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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
Grünhof, 16. Dezember 1753
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ZH I, 59



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den 16 Dec. 1753.

Herzlichgeliebtester Vater,

Ich habe gestern Dero werthen Brief vom 1 h. erhalten, der mich anstatt
zu erfreuen, sehr unruhig gemacht hat. Wie grausam ist ihr Verdacht, daß ich
meiner Eltern Hauß vergeßen haben sollte! Ich habe neulich geschrieben v. die
Bestellung des Briefes dem Herrn Doct. Lindner überlaßen. Ich begreife
nicht, wie es zugeht, daß Sie ihn nicht erhalten haben. Es war eine Antwort
an meine Liebe Mutter v. Bruder zugleich darinnen. Weder Sorglosigkeit noch
irgend ein Misvergnügen über meine hiesige Umstände, noch Krankheit oder
eine schlimme Ursache sind schuld, daß meine Briefe nicht häufiger bishero
gewesen. Man hat sich schon 8 Wochen lang hier vorgenommen nach Mietau
zu reisen, und ich habe daher immer meinen Vorsatz weitläuftiger nach Hause
zu schreiben aufgeschoben. Unsere Abreise hat sich aber bisher verzogen, und
ich glaube, sie ist noch diese Woche gewiß. Des Herrn General Excell. sind auf
die Güter, v in Ansehung seiner Zurückkunft ist die Frau Gräfin Willens sich
nach Meyhoff oder Apollonienthal zu begeben. Jene soll aber noch ausgesetzt
seyn. Man schickt den Augenblick zur AbendMahlzeit nach mir; ich habe mich
aber entschuldigen müßen, so übel es mir auch ausgelegt werden kann, weil
Fremde da sind, v ich dringend von dem HE. Rittmeister von Oven ersucht
wurde, den ich unendlich hochschätze, v ein Mann von gantz seltnen
Verdiensten ist. Sie werden daher auch meine Eilfertigkeit zu Gute halten. Ich habe
Ihnen gehorsam seyn wollen. Die Veränderungen, die in unserm Hause
vorgefallen seyn sollen, werden vermuthlich zu Ihrer Zufriedenheit v. Besten
gereichen. Wie ungedultig bin ich selbige zu erfahren! Ich lebe hier einsam aber
sehr zufrieden v habe das Glück, daß die Frau Gräfin v. der HE. General sehr
gut von mir urtheilen. Der letztere hat mich vorige Woche durch ein gnädig
Schreiben davon versichert; v. die letztere erweist mir viel Achtsamkeiten.
Gestern machte sie mir ein niedlich Present mit einem Etuit zu Zahnenstochern,
das ich Ihnen gern zeigen möchte, wenn es angienge. Es scheint daß mich Gott
in so ein Haus geführt hat, wie ich gewünscht habe. Meinethalben, liebste
Eltern können Sie sich vollkommen befriedigen; und die geringste Sorge für
mich wäre eine Unerkenntlichkeit gegen die Vorsehung. Es herrscht hier
Ordnung, Vernunft v. Christenthum nebst einer sehr feinen LebensArt. Ich werde
Ihnen mehr schreiben; v so bald ich in Mietau oder auf dem Höfchen nebenbey
seyn werde, melde ich Ihnen gewiß meine Ankunft. Noch habe ich Hofnung,
daß es diese Woche geschehen wird. Des HE. Doct. Lindners Umstände müßen
sich jetzt unzweifel geändert haben; weil ich selbige aber noch nicht weiß, so
will ich warten, biß ich ihn selbst sehe v. höre. Was macht sein lieber Bruder,
der Magister. Bitten Sie ihn doch, daß er zum Fest vor die lange Weile an
mich schreibt. Ich werde nicht ewig sein Schuldner im Antworten bleiben.
Gott gebe Ihnen zum WeynachtsFest 1000 Gutes an Seel und Leib; er
erfülle Alles das, was Ihre Kinder und Freunde Ihnen Gutes wünschen v selbst
thun möchten, wenn es in Ihrem Vermögen wäre. Ich küße Ihnen beyderseits
1000 mal die Hände, v. vertraue mich nebst Gott Ihrem Gebet und liebreichen
Andenken als Ihr lieber, ehrlicher und gehorsamer Sohn. Leben Sie wohl.
Meine Addreße habe ich Ihnen schon im vorigen Briefe gemeldet.
Gouverneur des Messieurs les Barons de Witten à Grünhoff. per Mietau. Die
kurländische Edelleute piquiren sich alle Barons zu seyn. Die Briefe nach
Grünhoff werden wöchentl. alle vom Mietauschen Postamt richtig bestellt. Leben
Sie wohl.
Hamann hat im Sommer die Hofmeisterstelle bei den v. Wittens angetreten; von dort (Grünhof: Zaļā [Zaļenieku] muiža, 70 km südwestlich von Riga, 20 km südwestlich von Jelgava/Mitau, Lettland [56° 31' N, 23° 30' O]) schreibt er nun.


Brief nicht überliefert








Mietau Mitau, heute Jelgava [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)





Meyhoff oder Apollonienthal Gutsbesitz der v. Wittens (Meyhoff: wohl Meijas muiža [Maihof] in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]); Apollonienthal war wohl eine eigene Bezeichnung der Wittens nach dem Vornamen der Baronin.




vgl. auch
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 327/17































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (15).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 50–51.
ZH I 59–60, Nr. 21.