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Johann Georg Hamann → Gottlob Immanuel Lindner
Riga, 27. September 1758
ZH I, 254


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Geliebtester Freund,

Von meinem Bruder noch keine Nachrichten; ich habe heute ganz gewiß
einige erwartet. Gott wolle ihn bald und gesund herbringen. Ich weiß, daß
Sie diesen Wunsch mir nachbeten.
Warum vergeßen Sie mich gantz. Heißt dies die Pflichten der Freundschafft
erfüllen? Ich habe nicht Zeit, sagen Sie – – Schaffen Sie sich welche durch
eine beßere Anwendung derselben und durch eine größere Herrschafft über Ihre
Begierden. So werden Sie niemals zu viel noch zu wenig sondern immer
genung haben. Wie viel kann der Weise entbehren, der nicht mehr zu wißen
verlangt er als zu seiner Nahrung und Nothdurft nöthig hat, und nicht zu
Steinen spricht, daß sie Brodt werden sollen; dabey aber glaubt, daß Gott aus
Steinen uns Kinder erwecken kann.
Ehe es mir entfällt, versäumen Sie doch nicht mit erster Gelegenheit mir
meine Laute, meine Schlüßel, meine 3 Hemde, Klopfstocks Lieder v das schon
erbetene Leipziger Journal überzuschicken. Die Frau Rectorin hat uns heute
einen Staatsbesuch abgelegt; Sie so wohl als Ihr Herr Bruder haben mir
immer einen sehr argen Begriff von Ihrem Glück und Gedächtnis in
Kleinigkeiten und Commissionen zu machen gewußt. Eine alte Serviette klagt ihre
Noth über Sie, demohngeachtet blieben Sie unerbittlich – – Ich nehme mir
zugl. die Freyheit eine Fürbitte für ihre Loslaßung und Heimsendung
einzulegen. Sie werden mich als einen eben so unbarmherzigen Treiber und
Preßer erfahren, wie Sie ein zurückhaltender und aufschiebender Erfüller sind.
Ich überlaße es Ihnen und ich hoffe nicht, daß Ihnen diese Arbeit
beschwerlich seyn wird aus Freundschafft für mich und Gefälligkeit gegen Ihren jungen
HE. Noten und Kreutzer zu meinen Briefen zu machen, als Dollmetscher
und Kunstrichter mit meinen Einfällen und Schreibart umzugehen.
So toll Ihnen auch der Eingang meines Briefwechsels vorkommen mag,
so könnte doch vielleicht derselbe mit der Zeit klüger werden und ein
Zusammenhang wie von ungefehr darinn entstehen, wenn ich einigen Beystand von
Ihrem Zügling erhalte. Werden Sie also so gütig seyn selbige lieber Selbst
aufzuheben – – auf allen Fall, daß ich weiter käme, als ich jetzt noch absehe.
Bleiben Sie nur genau bey den Punkten, die ich mir ausgebeten. Ich will
mir gern dafür diejenigen Gesetze gefallen laßen, denen Sie mich unterwerfen
wollen.
Es ist mir lieb, daß ich jetzt geschrieben, weil ich Arbeit bekomme, von der
ich nicht weiß, wie lange sie mich beschäfftigen wird. Gott wolle mir Kräffte
geben, und alle die gute Hoffnungen erfüllen, die er uns von weiten zeigt.
Er muß uns gutes und böses tragen helfen; erlösen von der Gefahr des
Glücks und stärken zur Arbeit des Leidens.
Ich bin Gott Lob! gesund und zufrieden; und wünsche Ihnen gleichfalls
beydes zu seyn.
Was macht mein ehrlicher Baßa? Reden Sie bisweilen von mir – – doch
in allen Ehren – – denn ich bin auf meinen guten Namen so zärtlich als eine
Jungfer; aber zugl. so grosmüthig als jener Feldherr gegen das, was im
Gezelt gesprochen wird.
Grüßen Sie bey Gelegenheit im Pastorath und erkennen mich allemahl für
Dero aufrichtig ergebenen Freund.
Riga den 16/27 Sept. 1758.
Hamann.


Adresse mit rotem Lacksiegel:
à Monsieur / Monsieur Lindner / mon / ami à Grunhoff. par fav:










Gott aus Steinen Mt 3,9
zu Steinen spricht Lk 4,3




Leipziger Journal nicht ermittelt
Rectorin
Marianne Lindner




















Arbeit nicht ermittelt, vll. besagter Briefwechsel













greg. 27.9.1758




Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (2).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 298–300.
ZH I 254–255, Nr. 117.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
254/11 verlangt er als
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies als er  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): verlangt als er