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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Meyhof, 1. Juni 1756
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ZH I, 205


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Meyhof den 1 Junius. 756.

Herzlich geliebtester Freund,

Es ist mir heute von der Fr. Gräfin eine Gelegenheit angemeldet worden,
die morgen abgehen soll. Ich eile um solche nicht vorbeygehen zu laßen, weil
es mit selbigen sehr unsicher ist. So übereilend als zaudernd bisweilen für
meine Beqvemlichkeit. Ein Brief den ich vorige Woche erhalten macht mich
so besorgt. Mein letzteres Couvert v alle damit verknüpfte Unordnungen, die
ich selbst nicht mehr weiß, wird davon gezeigt haben, daß ich nicht Zeit gehabt
daran zu denken. Gesetzt auch so war unschlüßig über die Post selbige gehen
zu laßen; weil ich nicht weiß was für Einlagen darinn sind. Mein Bruder
schickt Ihnen wo ich nicht irre einige Kleinigkeiten von neuen Sachen, v
verweist meine Neugierde an selbigen auch Theil zu nehmen auf Ihre Güte. Für
letzt überschickte, die beyliegen danke aufs ergebenste. Alemberts Sache
scheint von keiner Wichtigkeit zu seyn. Auf den Orphelin v Henault warte mit
Schmerzen mit dieser Gelegenheit. Vergeßen Sie nicht, Liebster Freund; ich
verlaße mich gewiß darauf. Terraßons Philosophie ist ein unvergleichlich
Werk; ich muß selbiges franzöisch haben. Hume habe selbst. Sulzers
Anmerkungen sind nichts weniger als überflüßig, aber nicht vollständig genung.
Er wirft sich gar zu sehr auf die entgegen gesetzte Seite des Engländers. Für
Wolfianer ist es sehr schwer eklecktisch genung zu seyn, so wie ein Freygeist im
Sceptizismo immer zu weit geht.
Ein paar Stunden verschwatzt, Liebster Freund, so vergeht die Zeit. Ein
Raub, über den man sich bisweilen wie ein Mädchen über einen Kuß
beschwert. Ich befinde mich leidlich gesund. Die schlechte Witterung hat meinem
Leib einige fieberhafte Eindrücke gegeben, die nachgelaßen; es fehlt mir
gleichwol nicht an Stunden, wo mir mein Körper Materie zum Denken und reden
giebt. Von meiner Reise verspreche mir erwarte gute Dienste wieder meine
Hypochondrie. Ein Grund, den mir mein Vater schon angeführt. Noch bleibt
selbige zu Ende dieses Monaths festgesetzt. Machen Sie alles so bald wie mögl.
fertig. Wie ich nach Riga kommen kann, sehe nicht ab. HE. B. hat mir
versprochen hieher zu eine Spatzierfahrt zu machen. Diese wird mich
entschlüßen. Ich wünschte liebster Freund, wenn Sie sich mit mehr Entschl
Offenherzigkeit gegen mich ausgelaßen hätten in Ihrem letzten Schreiben.
Ohne an mir selbst zu denken, bin ich nur für diejenigen besorgt, denen ich
genüge zu thun verbunden bin. Weil ich dies nicht versprechen kann so sehe
mich genöthigt Ihr Urtheil auf guten Glauben anzunehmen. Ich scheue mich
für diese ängstliche Prüfung. Wie soll ich zu Unkosten Anlaß geben, ehe ich
weiß, daß ich im stande seyn werde mich in diejenige Geschäfte zu finden,
durch deren Verwaltung ich jene ersetzen kann. Sie schrieben mir, Liebster
Freund, daß ich biß Michaelis zum Antritt Zeit hätte. Ich richtete mich
darnach. Von meiner Reise und der darauf folgenden Veränderung habe hier
schon Worte gemacht. Es hat das Ansehen, daß ich mit einer ziemlich guten
Art loskommen werde. Ich habe Sie aber biß Michaelis noch Hoffnung
gemacht auszubleiben v folglich diesem Vierteljahr das mit Ende des Junius
aus ist, ein drittes zuzulegen. Dies wäre alles was ich thun könnte. Mit Ihrer
jetzigen Begegnung kann nicht anders als zufrieden seyn. Wenn sie sich nicht
ändert, so werde alles von meinem Theil thun Sie gleichfalls durch meinen
Abschied zu befriedigen. Ehe ich meine Eltern gesehen, möchte ich nicht gern
alles schon verabredet haben. Ich habe gestern einen Brief bekommen, der
mich sehr traurig zu Bett trieb. Mein Vater setzt mir sehr zu bald zu kommen
wenn ich nicht zu spät kommen will. Es muß sehr schlecht wieder stehen.
Gott helf Ihnen und mir. Bitten Sie doch den HE. B. daß er wo mögl. unsere
neue Pfingsten hieher kommt. Es wird mir zu einer großen Erleichterung
gereichen Ihn hier zu sehen. Ich will ihn selbst schreiben. Mein Vater muß noch
was auf dem Herzen haben in Ansehung meiner, das ich wenigstens wißen
muß. Vielleicht kann ich auf meine eigene Hand einen kleinen Umweg nehmen,
der in unsere Entwürfe einschlägt. Neu Johannis muß ich wenigstens schon
unterwegens seyn, das heist in 3 Wochen. Der Rückweg wird mir nicht
verlegt werden können. Wenn ich mit einem Sekretairtitel meinen Paß nehme!
Auch hierüber bitte mir Ihre Meynung aus. Einen Fuhrmann möchte am
liebsten aus Riga haben. Die hiesigen sollen nicht so viel taugen. Vielleicht
werde ich Sie ersuchen einen zu verdingen oder verdingen zu laßen.
Erkundigen Sie sich doch wie viel HE. B. gegeben und ob ich ihn in Königsb. auf mich
warten laße oder Hofnung haben kann einen andern dort zu finden um die
Zeit. Ich glaube das letztere. Vergeßen Sie doch keins von diesen Punkten
in Ihrem nächsten Schreiben zu beantworten. Vielleicht beschwere ich Sie
auch noch mir eine Taluppe einzukaufen; ich glaube mir selbige unterwegens
nützlicher als einen Schlafrock.
Bringen Sie Ihre Zeit so ruhig und vergnügter mögl. auf Ihrem
Höfchen zu mit guter Wirkung für Ihre Gesundheit. Was macht Ihr liebes
Frauchen? Ihre kleine Verdrüßlichkeiten werden zu Ihrer Zufriedenheit
ausschlagen; zweifeln Sie nicht dran. Heben Sie mir ja den Bernis auf. Ich
behalte ihn ganz gewis. Das halbe 100 Prophezeyungen auf das gegenwärtige
Jahr ist nicht uneben. Der große Duns ist ebenfalls gewaltig darinn
mitgenommen. P. habe noch nicht gesprochen. Ich bin wenig imstande zu lesen
noch zu arbeiten. Sie können sich dies leicht vorstellen. Meine Umstände
beschäftigen mein Gemüth mehr als ich es selbst glaube. Schicken Sie mir
doch das versprochene. Ich umarme Sie und nach einem freundschaftl.
wiederholten Gruß an Ihre werthe Liebste und HE. Bruder ersterbe der Ihrige.
Den 2 Junius. Ist die schöne Cantata etwa aus Danzig von pp.
Meyhof Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof) in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]





Brief nicht überliefert








Henault vll. etwas von Charles-Jean-François Hénault d’Armorezan, 1755 erschien von ihm Le Réveil d’Épiménide, comédie en prose.



Hume
Hume, Essays
;
Johann Georg Sulzer
gab die Übers. als Vermischte Schriften mit eigenen Anm. heraus.










Reise nach Königsberg






Schreiben nicht überliefert







Antritt der Arbeit für das Handelshaus Berens in Riga
Michaelis 29. September



Sie den v. Wittens






Brief nicht überliefert; wohl mit Nachricht über den schlechten Zustand der Mutter.


schlecht ... stehen um die Mutter


Pfingsten nach dem greg. Kalender, 6./7. Juni




Johannis 21. Juni










Taluppe Mantel, Überwurf







Der große Duns Epitheton für
Johann Christoph Gottsched
; so etwa in Lessings Sinngedicht »Antwort auf die Frage: wer ist der große Duns?« (Januar 1755 in der Berlinischen Zeitung)






Cantata nicht ermittelt

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (26).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 33–34.
ZH I 205–207, Nr. 78.