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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 10. Juni 1755
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Grünhof den 10 Jun. 1755,

Herzlich Geliebteste Eltern,

Ich kann es mir selbst zuschreiben, wenn ich so lange keine Nachrichten von
meinen lieben Eltern, an die ich täglich denke, v tägl. habe schreiben wollen,
bekommen habe. Wenn Ihnen mein langes Stillschweigen einige Sorgen
gemacht, bitte ich um Verzeyhung derselben. Meine Entschuldigungen liegen
bloß in Zeit v. Umständen. Die Cur, welche ich glücklich zu Ende gebracht, hat
mich ein wenig magerer aber Gott Lob! leidlich gesund zurückgelaßen. Man
ist hier auf die andern Güter gereist v ich erwarte sie diese Woche, bin daher mit
meinen jungen Heerschaften allein. Daher gehen seltener Gelegenheiten,
unordentlicher wegen der Feldarbeit v dieser Abwesenheit; sie kommen des
Nachts v sind mit anbrechendem Tage schon wieder auf dem Wege pp. Mehr
Aufsicht, weniger Einsamkeit, indem ich sie beständig um mir haben muß;
folglich verdrüslicher und müder dadurch ppp.
Mein lieber Vater haben mir neulich einen sehr langen Brief geschrieben;
in dem er Sie die glückliche Genesung seiner Ihrer Entkräftung mir
gemeldet v die Geschichte eines Freyers, des ehrl. Zinks, mir erzählen, dem ich
nebst seiner jungen Wittwe viel Glück v Seegen wünsche. Er wird doch wohl
mit seinem Nebenbuler in keine Verdrieslichkeiten kommen; ich wundere
mich, daß dieser Mensch sich noch in Königsberg aufhalten darf, von dem ich
lange geglaubt, daß er ich weiß nicht wo? wäre. Uebrigens, lieber Papa,
glauben Sie nur vor der Zeit ganz ruhig, daß die Ehrlichkeit da aufhört, wo der
Eigennutz anfängt, daß die meisten Menschen die vierte Bitte im Vater Unser
wie die jungen Raben thun, daß Gott auch ihre Stimme erhört, aber noch
weniger den Gerechten und seinen Saamen es an Brodt fehlen läst, v daß
wir uns bey geseegneten Bißen glücklicher als gemästeten Ochsen befinden.
Ich wünschte, v ich habe die Hofnung immer gehabt, daß Sie einen Entschluß,
den Sie schon so frühe gefast v. an den ich Sie jetzt nicht erinnern mag,
ausführen würden. Würden Sie nicht ruhiger leben können? Haben Sie an Ihren
Kindern nicht genung gethan, daß Sie selbige erziehen laßen? v. der Welt
Stadt zum Besternn im Großen genung gearbeitet. Sollten Sie sich nach
einem Stande nicht sehnen, wo Sie nicht von z so viel Leuten abhängen
dürfen, für deren Aufenthalt, Aufführung v. Geschicklichkeit sie arbeiten v
sich ärgern müßen, die sich selbst vielleicht mehr als Ihrem Herrn verdienen
v bisweilen mehr zerstreuen als einbringen? Wenn Sie jemandem alles
abtreten möchten, zu dem Sie Vertrauen hätten, würde der nicht andern die
Stange halten und bey Ihrem Namen sich die Gunst der Leute zu Nutz
machen v s Sie aller Verdrüßlichkeiten v entkräftender Geschäfte überheben
können. Sie scheinen mit demjenigen, der jetzt an Zinks Stelle getreten,
zufrieden zu seyn. Vergeben Sie mir, wenn mir dieser Plan jetzt noch möglicher
v. nöthiger scheint als Ihnen vor so viel Jahren. Ich glaube nicht, Sie
hiedurch beleidigt zu haben, daß ich mich dieser angenehmen Vorstellung eines
ruhigen Alters vor Ihnen so weit nachgehängt.
Meine liebe Mutter befindet sich GottLob gesund ich freue mich darüber; sie liebt
mich noch, ohngeachtet sie nicht an mich schreibt. Sie wird mir wenigstens bald
einen Aufsatz von Leinwand schicken, den ich hier noch wo es mögl. lieber als
später zu erhalten wünschte. Herr Vernizobre muß schon abgegangen seyn; ich freue
mich auf alle die Antworten, die er mir auf meine Fragen wird geben können.
Es ist mir lieb, daß mein Bruder fleißig ist. Ich werde ihm selbst ein paar
Worte beylegen. Die Gelegenheit eilt zum Abbruch. Ich habe zu einer
außerordentlichen Zeit schreiben müßen; weil selbige unvermuthet sich findt v bald
abgehen wird.
Gott schenke Ihnen Herzlich geliebteste Eltern, beyderseits Gesundheit. Wir
möchten vielleicht, so bald Ihre Excell. zu Hause können, nach Meyhof gehen;
addressiren Sie ihren Brief nach Mietau auf sicherste: abzugeben bey des HE.
D. Lindners HochEdelgeb. Lieben Sie mich, beten Sie, aber sorgen Sie nicht
für mich. Ich empfehle mich Ihnen mit einem tausendmaligen Handkuß v
bitte alle gute Freunde auch die Jgfr. Degnerinn zu grüßen. Mit der
kindlichsten Hochachtung nenne ich mich Ihren gehorsamst ergebensten Sohn.
Johann George Hamann.














Brief nicht überliefert


Zinks nicht ermittelt







vgl. Lk 12,24 u. Ps 147,9






























Meyhof Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof) in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]

Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (28).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 69–70.
ZH I 113–114, Nr. 45.