen
läst. Hier sollt ich geschwind abbrechen v mich nach meiner zärtl. Pflegmutter
erkundigen, von deren Gesundheit Sie mir nichts gemeldet haben. Ich will
aber erst ausreden v denn gl. darauf kommen. M. Hase, der junge HE v.
Buttlar; der junge Pastor; zu denen fehlt der 4 Mann v der soll v will I ich
seyn. Sie werden gewiß dem ersten so gut werden als ich es ihm bin v. als
er s Sie schon hat. In deren Begleitung werde ich also Sie sehen v. wieder
sehen können; wie jene Riga in meiner.
Was macht denn Ihre v. meine liebe Wirthinn? Wird Sie vergnügt leben
können, wenn Sie es nicht sind. Wie glücklich will ich mich halten wenn mein
Vergnügen was zu Ihrer Zufriedenheit beytragen kann. Ich küße Ihr
hundertmal die Hände – –
Diesen Augenblick bin durch Ihro Excell. gestört worden. Man wundert
sich. Ich habe den Brief jetzt nicht abgeben können. Ich weiß jetzt den Knoten.
Die Schuld liegt an … HE Offic. von Ess. v HE. Huhn haben einen andern
in Vorschlag, der jetzt im Lande erwartet wird. Sehen Sie, daß Sie nicht
hätten mehr thun sollen als man verlangte, v nicht nach Kgsb.zu schreiben.
Es verdriest mich um Ihrentwillen, daß ich unrecht von Ihnen bin verstanden
worden. Wie viel vergebene Mühe! wie viel unerkannte Redlichkeit! Warum
muß ich am dem ersten v andern am zweiten schuld seyn!
Wenn es mögl. ist laßen Sie den HE. L. S. (bey Dump hält er sich auf)
zu sich bitten um ihm die von Kgsb. angekommene Sachen abzugeben. Reden
Sie so gesetzt v. vorsichtig mit ihm als Sie können. Warum hat er Sie nach
Kgsb. schreiben laßen? anderen Antrag angenommen ohne Ihnen etwas zu
wißen zu thun? Ich habe Ihnen nichts vergeben wollen, vergeben Sie sich
selbst nichts Liebster, Freund.
Ich bin um meinen letzten Brief an Ihnen besorgt, melden Sie doch, ob
Sie ihn erhalten haben. HE. L. hat die Bestellung deßelben auf sich genommen.
HE. B. erinnert sich meiner noch, schreibt mir aber nicht mehr. Sollte ich es
worinn versehen haben, so entdecken Sie es mir. Ich bin gewaltig zerstreut.
Vorige Woche habe endl. an me. Eltern einmal schreiben können. Ist
Leinenzeug von mir mit Mr. Vernisobre angekommen? Was ist er für ein
junger Mensch.
HE. D. Buchholz ist ein sehr rechtschaffener Mann. Sie hätten seinen Brief
sicher erbrechen können. Er hat sich des ihm aufgetragenen redl. angenommen.
Von dieser Seite bin jetzt also Gott Lob! ruhig. Meine künftige Schritte
kommen mir je länger je ernsthafter vor. Warum bin ich kein Alchymist
geworden? Wenigstens kann ich mein Glück gegen deßen Hofnung vertauschen. Wir
wollen uns Freund! mit Popen trösten:
Tell, (for You can) what is it to be wise?
’T is but to know, how little can be known;
„To see all other faults, and feel our own
Condemn’d in business or in Arts to drudge
„Without a Second or without a Judge.

Sie fragen mir, was meine Musen machen? Nichts. O wenn diese mir
günstiger wären. Ich habe mir niemals Genie v. Erfindung zugetraut. Ein wenig
Geschmack mit viel Mühe erworben, der mir so oft in meinen eignen Arbeiten
untreu gewesen. Er ist stumpfer wie sonst; v. vielleicht ist seine Lebhaftigkeit
Neid oder Eitelkeit jederzeit gewesen. Ihre Muse v. Freundschaft würde
wird meine stürmische Leidenschafft sanfter machen. Ihrem Umgange v.
einigen ruhigen sorglosen Wochen werde ich die Wiedergeburt meines Witzes v
mehr mein Gleichgewicht des Gemüths zu danken haben. Unsre Jeder
Abende sollen eine Encyclopedie vom Vergnügen seyn. Grüßen Sie doch
unsern lieben Berens bey dieser Stelle von mir. Fragen Sie ihn auch bey
Gelegenheit von ungefehr ob er sich meiner zu schämen anfängt?
Sie verzeyhen es mir, Liebster Freund, wenn ich mir allen Ausschweifungen
überlaße durch die ich mir zerstreuen kann. In der Hälfte dieses Briefes habe
ich es sehr nöthig gehabt. Ich bin mir einer baldigen Antwort von Ihnen
versehen. Wird Ihre liebste Marianne jetzt Ernst machen. Gott erhalte Sie
beyderseits. Grüßen Sie Selbige nebst meinen Freunden herzl. von mir. Ich
umarme Sie v bin Ihr aufrichtig ergebenster
Hamann.

Leben Sie wohl v vergnügt! Wo predigen Sie Pfingsten? Füllen Sie die
Kirche?
N.S. Es ist e. Gelegenheit gestern ohne m. Wißen nach Riga gegangen mit
der ich gern Hume mitgeschickt hätte. Auf die Woche wird wohl wieder e. gehen.
Grünhof den 15. Junius 1755.

Brief nicht überliefert


meinigen vll. der in Brief Nr. 44 (ZH I 111/14) erwähnte Brief




vll. Paul Friedrich Ruhig








HE. L. nicht ermittelt


Baßa
George Bassa



Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)







Arrende Pacht






M. Magister
Blasche nicht ermittelt



vll. Paul Friedrich Ruhig





alt Joh. Johannis, in den baltischen Gegenden am 21. Juni



6 Wochen Aufgebot der Ehe nach dem Kirchenrecht














HE Offic. von Ess. nicht ermittelt

Vorschlag für die Besetzung der Hofmeisterstelle in Grünhof





HE. L. S. wie Brief Nr. 46 (ZH I 115/12), nicht ermittelt



















Pope, An essay on Man
, 4,262–266; in
Hamann, Beylage zu Dangeuil
zitiert H. die darauffolgenden Verse (N IV S. 242, ED S. 401).


























Zur Besorgung der Essays von
David Hume
siehe auch Brief Nr. 44 (ZH I 112/28), Brief Nr. 52 (ZH I 127/18).


Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (12).

Bisherige Drucke:
ZH I 114–117, Nr. 46.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
115/20 and
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): ander