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Johann Georg Hamann → Joseph Johann Baron von Witten
Riga, 4. Oktober 1758
ZH I, 262
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Mein lieber Baron,

Apollo aurem vellit, sagt ein römischer Dichter. Das heißt nicht: Apollo
kratzt sich hinter den Ohren. Solche Sitten laßen sich an einen ehrlichen Bauren,
einen kranken Briefsteller, oder unachtsamen Schüler übersehen; schicken sich
aber für keinen Apoll. Apollo aurem vellit, heißt: Der Apoll zupft den
Dichter beym Ohr. Ist denn dies artiger? werden Sie sagen. Sie haben freylich
nicht gantz unrecht. Ist aber Apoll allein zu tadeln, wenn es der Poet darnach
macht. Diese Leute, ich meyne, die Poeten haben bey ihren großen Gaben auch
ihre lieben Mängel. Sie sind zerstreut, gutherzig in ihren Versprechungen,
aber auch vergeßam sie zu erfüllen – – können Sie es nun dem Apoll
verargen, wenn er ein wenig vertraut mit seinen Freunden umgehen muß?
Wollen Sie so gut seyn und im Namen des Apollo, aber auf eine
liebreichere Art Ihren Herrn Bruder fragen; warum er mir mit dieser
Gelegenheit nicht den Topf mit Honig geschickt, zu dem er mir den Mund in Grünhoff
wäßericht gemacht hat? Apoll wird sich rächen und ihm seine Eingebung zu
den Briefen versagen, die er mir schuldig ist. Apoll wird ihn durch mich
züchtigen, und mir an statt Süßigkeiten, herbe und bittere Worte einflüstern. Ich
werde ihm wieder meinen Willen gehorchen müßen, und Ihr Herr Bruder
wird sehen, mit wem er es zu thun hat. Apoll möge sich selbst für Ihre gute
Unterhandlung in dieser Sache, mein lieber Baron, gegen Sie erkenntlich
und gefälliger bezeigen! Die Bildsäule der schönen Künste v Wißenschafften
führt seinen Namen.
Vermelden Sie meinen unterthänigen Respect an der Hochgebornen Frau
ReichsGräfin und des HErrn Generalen Excellence Excellence, und
erkennen mich als Dero aufrichtig ergebensten Diener.
Riga. den 4. Octobr.
Hamann.

1758.

Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Joseph le Baron / de Witten / à / Grunhoff.

Apollo aurem vellit dt.: Apoll zupft den Dichter am Ohr,
Verg. ecl.
6,3f.





























Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 39.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 308–310.
ZH I 262–263, Nr. 121.