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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
Riga, 12. Dezember 1758
ZH I, 286



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Riga den. 12. Xbr. 1758.

Herzlich Geliebtester Vater!

Ich freue mich, daß Gott Ihnen wiederum Gesundheit geschenkt hat, Ihre Denk-
und Feyertage zufrieden und vergnügt zu begehen. Die Erinnerung derselben macht
mich auch in der Ferne bey demjenigen des Dankes schuldig, der als ein Kind sich
herabgelaßen hat um uns als Kinder zu sich zu ziehen. Er möge sich auch in denen
Tagen, die diesem Gedächtniße gewidmet sind gewesen, in dieser Gestalt Ihnen
am freundlichsten und lautseeligsten gezeiget haben und Sie auf eine solche Art
seine Wirkungen an Ihrer Seele verspüret haben, daß Sie Ihren Geburtstag
ebenfalls nicht ohne Seegen feyren mögen. Wird Ihr Alter gleich mühsam und
sorgenvoll, so ist er doch noch immer mit Vortheilen für den Nächsten beschäftiget und
ein nuzbares Leben. Unterwerfen Sie sich also auch darinn dem Willen desjenigen,
der am besten weiß, wenn unser Leben ihm allein zugehöret.
Ich habe hier schon eine unverdiente Wolthat von einem Manne erhalten, der mir
sein Kind auf der Klaße anvertrauet und mir deßhalb einen in diesem Jahre
geprägten holländischen Ducaten geschenkt hat. So gut geht es Ihrem Sohn, lieber
Vater, daß Sie von aller Sorge für seine Erhaltung befreyet seyn können; noch
vielweniger für seine Gesundheit, wenn er gleich um einige Unzen Visceral-Tropfen, die
mit Wein abgemacht sind, bittet. Der HE. Rector wünschet dieselbe bey
Gelegenheit von dorten erhalten zu können, weil die hiesigen nicht von so gutem Geschmack
und Nutzen sind. Sie können zu unserm allgemeinen Gebrauch dienen; das Geld
übermache ich. Um meinem Bruder ein Pläzchen zu laßen muß ich schließen und
bin nach herzlichem Anwunsch alles ersprießl. Wohlergehens Ihr treuster Sohn.
J. C.


Herzlich geliebtester Vater,

Ich komme eben jetzt zu meinem Bruder gelaufen um noch eine kleine
Nachschrift anzuhängen. Den Young habe heute richtig erhalten und zahle den
Dank meiner Freunde, die sich Ihrer öfters mit dem besten Herzen erinnern
zum voraus. Keine Rechnung dabey gefunden. Ich schreibe zu den Wünschen
meines Bruders ein herzliches Amen! Gott schenke Ihnen an Seele und Leib
alles was Ihnen gut und nützlich ist. Die PostGlocke schlägt; ich küße Ihnen
mit der kindlichsten Ehrfurcht die Hände und ersterbe Dero gehorsamst
verpflichtester Sohn.
Johann George Hamann.


Entschuldigen Sie meine Eilfertigkeit und das schlechte SchreibeZugehör.
Leben Sie wohl, gesund und zufrieden, und beten Sie für uns.















holländischen Ducaten Seit 1586 nach festem Fuß geprägte Goldmünze, nicht als regionales Zahlungsmittel gebräuchlich, sondern als Kurantmünze dafür tauschbar; eine der wichtigsten Handelsmünzen des 17. und 18. Jhs; es gab aber auch Dukaten russischer Prägung, Speziesdukaten, von denen wiederum ein best. Sorte ebenfalls »holländisch« genannt wurde.























Veränderte Einsortierung:
Die Einsortierung wurde gegenüber ZH verändert (dort: „Riga. den 8/19 Christm. 1758“), sie erfolgt chronologisch zwischen Brief Nr. 133 und 134.

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (50).

Bisherige Drucke:
ZH I 286–287, Nr. 133.

Zusätze fremder Hand
286/11–34 Johann Christoph Hamann (Bruder)

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
286/21 ist er doch
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies so ist es doch