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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Meyhof, 5. April 1755
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ZH I, 96



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Meyhof den 5 April 1755.

Herzlich Geliebtester Vater,

Sie sehen wo ich bin v dies wird mein bisheriges Stillschweigen
entschuldigen. Ich habe Dero letztere zärtliche Zuschrift vom 26sten März in Mietau
erhalten wie ich eben aus Riga ankam, wo ich auf einen ganzen Tag und
2 Nächte mit HE. D. Lindner gewesen war um unsere dortigen Freunde zu
besuchen. Vorigen Donnerstag wollten wir nach Hause reisen; wir kamen mit
Lebensgefahr biß an die Bäche und noch mit noch größerer, die Gott Lob
glücklich überstanden, des Abends hier wieder zurück. Ich habe also auch einen
kleinen Versuch vom demjenigen gehabt, was unsre Fuhrleute im Fluch kursche
Wege nennen. Dem Himmel sey Dank, daß ich nur für Angst gebadet hier mit
meiner gnädigen Gesellschaft wieder angelandet bin. Die junge HE. saßen
Ihrem Vater v. mir gegenüber. Mir sind fielen die Verse eingefallen, die
Sie uns bisweilen vorsagten, in denen der Fall eines Elepfanten beschrieben
war und die Gefahr einen solchen Beysitzer zu haben, lag mir immer im
Sinn. Vergeben Sie mir meine kleine Bitterkeit; ich glaube berechtigt dazu zu
seyn. Was waren die Gründe, die diese Reise unumgänglich v. Menschen
gegen sich selbst, Eltern gegen ihre Kinder, Herren gegen ihre Leute gleichgiltig
machten. Fugen ohne Überlegung, wirthschaftliche Angelegenheiten so klein,
so klein, als man sich selbige kaum vorstellen kann. Alle Genungthuungen,
alle Geberden, mit denen man nach geschehener That sein Mitleiden, seine
Unwißenheit v Erstaunen ausdrücken will, kommen mir obenein als die
niederträchtigste Falschheiten vor. Was für ein Land, in dem die Menschen so
impracticable als die Wege sind!
Nach so einem verdrüßlichen Eingang erlauben Sie mir, lieber Papa, daß
ich Ihnen noch ein paar Worte von meinem genoßenen Vergnügen in Riga
sage. Ich habe daselbst Gott Lob Freunde gefunden, die mich mehr als jemals
lieben; v ich kann mich noch nicht besinnen in der Fremde so vergnügt als
diese kurze Zeit gewesen zu seyn. Der liebe M. wird dort mit viel
Beqvemlichkeit v Zufriedenheit leben können. Er hat ein recht schönes Haus v. auch eine
Stube darinn vor mich bestimmt, wenn ich selbige annehmen will. So ungern
ich andern verpflichtet seyn mag, so gern will ich es wahren Freunden seyn.
Ursache mehr sie zu lieben, wenn sie gleichsam unsere Gläubiger v. Wohlthäter
sind. Sie sind ohnedem die Werkzeuge unsers Glückes, das wir auf der Welt
besitzen können.
Diese Spatzierfahrt also, unser zurückgegangener Vorsatz nur 8 Tage hier
zu bleiben v die schlechte Einrichtung, in der wir uns auf diesen Fuß gesetzt
haben, sind die Hinderniße gewesen, warum nicht eher habe schreiben können
und mögen. Man ist zwar willens in einigen Tagen wieder einen Versuch zu
machen um nach Grünhof zu kommen. Derselbe wird aber von selbst verboten
seyn, weil die gröste Fluth noch erst nachkommt, da die Mietauer und wir
vollends Insulaner werden müßen.
Jetzt komme auf die Antwort, die ich Ihrer letzten sehr gütigen Zuschrift
schuldig bin. Ich freue mich herzlich, Geliebtester Vater, daß Sie wieder
ausgehen können und wünsche Ihnen von Herzen so wohl Kräfte zu Ihrem Beruf
als den Willen erstere zu schonen und sich letzteren nicht zu schwer zu machen.
Gott gebe, daß Sie mit so viel Seegen als Gemüthsruhe arbeiten mögen!
Ihre heilige Osterfeyer möge durch nichts gestört worden seyn und dasjenige
Gebet auch von Gott erhört v gnädig erfüllt werden, was meine liebe Eltern
auch für Ihre Kinder dem Himmel gebracht haben. Der Glaube an
denjenigen, der ewig lebt uns zum Trost, zur Hofnung, zur Freude, nachdem er an
unsere Stelle gelitten hatte v. gestorben war, wälze alle Traurigkeit von
Ihrem Gemüthe, v weke Ihren Geist zu einer Seeligkeit auf, die Ihnen ein langer
Vorschmack der künfftigen seyn möge, v. die Ihnen noch lange die Welt, in
einer christlichen Freyheit von allen irrdischen Sorgen, genüßen laße!
Die Beßerung des HE. Renzen wird wohl zur Gesundheit ausgeschlagen
seyn; ich bitte ihm Glück dazu zu wünschen.
Über die gute Aufnahme meiner Briefe bin sehr vergnügt; um desto mehr
da ich mir selbige selten vermuthen kann. Die Antwort auf sie wird mich
davon noch völliger überführen. Die Nachbarschaft des HE. Berens bringt mir
jetzt den Vortheil eines franzöischen Briefwechsels ein, der mir zwar noch
bisweilen einige Mühe macht, die ich aber desto lieber auf mir nehmen um in
dieser Sprache desto geübter zu werden. Außer dem Lesen ist dies die einzige
Arbeit, die ich bey meinen Geschäften v. Umständen abwarten kann. Ich sehne
mich daher nach einer Muße, die mich wieder ein wenig zu studieren erlauben
wird.
Ich habe mir damit geschmäuchelt, daß ich meinen lieben Eltern einen
Gefallen thun würde, wenn ich noch einige Zeit hier bliebe. Diese einzige
Betrachtung hat mich auch dazu bewegen können. Ich habe aber nicht mehr als
ein viertel Jahr zugelegt v jetzt möchte wohl mein Vorsatz unwiederruflich
seyn. Mit dem Maymonath geht mein Termin zu Ende. Sie werden meine
Gesinnungen erfahren und vielleicht billigen. Ich werde bey selbigen so viel
möglich bleiben, weil ich denen Absichten , die meine meiner lieben Eltern
vielleicht mit mir haben, nicht gewachsen bin. Die Vorsehung kann mich
vielleicht bald nach Königsberg führen. Wenn ich einen kleinen Umweg in der
Welt werde genommen haben, könnte ich mich vielleicht von selbst dazu
entschlüßen. Mit dem Frühling denke ich wills Gott! in Riga zu seyn; vielleicht
kann ich Ihnen dann mehr schreiben. Gesetzt daß ein guter Freund noch eine
Reise nach meinen Wünschen thäte v mir gut genung wäre meine Gesellschaft
sich gefallen zu laßen, und mich zu seinem Gefährten zu verlangen; würde ich
denn nicht mit mehr Genungthuung, Nutzen, Ehre und Zufriedenheit denen
besten Eltern mich zeigen können, wenn ich selbige zurückgelegt hätte?
Umsonst bemühen sich unsre Gedanken, unsre ängstliche Gedanken in die
Entschlüße der Vorsehung Eingrif zu thun. In ihren Mantel gewickelt und von
ihr geführt geben uns Meere v. Klüfte sichere Fußsteige. Ein Habacuc
wandelt kann in der Luft ruhiger wandeln, als nicht ein Kind am Leitband unter
der Hand der vorsichtigsten Wärterinn kriechen kann. Der Höchste wolle,
Geliebtester Vater, Ihr Alter stark und meine Jugend weise machen. Er nehme
sich unserer Schwachheiten und Thorheiten an. Ich sehe dem langen Briefe,
den Sie mir zu schreiben versprechen, mit großer Sehnsucht entgegen. Ihre
Lebensvorschriften sollen mir unendlich schätzbar seyn; und Ihr eigen Beyspiel
unvergeßen. Ich ersterbe mit der innigsten Zärtlichkeit Geliebtester Vater, Dero
gehorsamster Sohn.


Herzlich geliebteste Mutter,

Ich nehme an der Unruhe, die Ihnen durch das Unglück der ehrlichen Jgfr.
Degnerinn betroffen, den aufrichtigsten Antheil. Bezeigen Sie ihr doch mein
herzliches Mitleiden v wünschen Sie selbiger in meinem Namen eine leichte
und baldige Genesung. Das Andenken ihrer Ehrlichkeit ist mir theuer; wie
lieb wäre es mir sie thätlich davon zu überführen. Noch kann ich nicht und ich
weiß auch nicht womit anders als mit meinem eifrigen Wunsch, daß sie Gott
erhalten wolle; da durch ihre Handreichung Ihnen, liebste Mama, auch manche
Erleichterung zuwächst.
Da ich in Riga gewesen, hat Frau Magist. meine liebe und werthe Freundin
die ich jetzt in ihrer Ehe noch 3mal so lieb halte als vormals, Maaß zu
Hemden genommen v. wird Ihnen selbiges zuschicken. Ich danke Ihnen auf das
kindlichste für Ihre mütterl. Vorsorge, und kann um desto aufrichtiger seyn,
weil mir selbige sehr zu statten kommt. 5 feine Hemde sind 14 Tage höchstens
3 Wochen; denn meine Handmanschetten sind mehrentheils in 3 Jahren auf
den Lauf gegangen. Mit Dingen, die in die Gerichtsbarkeit des Frauenzimmers
laufen, mag ich mich so ungern abgeben und sie wißen, das liebe
Wirthschaften ist niemals meine Sache gewesen. Unterdeßen kleine Stürme machen gute
Schifsleute; v leyder! kann man auf der Welt der lieben Erfahrung, ja selbst
der Noth so wenig als der Vernunft entbehren. Doch stellen Sie sich nichts
ärgeres vor; ich bin bisher noch so ziemlich ehrlich durchgekommen, und sehe
alles gegen ein gut Gewißen v. Gesundheit für Kleinigkeiten an, durch die
man sich das Blut nicht muß dicke machen laßen.
Die Ohrgehänge sind noch in der Mache v werden in einigen Wochen nicht
fertig werden. Ihre Einfaßung allein kostet 8 Ducaten. Ich bin sehr neugierig
sie an Ort v. Stelle zu sehen. Wenn ich dies Glück haben werde, will Ihnen
Nachricht geben. Jetzt ist mir mit mir mehr daran gelegen Sie meiner
kindlichsten und ergebensten Hochachtung zu versichern, mit der ich Ihnen die
Hände küße und die mich Zeitlebens machen wird zu Ihren gehorsamsten Sohn
Johann George Hamann.
Meyhof Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof) in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]



Zuschrift nicht überliefert
Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)







































Zuschrift nicht überliefert


















Briefwechsels nicht überliefert















Reiseverabredungen mit J. Chr. Berens









Habacuc ZusDan 2,36


































Ducaten Goldmünzen (in ganz Europa gängig)






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (25).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 65–68.
ZH I 96–99, Nr. 39.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): unsere[r]
98/11 nehmen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies nehme  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): nehme