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Gottlob Jacob Sahme → Johann Georg Hamann
Berlin, 20. August 1751
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Werthester Freund.

Sie sind rachgierig? Nimmermehr hätte ich solches von Ihnen vermuthet;
und auch jetzo, da Sie es selbst bekannt haben, kann ich es noch nicht glauben.
Wie? Sie sind mit der mir so empfindlichen Strafe, da Sie mich so lange auf
Ihre Antwort hoffen lassen, noch nicht zufrieden. Sie begehren gar, daß ich
Ihnen wegen eines ich weis nicht wodurch erregten Schreckens, eine förmliche
Abbitte thun soll. Dies wird nicht geschehen. Ich werde vielmehr schelten.
Warum gehen Sie auch so unbarmherzig mit ihrer Tochter um. Was hat
dieses liebenswürdige Kind Ihnen gethan, daß Sie es nicht für das ihrige
erkennen wollen? Sie thun gar so unschuldig, als ob es nach der Chronologie
nicht möglich wäre, daß dieses Mädchen Ihnen angehören könnte. Wofern
Sie bey ihrem halsstarrigen Leugnen bleiben, so werde ich mich genöthigt
sehen, Sie gerichtlich zu belangen. Ich will Ihnen im Vertrauen bekennen,
daß ich mich mit diesem schönen Kinde schon verlobet habe, und Sie werden
mich doch wohl hoffentlich zu ihrem Schwiegersohne annehmen wollen?
Herr Hennings nahm dieses verlassene Mädchen in seinen Schutz, weil Sie
von demselben nichts wissen wollten. Er war so großmüthig daß er mir sein
Recht abtrat. Ich habe sie also zu mir genommen, und wir führen eine sehr
vergnügte Ehe. Es gehet kein Tag vorbey, daß ich ihr nicht die feyerlichsten
Versicherungen gebe, wie ich sie liebe und beständig lieben werde. Im Ernste
die Daphne gefällt mir ungemein, und Königsberg kann es den witzigen
Verfaßern dieser Sittenschrift nicht genug verdanken, daß Sie die Quellen eines
gereinigten Witzes zuerst nach Preußen geleitet haben. Nach gerade wäre es
Zeit, daß man den gothischen Geschmack, der so lange in Preußen geherrschet
hat, verbannete, und die leichte und blühende Schreibart der Frantzosen mehr
nach ahmete. Andere Gegenden Deutschlands sind uns hierinn mit gutem
Exempel vorgegangen. Nur Preußen scheinet noch in einem tiefen Schlummer
zu liegen, und an dem alten Wuste ein Belieben zu finden. Wenn der ehrliche
Dach wieder aufstehen sollte, so würde er jetzt mehr Ursach haben, als er
vielleicht zu seiner Zeit hatte, seinen Wustlieb und dessen getreue Gefährtin
Domdeicke auftreten zu lassen. Doch gnug hievon. Sie möchten sonst gar auf den
Einfall gerathen, als wenn ich eine Satire auf mein Vaterland machen wollte.
Sie begehren, daß ich den Herrn Hennings zur Rückreise nach Preußen
aufmuntern soll. Dazu hat er keine Aufmunterung nöthig. Er schicket sich in
allem Ernste zur Rückreise an. Er hat gar den Tag dazu schon angesezet.
Berlin will ihm seit einiger Zeit nicht mehr gefallen. Alles, ja die Luft selbst die er
einziehet ist ihm zuwider. Unter uns gesagt er ist ein wenig hipochondrisch.
Wenn er ein Schweitzer wäre so glaubte ich daß er das Heimweh hätte. Er ist
finster und mürrisch. Sobald er aber an Preußen gedenket so fängt er an
aufzuleben. Er stellet sich schon zum voraus das Vergnügen vor, welches er in
seinem Vaterlande im Umgange mit seinen würdigen Freunden genießen wird.
Er machet mir davon eine so reizende Abschilderung, daß ich tiefsinnig werde
und seufze. Ich fange an ihm sein Glück zu beneiden und auf Mittel zu
denken, die mir dereinstens das Vergnügen verschaffen könnten, ein Zeuge und
vielleicht gar ein Mitgenoß eines so liebreichen Umganges zu werden. Allein
noch zur Zeit sehe ich nicht ab wie ich meines Wunsches theilhaftig werden
könnte. Sie werden leicht begreiffen daß mir die Abreise des HE Hennings sehr
nahe gehen muß. Meine Freunde, meine liebsten Freunde werden mir nach
und nach von der Seite gerissen, und der Himmel weis ob ich jemalen so
glücklich seyn werde sie wieder zu umarmen. Sie haben ganz recht, daß der
Bauren Sohn dessen Gedichte ich Ihnen letztens zu übersenden die Ehre hatte,
eben derselbe ist, dessen HE v Hagedorn erwähnet. Ich weis nicht ob dieses
letztern sein Horatz an ihrem Orte schon zu bekommen ist. Auf allen Fall lege
ich hier ein Exemplar bey. Ich muß Ihnen aber aufrichtig gestehen, daß ich
ein wenig eigennützig bin. Wollten Sie mir dagegen die schöne Laute des HE.
Lausons zukommen lassen, so würden Sie dadurch meine Sammlung von
kleinen Gedichten um ein merkliches bereichern. Da ich nicht die Ehre habe mit
HE Lauson bekannt zu seyn, so muß ich Sie ersuchen, ihm nebst Versicherung
meiner Hochachtung, in meinem Namen vor die in seinem Gedichte auf
unsers Freundes Mutter mir angethanene unerwartete Ehre, den verbindlichsten
Dank abzustatten. Ich verharre mit zärtlicher Hochachtung Werthester Freund
Ihr aufrichtig ergebenster Freund und Diener
Berlin d. 20. Aug. 1751.
Sahme




























Dach, Sorbuisa
. In Dachs unvollständig überliefertem satirischen Liederspiel Sorbuisa, das von dem Königsberger Domorganist Heinrich Albert vertont wurde, versucht Sorbuisa (d.i. »Das Herzogthumb Preussen«) sich von dem »Barbarischen und wilden Menschen« Wustlieb (d.i. »Die Preußische Barbarey«) zu befreien, indem Apollo im Gefolge der neun Musen eingeführt wird. Domdeyke – ein Name mit Anklängen an dumm – wird im Personenverzeichnis als »Wustliebs Weib« bezeichnet, spielt in den überlieferten Teilen des Stückes jedoch keine eigentliche Rolle.









Heimweh vgl. Adelung (Bd. 3, Sp. 1084, s.v. Das Heimweh): zuweilen wie Melancholie und Abzehrung, verwandt der alten Nostalgia; die an die reine Luft ihres Vaterlandes gewöhnten Schweizer litten unter der dicken und unreinen Luft anderer Länder.














Hagedorn, Die Freundschaft
, S. 10: »Mein alter Wahlspruch bleibt: Zins und Provision! / Den Leuten helf ich gern, nur nicht dem Bauern-Sohn;« Fußnote: »G[ottlieb] F[uchs] dessen besondere Fähigkeit und Begierde zu den Wissenschaften durch die Gutthätigkeit vieler Standes-Personen, Hamburger und hiesiger Engelländer rühmlichst unterstützt worden.«



Lauson, Die Laute
; zu Hamanns Beziehung zu Lauson siehe Kohnen (1997)









Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2553 [Gildemeisters Hamanniana], I 42.

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 18–19.
ZH I 1–2, Nr. 1.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies angethane  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): angethane Verschreibung Hs.?