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73
Grünhof, 19. April 1756  ZH I, 184
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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ZH I, 184




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Grünhof den 19 April. 756.

Herzlich geliebtester Freund,

Ich schreibe Ihnen um mein Herz gegen Sie auszuschütten in Ansehung
eines Menschen der jetzt vielleicht Ihr Gast ist. Wenn Ihnen der Innhalt
meines Schreibens auch zu nichts dienen kann; so werden Sie doch
wenigstens als ein guter Freund an meinem Verdruß Antheil nehmen und sich selbst
keinen künftigen Vorwürfen auszusetzen hüten können. Eben jetzt erhalte einen
Brief von HE. Doktor, dem ich mich entdeckt er hat meine Unruhe noch durch
verdrüslichere Nachrichten vermehrt. Ich wollte erst nach Mitau kommen, es
gieng nicht an, hoffte ihn zu mir heraus zu bewegen; das kann er auch nicht.
Unser beyderseitig Verlangen uns zu sehen ist gleich groß und ein paar
Lumpenmeilen ungeachtet sind uns im Wege. Daß ich mit meiner Abhandlung
fertig bin, habe ich Ihnen geschrieben. Jetzt komme ich auf die Hauptsache, zu
der ihr Abdruck Gelegenheit giebt. Sie wißen, Liebster Freund, ich arbeite
schwer und niemals fast leicht als auf die letzte Stunde. Was Schularbeiten
sind, verstehen Sie auch und meine Ängstlichkeit in Ansehung desjenigen, was
zu meinen Pflichten von mir gerechnet wird. Ich verließ mich auf die letzte
Zeit und überließ mich ruhig allen mögl. Zerstreuungen in Büchern, doch so,
daß ich mir fest vornahm 4 Wochen vor Ostern fertig zu seyn, die zum völligen
Abdruck des noch fehlenden mir hinlänglich schienen. Meine dazwischen
kommende Krankheit, die mich 14 Tage ganz im Bett hielt, verruckte in etwas
meine Rechnung. Wie ich etwas aufstehen konnte, hab ich mit tausend
Vorwürfen gegen mich selbst alle Augenblicke meiner Nebenstunden auf meine
Beylage angewandt. Ich wurde Freytag vor 8 Tagen mit aufgehender Sonne
fertig und schickte einen Expreßen ab, der noch vor Abgang der Post in Mitau
seyn sollte, ersuchte zugl. HE. P. stehenden Fußes wo mögl. einzuschlüßen.
Ich weiß nicht, ob die Gelegenheit verspätet, oder ob der Buchführer auf der
Jagd gewesen oder von der Jagd ausgeschlafen. Kurz ich habe nichts
erfahren ohngeachtet ich mit jeder Post an meinen Bruder einige wichtige
Correctiones nachgeschickt; insbesondere wegen eines Irrthums, wozu ich
unschuldig aus Kürze der Zeit pp verleitet worden. Jetzt meldet mir der HE. Bruder,
(welcher mir im vorbeygehen eben so melancholisch wie ich zu leben scheint)
daß P. gestern nach Riga abgereist, daß er vor 4 Tagen meine Abhandlung
bekommen, daß er sie vor 4 Tagen nach Königsberg geschickt und von Driest die
Unmöglichkeit des Abdrucks wegen Kürze der Zeit zur Antwort bekommen.
Und dies alles in vier Tagen; doch ich sage das wenigste von ihm, wenn ich
sage, daß seine Fertigkeit im Lügen mit einem unglückl. Gedächtnis begleitet
wird. Ich höre ihn niemals von seiner Ehrlichkeit und seinem Charakter
zuverläßig reden, daß mir nicht kalt unter die Fußsohlen wird. Driest v P. beruffen
sich also mit gleicher Unverschämtheit darauf, daß das Mst. zu spät kommt.
Jetzt will ich Ihnen sagen, wie ich mich gegen den letzteren bewiesen und wie
sich ich den ersteren gegen mich kennen gelehrt hat gelernt habe. Als ich
aus Riga abreiste, hatte ich schon einen Abend Gelegenheit mich P.
ernsthaffter zu erklären, weil er die Freyheit den Titel meiner Uebersetzung zu
machen als ein Vorrecht eines Buchhändlers sich zueignen wollte und er sich
auf seinen Versuch hierinn vielleicht was zu gut thut. Kurz es sollten wieder
Reitzungen für die Leser angeschlagen seyn. Vielleicht dachte er auch schon auf
eine Zueignungsschrift, die er sich machen laßen, alsdann verbeßern und
seinen Namen darunter setzen könnte. Wenn dies nicht wäre, so ist kein Glück
bey seinem Verlag. Guter Herr, sie sind dumm genung das erste das beste zu
übernehmen, und noch tummer, wenn sie glauben daß ihre Käufer anstatt
Bücher Titel zu kaufen bekommen. Gereut Ihnen der Verlag, so erklären Sie
sich… konnt ich mehr thun. Hierauf hieß es man hätte bloß wie ein guter
Freund geredt; es gäbe gewiße Dinge worauf ein junger Buchhändler sehen
müste, und die zum Handwerk gehören pp. Man bat mich recht sehr nichts
davon an meine Rigische Freunde zu melden. Dies habe auch gehalten. Weil
noch ein Auszug zum Dangeuil von mir gekommen aus einem Werk über
Spanien, das er übersetzt; so hielt ich es noch einmal für meine Schuldigkeit
mich hierüber rund und gerade auszulaßen. Wenn er das geringste Mistrauen
oder Besorgnis eines Schadens bey dem Verlag hätte; so würde ich seine
Aufrichtigkeit loben und ich böte ihm selbst die Freyheit an noch zurück zu ziehen.
Er hat es blindlings auf sich genommen, blindlings angefangen. Er versteht
nicht ein Urtheil zu fällen; er hat mir selbst eine Rede hier mit den grösten
Lobsprüchen, womit sie ihm der Edelmann eingehändigt, gebracht die er eine
viertelstunde darauf mit mir zu verachten anfieng. Eine nähere Kenntnis
könnte ihm mein eigenes verdächtig gemacht haben. Er hat große Werke unter
Händen,für vor deren Kosten die Heerings v Saltzkrämer erschrecken, die
er beym Lombre beßer von seinen Waaren als sich selbst zu unterrichten
sucht… Auf diesen gutgemeinten Antrag bekam keine Erklärung sondern eine
unbescheidene v. einfältige Antwort nebst einer sogl. darauf folgenden
Wiederruffung derselben. Ich nahm mir anfangs vor ihm die Nase blutig zu
wischen; Sirachs Grützmühle fiel mir ein. Hierauf ihn mit mehr Sanftmuth
eines beßeren zu belehren; das war Scherben zum ganzen Topf machen.
Mein Mst gieng unterdeßen ab und ich schwieg auf seinen Brief. Ich konnte
auf seine freye Erklärung dringen, weil ich wohl gewust was ich mit dem
angefangnen Verlag hätte anfangen wollen. Von ihm waren noch keine
Kosten dazu getragen; v ich war sicher daß Hartung mir den Verlag abgenommen
hätte. Dies konnte ich nicht thun oder mochte vielmehr nicht, als wenn er mir
ausdrückl. gesagt, daß ich ihm einen Gefallen thäte, wenn er mir den Verlag
zurückgäbe, und mit Vernunft oder wenigstens einem Schein derselben. Driest
aber auf den zu kommen erhielt die Fortsetzung des Msts näml. den Auszug,
ehe er noch mit dem Dangeuil fertig war. Die wahre v sichersten Nachrichten
hat mir mein Bruder gegeben, der die Aufsicht des Druckes hat. Dies werden
schon mehr als 10 Wochen seyn. Zu der Zeit meldete sich Funk bey uns. Freund.
Dieser erkundigte sich nach den hiesigen Umständen; ich wußte nichts als übele
Berichte und Muthmaßungen. Mein Bruder schrieb mir auch von Driest, daß
er über P. gewaltig klagte, daß in Kgsb. von nichts als sn schlechten
Umständen geredt würde v dieser Mann in großer Verlegenheit wegen seines Geldes
v der ganzen Handschrift wäre, daß er mir selbst einen neuen Verleger
anböte, wenn ich ihm das übrige vom Mst. zusenden möchte. Ich hatte mit
Driest Mitleiden v wollte seine Vorschläge selbst hören. Mein Bruder schickte
mir einen Brief von ihm, worinn er wunder glaubte wie Driest gegen P.
aufgebracht seyn würde. Dieser Kerl hatte mir eine Seite mit da da da
angefüllt, die mich eben so klug machte als vorhin. Endlich beschloß er daß man
in K. schlecht von P. Umständen redte; die Welt wäre voller Falschheit eben.
Dieser Spitzbub hat das größte Geschrey von ss Gleichen gemacht v redt mir
noch dazu wenn es zur Sache kommt von der falschen Welt was vor. Dorn
war ein klügerer v ehrlicherer Kerl als dieser Narr, den ich nur dadurch
entschuldigen kann, daß er nicht getrieben und befriedigt worden. Als Ulloa kam
oder der Auszug des Spaniers, ist Dangeuil noch nicht fertig gewesen v dem
Bericht meines Bruders nach, der vorige Woche an mich geschrieben, fehlen
auch noch 3 Bogen an dem letztern. Meine Beylage nebst allem wartet
anstatt daß es also das heißt; sie komt zu spät. Sie sehen hieraus, wie viel Sie,
liebster Freund, allem was Sie hören werden trauen können. Hier ist sein
Lebenslauf, wie ich ihn heute bekommen. Oft ist er 8 biß 10 Tage gar nicht im
Laden; weil wenig oder nichts darinn ist; er bekommt gar keine Bücher, es
müste denn nach der Meße geschehen. Sonst sagt der ganze Adel auch se. besten
Freunde, er sey gar zu windig pp. Man wartet ½ Jahr auf die gemeinsten
Bücher umsonst er muß schlechten Credit draußen haben. Alle Tage auf der
Jagd wozu manchmal 2 Tage v Nächte in eins gehen. Seine ganze Hoffnung
beruht auf die reiche Heyrath die er jetzt zu machen denkt pp. Sie können diese
Nachrichten mit so viel Behutsamkeit brauchen als Sie wollen weil sie von
HE. D. kommen. Sie sind mir alle noch vorige Woche durch sn. Jagdwirth
dazu bestätigt worden, der mit seinem Schützenglück und Verstand noch lustiger
sich machte.
Ich melde Ihnen dies alles, Liebster Freund, aus Gründen die Sie selbst
einsehen werden. Wenn es darauf ankäme einem ehrl. Mann zu helfen, der
Lust zu seinem Beruf hatte, der sich kümmerlich nähren müßte und unterdrückt
würde, deßen Absichten man zu was ernsthafftem brauchen und anwenden
könnte: so einen Mann zu gefallen könnte man sein Gewißen in einigen
Kleinigkeiten aufopfern. Untersuchen Sie selbst ob einem Mensch Geld zu
verwüsten dient, der sein Brot selbst mit Füßen tritt, der anstatt sich genöthigt ist
Leuten die es gut mit ihm meynen einen blauen Dunst zu zeigen v selbst
leichtgläubiger ist, als er andere dafür ansieht. Ehe Sie die Ringe wechseln, halten
Sie ihm ein wenig eine Cabinetspredigt v bitten andere darum, die ihnen
beystehen können, daß er zur Erkenntnis komt. Glauben Sie, daß ich noch zu
wenig geschrieben. Entschuldigen Sie einen Brief der die Absicht hat eine
Liste von Thorheiten zu seyn. Schreiben Sie mit ehesten. Ich warte auf den
Gebrauch, den Sie von meinen Nachrichten werden gemacht haben und wünsche
davon einen Nutzen, dem ich den meinigen gern aufopfern will. Ich umarme
Sie v Ihren lieben Freund. Leben Sie wohl. Grüßen Sie den HE. Bruder.
Ich bin Ihr ewig ergebener Freund.







Brief nicht überliefert
















Freytag vor 8 Tagen am 9.4.1756


einzuschlüßen d.i. weitersenden nach Königsberg zur Druckerei










































Lombre L’Hombre, Kartenspiel
























Brief nicht überliefert



K. Königsberg


Martin Eberhard Dorn, Buchdrucker in Königsberg




Bericht nicht überliefert
































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (23).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 29–31.
ZH I 184–187, Nr. 73.