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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Ruprecht
1754–1756
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ZH I, 219




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S. 220



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GeEhrtester Freund,

Ich wünschte die Nachricht von Agostino Gabrini zu lesen, wenn Sie mir
Ludwichs Historie auf ein paar Stunden mittheilen können. Er ist derjenige
Nicolaus Gabrini oder Cola di Rienzi nicht, von dem ich bisher in so wenigen
Büchern habe finden können. Ich wundere mich, daß dieser merkwürdige
Mann in denen historischen Handbüchern ausgelaßen ist. Er ist eines
Gastwirths Sohn gewesen v hat es biß zu der Würde eines Königs von Rom
gebracht, der in seinem Glück von denen Fürsten, seinen Zeitverwandten geehrt
v. bewundert worden. Fortefiocca hat sein Leben v. ein franzöischer Autor
seine Verschwörung beschrieben; ich gebe mir schon seit einiger Zeit Mühe
beyder Bücher habhaft zu werden, ohngeachtet ich mich keines besinnen
kann bisher noch gesehen zu haben. Sein Leben muß voller
merkwürdigen Auftritte seyn v. wenn er keine Stelle unter die wahrhaftig große
verdient; so gehört er wenigstens unter die besonderen v. außerordentlichen
Köpfe. Ihre Ritter der Offenbarung Johannes bringen mich auf eine
ebentheuerliche Secte, die Pattalorochynten genannt, deren Glauben so
lächerlich als ihre Andacht muß gewesen seyn; so wenig man auch ausch vom
ersteren weiß.
Was meynen Sie, lieber Freund, soll ist der gelehrte Stoltz oder der
gelehrte Fürwitz in den Augen eines gleichgiltigen Weltweisen lächerlicher? Wir
wollen diese Aufgabe im Spatziergehen auflösen. Bringen Sie mir Bruyere
oder Young mit. Leben Sie wohl.

Agostino Gabrini Gabrini aus Brescia schloss sich 1694 den ›apokalyptischen Rittern‹ in Rom an, welche die katholische Kirche gegen den Antichristen, womit der regierende Papst Innozenz XII. gemeint war, verteidigen wollten; als sektiererische Schwärmerei wurde die Verbindung schnell verboten. (Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen, Historisches Labyrinth der Zeit, darinnen die denckwürdigsten Welt-Hädel ..., Leipzig 1701, S. 143)

Vll. ist die Universal-Historie, vom Anfang der Welt bis auf ietzige Zeit, von Gottfried Ludwig gemeint (Leipzig 1718).

Nicolaus Gabrini oder Cola di Rienzi
Cola di Rienzo
, vgl. Brief Nr. 102 (ZH I 222/17)












Pattalorochynten siehe Hs. Notiz zu
Bierling, Lineamenta methodi studiorum
im Königsberger Notizbuch, N V S. 276/13 u. 254/29.






welches Werk von Young, nicht ermittelt

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 30.

Bisherige Drucke:
ZH I 219–220, Nr. 98.

Zusätze ZH:
Die Briefe [Nr. 85–102], meist kleine Zettel, stammen aus den Jahren 1754–56; einige ließen sich wohl genauer datieren und in die bisherigen einreihen, es erscheint jedoch angemessener, sie geschlossen zu bringen. Es sind meist kurze Nachrichten an Ruprecht, den jungen Pastor in Grünhof, Hamanns Nachbar.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
220/3 auch ausch
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): Das erste auch ist zu streichen  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): auch deleatur