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Johann Georg Hamann → Joseph Johann Baron von Witten
Riga, November 1758
ZH I, 278
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Lieber Herr Baron,

Hier haben Sie die verlangten Verse, an deren Wiedererinnerung Ihnen
scheint gelegen zu seyn:
O möcht ich, so wie ihr, geliebte Bienen seyn,
An innerm Geiste groß, obwohl von Körper klein!
Möcht’ ich so schnell wie ihr; so glücklich im Bemühen,
Der Wißenschaften Feld, so weit es ist, durchziehen:
So stark durch Emsigkeit, als fähig durch Natur
Von Kunst zu Künsten gehn, wie ihr von Flur auf Flur;
Bemüht den treuen Freund durch Nutzen zu ergötzen,
Bereit dem kühnen Feind den Angel anzusetzen.
Wie sehnlich wünscht mein Herz, daß jetzt mein Schulgebäu
An Kunst und Ordnung reich, wie eure Cellen, sey,
Daß meines Umgangs Mark, wie euer Honig, flüße,
So nahrhaft für den Geist, als wie für die Sinnen süße.

Erinnern Sie sich, mein lieber Baron, daß von Ihrem jetzigen Schulfleiß,
das künfftige Gebäu Ihres Glückes abhängt, der späteste Genuß Ihres Lebens
welchen Sie selbst und andere einmal davon haben sollen. Derjenige, von dem
jene kleine Insekten ihre Bau-kunst und Cellen-Ordnung her haben, lege den
sehnlichen Wunsch des Dichters auch in Ihr Herz, und erhöre denselben aus
Ihrem Munde! Ich wage es diese Erinnerung Ihrem Gemüth noch ein
etwas tiefer einzudrucken, gesetzt daß ich Ihnen auch vorkommen sollte
seit meinen jüngsten Briefe auf einmal um ein Jahrhundert älter und
ernsthafter geworden zu seyn. Die Schule, in der an Gott gedacht wird, ist so
gesegnet als das Haus des Egypters, wo da Joseph aus- und ein-gieng.
Sonst arbeiten umsonst, die an uns bauen, mein lieber Baron; sonst
wachen die Wächter umsonst über unsere Seelen. Gott hilft einem Noah an
seinem Kasten, einem Moses an seiner Stiftshütte und einem Salomo an
seinem Tempel. Als ein Mensch unter uns, hieß er des Zimmermanns
Sohn. Ich könnte Ihnen mein eigen Beyspiel zum Beweise anführen,
daß Er den Wehmüttern, die ihn fürchten, noch heute Häuser baue. Laßen
Sie ihn daher an Ihrem Schulgebäu Antheil nehmen, so wird die Mühe
Ihres treuen Lehrers anschlagen, und die Erndte für Sie desto einträglicher
und gesegneter seyn.
Folgen Sie mir jetzt, mein lieber Baron, in Aesops Garten, deßen Anmuth
an keine Jahres-Zeiten gebunden ist. Ein kleiner Spatziergang wird uns gut
thun auf die starken Wahrheiten, womit ich Sie unterhalten habe. Wir
kommen eben zu rechter Zeit, um ein Gespräch der Frau Gärtnerinn mit
einem Honig-Fabrikanten abzulauschen.

Eine kleine Biene flog
Emsig hin und her, und sog
Süßigkeit aus allen Blumen.

„Bienchen!„ spricht die Gärtnerinn,
Die sie bey der Arbeit trift
„Manche Blume hat doch Gift
„Und Du saugst aus allen Blumen?„

„Ja„ – sagt sie zur Gärtnerinn,
„Ja – das Gift – laß ich darinn.„

Sie werden so gütig seyn Sich dieser Biene bey Lesung meiner Briefe zu
erinnern, und gegenwärtige Fabel als eine Antwort auf einige Stellen Ihrer
letzten Zuschrift anwenden. Nach einem unterthänigen Empfehl an die
Gnädige Frau Reichs-Gräfinn und des HErrn Generals Excell. Excell. und
den verbindlichsten Grüßen an Fräulein Schwester und den kleinen Baron,
verharre mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit Dero ergebenster Diener.
Hamann.


Riga den Nov. 1758.
Ihre Briefe sind so gut buchstabiert, daß ich mich darüber freue. Ich wünsche
Ihnen, mein lieber Baron, von Herzen Glück dazu, und verspreche Ihnen,
wenn Sie darinn fortfahren, eben einen so guten Erfolg in der Kunst zu
denken, Ihre Gedanken auszudrücken – – ja in der wichtigern und größeren
Kunst zu leben. Sapienti sat – wird ein Gönner von mir in seinem Herzen
sagen, und mit Augenmaaß, aufmerksamen Sinnen zu einer anderen
Abschrift sich Zeit nehmen.



»An die Bienen« von
Johann Nicolaus Götz
; es waren von dem Gedicht versch. Versionen veröffentlicht. Brief Nr. 124 (ZH I 267/12)








Schulgebäu wohl Ersetzung Hs. statt »Melodey«


Daß meines Umgangs Mark wohl Ersetzung Hs. statt »Und mein gelindes Lied«














Noah 1 Mo 7,1
Wächter ... Ps 127,1

Salomo 1 Kön 6
Moses 1 Mo 25ff.













»Die Biene« aus
Gleim, Fabeln














Zuschrift nicht überliefert











Sapienti sat lat. sprichw. für: für den Verständigen genug



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 42.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 331–334.
ZH I 278–280, Nr. 129.