66
Johann Georg Hamann → Johann Ehregott Friedrich Lindner
Grünhof, vmtl. März 1756
65 ◀ ZH I ▶ 67
ZH I, 163



S. 164



5




10




15




20




25




30






35

Geehrtester Freund,

Meine Briefe jagen sich einander. Der Innhalt des jetzigen ist eine Bitte,
eine neue Bitte, bey der ich mich auf Ihre Denkungsart v. freundschaftl.
Gesinnungen was zu gute thue.
Ist es in aller Welt möglich, so besuchen Sie mich morgen früh. Wenn Sie
um 8 Uhr abfahren sind Sie in einer Stunde hier. Ich werde Ihnen die
Ursache sagen, v. warum ich auch so verfahre. Sie kennen mich und daß ich gegen
meine Freunde wesentl. Achtsamkeiten niemals vergeße, daß ich selbige mehr
in Handlungen als Worten zu bezeigen suche. Das übrige werde Ihnen bey
unserer wechselweisen Umarmung näher erklären.
Ich wollte gern das Ansehen eines freundschaftl. Besuches einem Dienste
geben, den Sie mir Amts wegen thun können. Unser gnädiges Fräul. hat ein
schlimmes Auge; des HE. General Excell. sind nach Weitenfeld verreist; ein
kleiner Punkt am Augapfel macht die Frau Gräfin sehr besorgt. Sie weiß sich
weder zu helfen noch wem Sie Ihr Vertrauen schenken soll. Gott weiß, ich
wollte nicht gern, daß dieser kleine liebenswürdige Engel an seinem Gesicht
Gefahr liefe. Thun Sie mir zu Gefallen v Liebe, diese kleine Spatzierfahrt.
Urtheilen Sie beßer von Leuten, die Ihnen noch zu unbekannt sind; von mir, wie
zu alten Zeiten.
Ich wünsche also nichts mehr als Ihren Besuch. Sie können wenigstens
Ihr Urtheil über diesen Zufall fällen v. einen WundArtzt vorschlagen, der in
dergl. Krankheiten glückl. v. am geschicktesten ist. Es ist mir lieber daß Sie
meinem Wink v einem zärtl. Triebe uns einander zu sehen als einen ordentl.
Ruf fordern. Das erste wird Ihnen keinen Anlaß geben misvergnügt zu
seyn. Sie können in einem Tage frühe genung zurückkommen um Ihre
Patienten noch alle zu besuchen. Ich kann Ihnen nicht alles sagen schreiben
was Ihnen mündlich zu sagen mir vorgenommen. Hundert andere
Angelegenheiten werden mir Ihren Besuch angenehmer machen.
Beyliegendes Buch schicken Sie zum Vetter mit der Entschuldigung, daß
selbiges unplanirt wäre. Er weiß daß ich keine solche Bücher halte, mit der
Anfrage was der vorige Band für die Historie der Constitution ◦   ◦ kostet.
Weil ich Sie morgen selbst zu sehen gedenke so werde keine Antwort als
eine persönl. v mündl. erwarten. Ich bin voller Erwartung voller Vergnügen
auf Ihre Umarmungen Dero ergebenster
Hamann.


In der größten Eil.
Es soll Ihnen um die wenigen Stunden, nicht leyd thun, die S wir hier
zusammen zubringen wollen.
Adieu. Kein Zwang! Lauter treuherzige Freundschafft v Freyheit!

Adresse mit rotem Lacksiegelrest
à Monsieur / Monsieur Lindner / Docteur en Medecine à / Mitow /
Mit einerm /Paudel Buch. /












Weitenfeld Landgut vmtl. 40 km südwestlich vom heutigen Dobele, Lettland [56° 37′ N, 23° 17′ O]
















Beyliegendes Buch nicht ermittelt
Vetter nicht ermittelt

unplanirt nicht gebunden

Historie nicht ermittelt













Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 3 (3).

Bisherige Drucke:
ZH I 163–164, Nr. 66.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
164/19 sehen als
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies sehen [folgen] als  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): sehen [folgen] als