PDF  Brief  /  Band
47
Mitau, 1. und 7. Juli 1755  ZH I, 118
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Bruder)
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ZH I, 118



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Mietau bey HE. D. Lindner. den 1 Jul. 1755.

Lieber Bruder und ewig werther Freund,

Laß uns zum Abmarsch blasen. Wir haben lange genung gestritten. Unsere
Arme sind entkräftet unsre Waffen abgenützt. Weder der Sold noch die Ehre
hat unsern Muth so lange erhalten. Der Himmel laße uns geübter v erfahrner
dieses Feld verlaßen v gebe uns zu unsern künfftigen Ausfällen mehr Glück
v Geschick.
Ich kündige Dir meine Abreise oder Flucht oder Rückzug, wie Du es nennen
willst, ziemlich martialisch an. Schade daß im Lande der Cosacken v.
Hottentotten keine Lorbeeren wachsen. Gesetzt Sie wären, Cäsar selbst würde seine
kahle Scheitel zu Gute für selbige halten.
Freue Dich, mein lieber Bruder, wir sind von uns. Commission loß. Man
hat schon einen, man will nicht daran, vielleicht würde ein verschriebener beßer
seyn. Vielleicht ist man klug, vielleicht ist man höflich, wenn man so redt.
Ich danke Gott. Wenn er mein Leben erhalten will, so wird er auch selbiges
Ihm v. meinen Nächsten zum Besten anzuwenden wißen andere Wege weisen
oder die Steine des Anstoßes aus dem Wege räumen, mein Herz oder meine
Umstände ändern. Wird jenes gebeßert; diese mögen so arg so tumm seyn
als sie wollen. Ich habe genung gewonnen; alle meine Wünsche sollen
alsdann erfüllt werden seyn. Denke ich unrecht oder handele ich anders als ich
denke. Wer hilft mir zu dieser Selbsterkenntnis. Ich schreibe in der grösten
Unordnung. Die Kutsche soll gleich kommen mich abzuholen; v muß also
abbrechen. Komme ich noch nach der Stadt; so geht dieser Brief ab; wo nicht
mit der ersten Post.

Montags oder den 7 Jul. 755.

Nun Gott Lob! meine Feßeln sind jetzt glücklich gebrochen. Den 1. war
Examen ganz unvermuthet v wir giengen nach Grünhof ab. Den 2 gieng ich
nach Mietau mit meinen Sachen zurück. Letztere werden schon in Riga seyn;
ich gehe heute in Gesellschaft des HE. Lieut. von Fölckersamb des Abends v
denke morgen früh an Ort v. Stelle zu seyn kommen.
Mein Nachfolger ist ein Rostocker v heist Attelmeyer; ein 30jähriger, 13 in
Kurland Hofmeister, er kennt die hiesige Luft v ist kein Lehrling in seinem
Handwerke. Ich habe mich mit ihm nicht näher einlaßen wollen daß ich mehr
von ihm urtheilen könnte.
Der Erinnerung meines lieben Vaters zu folge habe meinen Abschied so
gelind als mögl. zu machen gesucht. In Betrachtung seiner bin in einigen
Dingen leichter gewesen, als es meine Grundsätze v. Gemüthsart erlauben.
Die jungen HE. musten mich biß ins nächste Wäldchen begleiten v der älteste
war ziemlich wieder mein Vermuthen wehmüthig, der jüngste zärtlicher. Der
HE. General umarmte mich noch – – – –. Ich kann Dir nicht alles schreiben,
weil es lauter Kleinigkeiten betrift, die an sich sehr gleichgiltig sind. Um meine
liebe Eltern zu beruhigen ist dies hinlänglich daß ich alles gethan um auf eine
gute Art loß zu kommen. Daß ich dies als ein Glück ansehe; weil die
Gesinnungen von beyden Theilen nicht die beqvemsten waren. Man hat die
Niederträchtigkeit gehabt einen von meinen Briefen aufzufangen den ich an
einen guten Freund geschrieben hatte, daß man in demselben einige nicht gar
zu angenehme Wahrheiten angetroffen pp. daß ich alle Mühe gehabt meine
Heftigkeit über dies Verfahren zu unterdrücken, daß ich mich zieml.
überwunden auch einigermaßen gerechtfertigt, daß ich auf die Zeit appellirt, welche
die große Kunst verstünde Ihro …. zu bekehren pp.
Ich habe an meinem schwachen Magen in Mietau wieder ein wenig flicken
müßen; Gott Lob mit zieml. Erfolg, v. denke bald völlig dem Leibe v
Gemüthe nach hergestellt zu seyn. Jetzt eben erhalte meine Apotheckrechnung
von einem Manne, in deßen Hause ich unendl. Höflichkeiten genoßen v mir
kaum die Hälfte des Werthes der Recepte angesetzt. Mein lieber Vater wird
ihn auch gekannt haben. Er heist Hipperich v ist bey Hoppe wo ich nicht irre,
oder Haupt gewesen.
Ich wünsche Dir zu Endigung Deiner akademischen Arbeiten Glück wie
auch zu dem Vorsatz, den Du mir in 2 Worten zu verstehen giebst. Erkläre dich
doch darüber. Ich freue mich daß meine liebe Eltern dir noch einige Akademien
zu besuchen vermuthlich erlauben werden. Du wirst dazu über ein Jahr nicht
nöthig haben. Geh doch Göttingen nicht vorbey. Schreibe mir doch mehr
hierüber; wenn du v wie du diesen Entwurf auszuführen gedenkst.
Genung auf heute. Meine Verwirrung wird bald ein Ende nehmen. Dann
werde ich mit mehr Ruhe schreiben können. Küße unsern lieben Eltern in
meinem Namen aufs kindlichste die Hände v lege eine kräftige Vorbitte in
Ansehung meiner Wäsche ein. Ich glaube meine alte Mutter künftig hiemit auch
verschonen zu können. Ein paar gute engl. Scheermeßer wird Papa beylegen.
Leben Sie wohl. Grüße alle Freunde. Bleibe der Meinige dem Herzen
nach wie ich der Deinige bin. Ich wünsche Dir v allen Gesundheit v den Seegen
desjenigen, durch deßen Geist wir leben weben v sind. Ich umarme Dich v
ersterbe Dein treuer Bruder.
George.
Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)












einen neuen Hofmeister












































Hoppe nicht ermittelt

Haupt nicht ermittelt














Apg 17,28, vgl. die Bezüge auf diese Stelle in den Londoner Schriften (LS S. 298, 358, 369, 377, 402, 421, 431).



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (29).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 70–71.
ZH I 118–119, Nr. 47.