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Johann Georg Hamann → Joseph Johann Baron von Witten
Riga, 17. Oktober 1758
ZH I, 266




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Mein lieber Herr Baron,

Es heist sub litera B. in dem berühmten Autore classico, auf deßen
Bekanntschafft sich der kleine Herr Bruder freuet;
Wie grausam ist der wilde Bär
Wenn er vom Honigbaum kommt her.
Sie wundern sich vielleicht, warum der Bär so viel Geschmack am Honig
hat. Wie kann ich Ihnen das nun sagen, da ich nicht einmal von meinem
eigenen daran, Ihnen Red und Antwort geben könnte? Vielleicht braucht
seine Zunge diese Erqvickung des wegen, weil man erzählt, daß seine Jungen
so unförmlich zur Welt kommen, daß er nöthig hat selbige erst durch das
Lecken zu bilden. Bey dieser Gelegenheit fällt mir ein Mährchen von einer
Bärin ein, die sich mehr Mühe gab, als sich eine Mutter von diesem Geschlecht
jemals gegeben. Endlich vergieng ihr die Gedult, und sie sprach zu dem kleinen
lebenden Klumpen vom Kinde, das vor ihr lag: Geh, Unart, wenn ich mir
auch an dir die Zunge aus dem Schlunde leckte, so wirst du doch niemals so
artig als ein Affe werden.
Um nichts umsonst zu hören und zu sehen, suche ich aus jeder Sache, die
mir vorkommt, was zu lernen und einen Nutzen für mich daraus zu ziehen.
Nachdem ich mich also lange genung gefragt hatte, wie ich diese kleine Fabel
auf mich selbst anwenden möchte, gab ich mir endlich folgende Antwort:
Du würdest nicht klüger als diese Bärinn hatteandeln, wenn du die
Rauhigkeit und Unförmlichkeiten deines Naturells zu verwandeln dich bemühen
wolltest. Es würde mir niemals gelingen den mürrischen Ernst meiner
Vernunfft in den gaukelnden Witz eines Stutzers umzugießen. Laß diejenigen, die
zu den Höfen großer Herren geboren sind, weiche und seidene Kleider tragen;
derjenige, welcher zu einem Prediger in der Wüsten beruffen ist, muß sich in
Kameelshaaren kleiden und von Heuschrecken und wilden Honig leben.
Werden Sie es auch so machen, wie ich, mein lieber Baron und mir
dasjenige mittheilen, was Sie für sich Selbst aus meinem Mährchen für eine
Sittenlehre gesogen haben. Sie wusten ehmals einige Verse, in denen Sie sich
anheischig machten die Bienen nachzuahmen.
O möcht ich doch wie ihr, geliebte Bienen seyn
An innerm Geiste groß, obschon an Körper klein pp.
Da Sie sich so dreist an die Gnädige Gräfin gewandt haben um die
Vergeßenheit Ihres Versprechens gut zu machen; so werden Sie so gut seyn auch
die Entschuldigung dieser Freyheit auf sich zu nehmen, und meinen
unterthänigsten Dank für die huldreiche Herunterlaßung zu unsern kleinen
Angelegenheiten, in meinem Namen mit aller Ehrfurcht bekennen. Ich wünsche
zugleich Ihro Excellenz dem Gnädigen Herrn General eine glückliche
Zurückkunfft von Ihrer Reise, der ich nach den verbindlichsten Grüßen an die
Fräulein Schwester und kleinen Herrn Bruder verharre Meines lieben Barons,
ergebener Diener.
Riga. den 17. Octobr. 1758.
Hamann.


Adresse:
à Monsieur/Monsieur Joseph le Baron/de Witten,/à Grunhoff.



Zweizeiler aus einer Schulfibel; zitiert auch in N III S. 207






Ov. met.
15,379f., Gell. 17,10; vgl. auch
Zimmermann, Von dem Nationalstolze
, S. XXV, wo dieses Bild auf die Bearbeitung von Texten angewandt wird, mit Verweis auf eine Selbstbeschreibung Vergils.

Mährchen nicht ermittelt















Johannes der Täufer, Mk 1,3–6






Die ersten Verse des Gedichts »An die Bienen« von
Johann Nicolaus Götz
, das in versch. Anthologien und versch. Versionen gedruckt vorlag. Brief Nr. 129 (ZH I 278/32)















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 40.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 323–325.
ZH I 266–267, Nr. 124.