PDF  Brief  /  Band
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Königsberg, 7. November 1759  ZH I, 439
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
ZH I, 439

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Königsberg. den 7. Nov. 1759.

Liebster Freund!

Weil man mir bey HE. Kade in Rubel auszahlen wollen, habe nichts
angenommen. Ich sollte wieder ansprechen; ob Sie mir vielleicht mit einem
Imperial dienen könnten. Man hätte keine. Sie werden mit dem HE. Ältesten
Johannigk, der artiger und gefälliger ist seinem Nächsten auch in Kleinigkeiten
zu dienen wie ein reicher Holländer, deswegen reden. Meine häusliche
Lebensart macht meinen Leib gegen jedes Lüftchen so empfindlich, daß der gestrige
Gang mir einen starken Schnupfen zugezogen, und ich ganz flüßig zu Hause
kam. Weil Sie daher mit nächster Post an HE Wagner schreiben wollen; so
wäre es mir lieb, daß Sie ihn ersuchten von Kade Comptoir den Imperial
abzuholen, falls er da gehoben werden soll, und kann. HE Wagner wird
dies gerne thun, und mir das Goldstück abgeben, da ich es alsdenn sicher
zu befördern suchen werde. Einlage hat mir die Frau Consistor. R. zugeschickt.
Ueberbringerinn ist so früh heute hier gewesen, daß ich nicht selbst mit ihr
gesprochen. Ihre liebe Mama ist auf dem Lande und war so gütig mir noch den
Tag Ihrer Abreise zu besuchen, und mit mir zu verabreden. Sie werden also
so gütig seyn alles was von Briefen oder Sachen an Sie kommen soll an mich
zu addressiren; ich werde alle mögl. Sorgfalt tragen.
Von Joseph Andrews und der neuesten Uebersetzung des Destouches habe
gleichfalls mit HE Wagner geredt. Er ist jetzt allein im Buchladen, weil
Thorwald wenige Tage nach sn. HE. gleichfalls gestorben. Ich hoffe, daß beydes
hier seyn wird. Von Joecks Beyträgen ist ein dritter Theil hier, und von
Eskuche der 20. Versuch. Wenn dem alten Pastor R. so viel an dieser Nachricht
gelegen; so können Sie ihn Geliebtester Freund, damit dienen; auch mit den
Büchern selbst, wenn er sie haben will.
HE. M. Kant wird erst heute Ihren Brief erhalten, ich werde zu ihm gehen.
Wir stehen so untereinander, daß ich bald in eine sehr nahe, oder sehr
entfernte Verbindung mit ihm zu haben voraussehe. Er kennt keinen Schultz
unter seinen Zuhörern.
Mein alter lieber Vater läßt Sie herzl. grüßen. Er hat sich zeither mit einem
Husten geqvält, der ein wenig nachgelaßen, wobey er aber immer hat
ausgehen können. Gestern Abend klagte er sehr, und wurde wieder mit einem
Schleim den er nicht loß werden konnte, Wallungen nach dem Kopf und
Stichen beschwert, daß er schon vor seiner gewöhnl. Zeit zu Bett gehen wollte.
Er hielte sich aber auf, und hat heute Gott Lob! wieder ausgehen können. Er
wird gewaltig engbrüstig, und der Othem wird ihm recht schwer. Gott wolle
ihn stärken, und seinen Gnädigen Willen auch an ihm erfüllen!
Ihre liebe Hälfte grüßen wir gemeinschaftl. aufs zärtlichste. Ich verbleibe
Lebenslang Ihr ergebener Freund und Diener.
Hamann.


à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre de la Philosophie et / de belles
lettres et Recteur du / College Cathedral de la Ville Imperiale de et/
à / Riga. / par Couv:


Rubel Das russische Besatzungsheer handelte und bezahlte Löhne in Rubel. Da Königsberg mit allerlei minderwertigen Münzen vor allem preußischer Provinienz überschwemmt war, wurde seit 1759 in mehreren Schritten die Umrechnungskurse neu zu bestimmen versucht.

Sie vll. die Firma von Melchior Kade

Imperial russische Goldmünze, zuerst unter Zarin Elisabeth 1755 geprägt (Vorderseite: Büste der Herrscherin; Rückseite: aus fünf Schilden gebildetes Kreuz mit Jahreszahl in den Winkeln), Wert: 10 Rubel. Brief Nr. 167 (ZH I 441/12)

Johannigk wohl ebenfalls Kaufmann














Philippe-Néricault Destouches
; vll. Des Herrn Nericault Destouches, sämmtliche theatralische Wercke aus dem Französischen übersetzt (2 Tle., Leipzig u. Göttingen 1756), vgl. Brief Nr. 167 (ZH I 441/35).



Joecks vll. Pastor Josias Lorck/Joeck (1723–1785), Kopenhagen: Beyträge zu der neuesten Kirchengeschichte in den dänischen Reichen und Ländern






Der Student Schultz wird in J.G. Lindners Brief an Kant vom 20.10.1759 genannt, weil seine Eltern in Riga wissen wollen, ob er die verabredeten Seminare besucht (Kant: AA X, Briefwechsel 1759, Nr. 12, S. 16).

















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (47).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 504.
ZH I 439–440, Nr. 166.