25
Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
Grünhof, 6. März 1754
24 ◀ ZH I ▶ 26
ZH I, 66




15




20




25




30




S. 67



5




10




15




20




25




30




35


S. 68



5




10




15




20




25




30




35
Grünhof den 6. März 1754.

Herzlich Geliebtester Vater

Ich war in Mietau v suchte voller Ungedult Briefe auf der Post. Ein Bote
kam aus dem Wirthshause kam mit einer für mich betrübten Antwort
zurück. Den Sonntag gieng ich frühe selbst vor der Kirche nachzufragen; v ich
fand leider! nichts. Den Montag kam HE D. Lindner von einer Patientin auf
dem Lande zu Hause v händigte mir die Erfüllung meiner sehnlichen Wünsche
ein ohne daß ich noch weiß, wie er dazu gekommen ist, weil franco Mietau
darauf stand. Der Anfang Ihres Briefes v die ungewöhnliche Länge deßelben
machten mich sehr unruhig. Sie m gachtben mir gleichwol Hofnung zu
einer sich anlaßenden Beßerung, die in Dero zweiten lieben Briefe nicht so
bestätigt wird, wie ich darum gebetet habe. Ich danke unterdeßen Gott
aufrichtig mit Ihnen, daß er Ihnen Gedult giebt. Er schlägt die Seinigen mit der
Behutsamkeit eines Vaters und Sein Gnädig Antlitz läst uns die Schmerzen
weniger empfinden, die uns sein strafender Arm verursachen könnte.
Verzeihen Sie, liebster Papa, wenn ich die Absicht dieser Krankheit zu Ihrem
Besten auslege. Vielleicht dient Sie Ihnen, Ihrem Körper ins künftige
liebreicher zu begegnen, v ihn nicht der Verkältung, Entkräftung so auszusetzen,
die Sie selbst für die Ursachen Ihrer Zufälle angeben. Man hat sich bey einer
Ruhe, die man sich aus einer billigen und vernünfftigen Liebe zu sich selbst
von denen Geschäften giebt, weniger Vorwürfe zu machen, als bey derjenigen
die uns die Noth oder eine selbstgemachte Unvermögenheit bisweilen auflegt.
Jene ist angenehmer v süßer, weil sie willkührlich ist, wenn uns die letztere
unruhig macht, weil sie gezwungen ist. Genüßen Sie, Herzlichgeliebtester
Vater, beßer Ihres Geistes v Ihres Gemüths, v laßen Sie auch die Ihrigen
deßelben ins künftige mehr genüßen. Ziehen Sie nicht alles zu Ihrem Beruf;
Gott besitzt mehr Billigkeit gegen die Menschen, daß ich so sagen darf, als sie
gegen sich selbst no hachben, er fordert das nicht von uns, was uns diese
öfters zumuthen, v er befiehlt uns selbst unsern Nächsten nicht mehr zu
lieben als uns selbst. Die Vorstellungen und zärtlichen Sorgen meiner
liebreichen Mutter werden diesen Betrachtungen mehr Nachdruck geben v hoffe zu
Gott, daß er Ihre Gesundheit jetzt wiederhergestellt haben wird. Ich danke
Ihnen tausendmal, Gütiger Vater, daß Sie sich auf Ihrem SiechBette mit
meinem Andenken die Zeit vertreiben. Wenn es Ihnen doch so viel
Zufriedenheit mittheilen wolte, als ich aus dem Ihrigen bisweilen schöpfe! Vielleicht
glückt es mir bald genung Ihren Wunsch zu erfüllen; es soll nicht an mir
liegen Ihnen meine Erkenntlichkeit noch mündlich bezeigen zu können. Gott wird
Ihnen und mir diese Freude nicht versagen. Laßen Sie sich diesen Sommer
noch, Ihre Zeit nicht lang werden; mit künfftigen Winter wäre nichts leichter
als auf ein paar Tage uns zu sehen, v dem D. Lindner Gesellschaft zu machen,
wenn die Witterung einschlägt v kein Zufall dazwischen komt, den die
menschliche Klugheit weder vorhersehen noch verhüten kann, mit einem Wort wenn
es Gottes Wille ist. Wie herzlich vergnügt wollen wir denn seyn! Jetzt laßen
s Sie, lieber Papa, Ihre eintzige Sorge Ihre Gesundheit seyn, wie dies mein
einziger Wunsch und Bitte an Gott ist.
Ich bin Gott Lob gesund v lebe hier recht zufrieden. Das Wachstum meines
ältesten Eltern Herrn macht den Vater entzückt, stoltz auf ihn v gegen mich
erkenntlich. Er redt mit naßen Augen von uns beyden bisweilen gegen andere,
v er giebt mir auf alle mögliche Art zu verstehen, wie viel er von mir hält. Die
Frau Gräfin ist zu der Frau Erb Marschall. Excell. Ihrer Mutter seit 14 Tagen
nach Riga gereist. Weil der HE General bey Ihrer Abreise auch nicht zu Hause
war v sie in Apollonienthal erwartete, so bat sie mich Ihr von der Gesundheit
der kleinen Fräulein von 5 Viertel Jahren Nachricht zu geben, die an Zähnen
schwer arbeitete. Ich schrieb dahero an Sie nach Meyhof, ließ meine junge HE
einen Brief beylegen v weil sich die Fräulein gebeßert hatte, in Ihrem Namen
den jüngsten schreiben. Es war ein närrischer Brief in der Sprache der
Kinder, die sie selbst machen, v in der mein Bruder timm v bamm an statt eßen
v. trinken sagte. Es ist eben Gesellschaft da gewesen, v der Einfall hat mir sehr
viel Lobsprüche eingebracht. Die Frau Gräfin hat nicht Tristesse für Lachen
spielen können, so bald sie an den Brief gedacht hat. Ich gebe sonst niemals
als auf Rechnung der jungen Herren einen Witzling macht ab, weil dies
Eltern mehr schmäuchelt v. mir mehr Achtsamkeit giebt. Sie hat mir durch
den Herrn General versprechen laßen selbst zu antworten, welches aber wegen
Ihrer Geschäfte v der Gesellschaft v Unpäßlichkeit Ihrer Mutter ausgeblieben
ist. Wenn es geschehen wäre; so würde ich selbigen überschickt haben, weil sie
ziemlich schöne Briefe schreibt. Wir erwarten Sie jetzt alle Tage.
Da man in HE. Belgers Hause von meinen guten Umständen gehört hat;
so glaubt man jetzt keine Gefahr mehr zu laufen, wenn man mir jetzt wieder
viele FreundschaftsVersicherungen giebt. Sie hat an mich geschrieben, v ich
habe ihr franzoisch geantwortet. Ich erinnere mich jetzt des HE. Pastor Blank;
sie meldten mir, daß er an Sie geschrieben hätte, haben Sie Ihm, lieber Papa
geantwortet oder durch meinen Bruder antworten laßen? Er möchte sonst
unangenehme Argwöhne von Ihnen v. mir schöpfen. Ich will ihm auch diese
Woche schreiben.
Ich bin Sonnabend vor 8 Tagen in Mietau gewesen in HE. Ruprechts
Gesellschaft der predigte v habe einen angenehmen Schlafgesellen im
Wirthshause an M. Hase gehabt; Montags Abend kam wieder zu Hause. Meine
Haupt Absicht war durch diese Mühe Briefe von Hause zu verdienen, die ich
nicht mehr länger abwarten konnte v meinen Freund den D. Lindner zu
sprechen. Das Unglück wollte, daß er eben fortgefahren war, als ich ankam. Des
HE. Oberburggrafen v. Howen Tochter lag auf dem Tode v man hat mehr
aus Verzweifelung als Vertrauen seine Zuflucht zu ihm genommen. Er ist
zum Erstaunen v der grösten Dankbarkeit der Eltern glücklich gewesen v. kann
sich was rechtschaffenes für seinen guten Namen v. seinen Geldbeutel von
dieser Cur versprechen. Weil er um ein paar Stunden wieder fort muste so
habe ich nichts mehr als eine kleine voller Unruhe mit ihm sprechen können.
Sind Sie nicht, lieber Papa, auf meines Mag. Hochzeit gewesen. Er wird
sie doch wohl gebeten v. gewiß gerne darauf gesehen haben. Ich hoffe, daß Sie
mit seiner Wahl zufrieden seyn werden v meine liebe Mutter ihr gleichfalls
ihre Freundschaft nicht versagen wird. Danken Sie doch auf das
freundschaftlichste den HE. Diac. Buchholz für das gute Andenken, in dem ich bey ihm
stehe v für den Antheil, den er an meinem Wohl nimmt. Die geistlichen v.
leiblichen Fürbitten eines so würdigen Hirten werden mir zu großem Trost
als Aufmunterung jederzeit gereichen. Den Herren Renzen grüßen Sie aufs
ergebenste von mir nebst dem herzlichen Wunsch, daß der Höchste mein liebes
Vetterchen ihm zur Freude so lange erhalten wolle biß er im stande ist die
sorgfältige Liebe seines Vaters zu erkennen und zu vergelten.








Briefes nicht überliefert









































Mutter Martha Philippine Reichsgräfin v. Lacy


Apollonienthal Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof/Meyhof) oder dort in der Nachbarschaft; in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]. Apollonienthal war wohl eine eigene Bezeichnung der Wittens nach dem Vornamen der Baronin.


Meyhof Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof) in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]



























vll. Otto Christopher v. Howen

















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (17).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 260–262.
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 54–55.
ZH I 66–68, Nr. 25.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
66/19 m gachtben
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): mach gaben
67/3 no hachben
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): noch haben
68/22 Namen
Druckkorruptel. ZH: Numen  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Namen  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Namen