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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 27. Oktober 1754
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Grünhof. den 27 Octobr. 1754.

Herzlich Geliebtester Vater,

Endlich, endlich, endlich bin ich mit einem Briefe erfreut worden, der
meinem langen Kummer ein geschwindes Ende gemacht hat. Gott erhalte v.
seegne meine liebste Eltern an Gesundheit v. Gemüthskräften. Wenn ich
davon v ihrer Liebe gegen mich überführt seyn kann; so würde ich Sie bisweilen
gern der Mühe überhoben wißen an mich zu schreiben. Ich weiß nicht, womit
ich den HE. D. L. entschuldigen soll; verzeyhen Sie ihm es aber.
Ich freue mich herzlich über die Nachricht meines Bruders in Ansehung der
Laute v. warte mit jeder Woche auf Fuhrmann Arensberg. Der Preis
derselben soll mit dem ersten zurückgeschickt werden. Es liegt an den oder an
meinen Freund, daß die halbe Blame noch nicht abgegangen; sie ist schon längst
eingekauft. Wenn sie nicht völlig mit dem andern übereinkommen sollte so
liegts nicht an mir. Ich habe von dem Gelde, was ich dazu bestimmt, noch
2 Thrl. Alb. zurückbekommen. Laßen Sie sich dies Unterfutter, Liebster Papa,
auf ein paar Winter gut seyn; vielleicht kann ich Ihnen in der Zeit was
ungleich beßeres für Sie verschaffen. Gott erhalte Sie nur v mache mit mir, was
er will. Vielleicht würden Sie mich in der Nähe nicht so lieben als jetzt in der
Ferne… Ich habe in der Angst um nicht lange gestört zu werden ein Glas
engl. Bier ausgetrunken, welches man mir unten schickte, weil ich heute zu
Mittag nicht oben gespeist habe. Vielleicht thut mein lieber M. mit seiner
Frau um eben diese Stunde ein gleiches bey Ihnen. Es ist Sonntag v. Mittag.
Es mag Ihnen allen so gut schmecken als mir! v uns allen gut bekommen!!!!!
Ich wiederhole meine Bitte in Ansehung des orientalischen Schreibens;
Befördern Sie Liebster Papa, die Copey deßelben; ich will die Kosten dafür gut
thun v. erwarte so bald als mögl. die Nachricht daß es nach Holland
abgegangen v alsdann eben so bald die Übersetzung davon. Ihre gebrauchte
Vorsicht das Original nicht auf ein Gerathewohl aus den Händen zu laßen ist
nöthig gewesen. Kurz ich verspreche mir alles von Ihrer Güte für Ihren Sohn
v. seine Angelegenheiten.
Ich weiß daß Sie so gütig seyn v. mit dem Fuhrmann accordiren werden;
es ist den Leuten natürl. v mit I ihnen nöthig unverschämt hier zu seyn, mir
aber unmögl. Ich leide also allein darunter. Was ich aus guten Herzen gebe,
thue ich gerne. Dingen Sie aber nicht zu sehr mit Ihnen damit sie nicht
abgeschreckt werden.
Ich bin übrigens Gott Lob! gesund; wie ich diesen Winter überstehen werde
weiß ich nicht. Bey den Gefängnißen hat man Wiesen und Plätze, wo man
Luft schöpfen kann. Des HE. Rittmeisters Qvartir hat mir voriges Jahr dazu
gedient. Er ist aber jetzt einige Meilen weiter. Ich habe vor 8 Tagen eine Nacht
bey ihm logirt in Mietau. Was für ein gefälliger Mann! Auf Weynachten
bin ich ein 8 Tage mit Gottes Hülfe in Riga v noch ein Besuch ist beym
Schlittenwege in des erstern Winterqvartier zugedacht. Dies ist mein
Vorrath auf den ganzen Winter; ich kann mich damit behelfen.
Mein Bruder wird mir zu einer Antwort von seinem Jgfr. Muhmchen
verhelfen. Ich kann diesen Dank für meine Mühe von ihm fordern.
Ich erinnere mich, daß Sie mir von einem Vetter schrieben, der in unserm
Hause wäre; s Sie schienen mit seiner Aufführung zufrieden zu seyn. Ich
habe bisher vergeßen Ihn grüßen zu laßen. Wiederholen Sie es doch jetzt.
Ich wünsche daß er die gute Hofnung erfüllen mag, die Sie von ihm gefast
haben. Ist M. Zink noch bey Ihnen? Was macht das Zöpfelsche Hauß? Ist
Lorchen artig geworden; wo nicht so wird Sie Gesellschaft an mein gewesenes
Rigisches Muhmchen bekommen, die auch diesen Namen führt. Wenn es mir
nicht an Zeit fehlen sollte; so hoffe ich noch an die Jgfr. Rentzen zu schreiben.
Mein Bruder hat mich einmal daran erinnert. Unserm ehrlichen HE. Karstens
habe geantwortet v ich bitte Beylage an ihn bestens zu befördern.
Ich schreibe ehstens wieder, empfehle mich Ihrem Gebet, küße Ihnen
1000 mal die Hände v bin Zeitlebens
Ihr gehorsamster Sohn.


Zärtlichste Mutter,

Vergeben Sie mir den Kummer, den ich Ihnen ohne meine Schuld durch
mein langes Stillschweigen gemacht habe. Sie versichern mich eigenhändig
Ihrer schätzbaren mütterlichen Liebe. Diese Zeilen haben höheren Werth bey
mir als die Ausfertigung des grösten Amtes, was Sie mir wünschen könten.
Ich danke Ihnen kindlichst dafür. Wenn Ihnen weder der Ehrgeitz noch die
Geschicklichkeit anderer Söhne schmäuchle, so laßen Sie sich mein gutes Herz
wenigstens gefallen, welches den Werth der besten Mutter gewiß erkennt und
Selbige niemals zu verehren aufhören wird. Mein Vetter Nuppenau steht in
Begriff eingekleidet zu werden; ich wünsche Ihnen bald eben diese
Zufriedenheit in Ansehung meines Bruders, der Ihre Absichten eher und geschwinder,
wenn Gott will, wird erfüllen können. Eben dieser gute Gott schenke Ihnen
Gesundheit und ein zufriednes Herz, Liebste Mama. Ich kann ihm jetzt für
beydes danken. Seine Vorsicht nehme sich aller unserer Anschläge und Wege
an! Sie mache diese richtig und jene lauter! Außer dem Beyfall meines
Gewißens soll mir keiner schätzbarer seyn, als den ich von meinen lieben Eltern
erhalten kann. Ich ersterbe mit diesen Gesinnungen und mit den Trieben einer
ewigen Erkenntlichkeit Ihr gehorsamster Sohn.
Johann George Hamann.


Briefe nicht überliefert












Thrl. Alb. Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum.









Schreibens von
George Bassa
















Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)




Muhmchen vll. die Tochter von
Philipp Belger







Tochter der Zoepfels

Tochter von
Philipp Belger

Anna Dorothea, Tochter von
Johann Laurenz Rentzen


Beylage nicht überliefert













Nuppenau vll.
Johann Peter Nuppenau











Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (22).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 62–63.
ZH I 81–83, Nr. 31.