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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Königsberg, 28. Juli 1756
ZH I, 222

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Königsb. den 28. Jul. 756.

Geliebtester Freund,

Sie werden sich über mein Stillschweigen gewundert aber den Anlaß dazu
auch vernommen haben. Alles machte meine Reise günstig ich war den 4.ten
Tag in Mümmel gieng nach einer Stunde ab v langte denselben Tag gegen
die Nacht in Muschlers an den folgenden in dem Hause meiner Eltern. Mein
alter Vater laurete mir geruhig mit dem Pfeifchen im Fenster entgegen um
mich so wohl als meine Mutter zuzubereiten, mit der es sich denselben Tag
sehr verschlimmert hatte. Sie empfing mit vieler Zärtlichkeit bey der grösten
Entkräftung und einer völligen Verleugnung alles Zeitlichen. So elend hatte
ich sie mir nicht vorgestellt, sie war nichts als ein Gerippe, in dem Gott noch
den Odem erhielt. Sechs Tage lebte sie noch, in denen sie so schlecht war, daß
mancher Augenblick mir der letzte für sie zu scheinenien, der es nicht seyn
sollte. Ich habe wenigstens kommen müßen ihr noch einige Handreichung zu
thun, die ihr niemand so gut als ich machen konnte; und mein Vater glaubte
auch in meiner Gegenwart eine große Erleichterung erhalten zu haben. In der
letzten Nacht vor Ihrem Ende konnte sie ihn nicht entbehren, er muste ihr
Bett nicht mehr verlaßen, wo sie ihn beständig zurückrief und durch
Liebkosungen festhielte; biß auf die Viertelstunde, in der sie verschied. Weil ich mir
Ihres Abschiedes lange gewärtig gewesen war, so erlaubte mir mein Schmerz
Aufmerksamkeit genung auf alle die Bewegungen, die der Tod in ihr
verursachte. Ihre Krankheit v langwieriges Lager hatte der Natur alle Stärke fast
benommen, sie lief daher wie eine Uhr ab. Einige unmerkliche Zuckungen des
Mundes, die einem Lächeln ähnlich waren, machten sie mir im Tode weit
kenntlicher, wie in ihrer Krankheit, die sie ungemein entstellt hatte. Ihre
Gestalt hat mir auf dem Leichenbrette so gerührt als sie mirich auf ihrem
Siechbette mitleidig gemacht. Ihr erstes beynahe womit sie mich empfing, war, daß
sie mich zu Grabe bat; und dieser traurige Dienst hat mir viel gekostet. Wer
weiß aber wie viel? wenn ich sie nicht noch gesehen hätte. Ich habe mehr
Empfindlichkeit, als ich selbst weiß, und die sich selbst meinen dunkeln
Vorstellungen mittheilt. Meinen Vater verzehrt ein geheimer Gram, die ungewohnte
Last der Haushaltung v. alles, was Sie selbst von ihm wißen. Ich glaube ihm
noch einige Zeit nöthig zu seyn, bey ihm zu bleiben würde uns beyden
überlästig werden, er prophezeyt sich nichts als uns auch bald zu verlaßen, und
tröstet sich damit. Ich wünsche mich tausendmal umsonst in den einen
Stand, wodurch ich ihm sein Alter ruhiger machen könnte. Vielleicht wird
dieser Wunsch aber doch noch erhört. Noch habe ich nichts in Königsb. fast
thun können; er will mich wenigstens zu Hause haben, wenn er mich auch
nicht um sich haben kann. Verzeyhen Sie mir liebster Freund, daß ich mich so
umständlich gegen Sie auslaße; es gereicht mir wenigstens zu einer kleinen
Erleichterung. Ihre liebe Mama habe besucht und richtig gemacht; 7 fl.
15 gl. hat mein Bruder an S. Blancard bezahlt; die übrigen 3 Thrl. Alb.
nebst einigen Mk. habe richtig abgegeben. Sie wird Ihnen selbst die
Berechnung davon gemeldet haben. Ein Brief an Sie hat in einem eingelegen der in
Mitau ist ich hoffe daß Sie durch den HE. D. denselben bekommen den ich
deswegen gebeten. Bey Kannholtz bin gleichfalls gewesen und hat mir folgenden
Aufsatz von seinen Instrumenten gegeben, die er Ihnen liefern kann, v wovon
er sich mit nächsten von Ihnen selbst Nachricht ausgiebt. Ich habe ihn ersucht
auf Treu v Glauben mit Ihnen zu handeln und er hat es mir versprochen.
Ein Magnet der 10 ℔ trägt — —
50 fl.

dito à     5 ℔  — —
24 fl.

dito à     2½ ℔
10 fl.

Laterna magica mit 12 praesentat.
60 fl.

Microscopium compositum verguldt
100 fl.

Eine electrische Kugel mit Zahn, Trieb v Spindel
36 fl.

Sie können alsdenn eines höltzernes Rades entbehren v
brauchen ein bloßes Gestell ichst auch leichter zu bewegen.
Eine kleine Berlinische Luftpumpe ohne haemisph. Magdeburg
50 fl.

              mit den haemisph. Magdeb.
90 

Die Siphones will er gern umsonst beylegen besorgt aber wegen des
Einpakens; ich glaube auch daß Sie solche dorten eben so gut bekommen können.
Die Luftpumpe kann er Ihnen vor den Winter nicht versprechen. Schreiben
Sie ihm selbst deswegen; so kann ich das übrige mit ihm verabreden.
Den HE. Ref. Wulf habe besuchen müßen wo ich den HE. D. Funk v
M. Kant fand. Den ersteren auf P. sehr aufgebracht und überaus unruhig
darüber daß er nicht auf die Meße gereiset wäre. Ich habe selbst einen Abend
bey ihm in eben der Gesellschaft speisen müßen, wo es sehr vergnügt zugieng.
Der Senat hat seine Criminal Jurisdict. wie man sagt verloren wegen des
Langermanns, der bey uns im Hause gewesen, und für 2 Früchte die er
abgetrieben mit 10 Thrl. bestraft worden. Er sitzt noch und erwartet seinen Spruch,
den man noch nicht weiß, ob er streng oder gelinde seyn wird. Meine gröste
Verlegenheit ist jetzt einen Hofmeister zu bekommen. Ich kann hier keinen
auftreiben. Was macht der jüngste HErr Bruder? Wenn es ihm nicht gefiele,
wo er ist, könnte er meine Stelle nicht einnehmen und sich auf alle die
Bedingungen verschreiben, die man mir ehemals angeboten. Ich habe seiner
Mamma von ihm keine Rechenschafft geben können v glaube daß er sich jetzt
munter befindt. Sie kam mir recht aufgelebt vor, und wird Sie künfftig Jahr
besuchen. Ich werde Sie noch vor meinem Abschiede besuchen, wie ich es
I ihr versprochen. Sie kam für Ungedult Nachrichten von Ihnen zu hören
nach unserer seel. Mutter Tod zu uns; ich war aber eben ein wenig
bettlägerich daß ich Sie nicht sprechen konnte. Wolson hat mich heute besucht v scheint
mir zieml. vergnügt zu leben. Er ist nicht mehr im Coll. Fr. v redt nicht viel
Guts davon. Hätte der Phrygier dies nicht eher wißen sollen. Er läßt Sie
herzlich grüßen v für die Rede danken. Lauson auf dem alten Fuß wie es mir
scheint, ein wenig trübsinniger und in sich gehender; so arg aber nicht als er
beschrieben wird; jetzt vielleicht mehr verachtet als gefürchtet. Ein gewißer
Liefl. Graf ist hier gestorben im schlechten Gerücht v großer Dürftigkeit.
HE. Wulf hievon mehr, der im vorbeygehen ein allerliebster Mann v so stark
im Jure als ehmals in der philosophie geworden. Er hat ein ehrwürdig
Mädchen
, für das er zittert v bebt, die Leute sagen eine Braut. Küßen Sie Ihr
Frauchen in meinem Namen, ich habe allenthalben ausgebracht, daß sie im
Begrief steht Mutter zu werden. Laß Sie mich nicht zum Lügner werden.
Ich umarme Sie beyderseits und bin nach dem herzlichsten und
freundschafftlichsten Gruß von meinem alten Vater und Bruder, den ich nicht erkannte
und über mein Wiedersehen beschwiemte (sottises de deux parts). Leben Sie
wohl v lieben Sie unverändert Ihren
Hamann.




Mümmel Memel, heute Klaipėda [55° 42′ N, 21° 8′ O]




































fl. Groschen, hier wohl 18-Groschen-Stück (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)

Thrl. Alb Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt.
St. Blancard nicht ermittelt, Brief Nr. 104 (ZH I 226/10)
gl. Gulden, Goldmünze, hier aber 1 polnischer Gulden, eine Silbermünze, entsprach 30 Groschen


Brief nicht überliefert


Kannholtz nicht ermittelt (1756 war ein Jurist Christian Friedrich K. Mitglied in der Deutschen Gesellschaft zu Königsberg)

Instrumenten wohl für den Unterricht an der Rigaer Domschule



Pfund








Berlinische Hubkolbenpumpe
haemisph. Magdeburg zwei halbe Hohlkugeln für Experimente zum Luftdruck


Siphones U-förmige Rohrleitung bspw. aus Glas für Barometer









vll. Johann Jacob Christian Langermann, Bader in Königsberg

Thrl. Reichstaler, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze, entspricht 24 Groschen (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)


als Nachfolger bei den v. Wittens










Collegium Fridericianum, Gymnasium in Königsberg

gemäß dem Sprichwort, sero sapiunt Phryges: unwissend

Rede wohl eine der von Lindner bei einem Festakt der Rigaer Domschule gehaltenen,
Lindner, Gedächtnisfeier



Graf nicht ermittelt








beschwiemte ohnmächtig werden
sottises ... Anspielung auf Voltaires so betitelte Satire (1729), Brief Nr. 139 (ZH I 307/28)



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (29).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 35–36.
ZH I 222–225, Nr. 103.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
223/1 zu scheinenien
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies zu [seyn] scheinenien  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): zu [seyn] scheinenien
223/36 Nachricht ausgiebt
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies etwa ausbittet statt ausgiebt  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Nachricht ausbittet conj.