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HöchstzuEhrender Herr Kriegsrath, und Freund

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Sie erhalten hiebey den 2ten Theil der Döderleinschen Bibl. die mir mehr

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Gnüge thut, als die Quedlinburgsche, mit dem ersten Theil der Meinersschen

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Reisebeschreibung, deren Folge mit dem Meßgut erwartet wird. Der
reisende

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Franzose
hat zwar zu d
ie
er circulirende Bibliothek gehört, ist aber von Lil.

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verkauft worden, weil fast gar kein Unterschied der beyden Auflagen seyn soll, und

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ich wegen des gröberen Drucks auch die älteste vorziehen würde. Sie hätten also

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gantz sicher ihn aufs Land mitnehmen können; denn auf den Fall, der Sie

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davon abgehalten hat, würde ich nicht ermangelt haben, Ihnen davon etwas

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merken zu laßen, wie ich es gegenwärtig in Ansehung des Ackens thun muß,

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weil es mit dem Spittler desto mehr Zeit hat.

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Bey der Uebersetzung des Schwedenborg kann man sich gar keinen Begriff

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von dem Besondern seines lateinischen Styls machen, der wirklich etwas

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Gespenstermäßiges an sich hat. Wie unser Kant damals sich alle die Werke seiner

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Schwärmerey verschrieb, hab ich die Ueberwindung gehabt, das ganze

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Geschwader dicker Quartanten durchzulaufen, in denen eine so eckle Tavtologie der

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Begriffe und Sachen enthalten ist, daß ich blutwenig und kaum über einen Bogen

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auszuzeichnen fand von dem, was sich durch etwas Gründliches oder wirklich

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etwas Paradoxes auszuzeichnen schien. In Curland fand ich eine ältere Schrift

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von ihm
de Infinito,
die gantz im wolfischscholastischen Geschmack geschrieben

S. 256
war. Von seinen metallurgischen Schriften, die sehr gelobt werden, hab ich

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niemals was zu sehen bekommen. Daß Niemand von seinen zahlreichen

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Uebersetzern etwas zuverläßiges von seinem Leben zusammen gebracht, wundert mich

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auch, und daß man bey einer Nervenkrankheit ein so hohes und zum Theil

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gesundes Alter erreichen kann. Daß seine Erscheinungen mit wirklichen Paroxismen

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begleitet gewesen, erinnere mich gelesen zu haben. Ich erkläre mir also das

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ganze Wunder durch eine Art von
transcendenteller Epilepsie
die sich in

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einen kritischen Schaum auflöst. – Denn darinn besteht seine gantze

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Erscheinungslehre der Kirche. Leider sind Träume und Krankheiten die besten
Data
von

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der Energie unserer Seele.

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Reichardt meldt mir die bevorstehende Entbindung seiner jungen Frau, mit

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der er vor 6 Wochen erst von seiner Reise zu Hause gekommen – und zugl. das

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letzte Schicksal unsers lieben Vetter Becker, der kurz vor seiner Abfahrt über

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Bord gefallen.

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Friedrich ist aus Berl. zurückgekommen und wird sich wahrscheinlich zu

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Memel etabliren. Er hat dem Pr Kraus einen Brief von
D.
B. mitgebracht, der

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gewaltig über mich aufgebracht, so daß ich nicht einmal lesen sollte, worüber? Mit

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dem Advent wo sich unser Briefwechsel vor 2 Jahren anfieng werd ich ihn zu

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Rede stellen – auf alle künftige Bände Verzicht thun – aber zugl. den 2ten

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Jahrgang fordern und wißen, warum er mir denselben entzogen. Dieser Monath

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fängt sich mit einer Abhandl. unsers Pr. Kant an, den man gewiß schon mit

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voriger Post erwartet, aber wider Gewohnheit ausgeblieben und erst morgen

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eintreffen wird. Ich erhalte diese Monathsschrift immer aus der ersten Hand

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und möchte nicht so bald einen Schritt in den Dengelschen Laden thun. Hartung

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hat schon einige Exempl. von Schultz Erläuterungen hier gehabt; der HE

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Verleger noch keins. Eine deutsche Uebersetzung der infamen
Memoires
ist auch

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schon hier gewesen, wurde öffentlich angekündigt für 1 fl. 9 gl. unter dem Titel:

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Privatleben des K. v. Pr. Das mir auf ein paar Stunden zugedachte Exemplar

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wird von Dengel aufgefangen unter dem Versprechen, daß er
es
mir selbst zu

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Mittage abgeben wird. Gegen Abend wird es von mir abgeholt, unterdeßen ich

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weder Dengel noch die Schrift mit Augen gesehen habe. Zu gutem Glück hat

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man sie im Laden gefunden. – – Ein paar Tage drauf find ich diese Schrift bey

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meinem Buchbinder, wo ich auf der Stelle meine Neugierde befriedigen

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konnte
muste.
Eventualiter
ist auch ein Exemplar für Sie bestellt. R. durch den ich

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ein franz. erhalten sollte, ist nicht in W. gewesen.

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Vorigen Sonntag erhielte einen langen Brief von unserm Herder und seiner

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würdigen Frau, über eine Angelegenheit, wo ich schon mein Möglichstes von

S. 257
selbst gethan, und mir kaum zutrauen kann mehr auszurichten. Er empfiehlt

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sich Ihnen, und denkt noch immer an Sie mit Hochachtung und alter

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Freundschaft zurück. „Eine jugendliche Fehde machte mich mit ihm bekannt, und ich

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habe einige Jahre lang viel angenehme Briefe von ihm gehabt, bis meine

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Entfernung aus Riga mich auch ihm entfernte. Ich wünschte, daß, da er als S. u.

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N. nicht wirken kann, er doch als ein solcher schriebe: so machte er sich doch auf

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einige Art andern Entfernten gegenwärtig mit seinem Geist. Ist Ers nicht, der

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etwas vom Guicciardini übersetzen wollte?
– Ob und was ich ihm drauf

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antworten soll, erwarte von Ihrer Vorschrift, weil ich noch meiner ersten

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Bestimmung eines Copisten gern treu bleiben mag – und ziemlich ungern selbst

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concipire.

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Ich muste hier aber aufhören, weil ich nicht mehr sehen konnte, da der

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Briefträger, den ich weder kommen noch klopfen gehört, mir in die Stube kommt mit

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einem Briefe von einem Kaufmann aus Nürnberg an Prof. H. und Einlage

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von Lavater, der mir
Hills
Durchreise meldt,
der
welcher sich nur 2 Tage

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dort aufgehalten und dort eine sehr gute Aufnahme gefunden zu haben scheint

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med. Oct.
Desto ungeduldiger bin ich auf Nachrichten von ihm selbst und seinen

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dritten Brief. Wenn er meinen Erwartungen entspricht, werd ich Ihnen alle 3

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mittheilen.

20
L. meldt mir den Tag vor dem
dato
seines Briefes (den 27
Oct.
) den dritten

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Theil der Meßiade vollendet zu haben, und nennt sie seine süßeste Arbeit auf

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Erden. Er so wohl, dem ich
ex profeßo
wegen meines Sohns zu Münster – als

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Herder, dem ich
hoos en parodo
deshalb geschrieben – melden mir beyde

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Wunder von diesem jungen Mann, der meine Antwort noch nicht erwiedert, und

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wünschen mir beyde Glück zu dieser Eroberung, aus der ich bis diese Stunde

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nicht klug werden kann.

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Er hat mir ein schönes Kupfer von Chodowiecky beygelegt zu Joh.
IX.
– und

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trägt mir auf alles zu grüßen was Grüße von ihm annimmt – besonders den

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ihm durch Hill liebgewordenen Dippel oder Hippel – der mich mit samt meinem

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Fideicommiß
auslachen wird, wie Sie es auch thun werden, ohngeachtet Ihres

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XI.
Gebots nichts zu tadeln.

32
Johann Georg Müller, der zu Schafhausen bey seiner alten Mutter lebt,

33
schrieb mir im
Julii
in Beziehung auf Göckings Journal daß sein Bruder in Genf

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bei HE
Tronchin
sich aufhält und seine Schweitzergeschichte in 3 Theilen auf

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einmal, im Plan und Styl umgearbeitet herausgeben wird, gantz anders als

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der erste Versuch pp.

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Ich begleitete vom letzten Schmause unsern Freund Hintz in sein Qvartier

S. 258
und eilte nach Hause wo ich den
ersten Theil von Engels Mimik
fand,

2
wovon die Juden ein Exemplar über die Post erhalten. Ein Pendant zur

3
Physiognomik, mit 23 Kupferblättern in 40 Zeichnungen oder Figuren. Das meiste in

4
Beziehung aufs Theater, wo ich eben nicht zu Hause gehöre. In 27 Briefen, deren

5
Einkleidung sehr planmäßig genützt u angewandt ist. Meil u Engel gehen zu

6
gleichen Theilen – Uebrigens läßt sich kein halbes Buch gantz übersehen. Von

7
Flögels Geschichte der komischen Litteratur
war auch der erste Band

8
beygelegt. Eine ziemlich gelehrte Compilation, von mehr Belesenheit als

9
Geschmack. Eine ungemein lange vorläufige Abhandlung vom
Komischen
oder

10
Lächerlichen
überhaupt; hierauf eine kürzere von der Geschichte der komischen

11
Litteratur
überhaupt
. S. 273 fängt sich erst der
erste Theil
an, und enthält

12
blos die Geschichte der Satyre. Das 2te Hauptstück komt in den andern Band,

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und wahrscheinl. von der Komödie. Wie dieser erste Theil das

14
Belachenswerthe
in der Gelehrsamkeit enthält: so
sollte
wird der zweite Theil vom

15
Verlachenswerthen
handeln. Ist diese Eintheilung
Be
- und

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Verlachenswerth
nicht selbst sehr komisch! Eben so lustig übersetzt er das engl. Wort

17
cant-style
durch
Kantschen Styl
, welches doch eher eine Art von

18
Rothwälsch oder kauderwälsche Schreibart bedeutet.

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Noch fand den August des deutschen Mercurs, und darinn den Anfang einer

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viel versprechenden Abhandl. über die neuesten patriotischen Lieblingsträume in

21
Teutschland auf Veranlaßung des 3 und 4 Bandes von HE Nicolai Reisen auf

22
deren Fortsetzung ich sehnlich warte. Zimmermanns Einsamkeit war mit aller

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Wielandschen Kunst u Laune angezeigt, auch ein kleiner Roman sehr

24
empfohlen: Leben und Tod des Dichters Firlifimini; halb Drama, halb Recitativ oder

25
Epopoe. Wieland komt auch darinn vor aber die größte Rolle spielt Nicolai mit

26
seiner
Monchaussée.

27
Alles dies Ihnen HöchstzuEhrender Freund, mündlich u
cursorie

28
mitzutheilen, war ich Dienstags des Morgens bey Ihnen angesprochen, fand Sie aber

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nicht mehr zu Hause oder im Begriff auszugehen, konnte also blos den

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Schwedenborg abgeben, den ich auch richtig widererhalten habe.

31
Reise durch den Bayrischen Kreis soll vom Verfaßer des
Faustin
seyn, den

32
ich heute zum ersten mal in den Händen gehabt und weit unterhaltender als jene

33
zu seyn scheint.

34
Nachdem Hartung das Privatleben des Königs mit einem Denkstrich

35
angekündigt, meldete er wider 8 Tage drauf
La vie privée d’un Prince celebre ou

36
details des Loisirs du Prince Henry de Pruße dans sa retraite à Reinsberg. à

37
Veropolis
784.
p.
96. 8
o
An statt des ganzen Titels war wider ein Denkstrich –

S. 259
aus dem man auch das Original der Uebersetzung vermuthen konnte; doch weil

2
der Preis nur 1 fl. war so kaufte jedermann die Kleinigkeit, die ein bloßes
Eloge

3
doch einige merkwürdige Stellen, die Vertheidigung des paraphysischen

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Geschmacks und die Einladung zur Krone von Polen in sich hält.

5
Frantz Bernardo oder der Irrthum der Liebe
ist ein elender Roman,

6
der aber ungemein vortheilhaft u umständlich in der allgemeinen Bibl.

7
angezeigt und gepriesen seyn soll.

8
Seitdem habe ich gehört daß Garve nur 60 # die endl. zu 100 rth. waren

9
eingeschmoltzen, erhalten haben soll. Wenn Ihnen mit dem ersten Jahrgange der

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Berl. Monathsschrift gedient ist, so habe ich selbigen. Ob und wie ich den

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zweiten erhalten werde, weiß nicht. Kraus hat mich gestern besucht und arbeitet an

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einer Cantate zur Einweihung der Tragheimschen Kirche nach einer ital.

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Composition – wird auch nächstens einen Beytrag für
D.
Biester liefern, wozu ich

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mein Bestes thun werde ihn aufzumuntern
vice cotis – exsors ipsa secandi.

15
Wie hälts mit der
Lex contra Momum?
Nur daß Sie mir nicht falsch citieren,

16
weil ich keinen Codex habe, so gern ich ihn auch zu den
Claßicis
zähle.
Pauw
hat

17
meines Wißens keine Geschichte der Deutschen sondern
Recherches

18
philosophiques
wie über die Ägyptier, Chinesen u Amerikaner schreiben wollen.

19
HE. Stadtrath hat mir das Holtz auf mein Gehöfte fahren laßen; ich werde

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erst übermorgen diesen Brief abgeben und ihm für seine Güte danken können. –

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Auf einen Wink des Hintz habe hier ein Werk des Mayers aus Wien
über

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den Vernunftschluß
in 2 kleinen Octavbänden aufgetrieben, die bereits 77

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und 79 ausgekommen u mir beßer gefallen haben als seine sokratischen

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Denkwürdigkeiten. Er ist ein fleißiger Leser unsers Kant, den er bis auf seine Diß.

25
anführt, hat aber wenig Verdauungskraft und Methode. Das übrige mündlich

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beym heil. Christ Strützel! und beym Empfang dieses impertinent langen

27
Briefes wünsche einen fein hellen heitern klaren Wintertag und was sich

28
schlechterdings nicht lesen läßt –
imaginez et sautez.
Empfehlen Sie mich der Frau

29
Kriegsräthin u sämtl. Nachbarschaft. –

30
Joh. Ge. Hamann

Provenienz

Druck ZH vmtl. nach einer nicht mehr überlieferten handschriftlichen Abschrift Arthur Wardas oder einem Typoskript Walther Ziesemers. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Preußisches Staatsarchiv Königsberg, Nachlass Johann George Scheffner.

Bisherige Drucke

Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, VII 178–181.

ZH V 255–259, Nr. 780.