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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Riga, 28. April 1753
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ZH I, 43



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Riga den 28 Ap. 1753.

Lieber Bruder,

Du wirst das Schicksal gegenwärtigen Briefes schon wißen; ich habe
denselben in meiner Krankheit in meinem Schlafrock immer bey mir getragen.
Ich will mich lieber weitläuftig auf den Innhalt desselben erinnern, als ihn
von neuen durchlesen. Einige Anmerkungen v. Vertraulichkeiten über den
Hofmeisterstand in dem ich insbesondere stehe, sind darinnen enthalten. Der
Verdrus v. die Mühe, die mit diesem Geschäffte unvermeidlich sind, haben
mich ein wenig mehr als sonst aufgebracht, weil ich die Hitze meiner
Unpäßlichkeit schon fühlte. Der Bücherkasten war ein Umstand, der mir sehr nahe
gegangen. Ich sehe aus dem Erfolg, daß man nicht alles nach der Strenge
beurtheilen muß. Man kann sich in den Qvellen der Menschl. Handlungen
sehr leicht betrügen. Es ist vielleicht nicht so viel Bosheit v. Niederträchtigkeit
in der Art den Herrn B. v durch ihn den Hofmeister zum Besten zu haben, als
ich vermuthet habe, dahinter gewesen. Man hat mich vielleicht nur ein wenig
begieriger machen wollen, man hat sich vielleicht gefürchtet mich zu klug zu
machen, man hat auf seinen guten Willen vielleicht gewartet mir einen
Gefallen zu erweisen. Mein Baron ist auch wohl selbst schuld daran gewesen, daß
man es ihm abgeschlagen hat, weil er noch nicht vernünftig zu bitten weis. Es
fehlt den Kindern hier gewaltig an Lebens Art; sie werden sich selbst v. dem
Gesinde gar zu sehr überlaßen. Ich habe Dinge genung hier, die ich gern in
diesem Stück abgeschafft haben wollte; für das Gegenwärtige hüte ich so viel
ich kann: die Folgen des vorigen laßen sich nur mit der Zeit heben. Ansehen
genung hab ich im Hause, v. ich kann nicht klagen im Gesicht ein eintzigmal
mit Vorsatz beleidigt zu seyn! Alle die unter mir sind, such ich durch
Höflichkeit v. wenn es angeht durch kleine Dienste mehr auf meine Seite zu ziehen.
Das Gesinde, mit dem ich in Verbindung stehe, laße ich nicht gern umsonst
mir aufwarten. Das Beyspiel, das ich meinem jungen HE. zu geben schuldig
bin, verbindet mich einigermaaßen dazu. Mit dem übrigen mach ich mir nichts
zu thun, als daß ich mich hüte sie niemals grob zu begegnen. Mein Kerl zur
Aufwartung ist ein fauler Taugenichts, v. ein freundlicher Heuchler oben
ein, den ich es nicht werth halte mir viel aufzuwarten. Die Frau Baronin
hat sich ein paar mal in der Einbildung einer recht feinen Achtsamkeit
vergeßen; ihr Charakter ist in dem Briefe an meine Eltern geschildert. Sie ist eine
Frau, die das nicht thun kann, was sie gern will. Ich lebe daher zufrieden
genung, Brüderchen; ich bin gesund v. recht vergnügt, wenn es mir mein
Baron zu seyn erlaubt. Mein halb Jahr wird bald zu Ende seyn v ich werde
sehen, wie die Sache gehen wird. Ich fühle, wenn ich mit meinem lieben
Baron Religion v. Sittenlehre rede, daß uns beide allein werth v erträglich
machen können Menschen zu seyn. Gott der unsere verfloßenen Jahre eingerichtet
hat ist für die künftigen, die er uns leben laßen will, weise genung. Wie viele
Menschen hat es gegeben, denen er das nothdürftige gege entzogen hat v.
die sich darüber beschweren können? Wie viele Menschen hat es gegeben,
für deren Mistrauen v für deren Begierden er hat genung thun können? Sie
tragen eine Hölle in ihrem Herzen, die unersättlich ist v.niemals alles
verschlingen will. Die Augen wollen mehr eßen, als der Magen in sich nehmen
kann.
Du wirst dasjenige von selbst unterscheiden können, was du nöthig hast auf
meinen vorigen Brief zu beantworten. Ich habe nicht Zeit einen neuen zu
schreiben v ich fürchte mich ihn durchzulesen.
Ich bin jetzt eben in der Hälfte des Lebens Mahomets, das der Graf von
Boulainvilliers geschrieben hat. Dieser Prophet, der Alexander M. in seinem
Alcoran auch dazu gemacht hat, verdient, daß man ihn genauer kennen lernt.
Du wirst vermuthlich wißen, daß Boulainvilliers sich durch dieses Buch
seine Religion verdächtig gemacht hat. Es gehört einiger maaßen mit zu denen
seltenen. Er glaubt, daß man dem Mahomet zu schlecht beurtheilt ihn für
einen bloßen Betrüger zu halten v daß mehr als dies dazu gehört das zu thun
was Mahomet gethan hat. Die Kirchen Geschichte seiner Zeit lehrt den Verfall
der Christl. Religion. Man muste seiner Vernunft v seinem Gewißen
abgeschworen haben um das zu seyn was damals ein Χst hieß. Er hatte nicht
Urtheil genung das wesentl. des Χstenthums von denen Misbräuchen, die in der
Griechischen Kirche herrschten zu unterscheiden; v aus Staatsklugheit
beqvemte er seine neue Religion nach denen Gebräuchen, Vorurtheilen v.
Neigungen desjenigen Volks, dem er Gesetze geben wollte. Montesquiou glaubt,
daß Gott selbst dieses in denen bürgerl. Gesetzen gethan, die er dem Volk
Israel gab. Das Gesetz Moses, schreibt er, war sehr hart. Exod: XXI. 20. 21.
Was für ein Volk war dieses, wo das natürliche Gesetz dem bürgerl.
nachgeben muste! Das Gesetz der Vielweiberey im Alcoran hat in dem
Temperament Mahomets, wie Boulainvilliers v. in der Gewohnheit der arabischen
Völker ihren Ursprung. Der Verbot des Weins wird vom Montesquiou als
ein weises Gesetz des Clima angesehen, das in die Diaetetic der Morgenländer
gehört, deren Gesundheit hitzige Getränke nachtheiliger sind.
Wenn ich mit dem Boulainvilliers fertig seyn werde, will ich das Leben des
Mahomet vornehmen, das Jean Gagnier ein es Lehrer der morgenländischen
Sprachen zu Oxford geschrieben hat, vornehmen v. dem ersteren entgegen
gesetzt zu seyn scheint. Es ist zu Amsterdam in 2 Octav Bänden 1732
herausgekommen. Der Alkoran des Mahomets von du Ryer übersetzt ist gleichfalls
hier. Er ist zu Amsterdam in 2 8vo 1734 herausgekommen.
Zu meiner Gemüths Ergötzung lese ich jetzt Rome Galante ou Histoire
Secrete sous les regnes de Jules Cesar et d’Auguste.
in 2 Theilen à Paris.
1696. Weil der Druck etwas fein, so kann ich den Abend nicht dazu nehmen.
Ich bin mit dem ersten Theil fertig. Dieser Roman ist sehr sinnreich v die
römische Historie ist auf eine sehr geschickte Art zum Grunde gelegt. Der
Verfaßer hat die Liebe des Cesar zu Nicomedes dem König in Bithynien, die
diesem Helden so viel Spöttereyen zugezogen, v des Virgils eben so heidnische,
die den Grund eines Hirten Gedichts abgiebt, sehr fein einzukleiden gewust.
Mich wundert, daß der Frantzose, der so vielen Witz gebraucht hat zu
erdichten, die Liebe des Cesar zu der Cleopatra so nachläßig berührt hat. Was
Plutarch von ihr erzählt, hätte in diesem angenehmen Roman füglich seinen Platz
finden können. Ihre Art v List das erstemal zu Cesar zu kommen v ihm ihre
Noth zu klagen ist so sinnreich, daß ihn dieselbe eben bewegt haben soll sie zu
lieben. Sie hat sich in einem Boot gesetzt mit Apollodor einem ihrer
Bedienten gesetzt um nach dem Schloß Alexandriens, wo Cesar eingeschloßen
war durch die Armee des Achilles eines Verschnittenen des Königes
Ptolomäus, zu kommen. Er muste sie als ein Ball seines Geräthes auf den Rücken
nehmen um die Egyptische Schildwache zu betrügen, v sie also biß für des
Cesar Augen tragen. In der Histoire de deux Triumvirats, die ich habe v.
unvergleichlich geschrieben ist, sind viel besondere Umstände dieser schönen v.
bulerischen Aegypterinn enthalten. Das Glück des Antonius ist
außerordentlich gewesen, der eine Octauie zur Frau v. eine Cleopatra zur Maitresse gehabt.
Man könnte diese Geschichte zu einer sehr witzigen Abhandlung brauchen um
die erste zum Muster einer tugendhaften Gemalin v die andere einer reitzenden
Bulerinn zu machen. Vielleicht will ich selbst einige müßige Stunden dazu
brauchen. Die Geschichte der beiden Triumvirate muß ich Dir als eins der
schönsten v fürtreflichsten Bücher über die Historie empfehlen, in denen alles
verbunden ist, was man von einem gründlichen v. angenehmen
Geschichtschreiber fordern kann. Die Historie des Augustus durch den Larrey, die den
4ten Theil davon ausmachen soll, gefällt gewaltig dagegen herunter, so gut
es auch sonst ist. Die Anecdotes galantes et tragiques de la Cour de Neron.
12. Amsterd. 1735. sind in eben diesem Geschmack geschrieben. Der Verfaßer
hält sich aber genauer an die Historie. Die Caraktere sind ziemlich natürlich v.
mannigfaltig. Die Erzählung erhält den Leser in beständiger Aufmerksamkeit
v es gereut ihn nicht, wenn er aufhören mus, gelesen zu haben. Nero, seine
Mutter, seine Gemalin, Burrhus, ein niederträchtiger Seneca, Epicaris, eine
tugendhafte Freygelaßenin, die das Herz eines tugendhafteren Printzen
verdient hätte, Popäa, die Frau des Otto, die verdiente werth war von Nero
geliebt zu werden, treten darinn nach der Reyhe auf, v. man nimmt an
denselben allemal Antheil.
Reponse à toutes les Objections principales qu’on a faites en France
contre la Philosophie de Newton par Mr. de Voltaire. Amsterdam
1740.
Dies ist eine Vertheidigung seiner Elemens de Newton, die vermuthlich den
Platz in seinen Oeuvres nicht verdient hat.
Combat de Mr. de Voltaire contre Mr. l’Abbé des Fontaines ohne Ort v
Jahr. Der Druck dieses Bogens ist krügelicht v. sieht recht elend aus. Der
Innhalt v. die Absicht des Verfaßers billig v. vernünftig; es ist ein ehrlicher
Mann, der mit ein paar gelehrten Leuten ein Mitleiden hat, die sich beide zu
Narren machen. Er predigt Ihnen Vernunfft, v. stellt Ihnen beiden die
Schande für, die ihnen ihre Aufführung bey der Welt macht. Er fast den
einen beym Knopf v sagt, daß er den andern zu viel thut v sich ein wenig
besinnen soll. Wenn er diesen loß läst, nimt er die andere Parthey vor v. stellt
ihr eben das vor.
Le Preservatif ou Critique des Obseruations sur les Ecrits modernes.
à la Haye
1738. Dies scheint eine Schrifft von denjenigen zu seyn, über denen


















































Boulainvilliers, La Vie de Mahomed
, erschien 1747 in deutscher Übersetzung, Orig. 1730.















Montesquieu, De l’Esprit des loix
, Buch XV, Kap. XVII: »La loi de Moïse étoit bien rude. ›Si quelqu’un frappe son esclave, et qu’il meure sous sa main, il sera puni: mais, s’il survit un jour ou deux, il ne le sera pas, parce que c’est son argent.‹ Quel peuple, que celui où il falloit que la loi civile se relâchât de la loi naturelle!«





Montesquieu, De l’Esprit des loix
, Buch XIV, Kap. X: »La loi de Mahomet, qui défend de boire du vin, est donc une loi du climat d’Arabie: aussi, avant Mahomet, l’eau étoit-elle la boisson commune des Arabes.«













Suet. Caes., 49–52


Verg. ecl.
, 2: Alexis


Plut. vit.
, Caes. 48f.



















Larrey Der Text von Isaac de Larrey war Teil von
Broë, Histoire des deux triumvirats
.
















Combat... nicht ermittelt

krügelicht unordentlich










Provenienz:
Unvollständig überliefert. Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (14).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 40–44.
ZH I 43–46, Nr. 16.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies ins statt im  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): ins Gesicht conj.
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Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: X