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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Riga, 5. November 1755
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Riga den 25. Octobr. alten Styl. 1755.

Herzlich Geliebteste Eltern,

Ich bin Gott Lob! mit meinem Magen völlig wieder beßer und mit meinem
Kopf wieder ausgesöhnt. Ungeachtet ich keine Schmerzen an dem letzteren
weiß; so befinde doch immer eine Dummheit und Schläfrigkeit in demselben,
wenn der erste verdorben ist. Mein letzter Brief war in einem Augenblicke
geschrieben, in dem mich meine Hypochondrie mehr als jemals qvälte. Seit
14 Tagen hat mich selbige ziemlich verschont, ungeachtet ich mehr als sonst
geseßen. Sie sehen selbige vermuthlich, Geliebtester Vater, für Anfälle des
Heimwehes an. Und Ihre Bitte umzukehren soll vermuthlich das Hülfsmittel
seyn, welches Sie mir für meine Krankheit vorschlagen. Beruhigen Sie sich
daß ich gesund und kein Müßiggänger bin. Würde ich Ihnen lieb seyn, wenn
ich zu Hause das Gegentheil von beyden wäre? Womit kann ich Ihr Alter
unterstützen; vielleicht mit neuen Sorgen für mein Glück befördern, für ein
Glück, das ich nicht dafür erkennen kann. Ich überhebe Ihnen jetzt dieselben,
entschlagen Sie sich selbst solcher, die mir meine Tage bisweilen betrübter
machen, wodurch Sie nichts erreichen, und die Ihrer und meiner Ruhe
nachtheilig sind. Die Erde ist des Herren, seine Gegenwart und die Vorstellung
meiner Pflichten, denen ich lebe, möge mir allenthalben gleich nahe seyn.
Können Sie mich für Laster und Unglücksfälle hüten? – – Vergeben Sies
mir, herzlich Geliebteste Eltern, wenn Ihnen meine Denkungsart ein wenig
zu hart und eigensinnig zu seyn scheint. Ich erkenne mehr als zu sehr die
Zärtlichkeit, die der Grund Ihrer Vorstellungen und Wünsche sind,
Wohlthaten, die unsere Leidenschaften andern aufdringen, wo wir nicht den Sinn
des andern sondern allein unsere Liebe zu Rathe ziehen, kann man solche
Wohlthaten nicht verbitten ohne undankbar ohne ungehorsam zu seyn. Sie
wißen meine Absichten warum ich Sie, liebste Eltern, verlaßen, ich sage nicht,
mein Vaterland verlaßen, weil ich mit Ihnen hierinn in gleichem Fall bin.
Sie wißen daß selbige noch nicht erreicht worden. Wenn derjenige, der sich
etwas vornähme, nach einigen Versuchen sich sein Vorhaben gleich vereckeln
ließe nicht Ihr Sohn wäre, würden Sie ihm dies zum Guten oder zum Besten
auslegen!
Ich bin der Welt nicht unnütz gewesen; ich habe einen guten Saamen
wenigstens in jungen Gemüthern auszusäen gesucht, die s mich der
vielleicht später meine Redlichkeit belohnen weirden. Mit voriger Post
habe aus Curl. einen Brief erhalten, der mich ein wenig aufgemuntert. Man
wünscht nicht nur meinen Nachfolger loß zu werden, sondern soll sehr oft
sagen: wenn doch H. noch bey uns wäre! Man hat mir eine unverdächtige
Probe von dem jüngsten beygelegt um mir zu beweisen, daß man nicht die
Absicht hat mich zu schmäucheln, sondern daß es sehr natürlich sey, wenn man
mir Gerechtigkeit wiederfahren läst. Vielleicht würde mein Glück schon fertig
seyn, wenn ich theils niederträchtig, theils nachläßiger gegen mich selbst und
andere hätte seyn können. Mein weniges Vertrauen auf mich selbst, meine
Furchtsamkeit meine Schwierigkeit mir v andern genung zu thun, der
Eindruck den ich von Menschen bekommen habe, die ich nicht anders als
bedauren, verachten v haßen habe können, daß ich selbst unter diese Menschen
gehöre, daß man so oft wieder seinen Willen v aus Schwäche ihnen nachgeben
muß, haben mich leutscheu, unumgänglich gemacht, demüthigen und nähren
wechselsweise meinen Stoltz, entfernen mich von der Welt gegen andere
Triebe, die mich zu selbiger anziehen.
Würden Ihren Sohn Freunde noch lieben, die in ihrer Wahl so zärtlich
sind, die ihn seiner Fehler wegen so wenig genüßen können, daß er sich selbst
noch wundert, wie er welche haben v. erhalten kann, die ihn aufsuchen wenn
er sich Ihnen entziehen will. Sehen Sie womit ich mich tröste, wenn ich mir
selbst unerträglich bin? Da ich mir selbst so viel Unruhe auflege, warum
vermehren Sie Liebste Eltern selbige durch Vorwürfe, durch Klagen und
Zumuthungen, die mich noch verlegener machen, weil ich nicht weiß, womit ich
selbige beantworten soll. Ich habe noch Herz genung mehr zu erfahren, mehr
zu leiden, mehr zu übernehmen; unterdrücken Sie selbiges nicht. Ihr Beyfall
soll mich beleben und Ihr guter Rath auf dem Wege den ich mir gewählt,
forthelfen und nicht aufhalten.
Wenn Sie den Verdacht haben daß ich meinem lieben Freunde dem M.
beschwerlich bin; so thun Sie ihm theils Unrecht, theils mir. Ich kenne meine
Freunde, und werde sein Schuldner nicht bleiben. Ein anderer hat mir seine
Stube angeboten wenn ich die geringste Ursache oder Lust hätte ihm diesen
Verdruß zu machen. Ein ganzes Haus würde mich mit vielen Freuden
aufnehmen. Auch diese Besorgnis, imfall Sie selbige haben sollten, wird Ihnen
bald benommen seyn; weil ich im Begrif bin mich zu verändern. Ich habe
meine Entschlüßung, auf die man dringt, aus einigen Ursachen nur noch
aufschieben müßen. Sie sollen selbige aber mit nächsten erfahren. Es ist mir ein
Haus vorgeschlagen worden, welches mit unter die besten im Lande gehört,
ein einziger junger Herr, Ich will mich auf eine ganz freye und ungebundene
Art einlaßen. Ist er nach meinem Sinn; so würde ich weniger Jahre als
Jacob wenigstens brauchen und meine liebe Eltern wenigstens, wenn ich mich
ein wenig festgesetzt, auf eine anständigere v. leichte Art besuchen können. Die
Verbindung mit Ihnen auf der Post würde mir eben so beqvem seyn
ohngeachtet ich weiter aufrückte, v dem Ort, den ich noch immer in diesen
Gegenden zu sehen wünsche, etwas näher. Genung hievon.
Meine liebe Mutter erkundigt sich wegen der Wäsche. Eins von den
Unterhemden habe schon angehabt v es hat nichts daran gefehlt. Die Plätthemde
schone ich noch v ich hoffe daß S sie eben so gut paßen werden. Ich will
schreiben, wenn ich die Probe dazu machen werde; in Riga schwerlich. Für
Ihre Sorgfalt küße Ihr kindlichst die Hände.
HE. Berens dankt freundschaftl. für Ihr gütig Andenken v hat mir seine
Gegengrüße aufgetragen. HE. Gothan sehe sehr selten; seine Fr. Schwester
ist heute bey uns mit dem jungen HE. P. Gericke, den ich nebst seinen Eltern
sehr hoch schätzen muß. Die redlichsten Alten von der Welt.
Man hat mich schon unten nöthigen laßen zur Gesellschafft zu kommen. Ich
nehme also Abschied um noch an meinen Bruder zu schreiben. Gott erhalte
meine liebste Eltern gesund. Ich verspreche mir von meinem lieben Vater
einen Brief in dem er einen Wiederruff seines letzteren thun wird. Möchte er
gleich kürzer als der letzte seyn; so würde ich mich freuen, wenn der Innhalt
dieser wäre: „Mein lieber Hans, ein eigensinniger Junge bist du allemal
gewesen; wenn es nun aber dein Ernst ist ein ehrlicher Kerl zu bleiben: so
kannst Du allemal von Deinen Eltern versichert seyn, daß Sie so einen Sohn
lieber in der Fremde haben wollen als einen Sch… in ihrem Hause zu
ernähren. Dein Exempel soll uns wenigstens lehren, daß wir deinen Bruder
nicht eher loß laßen, biß er diejenige Freude erfüllt, die wir an Dir zu sehen
wünschten. Halte Wort und lebe wohl.“ Ich will beydes thun Liebste Eltern,
indem ich Ihrem Andenken und Ihrer Liebe empfehle. Ich bin zeitlebens Ihr
erkenntlichster Sohn
Johann George Hamann.
greg. 5.11.1755



































Brief von den v. Wittens






























Haus wohl das der Familie Berens





eine neue Stelle als Hofmeister; nicht ermittelt, in welchem Haus



Jacob vmtl. Anspielung auf Jakobs 20jährige Dienstzeit bei Laban 1 Mo 31











seine Fr. Schwester
Sophie Johanna Schultz


















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (30).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 263–267.
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 74–76.
ZH I 121–123, Nr. 49.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
123/27 indem ich Ihrem
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies ich [mich] Ihrem  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): indem ich [mich]