PDF  Brief  /  Band
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Riga, 1. Dezember 1758  ZH I, 282
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Vater)
ZH I, 282
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Herzlich Geliebtester Vater,

Wir sehnen uns nach guter Nachricht von Ihrer Beßerung. Gott erhöre
unser Gebet und erhalte Sie nach Seinem Gnädigen Willen, und helfe Ihnen
das Joch und die Last dieses Lebens tragen.
Schonen Sie Ihr schwaches Haupt so viel als möglich, und seyn Sie wegen
Ihrer zärtlichen Zuschriften an Ihre Kinder unbekümmert. Wir verstehen
selbige vollkommen, und ich für mein Theil kann nicht die geringste Spur der
Zerstreuung, worüber Sie klagen, entdecken. Gott wird Ihnen gnädig seyn,
legen Sie, wie jener Knabe, der seinem Vater über sein Haupt klagte, selbiges
auf den Schoos der mütterlichen Vorsehung, und harren Sie Seiner und
Ihrer Hülfe.
Läßet auch ein Haupt sein Glied,
Welches es nicht nach sich zieht?

Ich bin heute auch zum ersten mal diese Woche ausgegangen, weil ich seit
8 Tagen mit starken Flüßen beschwert gewesen. Ich danke aber Gott, daß ich
jetzt an meinen letzten Feind und Wohlthäter eben so oft und mit eben so viel
Freude als in meiner ersten Jugend denken kann. Wir wollen uns durch dies
finstre Thal, Liebster Vater, an einem Stab und Stecken halten, der uns beyde
trösten soll, und mit dem unsere seelige Freundin vor uns über diesen Jordan
gegangen ist.
Ich danke auf das kindlichste für Ihre gütige Versicherung das bestellte
zu besorgen, und verlaße mich darauf. Wenn Sie etwas überschicken, bitte
ich alles an meinen Bruder zu addressiren, weil ich nicht gern mit den
Fuhrleuten etwas zu thun haben will. Youngs Schriften hatte ich gern mit HE.
Borchard gesehen, den ich noch nicht kenne, sich aber noch etwas hier aufhalten
wird. Ist es noch Zeit, so bitte mir Rambachs kleine Sammlung von Luthers
Schriften beyzulegen, die mir mein Bruder vergeßen. Sie ist im braunen
Bande in 800 und steht im schmalen Schranke.
Meine kleine Schülerinn, die Sonnabends und Sonntags in Ihrer Eltern
Hause zubringt, besuchte heute, und klagte über fieberhafte Zufälle. Der liebe
Gott erhalte mir dieses liebe Kind!
Mein Bruder hat sein Schulexamen überstanden, und möchte wohl
künfftige Woche in sein Amt eingeführt werden. Es ist wichtiger, als er sich selbiges
vielleicht vorgestellt, weil er zur Verbeßerung der ganzen Schule geruffen
worden, und so wohl den Kindern als Lehrern zum Gehülfen gesetzt wird.
Er hat Ursache sein Unvermögen wie Salomon zu erkennen, und sich selbst als
ein Kind anzusehen, das weder seinen Ausgang und Eingang weiß, damit
er um ein gehorsam und verständiges Herz bitte, das mächtige Volk zu richten,
das ihm anvertraut wird, um die Heerde zu weiden mit aller Treue und zu
regieren mit allem Fleiß. Ich habe zu viel Ursache ihn auf den zu weisen, der
so gar unser Gebeth, das wir im Schlaf und den Träumen deßelben thun
erhört, der Weisheit giebt ohne es jemanden vorzurücken; und suche ihm alle
die bunten Stäbe mitzutheilen, die Er mir darinn machen gelehrt.
Menschenfurcht und Menschengefälligkeit sind die zwo gefährliche Klippen, an denen
unser Gewißen am ersten Schiffbruch leyden kann, wenn unser Lehrer
und Meister nicht am Ruder sitzt. Ich vertraue auf den, der meine
Hoffnung nicht hat noch wird laßen zu schanden werden; und der um treue
Arbeiter zu seiner Erndte uns zu beten befohlen, und selbige Selbst dazu schaft
und bereitet.
Ich freue mich von Grund des Herzens, daß er jetzt anfängt, wie es scheint,
sich ein wenig von der Gleichgiltigkeit aufzumuntern, die mich anfänglich bey
ihm ein wenig beunruhigt hat, und der ich alle mein natürlich Feuer
entgegenzusetzen gesucht habe. Ich habe für ihn so wohl als mich selbst gezittert; weil
es leicht ist von einer Gleichgiltigkeit in eine Fühllosigkeit zu verfallen, und
selbige bey dem Eintritt unseres Berufs am wenigsten zu entschuldigen, auch
an gefährlichsten ist, da wir ohnedem Anlaß genung in der Folge bekommen
auf selbige zu wachen, und uns von unseren natürlichen Hange zur Trägheit
und Schläfrichkeit und dem reitzenden Beyspiel anderer nicht täuschen zu
laßen. Mit unserm Eyfer hingegen geht es uns wie Moses, daß wir leicht
beyde Gesetz Tafeln darüber entzwey brechen – Wir werden aber von
demjenigen getröstet, der uns demüthigt, und fröhlich gemacht durch eben die,
welche von uns vielleicht betrübt werden. Ich weiß, daß Gott unsers Herzens
Wunsch erfüllen wird, nach seinem Willen, der allein der beste ist, und nach der
Hand des Herrn unsers Gottes über Uns.
Er giebt dem HErrn Rector jährlich 100 Thrl. Alb. für Logis, Tisch pp
dem er als dem Werkzeug seines Ruffes alle mögliche Erkenntlichkeit
nächstdem schuldig ist.
Mein lieber Bruder besucht mich fast alle Abend, die wir allein unter uns
zubringen, weil ich ihn mit Fleiß noch etwas entfernt in unserm Hause halten
will. Den Sonntag haben wir beyde als unsern Familientag abgemacht. Wir
gehen zusammen in die Kirche, und darauf trinken wir unsern Thee, er ist der
Vorleser einer englischen Predigt, und spielt ein Lied auf dem Clavezin
meines Zimmers zur Abwechselung. Seine Zeit ist ordentlich biß 9 Uhr; und
unsere Abendmahlzeiten gewöhnlich in einem Honigbrodt, weil uns das am
besten schmeckt, wozu wir einige Gläser Wein trinken, wenn wir Lust haben.
Mit dieser Ordnung bin sehr zufrieden, weil sie weder mir noch meinen
Freunden beschwerlich fällt, deren Gutherzigkeit uns jederzeit lehren soll desto
bescheidener zu seyn.
Ich habe mein Herz gegen Sie, Geliebtester Vater, ausgeschüttet. Sie
werden uns beyde in Ihr Gebeth und Liebe einschließen. Gott erhalte, stärke und
seegne Sie an Seele und Leib. Grüßen Sie die gute Jgfr. Degnerinn. Ich
ersterbe mit kindlichstem Handkuß Ihr gehorsamst verpflichtester Sohn.
Joh. Ge. H.

Riga. Sonnabends. den 1 Dec. 1758.











aus der 2. Strophe des Liedes »Jesus, meine Zuversicht« (Evangelisches Gesangbuch 526)








Freundin Hs. Mutter





Welches Werk von Young, nicht eindeutig zu ermitteln, vll.
Young, The complaint
; jedenfalls hat H. in seinen Londoner Schriften eifrig mit den Night-Thoughts gearbeitet, siehe
Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen
, LS S. 66/8, dazu App. S. 452.

Borchard Student aus Königsberg, Brief Nr. 123 (ZH I 265/6)



8 Oktavformat





































Thrl. Alb. Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum







Clavezin Cembalo












Sonnabends Der 1.12.1758 war ein Freitag.

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (48).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 334–336.
ZH I 282–284, Nr. 131.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies 8vo