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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Riga, 8. März 1753
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den 25 Febr./8 Marz. 1753.

Geliebteste Eltern,

Ich bin gestern des Abends nach Riga bey einer ziemlich verdrüslichen Reise
gesund v. glücklich angelangt. Der Befehl, den der Herr Baron bekam nach
der Stadt zu kommen, war uns recht unvermuthet. Wir hatten einen Paß
PostPferde zu nehmen, der aber bey den ersten beyden Postierungen nichts
ausrichtete, weil sich die Commissairs damit entschuldigten daß sie keine Pferde
mehr hätten. Es gieng ein prächtiger Wagen nach der Ukraine, der Ihro
Kayserl. Maj. geschenkt werden wird, v. von Paris an Fracht allein 1300 Rthrl.
kostet. Sie gaben vor, daß sie alle ihre Pferde dazu hergeben müßen. Wir
musten also mit schwachen BauerPferden, die nur eine eintzige Meile fahren
sollten, gantzer 7 fahren. Da wir in einer großen Kutsche fuhren, v. der Weg
schlecht ist; so können Sie leicht denken, wie uns bey diesem Fuhrwerk zu
Muthe gewesen ist. Wir sind in zween Tagen doch früh genung hingekommen;
auf der andern Postierung von Riga waren uns Pferde von der Frau Baronin
entgegen geschickt. Ich habe gestern noch den HE. Belger besucht, v freute mich
schon Briefe von Hause an mich zu finden. Der nächste PostTag wird mir
gewis welche mitbringen! v lauter gute Nachrichten, wie ich hoffe v. wünsche!
Ich bin Gott Lob! gesund v. bey dem Herrn Belger gestern recht vergnügt
gewesen mit einem paar alten Bekannten, die ich bey ihm fand. Man hat mich
schon halb gestern auf eine Hochzeit gebeten, die eine sächsische Junge Wittwe
bald geben soll. Vielleicht werde ich sie heute als Braut bey dem Herrn Belger
grüßen müßen. Die LebensArt, die ich mir mit Gottes Hülfe vorgenommen
habe hier zu führen, wird mich gegen alle die Versuchungen, die Sie, liebste
Eltern, für mich fürchten, in Sicherheit setzen. Wir sind hier in solcher
Unordnung noch, daß ich für jetzt nicht im stande bin mehr zu schreiben. Unsere
Sachen sind noch Unter wegens, v kommen erst heute oder morgen mit denen
Troßen nach. In des HE. Belgers Hause war große v. unvermuthete Freude
über meine Ankunft. Man herzte v küste mich von beiden Seiten etliche mal.
Grüßen Sie doch meinen Bruder, meinen Magister, die Frau Lieutenantin,
Jgfr. Degnerinn, auch die übrigen Tischgäste, wenn noch keine neue in der Zeit
vorgefallen sind, insbesondere Mr. Holfheit für seine Kappuse, die übrigen
guten Freunde nicht ausgeschloßen, HE Karstens, HE. Reichard, HE.
Zuckerbecker v. seine Verlobte, das Zöpfelsche Haus ppp. 1. 10. 100. mal nach
Verhältnis. Die Musicalien sind bey HE. Belger zurückgeblieben; mein Bruder
kann ohne Sorge seyn. Warum hab ich nichts für meine Laute bekommen?
Warum läßt HE. Reichard mich nicht mehr grüßen? Ich bin mit der
kindlichsten Hochachtung v. Zärtlichkeit, wertheste Eltern, ihr gehorsamster Sohn.
J. G.

à Monsieur Monsieur Hamann,
Chirurgien bien renommé à Koenigsberg, p. Couv.








Rthrl. Reichstaler, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze, entspricht 24 Silbergroschen (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch).





















Lieutenantin nicht ermittelt

Degner Degner, NN: Haushälterin

vll. Friedrich Aemilius Holdscheid, Präzentor und Pfarrer


Zöpfel u.a. Magdalene Dorothee







p[er] Couv[ert] Einen Brief unter Einschluss versenden: den Brief einer Sendung an eine dritte Person beilegen, welche diesen dann weitergibt.

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (8).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 35–36.
ZH I 22–23, Nr. 9.