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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Riga, 19. November 1755
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ZH I, 123




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Riga am Tage Elisabeth 755.

Herzlich Geliebteste Eltern,

Gott schenke Ihnen Gesundheit und Stärke. Ich hoffe, daß meine Mutter
schon für die Erfüllung dieses Wunsches dem Höchsten wird danken können.
Ich befinde mich jetzt in einer eigenen Verlegenheit, die ich Ihnen herzlich
Geliebteste Eltern mittheilen will, weil selbige vielleicht zu Ihrer Zufriedenheit
und meiner Rechtfertigung etwas beytragen kann. Es ist ein Auszug eines
Briefes von HE. Doct. L. aus Mietau, den ich vor ein paar Tagen erhalten:
„Ihr letzter Brief schien mir etwas unwillig zu werden, ich wollte mich
entschuldigen, ich muß ihnen aber nur aufrichtig sagen, daß die Wichtigkeit der
Sache mich lange aufgehalten ehe ich mich entschlüßen können weiter darinn
zu verfahren. Meine eigne Geschäfte gleichfalls. Die Sache selbst ist diese.
Empfangen Sie alles Vergnügen welches ein wahres Verdienst nur immer
nach sich ziehen kann – – – kurz der HE. General v. Witt. thut alle nur ersinnl.
Schritte um Sie wieder zu haben. Wenn Sie es verlangen, M. W. Fr. daß ich
in der Sache weiter gehen soll: so sollen Sie bald ein Einladungs Schreiben
unter den allervortheilhaftesten Bedingungen haben. Das Gehalt sollte
vermehrt werden. Niedriger Bewegungsgrund pp. Der junge Herr denkt mit
Thränen an Ihnen, der älteste. Wer hätte das von ihm gedacht; er schüttet
sein kleines Herz gegen mich aus, welches von 1000 Lobeserhebungen gegen
Sie v 1000 zärtl. Empfindungen voll war. Ich gestehe es Ihnen daß mich dies
gerührt hat. Ich weiß, sie lieben pp. Kurz Hoffnung in 2 Jahren zu reisen v
alles was ich vorschreiben möchte; Erkenntlichkeit vorn und hinten. Ich habe
hierauf heute geantwortet ohne mich zu erklären. Daß es Ihr Ernst ist, habe
ich aus eben diesem Antrage, den der Artzt in dortigen Hause der Halbbruder
des HE. Past. Gericke an mir in ihrem Namen gethan hat.[“]
Ich kann Ihnen herzlich Geliebteste Eltern, noch nichts vom Verlauf oder
Erfolg dieser Sache berichten. Sie sey der Vorsehung heimgestellt. Wenn ich
dahin bestimmt bin; so möge m sein Wille geschehen. Ich werde nichts thun
um mich einzuschleichen. Der Bruder der Fr. Gräfin ist hier. Ich habe mich
verspätet; die Post wird gleich abgehen. Ich habe Ihnen dies wenigstens
melden wollen. Meinem Bruder werde ich nicht schreiben können. Mit nächster
Post mehr. Ich empfehle meine Herzlich Geliebteste Eltern der Göttlichen
Obhut, sie wache über Sie und alle das Ihrige. Beten Sie für mich. Ich küße
Ihnen tausendmal die Hände v bin zeitlebens Ihr
gehorsamster Sohn Hamann.


Einlage bitte meinen lieben Bruder sogl. nach Jena zu bestellen. Die
Aufschrift ist: à Monsieur Monsieur Hase Maitre des Arts et des belles lettres
à Jena.
Dürfte ich um das Postgeld bitten? wenigstens biß nach Berl.

Auf der Adreßseite:
Mein lieber Bruder Nächstens Dir. Nur ein ander Pittschafft auf M. Hases
Briefe aufgedrückt.
19.11.1755







Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)







M. W. Fr. Mein Werter Freund







reisen Bildungsreise mit den v. Wittens








Bruder der Gräfin
Moritz Reichsgraf v. Lacy















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (27).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 76–77.
ZH I 123–124, Nr. 50.