302
334/14
Riga den
21. Mai

15
Herzlich geliebtester Freund,

16
Ich wünsche Ihnen zur Umarmung Ihres Lindners Glück, u. ich würde

17
mich freuen, wenn seine Umhalsung Sie in Königsberg
feßeln
könnte. –

18
Laßet uns frei reden
Anspielung auf
Apg 2,29
Laßet
uns frei reden von unserm Vater Abraham; so sage ich zu Ihnen mein

19
liebster Hamann, u., (weil ich nicht weiß, wie bald Sie unsern Gegenden

20
näher kommen) vielleicht das letzte mal. – Wenn mein Loos, ich will gar nicht

21
sagen, als Rath, sondern nur als Stimme bei Ihnen gilt: so bedenken Sie

22
um des Himmels willen, welchen vergebl. Schritt Sie unternehmen. Sie

23
verlaßen
Ihr Haus; denn es ist nicht mehr Ihres Vaters, u. am wenigsten

24
Ihr Haus; allerdings mögen Sie es
verlaßen
; ich habe Sie oft als den

25
Socrates
Sokrates
ernst
Socrates gegen seine Hausehre darinn wandeln gesehen, u.
mir

26
ich vielleicht würde es
einem
Ihnen längst auf dem Kopf angezündet

27
haben, wenn ich nur gewust hätte, daß Sie sich
alsdenn
gerettet
hätten

28
retten, u. nicht gar auf dem Aschenhaufen wohnen wollen. Allein warum

29
bauen Sie sich selbst keines? Warum nehmen Sie nicht, mit dem Eifer eines

30
Schiffbrüchigen, die
Reste
Ihrer Bekandschaften, Mittel, u. Kräfte,

31
Mammon
vgl.
Mt 6,24
zusammen? warum machen
Sie sich nicht
Freunde mit dem ungerechten Mammon,

32
auf daß p – Und nach
Kurland
? und da ihren
Friedehoff
(dies Rigische

33
Wort paßt vielleicht am besten her) oder ihr Fegfeuer zu suchen, daß Sie zum

34
Tode reinige. O mein bester Freund! ich weine über Ihr Schicksal – wenn nur

S. 335
der gute Freund nicht der Hofrath T… ist – u. bei ihm, der bei seine

2
vormalige
Unauskommlichkeit
noch
d
en
as
Ho
Unausstehliche eines
Kurländischen

3
Hofraths
hat annehmen
müßen
, der in einer Lage lebt, wo – bei ihm soll

4
ein
launischer
Hamann Ruhe finden? – Ei wenn die Stelle, die Ihnen

5
Kürbis
Jon 4,5ff.
werden soll, auch nur von der Dauer jenes Kürbis ist, der einem Mann
s
Schatten

6
gab,
der
aber nicht Zufriedenheit – Indeß! ist Ihre Reise vest, u.

7
beschleunigt: so werfe ich Ihnen, bester H. einen aufrichtigen
Gottgeleitskuß
über,

8
u. u.
wage es – Ihnen einen kleinen Vorschlag zu thun.

9
Gehen Sie nicht bei T. ins Haus, sondern warten Sie an einem nahen

10
Orte, die Bestimmung des Loses ab,
deßen
Wurf Sie seiner Hand

11
überlaßen
haben, sonst werden Sie vielleicht
auch
– (u. es ist mehr als

12
vielleicht) ihres Aufenthalts eher
überdrüßig
, ehe Sie Ihre Lage angetreten

13
haben; vielleicht werden Sie in diesem Posten etwas ausstehlicher als bei

14
der
Kammercopisterei
haben! – Wollen Sie nun die Zeit des Wartens bei

15
mir zubringen; ich habe
überflüßige
Gelegenheit, da ich 3. Zimmer bewohne:

16
ich habe die Oekonomie in meinem Hause, u. kann Sie auf meiner Stube

17
haben, u. das sehr leidl.u. angenehm. Ich wohne in einer Gegend, die das

18
Kloster
heißt, u. mir es auch ist: sie können
einzeln;
ohne
Rumor

19
einkommen, u. bei mir verborgen liegen: Die hiesige Bibliothek im Dom, u.

20
vielleicht meine Gesellschaft würde Sie unterhalten – alsdenn reisen Sie

21
Mitau
heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)
mit Gott nach
Mitau
, u. finden Sie
Ruhe
,
wenn sie Arbeit haben.

22
Sie werden es mir verzeihen, daß ich antworte, wo ich nicht gefragt werde,

23
lieber Micha, als Zedekia
vgl.
1 Kö 22,11
u.
weißage
, wo ich nicht gesalbt bin, aber
laßen
Sie mich lieber
Micha
,

24
als
Zedekia
mit eisernen Hörnern seyn; ich meine es von Herzen u. urteile,

25
wie ich denke. Ich
erinnerte
mich, mein Freund, an einen unserer Abende,

26
da Sie mir so viel Paradoxes, so viel Laune, so viel Enthusiasterei

27
vorgeworfen; – u. o machen Sie nicht auch in meinen Augen ein besonderes

28
Phönomen aus, aus dem ich sehr viel lerne –

29
Ich will jetzt kurz auf Ihren Brief antworten. – Ihr Rath, den Sie mir

30
in Ansehung
meine
der Maulwurfshügel geben, die ich
nach
meinen

31
LieblingsIdeen hier u. dort aufwerfe, ist mir theuer, u. ich habe mich auch von

32
einem neuen Zeitpunkte an, den
ich
nach der Veränderung des Rektorats –

33
bezeichnen will, eine neue Laufbahn von Arbeiten bestimmt. Ich will mehr

34
leben, u. mich brauchbarer zu machen suchen. Hätte ich in Königsberg einen

35
Pädagog
, u. hier gleich von Anfange einen Einführer gehabt: so hätte ich

36
nicht nöthig, theils meine Königsb. Lage umzubilden, theils mein hiesiges

37
Phrygier
gemäß dem Sprichwort: sero sapiunt Phryges, dt. die Phryger kommen spät zu Verstand (nach Livius Andronicus, Equos Troianus)
Feld durch Fehlversuche, u. beständig wie ein Phrygier kennen zu lernen.

S. 336
Ich will meine Poesie mehr unter den Menschen meines Aeons wandeln

2
laßen
, ein Praktischer Weiser zu werden suchen, u. statt Bücher, Menschen zu

3
kennen mich bestreben. – Auf das Zeichnen bin ich bei Gelegenheit der

4
Mathematik selbst gefallen, aber Umstände u.
Lust,
u. Fähigkeit haben mir den

5
Vorschlag schwarz gemacht. Ich traue mir nicht im Kleinsten ein

6
Mechanisches
Genie zu, u. vielleicht sind im Physischen u. Politischen Verstand meine

7
Augen dazu zu kurzsichtig –

8
Wohl! aber will ich mich aufs Lettische legen, ohngeachtet ich mich etwas

9
davor ziehe; mich der hiesigen Bibliothek annehmen, u. Riga als einen Ort

10
cetera coram
dt. das Weitere öffentlich
ansehen, wo ich einen Theil meines Frülings genießen
muß
;
mehr
cetera

11
coram.

12
Ueber mein Problem kann ich Ihnen nichts sagen; es
ist
war dem Aether

13
aufgeopfert, ehe mir Ihr Brief in die Hand fiel. Mein Fragment werde nicht

14
vergeßen
, ob ich
gleich ihm
es gleich von neuem schaffen muß, u. doch muß

15
es Fragment bleiben. –

16
Abschiedskleide
die letzte Ausgabe von
Briefe die neueste Litteratur betreffend
erschien im Juli 1765 mit dem XXIII. Theil
Die Litteraturbriefe habe noch nicht in Ihrem Abschiedskleide gelesen; u.

17
ich denke, weil dies Werk gleichsam mit meinem Geschmack zusammen

18
Deutsche Bibliothek
Allgemeine deutsche Bibliothek
aufgewachsen ist, es noch einmal ganz zu durchlaufen, u. die Deutsche Bibliothek

19
wie Dido die Kuhhaut
vgl.
Verg.
Aen.
, 1,340
selbst zu halten. – Wenn Sie mir einen kleinen Plan, den jene, wie Dido die

20
Kuhhaut, auszubreiten scheinen, vorgezeichnet hätten: so wäre es vor mich

21
sehr
intereßant
gewesen, weil ich das Werk selbst oder die Litt. Br. später sehen

22
dörfte, als ich wollte.

23
Im
Lindauischen
neuesten Stück, ist
Kants
Schönes
sehr gelobt, u. er

24
als La
Byo
Br
y
uere
der Deutschen gepriesen. Ich gewinne
die
s
se
St

25
Schrift meines Lehrers, den ich immer mehr schätze, zusehends lieber, u.

26
glaube jetzt beinahe, daß der Gesichtspunkt Ihres Auges, da Sie sein

27
Recensent
Hamanns Rezension von
Kant,
Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen
in
Königsbergsche Gelehrte und Politische Zeitungen
, 26. St. vom 30.4.1764 (N IV,289–292)
Recensent wurden, von dem seinigen ganz abweicht. –
Indeßen
scheint die

28
Schweizerlobes
in der Denkart von
Jean Jacques Rousseau
Versteckte Triebfeder des Schweizerlobes seine
Schweizerische
Schreib- u.

29
Rousseauische
Jean Jacques Rousseau
Rousseauische Denkart zu seyn; da dieser überall Ihr Gott ist.

30
Ich muß Sie um ein Wort Ihres Briefes fragen, das ich
bei
durch alle
r

31
Hannchen Berens
Johanna Sophia Berens
meine Buchstabirkunst nicht herausfinden kann: mit Hannchen Berens soll

32
Auscultatartikels
vgl.
HKB 301 ( II 332/32 )
sich der junge Abt des
Auscultatartikels
bedienen.

33
Baßa
kenne blos durch ein kleines Gerüchte, u. HE. P. L. hat nie an ihn

34
gedacht. Ihre Worte bleiben also bei mir
eingeschloßen
, die ich aber

35
gelegentlich anwenden kann. –

36
Meine Schreibegeduld reisset aus! Leben Sie wohl! Uebermorgen predige

37
ich, u. nach der Predigt fahre ich aufs Land, in eine Gegend, die Poetisch schön

S. 337
seyn soll. – Wären Ihre Pfingsten nicht schon vorbei so wollte ich Ihnen dazu

2
Glück
wunschen
jetzt bin ich
post festum
 Ihr
aufrichtiger Fr.

3
Herder.

Provenienz

Krakau, Jagiellonenbibliothek, Slg. Autographa der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin (ehemalige Berliner Signatur: Acc. ms. 1886. 53, Nr. 3).

Bisherige Drucke

Herders Briefe an Joh. Georg Hamann. Im Originaltext hg. von Otto Hoffmann. Berlin 1889, 15–18.

ZH II 334–337, Nr. 302.

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
334/17
feßeln
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
fesseln
334/18
Laßet
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Lasset
334/23
verlaßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
verlassen
334/24
verlaßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
verlassen
334/27
alsdenn
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
alsdann
334/30
Reste
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Veste
334/31
Sie sich nicht
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Sie nicht
335/2
d
en
as
Ho
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
das
335/3
müßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
müssen
335/5
s
Schatten
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Schatten
335/8
u. u.
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
u.
335/10
deßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
dessen
335/11
überlaßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
überlassen
335/12
überdrüßig
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
überdrüssig
335/15
überflüßige
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
überflüssige
335/21
Ruhe
,
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Ruhe,
335/23
weißage
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
weissage
335/23
laßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
lassen
335/25
erinnerte
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
erinnere
335/30
nach
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
nach
335/32
ich
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
ich,
336/2
laßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
lassen
336/4
Lust,
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Lust
336/10
muß
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
muß
336/14
vergeßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
vergessen
336/21
intereßant
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
interessant
336/24
die
s
se
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
diese
s
336/24
Br
y
uere
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Bruere
336/27
Indeßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Indessen
336/33
Baßa
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Bassa
336/34
eingeschloßen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
eingeschlossen
337/2
wunschen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
wünschen