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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
5. Juni 1759
ZH I, 338

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den 5 Junius. 1759.

Herzlichgeliebter Freund,

Ich habe Ihren Brief gestern erhalten, und sehe selbigen als das
schätzbarste Denkmal Ihrer Redlichkeit. Was für ein Göttlich Geschenk ist
Freundschaft, wenn sie alle die Prüfungen aushält, die unsere schon durchgegangen,
und wenn alles dasjenige, was auf ihre Vernichtigung zu zielen scheint, nichts
als Ihre Läuterung und Bewährung hervorbringt. Sie ist alsdann eine Frucht
des Geistes, der auch Freund und Tröster heißt. Er, den wir nicht sehen, ob
er gleich mit uns, in uns und unter uns ist, Er, der den Raum füllt, der uns
beyde von einander trennt, wolle unsere Herzen auch seinen Gruß hören laßen:
Friede sey mit Euch! uns senden zu seinem und seines Vaters Geschäfte und
unser ganzes Leben mit der Würde und Treue seiner Gesandten und
Botschafter uns führen hei laßen. Er laße uns auch durch das Blasen seines Athems
– so verborgen uns auch der Aus- und Hingang deßelben bleiben wird und
seyn möge – den heiligen Geist hinnehmen, und in Kraft deßelben Sünde
erlaßen, und die Vergebung derselben dieenjenige zu genüßen laßen
geben, denen wir sie erlaßen, und Sünde hingegen behalten, und den Zorn
derselben diejenigen t schreffcken laßen, denen wir sie behalten. Dieses
schrieb am letzten Tage des Festes, welcher der herrlichste war.
Wie schlecht verstehen Sie mich noch, Liebster Freund, wenn Sie sich im
Ernst Mühe geben sich gegen mich zu rechtfertigen. Wenn nur zwischen von
uns die beyden die Rede wäre, so sind Sie in jedem Stück gerechter als ich;
so haben Sie die größte Freyheit und Befugnis mir alle mögliche Vorwürfe
zu machen; die ich nicht anders als mit Stillschweigen und Schaam zu
beantworten wüste. Ich bin der vornehmste unter den Sündern, sagte der gröste
Apostel; nicht ich war, sondern ich bin es noch. Und in dieser Empfindung
seiner Schwäche lag eben die Stärke des Trostes, den er in der Erlösung
genoß. Was kann uns mehr drücken und unser Gewißen mehr beschweren als ein
unzeitiger Eyfer für Gott, ein unreifer Enthusiasmus. Gott! Dein Name
wird durch selbigen mehr gelästert als geheiligt, Dein Reich mehr
aufgehalten als die Ankunft deßelben befördert pp. Wie feyerlich übergab er im ersten
Briefe einen öffentlichen Sünder dem Satan zum Verderben des Fleisches.
Wie ungleich ist er sich im andern Briefe, da er seine Gemeine ermahnet,
daß sie diesen Bösewicht trösten sollten – War dies Leichtsinn? oder ein
Wiederspruch fleischlicher Anschläge, die aus seinem Temperament floßen?
Nein; daß ich euch in so einem harten und seltenen Ton geschrieben, das ist
nicht geschehen um des willen der beleidiget hat – auch nicht um des willen, der
beleidiget worden, sondern darum, daß eure Neigung, euer Herz gegen uns
offenbar würde vor Gott
. Gott wollte versuchen, was in meinem Herzen
die Liebe Christi gegen euch für Bewegungen hervorbringen würde, und was
die Liebe Christi in euch gegen uns hervorbringen würde. Denn der Lohn, der
einen der Geringsten im Namen seines Meisters aufnimmt, ist bey Gott hoch
angerechnet, wenn die Sache auch die geringste Kleinigkeit beträfe. Was für
ein Gemisch von Leidenschafften hatte dies in dem Gemüthe Pauli so wohl als
der Corinther zu wege gebracht? Erschrecken Sie nicht liebster Freund!
Verantwortung, Zorn, Furcht, Verlangen, Eyfer, Rache. Wenn der natürl.
Mensch 5 Sinnen hat; so ha ist der Christ ein Instrument von 10 Sayten.
Und ohne Leidenschaften einem klingenden Ertz ähnlicher als einem neuen
Menschen. Kein beßer Schwerdt als Goliaths; so braucht der Christ die Ironie
um den Teufel damit zu züchtigen. Diese Figur ist die erste in seiner Redekunst
gewesen; und mit dieser Figur führte Gott die ersten Eltern zum Paradiese
heraus; nicht sie sondern ihren Verführer damit zu spotten. Für die ersten mag
dieser Einfall vielleicht damals verloren gewesen seyn, oder sehr dunkel
geblieben, wenn ihn der Glaube nicht aufgeklärt; der letzte mag ihn zu seiner
Unruhe mehr nachgedacht haben. War Goliath nicht so witzig als die schönen
Geister oder die großen unserer Zeit: Bin ich ein Hund pp. Der Prügel that
ihm nichts, sondern die Schleuder, und sein eigen Gewehr.
Zur Unzeit reden. So zerbrach ein Weib ein Glas mit köstl. Waßer zur
Unzeit und ärgerte die Jünger mit ihrem Unrath. Die Weiber, die aber frühe
aufgestanden waren, glaubten die rechte Zeit getroffen zu haben. Die Engel
sagten ihnen aber: Was sucht ihr den Lebenden unter den Todten.
Ich führe das bloß an, um von weiten zu zeigen, wie mislich unser Urtheil
ist, über das, was uns Unzeit und Unrath vorkommt. Daß selbst Jünger
Christi hierinn falsch denken, und daß alles, was im Glauben geschieht, Gott
gefällt, daß es im geistl. schwer ist die Geister zu prüfen, da es in natürl.
Dingen so öfters den scharfsinnigsten Kennern mislingt pp Daß wir alle diese
Künste nicht nöthig haben, wenn wir glauben, daß alle Dinge denen, die
Gott lieben, zum Besten dienen müßen, und nicht Zeit nicht Zeug was wieder
uns ausrichten kann; daß Sünde Tod und Teufel in den Händen und der
Gewalt desjenigen sind, der Leben und Gnade auszutheilen hat.
Du, du schaffest es alles, was ich vor oder hernach thue. Kein Wort
auf meiner Zunge, das Du Herr! nicht wißest. Du zählst meine Flucht,
Du sammlest meine Thränen – Solches Erkenntnis ist mir zu wunderlich
und zu hoch – –
Ich weiß, daß ich über der Abgötterey des Volkes die Tafeln des ganzen
Gesetzes zerbrochen habe – und daß mir Worte entfahren sind – und daß ich
mit unreinen Kleidern vor dem Engel stehe, und daß ich mein Gewand
besudelt, da ich in meinem Zorn gekeltert und in meinem Grimm zutreten,
und daß ich mich so vieler fremden, Sünden theilhafftig gemacht – Desto
größer aber die Gnade; und je mehr Vergebung, desto mehr Liebe.
Sie haben mir einen Gefallen gethan, Liebster Freund, in Entdeckung
einiger Gloßen, mit denen Sie bisher so zurückhaltend gewesen. Hätten Sie
nicht dies mit lauterer Freundschaft ehe thun können; ist Ihnen an der
Wahrheit nicht ehe gelegen, als biß Sie durch Empfindlichkeit zum Geständnis und
zum Zeugnis gebracht werden müßen. Je mehr ich Ihren Brief lese, desto
mehr bewundere ich ihren Witz, mit dem Sie sich in meinen Schwung zu
setzen wißen. Ich weiß, wie natürlich Ihnen dies ist, und daß Sie bald beßer
allegorisiren würden wie ich. Gott hat mich zum bibelfesten Mann gemacht
– Aus ihrem Munde sollen Sie gerichtet werden. Und Sie werden bibelvest
um mich zu versuchen, und richten Sich Selbst, indem Sie mich anklagen.
Ich soll Ihnen beweisen, daß ich in aller meiner bisherigen Aufführung
alles Recht auf Ihrer meiner Seite gehabt. Und wenn ich wüste, daß ich
Gottes Sohn wäre, was darf ich den Wiedersacher Beweise davon
führen. Ist es meine Schuld, daß Gott irdische, schwache Gefäße zu seinen
Werkzeugen wählt, die durch ihre Thorheit die Weisheit der Schriftgelehrten zu
Schanden machen soll.
Ich soll Göttl. und Menschl. Dinge unterscheiden. Die gröste Stuffe des
Gottesdienstes, den Heuchler Gott bringen, besteht in der Verfolgung wahrer
Bekenner; und der Christ thut alles in Gott; Eßen und Trinken, aus einer
Stadt in die andere reisen, sich darinn ein Jahr aufhalten, und handeln und
wandeln, oder darinn stillesitzen und harren sind göttl. Geschäfte und Werke.
Wer Arges thut, haßet das Licht – Wer Wahrheit liebt, kommt an das Licht,
daß seine Werke offenbar werden – denn sie sind in Gott gethan.
Laßen Sie mir meinen Stoltz in den alten Lumpen. Diese alte Lumpen
haben mich aus der Gruben gerettet, und ich prange damit wie Joseph mit
seinem bunten Rock. Alexander dachte edler als der Verfälscher der
Socratischen Weisheit. Sturm, Affekt, Bitterkeit, Wuth, als es nützlich ist. Ihr
Urtheil soll also die Wage seyn. Thun wir zu viel, so thun wirs dem Herrn; sind
wir mäßig, so sind wir euch mäßig. Verflucht sey, wer des Herrn Werk
nachläßig treibt, Verflucht sey, der sein Schwert aufhält, das nicht Blut vergüße.
Haben Sie nicht Galle, Saltz, Affekt, da es ihre Haut galt. Würden Sie über
Schmerzen an einigen Stellen klagen, und meiner Hand das zuschreiben, was
der Eiter in eu Ihren Beulen thut. Myrrhen sind von Natur bitter, sie
schmecken wie Galle, aber ich habe nicht nöthig gehabt die meinigen damit
aufzukochen. Sturmwinde, die des Herren Wort ausrichten. Ψ. 148,9. Der Sturm
weiß freylich nicht, was er thut, aus deßen Munde er kommt, hat ihn in
seiner Gewalt. Jer. VIII. Herr, du hast mich überredet – Sint ich geredt, ist
mir des Herrn Wort zum Spott worden – – Jer. XX.
Paule! Du warst nicht schuldig. Welcher Teufel setzt den Leuten im Kopf,
daß ich sie mit Sprüchen bezahlen will, mit dem letzten Heller, den mir Gott
und mein Vater auf der Welt geben wollen. Warum muste Moses an einem
Hofe gehen, wo er alles Gute genoßen hatte, fürstl. auferzogen war, wo er als
ein Mißethäter, der einen Egypter tod geschlagen, erscheinen muste. Worinn
bestand sein Beruf: Ich will Dich zum Gott über Pharao machen – Aaron
soll Dein Mund seyn. Rede ich meine Worte – Nein ich nehme es nicht von
dem Meinigen. Suche ich meine Ehre – es ist aber einer, der sie sucht –
War es Mahomet, ein Mensch, von dem Moses sagte: Einen Propheten wie
michaus euren Brüdern. Er braucht ja Menschen ihn vorzustellen, und
wie er Selbst kam, nahm er die Gestalt des sündlichen Fleisches an. Auch
verklärt, hatte Er Fleisch und Bein, wie sie es sahen und fühlen konnten.
Freylich hab ich gesagt: Ihr seyd Götter – aber ihr werdet sterben wie
Menschen und wie ein Tyrann zu Grunde gehen.
Antworte ihnen – aber antworte ihnen nicht; sagt mir mein Genius. Aus
Deiner närrischen Antwort sollen sie sehen, daß ihre Fragen Narrheiten sind.
Was sind das für Fragen: Du lehrst den Weg Gottes recht. Christus ist die
Thür, und nicht Moral, bürgerl. Gerechtigkeit, freundschaftliche
Dienstbeflißenheit, Menschenliebe – Du siehst nicht das Äußerliche des Menschen an.
Ist es recht, daß man dem gemeinen Wesen, seiner Familie, seinen Bürgern,
seinen Brüdern diene. Soll ich sagen: Ihr Heuchler! Das kann Gott thun durch
sein Wort und seinen Geist, ich nicht, ich bin selbst einer. Soll ich Menschl. und
Göttl. Handlungen distinguiren; so sagt χstus: Ihr seyds, die ihr euch selbst
rechtfertiget für den Menschen aber Gott kennet eure Herzen. Was hoch ist
unter den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott. Luc. XVI. 15. Was Göttl.
gut, weise ist, dafür eckelt Gott und dem Geiste Gottes als für Menschendreck,
Thorheit pp. Ihr irrt, ihr verschreibt euch – wir wollen uns beyde Gottes
Regierung so wie dem Taumel
der Welt empfehlen. Ihr seyd die kleinen
Füchse, die meinen Weinberg verderbt. Durch euch will ich mich eben an meinen
Feinden rächen. Keine Niederträchtigkeit, biß auf diejenige, die Simson zu
Timnath begieng, soll mich abschrecken mich an den Philistern zu rächen.
Mein Vater und Mutter, meine Freunde und Brüder wißen es nicht, daß es
vom Herren ist war p. Jud. XIV. 4.
Ich habe Gift im Munde – Was hilft euch eure Butter im Munde, wenn das
Herz Gift kocht. Ich antworte euren Gedanken, nicht euren Ausdrücken. Ich
richte mich nach euren Schalksaugen, nicht nach der Lage, in der ihr die Klinge
anlegt.
Sara lachte, Abraham lachte; die erste wurde darüber zur Rede gestellt,
bey dem letzten war es eine Freude seines Glaubens, oder wurde ihm
wenigstens von Gott nicht zur Sünde gerechnet? Warum? weiß ich nicht. Es
stehet geschrieben, wuste der Versucher auch; und Ahas war bescheiden, da er
sprach: Ich will kein Zeichen fordern – Was sagte der Prophet: Ists euch zu
wenig, daß ihr die Leute beleidiget, müst ihr auch meinen Gott beleidigen.
Jesaias drung sich vielleicht, da er sprach: hie bin ich, sende mich. Und Gott
sprach: Gehe hin und sprich zu diesem Volk – – Worte, von denen der
Weltmann nicht versteht, wie sie hieher gehören. Jes. VI. 9. 10. Laßt sie
immerhin nichts vernehmen – es kommt der Geist der Erinnerer, der Tröster, der
die Welt strafen wird – Er lehrt seine Zeugen wie? und hernach was sie
sagen wollen. Er richtet sich nach dem Geschmack der Menschen, die immer
mehr auf die Art als die Sache selbst sehen, und durch die erste mehr als die
letztern bewegt werden.
Die Leute haben niemals die Bibel gelesen – und daß sie sie jetzt nicht lesen
werden, soll mich mein Misbrauch derselben daran schuld seyn. Durch das
Grabmal, das Sie mir bauen, und durch die Ehre die Sie meinen Knochen,
meinem Staube, meiner Asche anthun, rechtfertigen Sie also ihre
Verschwörung gegen mein Leben.
Mach dich auf, zeuch mit den Männern – sagte Gott zu Bileam. Der
Prophet war gehorsam, und doch ergrimmte der Zorn des Herren über ihn, weil
sein Weg verkehrt war. Die Eselin wird scheu; hatte sie nicht Ursache
auszuweichen, sie sahe was der Mann von Geben [?] nicht sahe, der den Lohn der
Ungerechtigkeit liebte. E Sie drückt ihm den Fuß, weil sie nicht anders konnte
an der Mauren der Weinberge – Er laß ihr einen neuen Text aus der Moral,
mit der man Roß und Mäuler zieht. Jetzt fällt sie auf die Knie, da kein
Weichen statt hatte – Beten willst du, rief der Prophet, gehen sollst du. Du hörst
mich. Wie beweglich fieng die Eselin an zu reden und ihm die Dienste
vorzustellen, die sie ihm als Eselin gethan hatte. Philosophen wundern sich nicht,
daß Thiere reden; so dumm ihnen ihre Sprache auch vorkommt, laßen sie sich
doch zu einem kurzen Gespräch mit ihnen ein. Und der Engel des Herrn sprach
zu ihm: Warum hast du deine Eselin geschlagen dreymal. – – Als Könige
noch auf Eseln ritten, und kaltes Blut die erste Tugend der Helden, selbst der
cholerischen war, so prangten sie in den Metaphern der Dichter. Jetzt würde
das eben so abgeschmackt seyn als mit einem begeisterten Apostel über so eine
weltliche und bürgerl. Sache als der Kopfputz des Frauenzimmers ist,
Gründe aus der Geisterlehre und Recht der Natur zu klügeln.
Bin ich nicht furchtsamer, wie Sie, Liebster Freund! Wankelmüthiger wie
Sie? Habe ich mich in das Haus meiner Freunde eingeschlichen oder
aufgedrungen? Wie sollte ich mir denn jetzt in unendlich höhere Angelegenheiten
aus eigenem Durste mischen. Meynen Sie nicht, daß zu dem Werk
außerordentliche Prüfungen nöthig sind, Offenbarungen göttlicher Kräfte und
Fäustenschläge des Satans – Unser Leben ist verborgen – Es ist noch nicht
erschienen, was wir seyn werden. Davon weiß kein Agrippa, kein beynahe
ein Christ
. Die Furcht für die Christen ist das Uebel was einen Jünger Christi
druckt, wie damals die Furcht für die Juden. Die Namen werden bloß
verändert, die Sache ist dieselbige. Der Schauplatz 1000 Jahre ist nur bloß von
dem Gemälde eines einzigen Tages dem Raum dem Maasstab und andern
zufälligen Bestimmungen nach unterschieden. Wenn wir wie Anacreons mit
den Lüsten des Lebens scherzen, so kann uns vielleicht auch ein Stein von
seinem Gewächs einmal unvermuthet ersticken.
Und wenn ich noch so ordentlich, noch so gründlich und bündig denken
könnte und meine Gedanken aufsetzen: so wird mir Gott Gnade geben mich
deßen so viel möglich zu entäußern – Soll nun meine Vernunft das Licht
seyn, darnach sie sich richten sollen. Das wäre gefährlicher als da sie jetzt ihre
eigene zur Richtschnur und Bleygewicht Göttlicher Wege machen. Ein Narr
achtet das nicht und ein Thörichter glaubt es, wie tief Gottes Gedanken und
wie groß ihre Summe gegen uns ist. Ist das mein Wort – oder predige ich es
aus Neid. So mag mich Gott dafür züchtigen; ich weiß aber daß Seine
Barmherzigkeit Sein Name ist, und Gnade Seine Gerechtigkeit. Wer Sie ängstiget,
ängstiget Ihn heist es; wer sie erbittert, erbittert ihn. Ich weiß, daß ich
unnütz bin, aber es ist Sünde auch über den geringsten Racha! auszuschreyen.
Gott kann uns Narren schelten aber kein Bruder den andern. Ich predige nicht
in Gesellschaften, weder Catheder noch Kanzel würden meiner Länge etwas
hinzufügen. Eine Lilie im Thal und den Geruch des Erkenntnißes verborgen
auszuduften, wird immer der Stoltz seyn, der im Grund des Herzens und dem
innern Menschen am meisten glühen soll.
Wenn es auf eine Rechtfertigung ankäme, so könnte ich Gott dafür danken,
daß er mir eine Aufmerksamkeit und Gegenwart auf feine Gegenstände
gegeben, die in seinem Licht am meisten erkannt werden und die er durch ihre
Beziehung auf mich und andere nicht ohne Frucht seyn laßen, wenn sie gleich
übersehen werden.
Ich weiß daß es meinen Freunden wie dem Alphonsus geht, der ein falsches
Schul- und Zeit-System für den Plan der Natur ansahe, und durch diesen
Irrthum sich klüger dünkte als der Baumeister. Unglaube ist Unwißenheit;
eine Finsternis die durch nichts als das Wort am Anfange Licht! werden kann
– daß unser Evangelium verdeckt ist in denen, die verloren werden, bey
welchen der Gott dieser Welt der Ungläubigen Sinne verblendet hat. Nicht
der Wille des Geb ◦   ◦ nicht der Wille des Fleisches, nicht der Wille des Mannes
– sondern aus dem Thau der Morgenröthe und von Gott müßen wir geboren
werden. Kinder sind eine Gabe Gottes; seine eigenen vor allen andern.
Joseph ◦ ◦ mit Maria verlobt seyn, er muß ihr aber nicht zu nahe kommen;
sondern der heilige Geist muß sie überschatten. Dieser Geist der Liebe sucht
die Einsamkeit gleich irdischen Liebhabern, das dunkle, die Schatten, das
Geheimnis. Er spricht durch Blicke, durch Winke, und Seufzer. Die Spiele
seines Witzes sind gleich den Namenszügen, die beym ersten Schnitt der
Rinden kaum ins Auge fallen, und mit den Jahren der Bäume auswachsen, daß
jeder der vorüber läuft, sie lesen kann. Fern vom Weltgetümmel, wo Stille,
Ruhe, Friede, Liebe und Einigkeit herrscht

Da ist sein Tempel aufgericht
Da dient man Ihm nach rechter Pflicht
Da giebt er Klugheit und Verstand
Da wird der Sprachen Grund erkannt
Der Zungen Feuereyfer glimmt.
Er zeigt, was niemand sonst vernimmt.
Schenkt das Vermögen auszusprechen
Was der Vernunft, dem Witz der Frechen
Und aller List
Zu mächtig ist.

Ich habe im Schweiß meines Angesichtes an diesem Brief gearbeitet; Sie
werden in eben der Ordnung denselben lesen müßen. An dieser tumultuarischen
Antwort des Ihrigen werden Sie sich begnügen, und mir unter allen
Gestalten Ihre Freundschaft zu erhalten suchen, die mir immer verehrungswürdig
und theuer seyn wird. Moses war der sanftmüthigste Mann und der Apostel
der Liebe hieß der Donnersohn.
Wulf hat heute Abschied genommen; ich habe ihn nicht besucht auch seine
Frau nicht kennen gelernt. Wolson kennt mich nicht mehr und flieht mich als
einen Miethling, als einen abentheuerlichen, der den Staub von seinen
Schuhen schüttelt und davon geht. Lauson hat mir diesen Einfall aus Ihrem
Briefe an Wolson vorgesagt – Ich glaube nicht, daß Sie an mich dabey
gedacht haben; unterdeßen ist dieser willkürl. Misbrauch und Deutung auf
mich geschehen. Ich habe mit letzterm mehr Umgang. Seine Metromanie
ist vorbey oder schläft wenigstens: Der Fürst dieser Welt kommt und hat nichts
an mir. Wenn er nicht bald das Gleichgewicht in Europa herstellt; so wird die
Noth des Staats all unser Gold und Silber ausfegen. Ich umarme Sie und
wünsche Ihnen Gesundheit, Friede und Freude.


Brief nicht überliefert





Joh 14,16 u.ö.

















































Gewehr Waffe
















































Joseph vll. bzgl. 1 Mo 37,3

Verfälscher Vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 67/15–23, ED S. 31f.






























Thür Joh 10,7













Timnath Ri 14,5





























Geben Gaben, 2 Petr 2,15





















Agrippa Apg 26,28




















Länge Mt 6,27









Alphonsus Alfons X. (1221–1284), König von Kastilien, der die Ptolemäischen Planetentafeln verbessern wollte; etwa in Zedlers Universallexikon überliefert, Bd. 1, Sp. 1345: »wenn ihn Gott zur Erschaffung der Welt mit gezogen hätte, wolte er vieles anders gemacht haben.« Leibniz benutzt die Anekdote in Von dem Verhängnisse; H. kannte sie aus
Rapin, Les Reflexions sur l’eloquence
, die er übersetzte (
Hamann, Rapin
, N IV S. 119), und bezieht sich auch in
Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen
, LS S. 68/9, darauf. In Knutzens Systema Cavsarum Efficientivm (1745, S. 115) taucht sie auf, wie auch in Lilienthals Wahrscheinliche Vorstellung der Geschichte unsrer ersten Eltern im Stande der Unschuld (1722, S. 513). Brief Nr. 169 (ZH I 447/18)

vgl.
Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen
, LS S. 68/9 u.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 70/26, ED S. 41





Geb evtl. Geblütes; Joh 1,13





Ob H. die petrarkistische Motivik dieser Zeilen einem best. Text entlehnt hat, konnte nicht ermittelt werden.







2. Str. des Kirchenliedes »Wer recht die Pfingsten feiern will« von Ernst Lange (1650–1727)















Moses 4 Mo 12,3

Donnersohn Mk 3,17



Staub Mt 10,14
Miethling Joh 10,12




Metromanie bez. im Franz. auch Nymphomanie; hier ist aber wohl Schreibwut gemeint.

Fürst Dass mit der Anspielung auf Joh 12,31 Friedrich II. gemeint ist, ergäbe sich aus Lausons Panegyrik, etwa im 1763 erscheinenden Preisgedicht Paean. Friedrichs Palmen geheiligt (Königsberg: Kanter)

Anspielung auf den Siebenjährigen Krieg, die Schlacht bei Kay stand kurz bevor (Juli).



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (37).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 391–399.
Paul Konschel: Der junge Hamann. Königsberg 1915, 125–133.
ZH I 338–345, Nr. 146.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
343/13 Mann von Geben [?] nicht
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Mann von Gaben nicht  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Mann von Gaben nicht
343/4 letztern
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies letztere  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): letztere
344/10 glaubt es
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies glaubt es [nicht]  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): glaubt es [nicht]
344/32 Wille des Geb ◦   ◦
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Wille des Geb[lütes]  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Geb[lütes]