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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
Riga, 28. März 1753
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Riga den 17/28 Märtz. 1753.

Herzlich geliebtester Vater,

Ich habe heute eben einen Brief von Ihnen erhalten, darinn eine Einlage
von HE. Mag. v ein kleines Papierchen von meinem Bruder gewesen. Sie
bekommen durch einen Apotheckergesellen, den ich nicht kenne v bey einer Mad.
Casserius in Diensten gewesen, gegenwärtigen Briefe mit einer Sammlung
von mehreren, die ich gern größer v stärker gemacht hätte, wenn es mir
möglich gewesen wäre. Weil dieser Mensch schon morgen wegreisen wird, v ich
seine Abreise erst mit dem Ende dieser Woche vermuthete: so bin ich etwas
übereilt worden. Ich werde das übrige durch einen andern Fuhrmann
nachzuholen suchen. Den Herrn RegimentsQuartierMeister Link v HErrn Secret.
Sahme insbesondere hätte ich gern geschrieben. Obgleich mein Herz nicht leer
an Empfindungen ist, die ich für meine liebe Eltern habe; so wird doch dieser
Brief nicht gar zu lang gerathen. Meine Nachrichten, die ich wöchentlich
fortzusetzen willens bin, nehmen mir einiger maaßen die Materie dazu diesem
Briefe
weg. Ich will aber doch einige Sachen melden, die ich mich gefürcht
habe über der Post zu berichten. Ein guter Freund, zu dem ich am meisten
gehe, hat mir im Vertrauen v. als ein Staatsgeheimnis entdeckt, daß die
auswärtigen Briefe hier alle entsiegelt würden, v. daß er selbst diese KunstStücke
wüste. Er will sich hierüber gar nicht auslaßen v. giebt vor den Augenblick es
einem Briefe anzusehen, der diese Probe ausgehalten hat. Ich bin jetzt auf
das Siegel immer sehr aufmerksam, thun Sie doch ein gleiches. Die Geheime
Cantzelley soll sich damit hier beschäfftigen. Diese Erzählung kommt mir, die
Wahrheit zu sagen, ziemlich verdächtig v. unglaublich vor. Er hat mir
zugeschworen, daß alle Briefe, die ich aus Kegeln an ihn geschrieben, erbrochen
v. auch bisweilen mit dem Post Siegel offenbar wieder zugemacht worden
wären. Der Zusatz, v die Versicherung, die er mir giebt, daß er gewiß wüste,
die seinigen würden damit verschont, befremdt mich noch mehr da er so übel
mit zufrieden zu seyn schiene, daß Sie in Ihrem letzten an ihn eines Briefes
gedacht hätten, der mit einem Fuhrmann gekommen wäre. Sie solten in ihren
Briefen niemals an dergl. Sachen gedenken, weil dieses aufs schärfste
untersagt wäre, mit Fuhrleuten zu schreiben. Es kann dieses vielleicht eine bloße
Erdichtung einer eingeschreckten Einbildungskrafft v. einer Neigung zu
eingebildeten Staatsgeheimnißen seyn; oder es muß mehr darunter stecken.
Herr Belger hat mir neulich einen Brief von seinem Herrn Swiegervater
mitgetheilt, der ihn sehr misvergnügt machte. Er war so lamentable
geschrieben, als Sie jemals einen von dem Preller, meines Bruders ersten
Schulmeister bekommen haben v. ein rechter Bettelbrief. Er bestürmt ihn mit
Briefen von der Art, die ihm das dritte Theil von demjenigen bald, was er ihm
überschicken kann,kosten an Post Geld kosten. Seine güldene Praxis hat in
Riga aufgehört; er hat jetzt andere Wege im Sinn sein Glück beständiger zu
machen. Gott gebe, daß sie ihm gelingen! An Feinden fehlt es ihm nicht v es
giebt in Riga andere Feinde als in Königsberg. Sie sind feiner v. grausamer.
Sein Haus ist jetzt ungewöhnlich leediger geworden, als wie ich das erste mal
da war. Es kann seine damalige Krankheit die häufigen Besuche verursacht
haben. Das Haus, das er gekauft hat v davon der Zahlungs Termin
mehrentheils aus seyn wird, scheint Ihnen auch viel Sorge zu machen. Die Straße,
worinn es steht, ist schlecht, wenn es erst recht ausgebaut seyn wird, so wird
es sehr viel Beqvemlichkeit haben. Es fehlt nicht an kleinen v. hinlänglichen
Stuben, wenn diejenigen dazu kommen werden, die er willens ist, zu bauen.
Gute Einfahrt, Ställe v ein ziemlich geraumer Hoff, machen daßelbe noch
brauchbarer. Der Mann, von dem ers gekauft hat v der auch bey ihm speist,
hat die obere Gelegenheit mit seinen Leuten ein; er heist HErr Pantzer, v ist
von einem sehr angenehmen phlegma im Umgange, voller schleichender
Einfälle, wegen der er in Gesellschaften insbesondere vom Frauenzimmer gern
gesehen wird.
Sie berichten mir die Abreise des Herrn von Volckersaamen mit seiner
Gnädigen Mutter. Ich habe schon hier davon gehört, man sagt gar, daß sie ihn
wieder mitbringen wird. Sie ist an einen gewesenen General Oeconomie
Directeur
von Mengden, einen Bruder deßen, wo HE. Blanck in Condition
gestanden, verheirathet gewesen und hat sich von ihm scheiden laßen. Ihr
gewesener Gemahl wohnt nicht weit zur Miethe von HErrn Belger; v ist mir
als ein Mann von einem fürtreffl. Gemüthe v. Verstande beschrieben worden,
sie hingegen als eine Frau, deren Menschenliebe v Leutseeligkeit gegen das
männliche Geschlecht sich bisweilen sehr herunter laßen soll. Andern
Nachrichten zu folge ist er ein Mann, der keine, oder eine poßierliche oder eine schiefe
Nase haben sollt, der kein engelreines Leben führt, auf deßen Stuhl man
sich zu hüten in Acht nimmt, v. deßen Anblick ziemlich eckelhafft seyn soll.
Diese Urtheile, die Menschen über Menschen fällen, sind für einen Sammler,
wie ich bin, v der so unpartheyisch ist, sehr belustigend. Ich brauche sie mein
Vorurtheil wieder die Welt damit zu nähren.
Meine Lebens Art ist übrigens so einförmig, liebster Papa, wie ich selbige
Ihnen immer beschrieben habe. Herr Gericke besucht mich bisweilen, er ist
aber schon öffterer bey mir als ich bey ihm gewesen Herr Lado, der nach
Ostern ordinirt werden wird, v in seinem Priesterrock schon geht, hat mich
auch einmal besucht. Herrn Belger, HE Reißmann v Herrn Pantzer habe ich
auch einmal des Abends bewirthet.
Eben jetzt bin ich von HErrn Gericke v einem seiner Anverwandten, der
seinen Sohn mit brachte, gestört worden. Sie haben mich wegen des schönen
Wetters eine halbe Stunde spatzieren geführt nach der neulichen Brandstätte
in der Vorstadt. Ich habe mich bey Ihnen mit meinen Geschäfften entschuldigt
v Sie haben Ihren Besuch daher kurz gemacht. Ich will noch an meine liebe
Mutter v Bruder schreiben. Die Uhr schlägt 5 v. die Briefe sollen noch heute
von mir selbst zu HErrn Belger gebracht werden.
Mit der morgenden Post will ich mit Gottes Hülfe Ihnen wieder etwas zu
lesen schicken. Beten Sie für mich, liebster Vater, daß es mir wohl gehe; ich
kann bisher noch immer dem Himmel danken für das Gute, daß er mir thut.
Wenn er meine Eltern gesund v. mit mir zufrieden erhällt; so weiß ich nichts,
was ich mir mehr wünschen kann, als meine Arbeit hier zu seegnen. Er wird
mir auch die Früchte derselben sehen v genüßen laßen, da ich mir bewust bin,
daß ich das meiste aus gutem Triebe thue, v. weder aus Eigennutz noch einem
lasterhaften Hochmuth arbeite. Leben Sie gesund v. vergnügt, halten Sie mich
beständig in Ihrem väterlichen v. treuen Andenken. Ich will dafür zeitlebens
seyn Ihr dankbarster v. gehorsamster Sohn.
Johann George Hamann.
greg. 28.03.1753





Casserius nicht ermittelt



















Kegeln heute Ķieģeļmuiža (Bezirk Kocēnu), Lettland [57° 28' N, 25° 13' O]




























Gelegenheit Stockwerk
Pantzer Philipp Belgers Untermieter























Reißmann nicht ermittelt



















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (9).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 37–38.
ZH I 30–32, Nr. 11.