7
Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Kegeln, 9. Dezember 1752
6 ◀ ZH I ▶ 8
ZH I, 15


30




S. 16



5




10




15




20




25




30




35


S. 17



5




10




15




20




25




30




35


S. 18



5




10




15




20




25




30





35

S. 19



5




10




15

Kegeln. den 7 9. Dec. a. S. 1752

Herzlich geliebtester Papa,

Ich habe endlich das Glück Ihnen von meinem hiesigen Auffenthalt
Nachrichten zu geben, die Sie sich vermuthlich schon längst gewünscht haben
werden. Den 3ten h (Sie werden sich jetzt gefallen laßen müßen alles nach dem
alten Kalender zu berechnen) bin ich von Riga abgegangen; und habe
denselben Tag mehr Gefahr als auf meiner ganzen Reise auf einem Fluß, der Aa
heißt, ausgestanden, weil das schlimme Wetter das Eiß so unsicher gemacht
hatte, daß Pferd und Wagen am Ufer einbrachen. Einige Bauren mit kleinen
Schlitten waren zu unserm Glück gleichfalls im Begrif überzusetzen, und so
mitleidig unsere Pferde ausspannen zu helfen. Sie suchten anfänglich den
Wagen überzuschleppen; nachher kam die Reyhe an mich v ich gieng in der
Begleitung meines Bedienten und eines Bauren, die mich von beyden Seiten
unter dem Arm gefast hatten, glücklich über. Meine 4 schöne Füchse kamen
mir nach. Ich kann meiner gnädigen Frau Baronin zum Ruhm nachsagen,
daß Sie es an nichts hat fehlen laßen. Ein gebratener Haase, und zwo
Rephüner mit völligem Tafelzeug waren meinem Bedienten anvertraut, der ein
sehr gutherziger Kerl ist, schon in Kurland und in Riga Herrschaften gehabt
hat, das Peruquier Handwerk vollkommen genung versteht, auch einem den
Bart um Gottes Willen herunter schinden kann. Den 4ten bin ich in
Papendorf angekommen, und von dem Herrn Pastor Blanck recht freundschaftlich
aufgenommen worden. Den 6ten als am Sonntage kam meine gnädige Frau
Baronin wieder Vermuthen in die Kirche gefahren; und nach dem Gottes
Dienste führte mich der Herr Pastor nach dem Hoff; weil sie mir beym
Ausgang der Kirche die Wahl gelaßen hatte mit dem Herrn Baron zu fahren oder
mit dem Herrn Pastor nachzukommen. Mein erster Eintritt machte mir Muth,
und die liebenswürdige Unschuld des jungen Barons, der wie ein Wachsbild
aussieht und seinen Adel vor der Stirn trägt, kam meinem Urtheil von seinem
Charakter zuvor. Nach dem MittagsEßen ließ ich mich von ihm in meine
Herberge führen, die ich mir nicht so gut, beqvem und angenehm vorgestellt hatte.
Kurz, ich lebe recht zufrieden und vergnügt. Es scheint, daß ich über meinen
lieben Baron schon etwas gewonnen habe, und daß ich mehr meiner Neigung
als meiner Pflicht in dem Unterricht, den ich ihm zu geben gedenke, werde
folgen können. Meine Arbeit geht mir beßer von der Hand, als ich es mir von
ihrem Anfange versprochen hatte; und ich danke Gott dafür. Vielleicht kann
ich mir den guten Fortgang derselben von meines Untergebenen und meiner
Seite versprechen, den ich mir vorgesetzt habe. Der Herr Pastor Blank hat mir
schon im Sonntage im Namen der gnädigen Frau Baronin den Vorschlag
mich auf 2 Jahre wenigstens zu verbinden, thun müßen; ich will aber in
diesem Stück nichts eingehen, was meiner Freyheit nachtheilig seyn könnte. Die
Hoffmeister aus meinem Vaterlande haben sich hier ein wenig verdächtig
gemacht, durch das Unglück, das neulich einem geschickten Menschen
begegnet ist, der bey einem ObristLieutenant von Taube gestanden v. aus Liebe
für ein Fräulein, das schon einen LandPriester zum Schwager hat, seine
Vernunft eingebüßt. Man hat sich vor meiner Ankunft bey meinem Freunde
erkundigt, ob man bey mir auch den Fehler verliebt zu seyn zu befürchten
hätte.
Sie haben sich die unnöthige Furcht aus meinem Briefe an meinem Bruder,
lieber Papa, gemacht, daß ich ihm zu viel von Küßen geschrieben habe. Ich
kann Ihnen aber frey bekennen, daß ich in Riga nicht so viele bekommen und
genommen habe als ich Schälchen daselbst getrunken; denn vom Händeküßen
wißen Sie, daß es zum dortigen Wohlstand gehört.
Ein paar Tage vor meiner Abreise hat mich der Herr Fähndrich Schippaschoff
zum Herrn Regiments Feldscherer Lau hingeführt. Er bat mich den folgenden
Mittag zur Mahlzeit zu sich und ließ mich mit einem rußischen Schlitten durch
seinen Sub-Chirurgus hinholen v. wieder zu Hause führen. Sie haben mich
sehr gütig aufgenommen, und er war insbesondere ungemein vergnügt mich
zu sehen. Sein Söhnchen von 1½ Jahr ist ein munteres Kind, das von des
Vaters Lebhaftigkeit und seiner Bildung viel an sich hat. Er hat mich gebeten
wegen des güldenen Portepée zu schreiben, das er noch nicht erhalten hat. Das
erste mal habe ich bey ihm die Ehre gehabt seiner Frauen Bruder kennen zu
lernen, der ein sehr artiger Offizier ist. Er wolte mich zu seinem Obersten
hinführen, der mich wegen eines Hoffmeisters zu seiner Familie hat sprechen
wollen; ich habe ihm auch versprechen müßen nach einem zu schreiben, der
franzoisch und deutsch nebst der Music verstünde. Den Besuch selbst habe ich
verbeten, v auf einandermal aufgeschoben. Weil sein Oberste ein Ruße ist, so
wolte ich wohl keinem von meinen Freunden zu dieser Station rathen, und
mich also ungeachtet der Lobsprüche, die er ihm gab, mit dieser ganzen
Commission nicht viel zu thun machen. Suchen Sie doch durch den Herrn
Magister, der vermuthlich von seinem HE. Bruder nähere Nachricht haben wird,
die Sache abzumachen.
Der Herr Pastor hat mein Reise Geld noch nicht erhalten; er hofft mir
selbiges erst zu Weynachten zu verschaffen. Weil ich mein Gold nicht angreifen
werde, so können Sie leicht denken, daß ich jetzt bloß bin. Er hat mir die
Rechnung vom Herrn Hartung zu meinem Gebrauch angeboten. Ich habe aber
solches abgeschlagen; und will Ihnen solches ganz mit der ersten Gelegenheit,
die von hier nach Riga gehen wird überschicken. Er wird es mir wohl
auszahlen, so bald ich es haben will. Mit der Post kann man nach Riga nichts
sicher genung schicken; weil die Briefe dem Postillion im Kegelschen Kruge
gegeben werden. Der Herr Adv. Belger hat mir übrigens versprochen, von
dort alles aufs beste zu bestellen. Der Abschied aus seinem Hause ist mir auch
nicht wenig nahe gegangen: ohngeachtet ich der faulen Lebens Art, die ich
5 biß 6 Wochen habe führen müßen, von Herzen überdrüßig war; so stieg ich
doch vor seiner Thür, in meine schöne Land Halbkutsche, die für den reichsten
preußischen Edelmann nicht zu schlecht war, und bey der es an guten Pferden,
Geschirr, Fuhrmann, VorReuter, v zwey Hunden nicht fehlte, mit einer
Schwermuth ein, die mich biß auf die Kegelsche Gräntzen verfolgt hat, wo ich auf
einmal anfieng ohne selbst zu wißen warum, franzoisch, italienisch v. deutsch
zu singen. Ich lachte über meine Thorheit v ließ solche mir zu einer guten
Ahndung dienen. Kurz und gut, ich lebe hier recht vergnügt in meiner
Einsamkeit v suche meine Zeit mit meinem lieben Herr Baron so gut ich kann
anzuwenden. Meine Laute, die ich in Riga nicht habe zu recht bekommen können,
und auf die ich von Herzen übel zu sprechen war, thut mir des Abends
Mittags v. Morgens die besten Hoffdienste. Ich wünsche mir jetzt nichts mehr, als
eben so vergnügte Nachrichten von Hause zu hören, als ich solche hinschicke.
Meine Eilfertigkeit werden Sie nicht ungütig deuten. Ich habe gern viel
schreiben wollen, und ich denke noch mehr zu verrichten, was mir theils die
Freundschaft theils der Wohlstand auflegt.
Königsberg, Riga, Berlin, und wie heist der Ort, wo mein Hennings lebt!
Bitten Sie doch den Herrn Magister, daß er ihn mir ins Gedächtnis bringen
soll. Wenn er doch so vergnügt seyn möchte, als ich in meiner Herberge bin!
Mein junger Herr Baron ist eben jetzt zum AbendBrodt gegangen. Ich habe
mir ein Butterbrodt durch meinen Bedienten auftragen laßen v. eine
Weinsuppe abgeschlagen, die man mir anbieten ließ. Wie viel wolte ich Ihnen
erzählen, wenn ich jetzt Zeit dazu hätte. Das Vergnügen, das ich aber habe
darüber habe, daß ich sehe, daß meinem lieben Baron meine Gesellschaft nicht
verhast ist, und ich ihn wenig aus den Augen verliere, ist mir viel zu werth,
als daß ich ihm die Zeit solte lang werden v. allein sitzen laßen. Beten Sie,
Lieber Papa, für einen künftigen Fortgang meiner Bemühungen, urtheilen
Sie wenigstens von der Güte meiner Absichten jederzeit aufs beste; Laßen Sie
mich niemals aus ihrem väterlichen Andenken geschloßen seyn. Ich küße
Ihnen mit der kindlichsten Hochachtung und Liebe die Hände und bin Ihr
gehorsamster Sohn
Johann George.


Liebste Mama,

Wenn Sie sich den Brief an meinen lieben Vater werden haben vorlesen
laßen; so können Sie es mit diesem auch so machen. Ich war eben bey Herrn
Behnke, wo eine Gesellschaft von guten Freunden zusammenkomt, die
umsonst eine gute Abend Mahlzeit bekomt, das Bier aber gut bezahlt und von
jeden Gewinst beym Spiel einen Fehrding in eine Spaar-Büchse steckt; ich
war eben bey Herrn Behnke, sag ich, und spielte Blarrenkopf, davon ich Ihnen
inskünfftige eine Beschreibung zu geben gedenke, wenn es mir an Materie zu
einem Briefe an Sie fehlen solte; als mir ein Brief von meinen werthesten
Eltern von dem Herrn Belger durch den Herrn Fähndrich Schippaschoff
gebracht wurde. Sie können leicht denken, wie wohl mir zu Muthe war, als ich
mich von meiner Mutter als einen artigen Sohn muste loben hören, der fleißig
schriebe. Ich hätte mir gewünscht, gegenwärtig es zu seyn, da Sie dieses
gesagt haben. Wenn mein lieber Vater seine Meinung nicht geändert hat; so
solte ich fast muthmaßen, daß er vor 10 fleißige Briefe nur einen zierlichen
von mir verlangte, und auf die Art könnte es geschehen, daß ich noch einmal
so offt an Sie als an Ihn schrieb ins künftige schreiben würde. Ich habe
außer meinen kleinen Baron noch seine jüngste Fräulein Schwester im Lesen,
Schreiben, franzoischen, rechnen pp und ein artiges Kind, die eine Wayse seyn
soll, von vorn Julchen, von hinten Mümchen heist, v glaub ich einen
lüderlichen Studenten zum Vater hat, zu unterrichten. Sie wird von der gnädigen
Frau Baronin am Tisch und ü-
Kegeln heute Ķieģeļmuiža (Bezirk Kocēnu), Lettland [57° 28' N, 25° 13' O]
a.[lten] S.[tils] in den kurländischen Provinzen galt im Datum der alte, Julianische Stil. Die Differenz zum neuen Stil betrug plus 11 Tage. In Ostpreußen wurde der neue Stil des Gregorianischen Kalenders 1752 eingeführt.




greg. 14.12.1752


Aa heute Gauja bzw. estnisch: Koiva jõgi












Peruquier Perückenmacher

greg. 15.12.1752

Papendorf heute: Rubene in Lettland [57° 28′ N, 25° 15′ O]

greg. 17.12.1752





















Taube nicht ermittelt










Schippaschoff nicht ermittelt

Lau nicht ermittelt






Portepée Faustriemen



















Krug Wirtshaus









































Fehrding in Livland gebräuchliche Schwedisch-Pommersche Silber-Kurantmünze, deren Wert also über den Edelmetallgehalt definiert ist.

Blarrenkopf Schafskopf



Schippaschoff nicht ermittelt













Provenienz:
Unvollständig überliefert. Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (4).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 31–34.
ZH I 15–19, Nr. 7.