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Johann Georg Hamann → Peter Christoph Baron von Witten
Riga, 4. Oktober 1758
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Riga. den 4. Octobr. 1758.

Lieber Herr Baron,

Fehlt es Ihnen an Lust oder Herz, zu denken? Sind der Stand und das
Vaterland, zu dem Sie gehören, der Mühe nicht werth einige Betrachtungen
oder Untersuchungen darüber anzustellen? Giebt es keine Pflichten, die aus
diesen doppelten Verhältnißen unserer Geburt herfließen? Oder wollen wir
solche nicht wißen, damit wir mit desto mehr Ruhe selbige aus den Augen
setzen oder ihnen entgegen handeln können? – –
Verzeyhen Sie diesen ungedultigen Ausbruch meinem Schreibepulte. Ich
muß seit einigen Tagen einen ziemlich starkes Flußfieber auf dem Bette
abwarten. Es fängt sich Gott Lob! an zur Beßerung anzulaßen, und ich
mache den Versuch, ob ich schon die Feder für die lange Weile hin und her
führen kann.
Laßen Sie sich, mein Herr Baron, den Schwung nicht befremden, den ich
meinem Briefwechsel gegeben habe. Brauchen Sie nicht die Ausflucht gegen
mich, daß Sie demselben noch nicht gewachsen sind. Ein guter Vorsänger
zieht mit Fleiß seine Stimme einen halben Ton höher, weil er aus der
Erfahrung weiß, daß seine Gemeine geneigt ist zu tief herunterzusinken.
Erlauben Sie mir, Sie an ein häuslich Beyspiel zu erinnern, um Ihnen
dadurch meine Meynung desto deutlicher zu machen. Wie die Gnädige
Fräulein noch auf den Armen Ihrer Wärterinn getragen wurde, ersuchte sie durch
einen Wink Ihren Herren Bruder in Ihrem Namen einen kleinen Brief zu
schreiben. Er beqvemte sich darinn Ihrer selbstgemachten Sprache, und ahmte
ihre willkührliche Wörter und die Idiotismen der ersten Kindheit so gut als
möglich nach. Fragen Sie ihn, wenn er jetzt in dem Namen seiner Fräulein
Schwester schreiben sollte, ob er seine Schreibart nicht so einrichten würde,
daß man sie nach selbiger einige Jahre älter beurtheilen würde, als Sie
würklich ist.
So lange Kinder noch nicht reden können, läßt man sich zu ihrer
selbstgemachten angenommenen Sprache herunter. Diese Gefälligkeit hört aber
auf, so bald sie recht reden lernen sollen. Eben diese Bewandtnis hat es mit
dem Denken. Sie sind schon in dem Alter, lieber Herr Baron, wo man Ihrem
Verstande zumuthen kann, sich ein wenig auszustrecken, und daß ich so sage,
mit selbigem auf dieen Zehen zu stehen um das zu erreichen, was man
Ihnen vorhält.
Ich kann Ihnen diese Uebung desto sicherer geben, da Sie das Glück haben
einen Hofmeister zu genüßen, dem nicht nur seine Einsichten sondern auch die
Sympathie unserer Gesinnungen den Schlüßel zu meinen Briefen geben
mittheilen, der Unpartheyligkeit und Freundschafft genung gegen Sie und
mich besitzt hegt um die Lücken meiner Gedanken auszufüllen, die Schwäche
meiner Urtheile und Einfälle aufzudecken, und selbst über die Fehler meiner
Schreibart Erinnerungen zu machen. Sie wißen, daß ich im Fall der Noth
mich gern dazu brauche, mein eigener Kunstrichter zu seyn.
Arbeiten Sie also, so viel Sie können, an der Aufgabe, die ich Ihnen
vorgelegt. Von ihrer Auflösung könnte vielleicht der Plan meiner übrigen Briefe
abhängen.
Ein wenig Vorrath habe ich in meinem letzteren Schreiben Ihnen an die
Hand gegeben. Es war ein Auszug eines fremden Schriftstellers, deßen
Gedanken ich Ihnen mitgetheilt, deren Wahrheit und Last ich aber nicht auf mir
genommen.
Sind darinn Dinge die den kurländischen Adel eben so sehr als den
französischen treffen, so ist es nicht meine Schuld. Sollte der erstere wohl ein
kützlicher Ohr haben oder empfindlicher über den Fleck der Ehre als der
letztere denken? Dann würde es nicht rathsam seyn in Kurland dasjenige zu
übersetzen, was ein Pabst, Pius II. in seinen Werken hat über den Adel
überhaupt einflüßen laßen. – –
Genung für einen Kranken. Ich sage Ihnen noch dies als eine vorläufige
Anmerkung, daß kein vernünfftiger Mensch ein Bilderstürmer der in der Welt
eingeführten Vorurtheile ist, daß er die Nothwendigkeit, den Werth und
Nutzen derselben erkennt, und selbst von den Misbräuchen in ihrer Anwendung
mit Anstand und Mäßigkeit denkt, redet und schreibt.
Entschuldigen Sie die Runzeln dieses Briefes, und laßen Sie den Verfaßer
deßelben Ihrem geneigten Andenken empfohlen seyn. Ich bin mit der
aufrichtigsten Hochachtung Ew. Hochwohlgeboren ergebenster Diener und Freund.
Hamann.









Flußfieber »Febris catarrhalis, ein nachlaßendes Fieber, welches sich mit Flüssen auf der Brust vereinigt. Man macht einen Unterschied unter ein gutartigen [Catarrh] und bösartigem Flußfieber.« Oeconomische Encyclopädie oder Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- u. Landwirthschaft, 14. Tl. (Berlin 1778), S. 420













































in
Pius II., De duobus amantibus
, vgl. Brief Nr. 122 (ZH I 264/9); H. zitiert es auch in
Hamann, Beylage zu Dangeuil
, N IV S. 235/39, ED S. 383f.











Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 38.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 305–308.
ZH I 260–262, Nr. 120.