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Johann Georg Hamann → Gottlob Immanuel Lindner
Riga, November 1758?
ZH I, 280

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Geliebtester Freund,

Sie erhalten einen zurück, den ich immer um mich zu haben wünsche.
Erinnern Sie sich meiner in Ihren vertrauten Gesprächen, und qvälen und
lieben Sie sich, wie es zärtlichen Eheleuten und Freunden zukommt.
Ich habe Ihnen unzählich viel zu schreiben. Abbitte, Ehrenerklärung und
was Sie wollen. Es hat mir an Angst so wenig als Ihnen Selbst gefehlt.
Hat es nicht eben dies unsere Mütter gekostet – und doch waren sie uns gut,
so bald wir da waren – ja vergaßen solche, und gaben uns Brüder, die Ihnen
eben so theuer zu stehen kamen. Sie haben selbst schlecht von sich gedacht –
Sie sind unwillig auf Sich selbst gewesen – Daher kommt die Voraussetzung
in Ansehung meiner. Ich kenne diese Modefiguren. Ich unterstand mich nicht
so laut als Ihr Herr Bruder von dem Briefe des ältesten Barons zu denken,
den ich weder lesen noch verstehen können, daher auch nicht beantworten kann.
Er glaubte Galle darinn zu finden – ich wiedersprach ihm ohne ihn
wiederlegen zu können. Er machte mir den Einwurf einer polypragmasie,
Nasenweisheit, Oberklugheit und Obergerechtigkeit, eines Sichelgebrauches auf
fremden Ackern – – kurz alle die vernünfftige Gründe, die dem David von
seinem älteren Bruder geschahen, wie er sich um Dinge bekümmerte, die ihn
nichts angiengen – – Sie haben sich durch Ihre letzte freundschafftl. Zuschrifft
gegen Ihren Herrn Bruder legitimirt, und mir Muth und Herz eingeflößt.
Ich danke Ihnen dafür, daß Sie diese Probe meiner Freundschafft
ausgehalten haben. Man fühlt als ein Christ tägl. was Paulus sagt: auswendig
Streit, inwendig Furcht. Die Kinder sind da, klagte Hiskias, aber es fehlt an
Krafft sie zu gebähren. Er klagte nicht umsonst, sondern erhielt eine entzückte
Liebeserklärung wie eine junge Buhlerinn von einem alten Liebhaber vom
Manne erwarten konnte, an statt einer Antwort. Die Gedanken und
Empfindungen zittern und beben darinn, so wuste der Prophet die Freude Gottes
nachzuahmen und sinnlich zu machen.
Ich bin jetzt unendlich mehr gedemüthigt durch einen, der mir am nächsten
ist. Gott sey uns allen gnädig! und vergebe uns die Sünden unserer guten
Absichten und guten Werke. Es muß ja – – es muß ja Aergernis kommen.
So unvermeidlich dies ist, so wahr ist das Wehe! Gott Lob! daß dieser Spies
nicht uns sondern die Wand trift. So viel ich auch leide v. noch leyden solle,
so laße er mir den Trost derjenigen Gerechtigkeit, auf welche Hiob pochte – –
Ich werde mich so gut schicken wie ich kann. Sehen Sie auf nichts als auf
das Buchstabieren des ältesten Barons. Das ist alles. Sein eigener Brief ist
abscheulich geschmiert, ich mag an den nicht denken. Die Abschrift meines
ersten Briefes ist eben so voll Fehler und ohne Unterscheidungszeichen, ohne
allen Augenmaas. Da Sie mir jetzt ein wenig Luft gemacht haben, will ich
sehen, wie ich ihn am Besten ankommen kann. Ich weiß noch selbst nicht;
so viel weiß ich, daß ich weder schonen noch hinken kann; so viel weiß ich, daß
man so am sichersten fährt, wenn es auch noch so schief geht.
Folgen Sie meinem Rath – laßen Sie Leßinge und Rapine liegen. Geben
Sie Ihr Geld, (Kräffte und Zeit) nicht für Dinge aus, die kein Brodt sind.
Gehen Sie zu Ihrer Theologie zurück, und bleiben Sie in Ihrem Beruff.
Der Arbeiter sind wenig und die Erndte ist groß. Hören Sie Jakobs Stimme
und laßen Sie sich durch Esaus Hände nicht irre machen. Es steht bey Ihnen
mich zu richten – – ich mache mich aus dem Urtheil der Menschen nichts, sagt
der Apostel. Ich weiß daß ich mich selbst verdamme – – immerhin, wenn es
nicht anders seyn kann, es kann mir auch nicht schaden, nicht Sie, nicht mein
Nächster, nicht ich selbst, sondern der Herr ist Richter. So werden wir durch
dasjenige aufgerichtet was uns niederschlägt und durch den getröstet, der
uns betrübt.
Verzeyhen Sie mir, liebster Freund, schreiben Sie mir fleißig. Ich bin Ihr
aufrichtiger Freund v Diener.
Hamann.


Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Candidat en Theologie / à /
Grunhoff. / par ami.











Briefe nicht überliefert



polypragmasie sinnlos wechselnde Deutungsansätze



Bruder Eliab, 1 Sam 17,28

Zuschrifft nicht überliefert



auswendig ... 2 Kor 7,5







nächsten dem Bruder, Brief Nr. 131 (ZH I 283/10)



Spies 1 Sam 19,10


Hi 27,6 u.ö.


Brief nicht überliefert














schaden ... betrübt 1 Petr 1,17, 4,5 und 5,6











Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (1).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 328–331.
ZH I 280–282, Nr. 130.