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den 30 April 84. Kgsberg.

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Liebwerthester Freund,

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Meynen Sie nur nicht, daß ich meine Schulden vergeße. Zwey Briefe von

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Ihnen seit 2 Jahren erhalten. Sie liegen vor mir, aber zum Theil kommt Ihre

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Antwort zu spät – zum Theil bin ich Ihre
Wünsche
nicht
zu befriedigen

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nicht im stande
gewesen. Sie werden mir dies auf mein Wort ohne umständl.

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Belag glauben. Der Magus in Norden freut sich, daß die Sokratische Denkw.

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mit Ihnen von gleichem Alter sind. Wenn ich selbst ein Exemplar auftreiben

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könnte, würde mir vielleicht die Lust ankommen, die Druckfehler zu corrigiren;

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aber umzuarbeiten wär mir schlechterdings
unmöglich
.
Vielleicht
erhalten

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Sie statt des
aufgewärmten Kohl
ein paar Bogen, an denen ich wenigstens

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versuchen wollen, ob ich noch einen Bogen zu spannen imstande bin. Ob er sich,

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wie Hiob sagt, in
meiner Hand bessert
XXIX.
20 wünscht ich wol, aber weiß

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es nicht.

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Ich habe mich kein Jahr auf Hartknochs Ankunft so gefreut, als heuer – und

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beynahe hatte ich ihn nicht einmal zu sehen bekommen. Hier lag ein dringender

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Brief aus Weimar an ihn, und es hatte Aufträge geregnet, wie ich niemals gehabt

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habe. Gestern eilte er durch zur Meße und ich habe kaum eine halbe Stunde mit

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ihm mich ausreden können. Muß also ein Pack ihm nachschicken, zu dem auch

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gegenwärtige Einlage gehört.

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Vorigen Sonnabend erhielt ich ein Schreiben von einem Ihrer guten

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Mitbürger, HE Eberhard Gaupp, den von mir zu grüßen und zu melden bitte, daß

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ich zu
seiner Zeit
nicht ermangeln werde ihm zu
antworten
. Es betrifft

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einen Kasten den HE Lenz dort zurück gelaßen, und worüber ich schon einmal

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einen Auftrag erhalten, ohne eine Antwort. Die ganze Sache muß allein durch

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Hartknoch betrieben werden, bis zu deßen Zurückkunfft alles ruhen muß. Von

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diesem habe wenigstens erfahren, daß es mit seiner Gesundheit einen guten

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Fortgang haben soll und es ihm in Moskau wohl geht. Soviel sagen Sie dem

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Man
zu seiner Beruhigung, bis ich eine förmliche Antwort zu ertheilen

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imstande bin. Als ein Freund meines Gevatters Kaufmann und des mir lieben u

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werthen Ehrmanns werd ich das Meinige nicht unterlaßen. Lenz hat selbst ein

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paarmal an mich geschrieben – aber seit seiner Abreise von Riga nicht mehr.

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Nun ich habe auf Ihre Uebersetzung des Petrarchs bisher umsonst gewartet –

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Sind Sie bereits versorgt? Wie angenehm ist die Vorstellung HE Häfeli jetzt

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näher zu hoffen; denn an Ihre Alpen kann ich ohne Schwindel kaum denken.

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Mein Sohn lebt seit vorigem Sommer auf dem Lande etwa 4 Meilen von

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Königsberg, zu
Graventhin
bey einem sehr würdigen Mann als Gesellschafter

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seines einzigen Sohns, HE Kriegsrath Deutsch, wo beyde einen geschickten

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Hofmeister an einen nahen Vetter des berühmten Briegschen Rector Schellers

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haben, mit deßen Versorgung beide auf die Akademie hinziehen werden, wo sie

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diese Ostern eingeschrieben worden. – Der König hat se hiesigen Zollbediente

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und mich auch dadurch des einzigen
Emoluments,
deßen ich bey einem sehr

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mäßigen Gehalt genieße beraubt. Es bestand in Abgaben der Schiffer, und

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hatte den holl. Namen
Fooi
oder reindeutsch
Biergelder
. Er u seine Vorfahren

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haben diese Kleinigkeit widerholentlich als einen Theil unsers Gehaltes

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bestimmt
und
bestätigt
. Eine schreyende Ungerechtigkeit, die mein Auskommen

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auf das empfindlichste schmälert.
Hinc illae lacrumae!

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Da ich Ihnen etwas mehr Muße als meinen Freunden in Zürich zutraue, und

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ebensoviel Gefälligkeit: so wünschte ich ein Verzeichnis der Lavaterschen

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Physiognomien, neml. der anonymen, so viel es sich thun läßt, weil ich einem meiner

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ältesten u innigsten Freunde, wo ich heute Mittag und fast jede Woche einmal

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speisen muß, dadurch einen großen Gefallen erzeigen könnte.

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Die Rittergeschichte des Morzini, der als Virtuose im Predigen so viel Zeichen

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u Wunder gethan, wenn selbige nach der Schweitz u Ihnen in die Hände

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kommen sollte, ist von unserm würdigen Prof. der Moral u Politik, meinem alten

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Freunde
Kraus
. Kant arbeitet an einem
Prodromo
zur Moral, den er anfängl.

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Antikritik
betiteln wollte und auf Garvens Cicero Beziehung haben soll.

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In der neusten Litteratur bin sehr zurück und habe erst vor kurzem

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Döderleins
Dogmatik mehr zum Ansehen als Durchlesen bekommen können, die

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Ihnen vermuthlich bekannter u nützlicher seyn wird als mir alten Layen. Ein

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ander mal mehr! Ich umarme Sie unter den besten Wünschen und Grüßen an

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Ihren HErren Bruder, deßen 2ten Theil ich noch nicht zu sehen bekommen und

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in Erwartung einer gefälligen Antwort
Ihr treu ergebener
Freund und Diener

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Freund und Diener
Johann Georg Hamann.


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Adresse mit rotem Lacksiegelrest:

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An / HErrn Johann Georg Müller / Candidaten des heil. Ministerii / zu /

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Schafhausen

Provenienz

Druck ZH nach der überlieferten handschriftlichen Abschrift Arthur Wardas. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 63.

Bisherige Drucke

Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, III 10–12.

ZH V 139–141, Nr. 736.

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
140/14
Man
]
Geändert nach der Abschrift Wardas; ZH:
Mann
140/22
Graventhin
]
Geändert nach der Abschrift Wardas; ZH:
Graventihn