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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
November 1752
3 ◀ ZH I ▶ 5
ZH I, 9
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Sie haben Ihre Ungedult, GeEhrtester Vater, so öfters merken laßen die
Früchte Ihrer Erziehung, für die ich niemals erkenntlich genung werde seyn
können, an mir zu erleben; daß ich selbst derjenigen Lebens Art, die Sie mir
vorgeworfen haben, anfange überdrüßig zu werden. Ich habe mich daher
längst nach einem Wege umgesehen, der mich weiter führte, als wie ich bisher
gekommen bin. Es fehlt an nichts als an Ihrer Erlaubnis, daß ich mich jetzt
entschlüße. Ich halte es daher für meine Pflicht diese Erlaubnis schriftlich von
Ihnen zu erbitten, da ich eine Gelegenheit finde, die mit meinen Absichten und
Ihren Wünschen ziemlich übereinkomt. Erlauben Sie mir daher, Liebwerthester
Vater, daß ich mich mit derjenigen Offenherzigkeit erklären darf, zu der ich als
Ihr Sohn mich am meisten verbunden zu seyn halte.
Sie kennen die Neigung, die ich Ihnen mehr als einmal entdeckt habe; und
ich versichere Sie, daß ich niemals mit mir zufrieden seyn könnte, in welchen
Stand ich auch gesetzt würde, wenn ich auf der Welt seyn müste ohne von
derselben mehr als mein Vaterland zu kennen. Ich habe diesem Triebe zu reisen
gemäs mein Studieren eingerichtet, v mich daher nicht so wohl auf eine
besondere Wißenschaft, die mir zum Handwerk dienen könnte, sondern vielmehr
auf einen guten Geschmack in der Gelehrsamkeit überhaupt gelegt. So sehr
wir Ursache haben Gott für das Gute zu danken, das er uns durch Sie hat
zuflüßen laßen, so reicht doch weder ihr Vermögen da zu, daß ich meinen
Vorsatz auf Ihre Unkosten ausführen könnte, v ich halte mein Alter selbst noch
nicht reif genung dazu. Ich kann mich gleichfalls nicht schmeicheln in
Königsberg eine vortheilhafte Gelegenheit zu meinem Endzweck zu finden, weil dem
hiesigen Adel selbst diese Freyheit ziemlich beschnitten ist; eben so wenig kann
ich mir versprechen, so lange ich hier v. in meiner lieben Eltern Haus bleibe,
geschickt genung zum Umgange der Welt zu werden. Sie werden daher von
selbst einsehen, daß mir eine kleine Ausflucht am besten dienen würde, mich
selbst führen zu lernen, indem ich mich andere zu führen brauchen laße. So
schlecht das Vertrauen ist, das Sie mich auf meinen Verstand und mein Herz
zu setzen gelehrt haben; so darf ich doch nicht verzweifeln, daß die Freyheit
mich meiner Gemüthskräfte zu gebrauchen dieselbe verbeßern möchte. Diese
Freyheit zu denken v. zu handeln muß uns werth seyn, denn sie ist ein
Geschenk des Höchsten v. ein Vorrecht unseres Geschlechts, und der Grund
wahrer Tugenden und Verdienste. Gott selbst hat uns den Gebrauch derselben
zugestanden, v ich schmeichele mir, daß Sie dieselbe bey meiner Erziehung niemals
aus den Augen gelaßen haben; die Eingriefe, die ein Menschliches Ansehen
in unsere Freyheit thut, bringen uns entweder zu einer Unempfindlichkeit,
die niederträchtig oder verzweifelnd ist, oder zur Heucheley. Die Sittenlehrer
bestätigen diese Wahrheit mit dem Beyspiel ganzer Völker.
Der Herr Pastor Blank erkundigte sich bey mir, als er uns am Sonntage
besuchte, nach Bekannten von mir, die zwo Conditiones in Liefland besetz
annehmen könnten, die ihm zu besorgen aufgetragen wären. Die Wahrheit zu
sagen, ich dachte damals gar nicht an mich. Mein Bruder hat mich zuerst bey
dem Abschiede dieses guten Freundes auf den Gedanken gebracht eine
anzunehmen. Ich schlug mich daher den andern Tag selbst vor, v er nahm meine
Anerbietung mit Vergnügen an. Er setzte hinzu, daß er mit dem Herrn Belger
zwar an mich gedacht, aber sich nicht hätte unterstehen wollen diesen Antrag
selbst an mich zu thun. Er gedachte zugleich an die Schwierigkeiten, die ich bey
meinen Eltern finden würde fortzukommen, v. besondern an das Vorurtheil
meines lieben Vaters, das ihm bey seiner Abreise aus Königsberg am meisten
im Wege gestanden hätte, aber an seinem dortigen Glück nicht gehindert
hätte. Er hat es in meine Wahl gestellt, ob ich die Condition für 200
Albertsthrl. oder für 80 mir vorbehalten wolte. Die vortheilhafte Beschreibung, die
er mir von dem Herren der ersteren machte hat die Schwierigkeit einer solchen
Anführung, die philosophisch seyn soll v. zu einem Hirngespinste ausschlagen
könnte, bey mir nicht überwogen. Ich habe mich daher lieber zu der kleinsten
entschlüßen wollen. Meine Absicht ist bloß eine Probe meiner eigenen
Aufführung zu machen; um eine Beförderung ist mir weder in Rußland noch in
Liefland zu thun. Es wird mir wie ich glaube, dort an Zeit nicht fehlen in
Wißenschaften dasjenige nachzuhohlen, was ich noch nicht weiß, oder bey
meiner jetzigen LebensArt wieder vergeßen habe; v. nächstdem auf eine
Gelegenheit zu lauren, die mich im stand setzt, mit Beqvemlichkeit v. Nutzen die
Welt zu sehen. Ein junger D. Juris aus Leipzig hat eine Condition unter eben
dieser Bedingung dort, von der er 250 Albertsthrl. jährlich zieht; seine
Wißenschaft v Aufführung machen ihn allenthalben beliebt.
Ich glaube, daß ich Ihnen alle diese Vorstellungen nicht umsonst, GeEhrtester
Vater, gemacht haben werde. Eine Veränderung des Orts v. der Lebens Art ist
mir bey meinen jetzigen Jahren v nach meinen Umständen unentbehrlich. Nichts
wird mich bewegen mich hier in etwas einzulaßen, das mich an Königsberg
binden solte. Ich werde hier zu nichts weder Geschicklichkeit noch Lust jemals
bekommen. Wenn gewiße Neigungen gar zu tief in uns stecken, so dienen sie öfters
der Vorsehung zu Mitteln, uns glücklich, wo nicht doch klüger zu machen. Ich
weiß, daß Ihnen an dem einen bey mir so viel gelegen ist als an dem andern.
Ihre Zweifel, die Sie gegen diese Reise hegen werden, sind, wie ich gewiß
versichert bin, in Ihrer Liebe zu mir gegründet. Für einige derselben dank ich
Ihnen, v. einige erkenne ich für eben so wichtig wie Sie. Ich gestehe es, daß
mir die Ausübung vieler guten Lehren, die Sie mir gegeben haben, schwer
werden wird, weil ich sie lange aufgeschoben habe. Ich gebe Ihnen viele
Schwierigkeiten zu, die sich mir unter der Hand entdecken werden, ohne daß ich
an sie gedacht habe. Alles dieses muß ich mir auch bey der glücklichsten
Veränderung zum Voraus versprechen; es dürfte mir aber nicht so beschwerlich
werden, als wenn von Ihrer Seite weniger v von meiner mehr Zweifel wären;
weil unsere eigene Wahl uns muthiger in unseren Unternehmungen macht.
Ehe mich daher die Noth treiben solte Königsberg zu verlaßen v. vielleicht auf
ein Gerathewohl, das mislicher als diese Entschlüßung wäre; so glaube ich
doch, daß Sie diesen Weg vorziehen werde[n]. Wenn unsere Einbildung nicht
mit dem Ruff Gottes zu spielen gewohnt wäre, so würde ich Ihnen eine
gewiße Uebereinstimmung zu Gemüth führen, die Gott bey dem Schicksal der
Menschen zu beobachten pflegt. Der Herr Pastor Blank ist ein Mann, den ihre
Neigung Gutes thun, worinn ich Ihnen ähnlich zu werden wünsche, in
unserm Hause zu unsern Freunde gemacht hat. Er ist unter bösen Ahndungen von
Ihnen aus Königsberg gegangen v komt jetzt mit beßern Erfüllungen zurück.
Es scheint, als wenn er durch mich Ihnen Ihre Freundschaft zu vergelten
hieher gekommen wäre. Ihre Einwilligung auszuwürken hat er mir überlaßen,
v diese Behutsamkeit konnte ich ihm nicht verdenken. Mir selbst hat er auf sein
Gewißen gegen meine Entschlüßung nichts einzuwenden gehabt, v. an dem
Charakter der Dame weiß er nichts als ihren Geitz auszusetzen, der durch die
Aufführung des vorigen Hofmeisters verwöhnt wäre.
Wenn Sie die Vortheile dazu nehmen ihn zum Reise Gefährten unterweges,
v. dort zur Gesellschaft, so offt ich es mir gefallen laßen will, zu haben, weil
er nur eine viertel Meile davon entfernt ist, wo ich mich aufhalten werde;
wenn Sie die Nähe des Orts von Riga, einemr Ort Stadt, gegen die
mein Vorurtheil nicht so stark als ihres ist, weil ich jederzeit gute Freunde aus
derselben bekommen habe; wenn Sie bedenken, daß Berlin aus ungleich
stärkern Gründen Ihnen wenigstens noch einmal so gefährlich einmal
vorkommen wird, v daß die ganze Welt im Argen liegt, wenn Sie bedenken, daß
Ihnen Ihr Sohn durch eine gute Aufführung in der Fremde zehnmal lieber
seyn wird als hier bey dieser LebensArt, in der ich weder in Sitten noch
Einsichten so wachsen kann, als ich es selbst von mir wünsche; so werden Sie
wenig Herzhaftigkeit brauchen Ja zu sagen, v. meine Mutter wird sich eben
so gut zu finden wißen.
Wenn von des Herrn Pastors Seiten nichts vorfällt, das diesen Anschlag
zurücke treibt; so werden Sie mir erlauben, daß ich ihm Ihre Entschlüßung
nächstens entdecken kann. Er hat mich darum gebeten, damit er wegen der
Reisekosten, die in 15 thrl. bestehen sollen, schreiben kann. Wolten Sie auf die
Ausstattung Ihres Sohns noch etwas wenden; so wird solche in einigen
Büchern, einigen historischen Compendiis v. juristischen Handbüchern, einer
guten Laute wenn es möglich ist, v. einem guten Reiserock, wenn Sie es für
nöthig halten, bestehen. Ich werde mir den ersten den besten Weg gefallen
laßen müßen Königsberg v. meinem Verdruß, der mich gegen alles Gute
zuletzt unempfindlich machen wird, zu entfliehen; wenn Ihre Gründe so
erheblich seyn solten mir eine abschlägige Antwort zu geben. Werden Sie Ihre Güte
biß auf das letzte Werk meiner Erziehung erstrecken; so werde ich nichts von
Ihrer väterlichen Liebe zwar mehr fordern, aber eine ewige Dankbarkeit gegen
dieselbe aufbehalten, die mir Ihr Andenken Zeit Lebens werth machen wird.
Diese Zufriedenheit wird sich in Glück v. Unglück biß auf die Vorsicht selbst
v. Ihre Wege erstrecken. Solte selbige härter gegen mich werden, so will ich
mich trösten, daß sie sonst gütiger gegen mich gewesen ist. Ihr Gebet wird mir
bey Gott übrigens gute Dienste thun, wenn ich nicht verdienen solte von ihm
erhört zu werden. Ich will weder Sie noch mich wehmüthig machen. Erlauben
Sie daher mich noch zu nennen mit kindlicher Hochachtung zu nennen, Dero
ergebensten Sohn.








































Conditiones Stellungen als Hofmeister












Albertsthrl. 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt.



kleinsten wahrscheinlich bei der
Barbara Helene v. Budberg
auf Gut Kegeln









































Dame wahrscheinlich
Barbara Helene v. Budberg




viertel Meile
Johann Gottlieb Blank
war Pfarrer in Papendorf

des Orts Gut Kegeln































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (1).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 245–252.
ZH I 9–12, Nr. 4.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
11/32 Gutes thun
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Gutes [zu] thun  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Gutes [zu] thun