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Grünhof, 3. Februar 1756  ZH I, 139
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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Grünhof den 3 Februar 756.

Herzlich Geliebtester Freund,

Zu meinem großen Vergnügen soll heute eine Gelegenheit abgehen, bey der
ich Ihnen ein paar Worte schreiben kann. Sind Sie und Ihr Haus gesund?
Zwey Sonnen- und Winter Tage – – Werden wir uns nicht bald einander
sehen. Ich lebe ziemlich vergnügt; aber noch nicht aus dem Hause gewesen.
Ich merke Veränderungen an meinem Leibe, von denen ich abwarten muß,
wozu sie ausschlagen werden; wie wohl sie mich nicht eben beunruhigen.
Zwo dringende Bitten an Ihnen, von denen ich mich erst erleichtern muß.
Mein Petron ist mir defect, liebster Freund. Der 2te Theil davon. Er muß
bey Ihnen geblieben seyn. Ist er in des seel. Manns Bibliothec gerathen.
Porsch hat ihn gehabt, mir aber meines Wißens wiedergegeben. Halten Sie
doch deswegen eine kleine Hausvisitation v erfreuen mich damit. Zum andern.
Meine Eltern haben mir mit Fuhrmann Rehhahn einige Kleinigkeiten an
Schulbüchern e. g. Hederichs Lexicon cet. geschickt, die mir unentbehrl. sind
und auf die ich ängstlich warte. Sie sind an HE. Doct. addressirt; die
Frachtkosten habe auch demselben schon zugeschickt. Er ist ich weiß nicht warum
durch Mietau durchgegangen ohne es abzugeben. Wollen Sie so gut seyn v
ihn deswegen beschicken, in Mitau wird er sein Geld finden v erhalten. Daß
ich die Sachen nur gut verwahrt erhalte. Er kann sie Ueberbringer dieses, oder
Sie, wenn Sie ihnen es auf sich nehmen wollen, sicher anvertrauen.
Besorgen Sie mir doch den Empfang durch Thomas. Unser Haus hat tiefe
Trauer an HE. Geheimde Rath Lieven einen Schwager bekommen. Eine
Schwester, die Gener. Browne liegt ebenfalls gefährl., v eine andere des HE.
Generals gleichfalls. Mein ältester liegt noch am Magen oder Würmer. So
viel aus Grünhof. Melden Sie mir dafür mehr v beßere aus Ihren Gegenden.
An HE. B. schreibe nicht, v mit Fleis. Ich wünschte mit gegenwärtiger von ihm
die lehrreiche Nachrichten für einen Reisenden mitzubekommen.
Vergeßen Sie ihn doch nicht herzl. zu grüßen v um dieses Buch zu bitten. Ich schrieb
Ihnen neul.für von einer Beylage an ihn, die er Ihnen mittheilen würde.
Sie bestand in einer Ode de main de maitre sur la mort, die mir Petersen als
eine große Seltenheit zugeschickt. Er möchte es übel genommen haben wenn
ich ihm das Verdienst entzogen hätte Sie beyde damit aufzuwarten. Ich
schickte ihm also selbige wieder zurück mit der Bitte, daß er sie Ihnen auch
mit erster Post überschicken möchte. Urtheilen Sie nicht auch, daß es ein
Betrug mit diesem Gedicht ist. Das Ende daran ist offenbar angeflickt v reimt
sich so wenig dem Verstande nach als dem Sylbenmaas zu dem übrigen, daß
ein halber Leser sich daran stoßen muß. Ein paar Stellen sind
unverständlich durch druckfehler z. E. chemins anstatt humains. Lesen Sie doch so
bald Sie können den zweeten Theil des Hervey. Wenn Sie sich dazu
entschließen; so werden Sie mir für die Empfehlung v Aufmunterung dazu
danken. Er gehört gar nicht zum ersten Theil. Wenn Sie mir an Journalen
oder andern Neuigkeiten was mittheilen können; so werden Sie mir dadurch
einen großen Gefallen thun. Das Schooshündchen liegt bey meinem
Nachbar; er hat ihn noch nicht lesen können. Sie sollen ihn bald wiederbekommen.
Ich hoffe jetzt bald mit meiner Arbeit fertig zu seyn v will selbige nicht eher
verlaßen, biß ich zu Ende bin. Es ist hohe Zeit einmal zu eilen. Ist es wahr
daß HE B. v Gothan nach Mietau diese Woche kommen werden? Den ersteren
grüßen Sie noch einmal von mir. Ich will ihm nicht gern einen leeren Brief
schicken, daher schieb es noch auf. Vergeßen Sie nicht meinen Petron noch
mein Paket, noch lehrreiche Nachrichten. Werden Ihre Reden bald fertig
seyn. Erfreuen Sie mich damit gantz naß. Ist Schulzen oder Ihr Catalogus
schon gedruckt. Schicken Sie mir doch beyde. Ihre Excell. haben Lust zur
allgemeinen Weltgeschichte. Ich möchte sie gern in dies Haus einführen. Ist
wenigstens ein Werk, das der längsten langen Weile gewachsen ist. Haben Sie
die Arzney bekommen von meinen Eltern? Hat mein Vater oder Bruder
geschrieben? Mamma meinen Handkuß.
Ich umarme Sie und ersterbe Ihr aufrichtiger v ergebenster Freund.

Adresse mit Mundlack:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre de la Philosophie / et des belles
lettres, Doyen de la Societé allemande de / l. et Recteur du College / de et/
à / Riga. /
an der Domkirche.
Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (16).

Bisherige Drucke:
ZH I 139–141, Nr. 57.