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Johann Georg Hamann → Peter Christoph Baron von Witten
Riga, vmtl. September oder Oktober 1758
ZH I, 255


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Gütiger Herr Baron,

Ich danke Ihnen für die Gefälligkeit, womit Sie sich zu meinen Einfällen
beqvemen. Da ich mir Ihren Nutzen zum Endzweck unsers Briefwechsels
gesetzt; so werden Sie mir eine freye Beurtheilung desjenigen Schreibens,
das ich die Ehre gehabt von Ihnen zu erhalten, nicht übel deuten können.
Erlauben Sie mir, lieber Herr Baron, bey dem Äußerlichen den Anfang
zu machen. Dies ist das leichteste und einfachste bey einem Briefe; der
Wohlstand und der Gebrauch hat darinn eine gewiße Ordnung eingeführt, worinn
wir nicht unwißend noch nachläßig seyn müßten. Nach diesem
Handwerksleisten und Schlendrian allein zu schreiben, ist aber mehr Schulfüchserey denn
Wißenschafft. Der gute Geschmack besteht sehr offt in der bloßen
Geschicklichkeit Ausnahmen von Regeln anbringen zu wißen; und es gehört zu Ihrem
Stande, sich bey Zeiten zu einem feinen Urtheil im Anständigen und in
Achtsamkeiten zu gewöhnen.
Wenn sich der Innhalt meiner Briefe, und der vertrauliche, offenherzige,
freundschafftliche Ton, in dem ich mir vorgenommen Ihnen zu schreiben, mit
dem förmlichen Zwange und Zuschnitte der Curialien zusammenreimte; so
würde ich ein Muster von Ihnen nehmen. Jetzt muß ich selbiges aber zu
Ihrem und meinem Nachtheil auslegen. Entweder Sie sind zu steif sich in
die unschuldige Freyheit und Ungebundenheit zu schicken, in der ich mit
Ihnen umgehen will, oder Sie haben mir einen künstlichen Vorwurf daraus
machen wollen, daß ich mir selbige gegen Sie herausnehme, und ohne rechten
Titel auch viel zu hoch nach meinem Stande meine Briefe an Sie anfange,
oder Sie wollen mir einen kleinen Betrug spielen, um mir die Kürze Ihres
Schreibens nicht merken zu laßen.
Ich habe Ihnen schon gesagt, daß die Sprache, die wir in unsern Briefen
mit einander führen wollen, sich nicht zu den Schau-Gerichten gedrechselter
Höflichkeit schicke. Sie sollen ein Beyspiel davon aus den ersten Zeilen Ihres
eigenen Briefes haben. Ist ein HochEdelgeborner Herr wohl vermuthend mit
einer Nachricht von offenen Munde angeredet zu werden? Ich traue Ihnen
so viel Geschmack zu, das darinn liegende Misverhältnis empfinden zu
können. Dieser Einfall würde seine rechte Stelle gehabt haben, wenn er auf einen:
Mein Herr, oder auch Wehrter Freund, gefolgt hätte. In dem Mangel eines
solchen Urtheils und Empfindlichkeit über das Anständige liegt der Grund,
daß man einem Schmeichler und bloß höfflichen Menschen so selten eine gute
Lebensart zuschreiben kann. Wer wird nach den Schönheiten des Witzes und
der Beredsamkeit auf Stempel-BogenPapieren suchen?
Jetzt komme ich auch auf Ihr Schreiben selbst, und muß mich gleich
Anfangs darüber beschweren, daß Sie mir zu hoch schreiben. Ungeachtet aller
meiner Mühe ist es mir nicht möglich gewesen Sie zu verstehen, wenn Sie
zur Entschuldigung Ihres Stillschweigens einen Schlag anführen, der
anderswohin traff, als Sie sichs vorstellten. Ich weiß nicht ein lebendig
Wort von dem, was Sie mir hiemit sagen wollen. Sie wollen mir entweder
Absichten und Gedanken aufbürden, die mir niemals in den Sinn gekommen;
oder sich vor der Zeit in witzigen Wendungen üben. Was die ersteren
anbetrifft, so werden Sie so gütig seyn mir immer die besten und unschuldigsten
zuzutrauen, besonders gegen Sie, lieber Herr Baron; was die letzteren
anbetrift, so glauben Sie nicht, daß die Güte einer Schreibart hauptsächlich in
Briefen darinn besteht. Deutlichkeit, Einfalt des Ausdrucks, Zusammenhang
sind mehr werth als drey seltene Worte und noch einmal so viel sinnreiche
Einfälle. Was für ein Aufhebens machen Sie mir von einer Schulfüchserey,
die man analysiren nennt? Sie geben mir bey dieser Gelegenheit die Ehre mich
einen Freund zu nennen, sehen mich als einen Bürgen für den Nutzen dieser
Uebung an, und ich als ein Freund soll desto mehr Antrieb seyn dem
analysiren zu folgen
. In allen dem ist weder rein deutsch noch ein rechter Sinn.
Endlich heißt es: Meine Meynung ist – – und an statt derselben kommt ein
kleines rundes Unding zum Vorschein, das man wo ich nicht irre, eine
Definition nennt. Und mit diesem Gerippe von einer Maus (Sie wißen daß jener
kreischende Berg eine hervorbrachte, die wenigstens Fleisch und Fell hatte) ist
die Frage beantwortet, worinn der Beruff bestehe? Das übrige, was Sie mir
sagen, läuft auf entferntere Betrachtungen hinaus, davon einige eine so
trotzige Miene haben, als des Euclides seine Axiomata und Theoremata.
Uns Schulmeistern müßen Sie ein wenig Gelehrsamkeit und den Gebrauch
der Kunstwörter eher als Sich Selbst erlauben. Oeil wird mit einem einzigen
l geschrieben, weil oculus das Stammwort ist. — Wer mit Hintansetzung seines
Beruffs sich um fremde Sachen bekümmert, kann leicht lächerlich oder
lasterhafft werden; oder kann sich leicht lächerlich und unglücklich machen. Das
Wort abscheulich ist zu hart. Das erste traf einen Abt St. Pierre – – Ich habe
weniges von seinen Schrifften gelesen, weiß aber, daß selbst Staatsmänner
mit Bescheidenheit und Hochachtung von seinem Herzen geurtheilt haben;
daher würde ich mich unbestimmter ausdrücken, und lieber sagen: das erste
soll an einen Abt eingetroffen seyn. – – Das letzte an einen andern Gelehrten,
deßen Name mir jetzt nicht beyfällt; der aber vor seinem Ende ein Distichon
hinterließ, worinn er die Lehre gab: Fuge Polypragmosynen. Ich habe nicht
mehr Raum, muß daher abbrechen. Entschuldigen Sie meine freye
Beurtheilung, v sehen Sie solche als eine Wirkung der Freundschafft an, mit der ich
verharre Dero ergebenster Diener
Hamann.



Schreibens nicht überliefert













Curialien Titel, Anredeformen, formelle Schlusssätze etc.









































Maus ... Berg vgl.
Hor. ars
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Charles Irenée Castel de Saint-Pierre
, der 1718 für seinen ›Discours sur la Polysynodie‹ aus der frz. Akademie ausgeschlossen wurde.




Gelehrten
Johann Funck

Distichon überliefert etwa in Allgemeine und Neueste Welt-Beschreibung aus Johann Caspar Funckens hinterlassenen MSC (Ulm 1739), Sp. 3765; übers.: Fliehe den Hochmut.






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 34.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 315–319.
ZH I 255–257, Nr. 118.